In einem ruinierten Land – Wie Yassir Arafat Palästina zerstörte (2/5)

David Samuels, The Atlantic Monthly, September 2005 (Fortsetzung)

Zwei alte Freunde, die nicht zu Arafats Beerdigung kamen

Dennis Ross war von 1993 bis 2000 der Verhandlungschef der USA im Nahen Osten. Ich interviewte ihn in Washington und ich treffe ihn wieder eines Abends im American Colony Hotel in Jerusalem, unter der Sternendecke des Pasha Room.

„Ich betrat seinen Villa in Tunis“, erzählt Ross mir, „nett, aber nicht außergewöhnlich; und das erste, was mir auffiel, als ich hinein kam, ist, dass ich das Gefühl eines Revolutionstreffpunkts in dem Sinn, dass diese Leute da draußen sind, um Menschen in die Luft zu jagen. Sie erinnerte mich an die Zeit, als ich Studentenaktivist in Berkeley war. Man sah Poster von Arafat als jungem Mann. Man sah Poster von Abu Iyad und Abu Jihad und man hatte das Gefühl: ‚Herrjeh, die waren die Gründer der Fatah’. Und es war wie eine Höhle, eine revolutionäre Höhle und ich war von diesem Gefühl beeindruckt, als wäre ich wieder zurück in einer Aktivistenbude, wo die Leute denken: Was können wir heute tun? Und ich habe das Gefühl, bis ich zu dem äußeren Raum komme und dann sehe ich diese Typen durch eine Gardine, wie sie über die ‚Golden Girls’ lachen. Ich höre Bea Arthurs Stimme und die Unvereinbarkeit davon, in dieser Revolutionärs-Höhle zu sein und Bea Arthurs Stimme zu hören – wissen Sie, da fing ich an zu lachen. Und ich dachte: Was für ein Revolutionstreffpunkt ist das, wo die Leute die ‚Golden Girls’ gucken?

Das erste Mal ging ich hin, um eine Beschwerde wegen des Bombenanschlags abzugeben – die ersten Bombenanschläge waren, glaube ich, im April 1994 in Hadera und Afula – und ich bin bei ihm und er lehnt sich so herüber und flüstert: ‚Wissen Sie, das ist Barak. Er hat diese Gruppe, die OSS, im israelischen Militär und die machen das.’ Und ich sagte ihm: ‚Machen Sie sich nicht lächerlich.’ Ich sagte: ‚Sie wissen, dass die Israelis sich nicht selbst töten.’ Das war der klassische Arafat, der nie Verantwortung übernehmen wollte.“

Frage: „Sie glauben also nicht, dass er hysterisch war?“
Antwort: „Nein, ich glaube, das war alles nur gespielt.“

Terje Roe-Larsen war der Vater der Oslo-Vereinbarungen und ist der sichtbarste Repräsentant der UNO im Nahen Osten. Ein gut aussehender Mann mit einem spitzbübischen Sinn für Humor, ist er auch ein wenig ein Dandy. An dem Nachmittag, an dem ich ihn für ein langes Gespräch über Oslo treffe, trägt er ein weißes Taschentuch in der Brusttasche seines taubengrauen Anzugs, den er mit einem Paar silberner Manschettenknöpfe akzentuiert. Er traf sich einen Zeitraum von mehr als einem Jahrzehnt wöchentlich und oft jeden Tag mit Arafat.

„Gewöhnlich sagte er: ‚Ich stimme prinzipiell zu’“, erzählt mir Roed-Larsen, „was ‚Nein’ bedeutet. Oder: ‚Warum nicht?’ – was auch ‚Nein’ heißt. Oder: ‚Ich muss darüber nachdenken.’ Oder: ‚Das bin nicht ich, das ist die Hamas.’ Oder: ‚Ich tue mein Bestes.’=

Frage: Wie war das, wenn er Sie anlog?

Antwort: Er log ständig. Und er wusste es. Ich sagte: „Abu Ammar, hören Sie mit dem Mist auf. Reden wir ernsthaft:“ Und dann konnte er entweder ernsthaft reden oder nicht ernsthaft reden. Er redete Unsinn.“

Frage: Woraus bestand der Unsinn?

Antwort: Das bin nicht ich – das ist Al-Qaida. Das sind die Iraner. Das war ein libanesisches Schiff. Es sind die Syrer. All so ein Zeugs. Natürlich wusste jeder um ihn herum, dass er dahinter steckte. Er sagte es niemandem seiner engen Kameraden. Denn er arbeitete immer in Ebenen und Ebenen und Ebenen und Ebenen. Er hielt alles extrem voneinander getrennt. Das Reich seiner schmutzigen Tricks – er informierte keinen seiner Minister. Sie hatten keine Ahnung davon. Er hatte einen Vorrat an Finanzen. Einen Vorrat für schmutzige Tricks. Er hatte eine Kasse für weiße Geschäfte. Er hatte eine Kasse für schwarze Geschäfte. Alles war aufgeteilt. Er war ein meisterhafter Manipulator und auf eine gewisse Weise war ein meisterhafter Politiker, der katastrophale Fehler macht, moralisch wie politisch. Er dachte er sei unsterblich; er vertraute darauf, dass Gottes Hand ihn bei allem beschützen würde. Und er geht mitten in der größten Niederlage seines Lebens. Das war einer der Gründe, weshalb es ihm so elend ging bevor starb.“

Frage: Erinnern Sie sich an das letzte Mal, als sie mit ihm sprachen?

Antwort: „Ich war Zuhause in Herzliya, an einem Sonntag. Ich erinnere mich lebhaft. Ich hatte 18 Monate nicht mit ihm gesprochen. Mein Handy klingelte.“

Roed-Larsens Stimme wird auf einmal lauter und dann fängt er an zu kreischen wie eine verrückte alte Frau:

„’Terje! Terje! Hier ist Abu Ammar! Wie geht es Ihnen? Wie geht es Ihnen? Wie war der Urlaub?’ Und dann sagt er: ‚Ah-dah-dah, denken Sie sich immer daran, Terje, äh, Ihre Frau ist meine Schwester! Meine Schwester! Meine Schwester! Und ich bin der Onkel Ihrer Kinder. Ihrer Kinder, der Onkel!’ Und dann sagte er: „Und Sie sind immer willkommen mich zu besuchen, wenn Sie wollen.’ Das war’s. Er wurde in der Woche darauf kranker und dann starb er.“

„Wir verkünden Tourismus!“

Die Fahrt von Jerusalem nach Nablus, die Stadt in der Westbank, die die hebräische Bibel als Schechem kennt, Heimat von Jakob und seinen Kindern, dauert etwa zwei Stunden. Oder sie dauert auch drei Stunden. Oder sie kann fünf Stunden dauern. Mein Freund Nadir fährt mich dort hin um Munib al-Masri zu besuchen, einen von Yassir Arafats ältesten Freunden und jetzt der reichste Mann in Palästina.

Die Fahrzeug-Schlange am Checkpoint von Nablus ist an diesem Nachmittag kurz. Taxifahrer warten auf der anderen Seite der Absperrung, um Passagiere zu ihren Zielen in der Stadt zu fahren. Auf einer Extraspur für Siedler versuchen drei religiöse jüdische Kinder, zwei Jungs und ein Mädchen, zu ihrem festungsartigen Wohnsitz auf dem felsigen Hügel zu trampen.

Nablus ist einen Stadt, die zwischen zwei biblische Berge gebaut ist: Har Grizim und Har Ebal. In der Bibel wurde Har Grizim mit einer großzügigen Quelle gesegnet, Har Ebal wurde verflucht. Al-Masris prächtiges, neo-palladianisches Haus sitzt auf dem Gipfel von Har Grizim und hat einen Blick über die Flüchtlingslager und die als Kasbah von Nablus. Besucher werden von einer Herkules-Statue in der Mitte der Eingangshalle begrüßt. Durch eine Kuppel von oben einstrahlendes Sonnenlicht wirft den Schatten der Sonnenuhr auf den polierten Marmorboden. Andere Räum, durch die ich mit der freundlichen Ermutigung meines Gastgebers gehe, haben verschiedene Schätze, so den Boden einer 2.000 Jahre alten römischen Villa, einen Rafaelo-Wandteppich, französische Essmöbel aus dem 17. Jahrhundert und was al-Masri behauptet der älteste Spiegel der Welt zu sein, der ursprünglich aus Venedig kam und der auf dem Weg von Ramallah hierher brach. Einer der Söhne al-Masris hat das Haus entworfen. 500 Männer mit Eseln führten die Pläne auf dem Höhepunkt der Intifada aus, fuhren die Steine und die kostbaren Antiquitäten den Berg hinauf.

Der falkenhaft wirkende, gut aussehende Man von 71 Jahren wurde in Nablus geboren und schloss die Universität von Texas ab. Er ist ein seltenes Beispiel eines wohlhabenden Palästinensers, der sein Geld woanders machte und aus nationalistischen Motiven zurück nach Palästina kam.

„Ja, die Palästinenser haben viele Gelegenheiten verstreichen lassen, aber machen Sie uns nicht dafür verantwortlich“, sagt er mir. „Wir waren in diesem Land eine Million Menschen und die Israelis waren weniger als 100.000. Aber sie kamen sehr entschlossen hierher und sie arbeiteten sehr hart. Dann begingen sie eine Massaker, die die Leute in Angst versetzten und dann sagten unsere dummen Führer den Leuten, sie sollten weggehen. Wir tendieren immer dazu zu sagen, das sei ein zionistisches Komplott mit den Briten. Was wir ein Komplott nennen, nennen sie einen Plan.“

Als einer der führenden Finanziers der palästinensischen Nationalbewegung war al-Masri fast ein halbes Jahrhundert lang eng vertraut mit Arafat. Seine erste Bekanntschaft mit der Bewegung machte er als Kopf der Phillips Petroleum-Operationen in Algerien, wo er Khalil al-Wazir traf, auch bekannt als Abu Jihad, den organisatorischen Genius der Fatah-Bewegung, der 1988 in Tunis ermordet wurde. Al-Wazir war nach Algerien geschickt worden, um auf Einladung des algerischen Revolutionärs Ben Bella das erste offizielle Büro der Fatah zu eröffnen.

„Eines Tages stand jemand vor mir, der sagte sein Name sei Khalil al-Wazir“, erinnert sich al-Masri. „Er machte einen positiven Eindruck. Ich mochte ihn. Vielleicht sechs Monate später kam jemand anderes. Es war Arafat. Es war Ende 1963 und er begann wieder zu kommen. Damals mochte ich die Art nicht, wie Arafat sprach, weil er mit einem ägyptischen Dialekt hatte. Arafat sagte mir: ‚’Was soll ich machen? Ich ging dort zur Schule. Ich machte dies und das.’ Und wir wurden sehr gute Freunde. Ich hatte große Sympathie für ihn, diesen kleinen Kerl. Er machte Glauben, er sei in Jerusalem geboren worden. Er liebte Jerusalem. Er liebte Jerusalem sehr. Oh, in dieser frühen Phase war er sehr dynamisch. Stechende Augen und immer ‚die Sache’. Er hatte immer ein Pamphlet oder etwas, das er mir zeigte.“

Al-Masri machte im Ölgeschäft ein Vermögen; ihm wurde von seinem Freund, dem jordanischen Premierminister Wasfi al-Tal, ein Ministeramt im jordanischen Kabinett angetragen. Zu diesem Zeitpunkt war Yassir Arafat der Kopf der PLO geworden und der Held der Schlacht von Karamah im März 1968, als er einen heftigen Kampf gegen eine eindringende israelische Kolonne führte und erbeutete israelische Fahrzeuge in den Straßen von Amman zur Schau stellte. Die PLO-Kräfte in Jordanien trugen Waffen in den Straßen und begannen das Land zu übernehmen; sie richteten Straßensperren ein, sammelten Tribut ein und verhängten Strafen. Als das haschemitische Königreich wankte, wurde al-Masri zu einer wichtigen Brücke zwischen seinen Freunden Arafat und König Hussein. Er erinnert sich daran, wie er Arafat dort besuchte, wo er am Ende der als September bekannt gewordenen, fehl geschlagenen palästinensischen Revolte in einem Bunker auf einer Bergspitze eingegraben war, umringt von 7000 bis 7000 jordanischen Soldaten.

„Es war ein schöner Tag, aber er wollte es immer dramatisch machen, Arafat“, sagt al-Masri mit einem vergebenden Winken der Hand. „Er will uns mit hinunter in den Bunker nehmen. Es stinkt, es riecht, ist dunkel. Ich sagte: ‚Ach komm’ – er machte seinen Punkt. Er nahm uns trotzdem mit runter. Er ließ uns darüber weinen, wie schlecht es für die Palästinenser war. Er sagte, die jordanische Armee ging in palästinensische Häuser und sie waren dabei die Männer zu töten und den Frauen Dinge anzutun. Natürlich sagte der erste jordanische Soldat, den wir sahen, als wir den Berg herunter kamen, du hast uns dies und das getan und nun werdet ihr Palästinenser vor dem Gewehr stehen.“

Arafat lehnte al-Masris Einladung zu einem Treffen mit dem König in Amman ab. Statt dessen ging er in den Libanon. Wasfi al-Tal wurde kurz darauf von Mitgliedern des Schwarzen September ermordet, der Terrorgruppe der Fatah, die geschaffen wurde, um die palästinensische Niederlage in Jordanien zu rächen. Seine Mörder schossen ihn in einer Hotellobby in Kairo nieder; einer von ihnen ging auf Hände und Knie und leckte von Tal’s Blut.

„Kein Zweifel, Arafat war ein großer Mann“, sagt al-Masri. „Ohne Zweifel hatte er Vision. Die meisten Leute, die man sieht, die jetzt sehr wichtig sind, betrachte ich als solche, die die Gunst Arafats wollen. Sie wollen sich mit ihm schmücken. Ah, er glaubte Geld sei Macht“, fügt al-Masri hinzu, mit einem wehmütigen Blick durch sein Studierzimmer. Das Geld, das er ausgab, um die Loyalität seines Hofes zu kaufen, gibt al-Masri zu verstehen, hätte statt dessen leicht für einen funktionierenden palästinensischen Staat ausgegeben werden können.

„Mit dreihundert, vierhundert Millionen Dollar hätten wir Palästina in zehn Jahren bauen können. Verschwendung, Verschwendung, Verschwendung. Ich flog zu Beginn von Oslo mit Arafat in einem Hubschrauber über die Westbank und ich sagte ihm, wie leicht wir fünf, sechs, sieben Städte dort hätten machen können; wir könnten dort eine Menge Menschen absorbieren; und das Rückkehrrecht der Flüchtlinge haben können. Wenn du gute Absichten hast und sagst, dass du eine Lösung erreichen willst, dann könne wir das machen. Ich sagte, wenn du Geld und Wasser hast, könnte es mit Israel vergleichbar werden, dieses Stück Land.“

Al-Masris Augen trüben sich. „Abu Ammar, ja. Er ist ein einfacher Mann. Er schlief in einem einfachen Bett. Er will keine Häuser. Er will nichts. Ich erinnere mich, eines Tages wollte ich ihm einige kostenlose Anzüge bringen, geschneiderte Anzüge, wissen Sie, und er sagte: nein, nein, nein. Ich kann nicht. Aber er gab mir einen Anzug. Er sagte mir: ‚Das ist mein Anzug. Mach ihn länger, trage ihn und nimm ihn.’ Das ist für Sie sehr interessant zu sehen.“

„Lasst uns essen gehen“, sagt er und winkte mir mich anzuschließen. Wir essen an dem Tisch in seiner Küche, die an sein großes Haus grenzt.

Mitten im Essen bringt ein Angestellter den Anzug herunter, eine der berühmten Militäruniformen, die Arafats Leibwächter in Militariy-Läden kauften. Die Messingknöpfe sind mit dem Fatah-Adler versehen. Ich schaue im Inneren der Jacke nach dem Etikette eines Schneiders, aber ich finde keinen. „Wer würde das wagen?“, erklärt al-Masri.

„Ziehen Sie sie an“, drängt er mich. Ich ziehe die Jacke an und stelle fest, dass Arafat ungefähr meine Größe hatte, mit etwas schmaleren Schultern. Eine der inneren Taschen hat einen Reißverschluss.

„Da hatte er Geld drin“, sagt al-Masri. Ich deute an, dass es ein seltsamer Gedanke ist, dass Arafat die Angelegenheiten seines Volkes aus der Innentasche seines Mantels regelte.

Al-Masri erinnert sich, dass er 1988 eines Abends mit Arafat zusammen saß, als der palästinensische Führer eine Formel verhandelte, die es den USA erlauben würde die PLO anzuerkennen. „Sie gaben ihm die Formulierung und er benutzte sie in einer Rede in Genf, aber er fügte weitere Worte hinzu, damit niemand herausfinden konnte, was er sagte“, erinnert sich al-Masri. „Die Amerikaner sagten: ‚Auf keinen Fall.’ Also blieb ich die ganze Nacht mit ihm und Dick Murphy, dem stellvertretenden Außenminister, auf, um auszuarbeiten, was er sagen musste. Die Formulierung war: ‚Wir schwören allen Formen des Terrorismus total und absolut ab.’ Dann beriefen sie eine Pressekonferenz ein und er sagte alles richtig, außer dass er statt ‚We renounce terrorism’ sagte: ‚We announce tourism! We announce all forms of tourism!’ [Wir verkünden Tourismus! Wir verkünden alle Formen des Tourismus!]“

Das Gespräch über Arafats letzte Krankheit macht al-Masri wieder traurig. „Jeden Morgen ging ich um ihn zu sehen und ihm die Medikamente zu geben, weil er sie von niemand anderem nehmen würde“, erinnert er sich und schaut trübsinnig hinaus über seinen Rasen. „Ja, und ich dachte nie daran, dass er sterben würde.“

„Wie lange wussten Sie schon, dass er krank war?“, frage ich.

„Das ganze letzte Jahr. Letztes Jahr im September sagte er mir, er fühle sich nicht gut. Und dass er fühlte, dass etwas nicht in Ordnung war und dass es aussah, als hätte er dieselben Symptome wieder, aber das letzte Mal hatte er genug Immunkörper. Ja, er wusste es.“

Mir fällt auf, dass al-Masri das Wort „Immunkörper“ [immunity] benutzt, das charakteristischerweise mit AIDS in Verbindung gebracht wird. Gerüchte, dass Arafat an „einer schändlichen Krankheit“ starb, verbreiteten sich schnell durch die Westbank und den Gazastreifen. Arafat, der seine Frau Suha 1990 heiratete, war oft von Kindern umgeben und ging offen herzlich mit einigen seiner Leibwächter um. Die Palästinenser-Führung verurteilte die Berichte, dass Arafat homosexuell war, als vom Mossad verbreitete Lügen. Es zirkulierten ebenfalls Erzählungen, dass eine heimliche Vereinbarung zwischen den Israelis und Arafats Erben erzielt worden sei, in der festgelegt wurde, dass die Wahrheit über Arafats Krankheit nicht veröffentlicht, der Palästinenser-Führer in Ramallah und nicht in Jerusalem beerdigt und die gesuchten Männer, die ihm in die Gefangenschaft begleitet hatten, von den israelischen Streitkräften nicht verfolgt würden.

„Er wusste, dass es dieselbe Krankheit war, die er vor einem Jahr hatte?“, frage ich. Al-Masri nickt.

“Dieselben Symptome”, antwortet er. „Aber sehen Sie, wie stark er war. Ich meine, als Abu Mazen kam“, sagt er und bezieht sich auf Arafats langjährigen Stellvertreter Mahmud Abbas, „brachten wir ihn von einem Bett in seinem kleinen Raum in einen größeren Raum, wo er sitzen konnte. Ich saß auf dem Bett. Abu Mazen saß vor ihm und Abu Alaa saß vor ihm. Er sagte: ‚Ah, Mazen.’ Sein Gesicht war sehr rot und Sie wissen, dass er sehr krank war, aber er wollte zeigen, dass er immer noch mit Abu Mazen die Kontrolle der Details hatte, wissen Sie? Er sagte: ‚Ich habe diese Grippe, ah, ah. Ich habe diese Grippe. Kam und schlug sich mir auf den Magen.’“

Die Taschen des Alten Mannes

Entlang der Außenmauern der Wachstube der Muqata unter zerfetzte Poster einer weißbärtigen, verrückten Figur, die Abu Ammar in den letzten Jahren seines Lebens wurde. Sein Volk akzeptierte seine Schwächen, weil er ihr Vater war. Er gab ihnen ihren Namen. Er zahlte für ihre Hochzeiten und ihre Beerdigungen. Es war Teil seiner väterlichen Pose, dass kein Palästinenser, der ihn um Geld bat, ihn mit leeren Händen verließ. Wenn er Städte besuchte, folgte ihm ein Mitarbeiter mit einem Samsonite-Koffer, der mit Geldbündeln voll gestopft war, die er unter den Leuten verteilte, die sich anstellten und um Geld bettelten. Gewöhnliche Palästinenser schalteten Kleinanzeigen in Zeitungen, um Arafat um Geld zu bitten. Andere schrieben ihm Briefe. „Ich schrieb ihm einen Brief anlässlich der Hochzeit meiner zweiten Tochter“, erzählt mir eines Nachmittags ein qahwehgee, ein „Kaffee-Träger“, der außerhalb der Muqata arbeitet, während er eine kleine Tasse mit heißem, schwarzen Kaffe aus einem großen Messing-Boiler füllt. Er zeigt mit einem Nicken an, dass der Alte Mann großzügig war.

Solche Großzügigkeit war ein allgemeines Merkmal der Herrschaft Arafats. Von der israelischen Armee in der Muqata beschlagnahmte Dokumente zeichnen ein erstaunliches Porträt der Bandbreite von Anfragen, denen Arafat gewöhnlich mit Bargeld antwortete. Die gefundenen Dokumente führen die Anfragen für Schulgebühren für arme Kinder in Gaza auf (Arafat gab ihnen jeweils 250 Dollar) und 34.000 Dollar für Unterrichtsgebühren und –ausgaben für die Töchter eines PLO-Beamten, damit sie in Großbritannien studieren konnten („$10.000 Dollar sind zu zahlen“). Obwohl Arafat gewöhnlich seine Weitergaben an gewöhnliche Palästinenser auf die Hälfte oder auf ein Drittel dessen kürzte, was angefragt wurde, wurden solche Sparsamkeiten nicht auf die Petitionen seiner höchsten Beamten auferlegt. Wenn ein Mitglied von Arafats Zirkel um Geld für den Erwerb von Gemälden von Mekka und Medina anfragte, die als Geschenk für eine Freundin gedacht waren, war Arafat glücklich, dem nachkommen zu können („Die zwei Bilder sollten bezahlt werden – 66.000 Dollar“).

Mitglieder der Präsidenten-Garde erhielten mehr Geld als erbeten. Als Leutnant Mahfoudh Aissa um Flugzeug-Tickets für seine Frau und vier Kinder erbat, um seine kranke Schwiegermutter in Tunis zu besuchen, genehmigte Arafat die Bitte und fügte hinzu: „Die Tickets sind zu zahlen und zusätzlich $1.000 für sonstige Ausgaben.“ Dann gab er das wie üblich ans Finanzministerium weiter, das in der meisten Zeit seiner Regierung als persönliche Kasse des palästinensischen Führers diente.

Für die an der Spitze des Haufens waren die Belohnungen viel größer und systematischer. Die Menge des der palästinensischen Autonomie und dem palästinensischen Volk gestohlenen Geldes über die korrupten Machenschaften von Arafats innerem Zirkel sind so Schwindel erregend groß, dass sie die Hälfte der Gesamtsumme von 7 Milliarden Dollar an Auslandshilfen an die palästinensische Autonomie ausmacht. Der größte Dieb war Arafat selbst. Der Internationale Währungsfond hat konservativ geschätzt, dass Arafat von 1995 bis 2000 900 Millionen Dollar aus den Kassen der PA abzweigte, eine Summe, die nicht das Geld enthält, das er und seine Familie durch so zweitrangige Mittel wie Aufträge ohne Ausschreibung, Provisionen und Gewinnanteile abschöpften. Ein von einem offiziellen PA-Komitee unter Leitung von Arafats Cousin erstellter Geheimbericht kam zu dem Schluss, dass alleine 1996 326 Millionen Dollar oder 43% des Staatsbudgets unterschlagen wurden und weitere 94 Millionen Dollar oder 12,5% des Haushalts an das Büro des Präsidenten gingen, wo sie nach Arafats persönlichem Gutdünken ausgegeben wurden. Zusätzliche 35 Prozent des Haushalts gingen in die Bezahlung der Sicherheitsdienste, was die Gesamtsumme von 73 Millionen Dollar oder 9,5 Prozent des Haushalts zur Verwendung für die Bedürfnisse der Bevölkerung der Westbank und des Gazastreifens übrig ließ. Die finanziellen Ressourcen der PLO, die sich auf irgendwo zwischen ein und zwei Milliarden Dollar belaufen, wurden nie in den Haushalt der PA eingebracht. Arafat versteckte seinen persönlichen Vorrat, der auf 1 bis 3 Milliarden Dollar geschätzt wird, in mehr als 200 unterschiedlichen Bankkonten rund um die Welt, deren Mehrzahl seit seinem Tod noch nicht gefunden wurden.

Anders als die comicartigen Gewohnheiten einiger Führer der Dritten Welt, wie Präsident Mobutu Sese Seko in Zaire und Saddam Hussein, enthielt sich Arafat greller Herausstellung seines Reichtums. Seine Korruption war von einer nüchterneren Art. Er war ein Kenner der Macht, der das Geld, das er stahl, dazu nutzte Einfluss zu kaufen, Verschwörungen zu provozieren oder entschärfen, um Bewaffnete zu bezahlen und Anhänger zu sammeln wie andere Briefmarken oder Schmetterlinge. Arafat hatte verschiedene Berater, die das System der Patronage und des Diebstahls beaufsichtigten, das in einer Serie investigativer Artikel von Ronen Bergman überzeugend dargestellt wurde, die in den späten 90-er Jahren in der israelischen Zeitung „Ha’aretz“ erschien. Der PLO-Schatzmeister Nizar Abu Ghazaleh leitete die Firma al-Bahr („das Meer“) im Auftrag einer kleinen Zahl wohlhabender Anteilseigner, darunter Arafats Ehefrau Suha. Al-Bahr setzte den Preis für eine Tonne Zement im Gazastreifen auf 74 Dollar fest, von denen 17 Dollar auf Arafats privates Bankkonto flossen. Einer von Arafats Lieblings-Handlangern, Harbi Sarsour, leitete die General Petroleum Company, die sich ein Monopol für alle Benzin und Treibstoff-Produkte schaffte, die in der Westbank und dem Gazastreifen verkauft werden. Eine Firma namens Skahra („der Felsen“), geleitet von Fuad Shubaki im Auftrag der Fatah, profitierte immens von einem Exklusivvertrag zur Lieferung aller Uniformen und anderer Vorräte für die palästinensischen Sicherheitskräfte. Offizielle Monopole für grundlegende Güter und Dienste haben exklusive Lieferanten auf der israelischen Seite. Diese profitablen Verträge wurden von Arafat an Firmen vergeben, die mit ehemaligen hochrangigen Mitgliedern der israelischen Zivilverwaltung und den Sicherheitsdiensten in der Westbank und dem Gazastreifen verbunden waren.

Das Genie hinter diesem System war Mohammed Rachid, der Arafats engster Wirtschaftsberater wurde. Einst Protegé von Abu Jihad, war Rachid der ehemalige Herausgeber eines Magazins, der im Diamantengeschäft aktiv wurde. Er fiel Arafat wegen seines ausgeprägten Talents als Geschäftsmann auf und weil er ethnischer Kurde war- was bedeutet, dass er sicher getrennt von der Familien- und Clan-basierten Politik war, die immer die Teilung der Gewinne bedrohte.

In ihren Städten und Dörfern waren die Palästinenser der Erpressung und Gewalt von Arafats sich einander überschneidenden Sicherheitsdiensten ausgesetzt, die untereinander um Bestechungsgelder wetteifern, willkürlich Menschen festnehmen und ihr Land beschlagnahmten und die Einwohner zwangen für alles von Mehl bis Benzin und Zigaretten, Rasierklingen und Schaffutter doppelte und dreifache Preise zu zahlen. Die Tatsache, dass fast jeder im palästinensischen politischen Leben etwas aus Arafats Hand genommen hat, machte es schwer ihn zu kritisieren; es war einfacher einfach mitzumachen. 1991, am Tiefpunkt der Finanzen der Fatah, schrieb Ali Shahin, einer von Arafats frühesten Verbündeten, einen Geheimbericht, in dem er Fatahs „unglaubliche moralische Degeneration“ anprangerte, für die er die Exzesse eines Führers verantwortlich machte, dessen wahren Interessen „der rote Teppich, das Privatflugzeug des Präsidenten, freie Hand zum Geldausgeben“ waren. Shahin wurde Versorgungsminister in Arafats Regierung und war berüchtigt dafür, dass er verdorbenes Mehl verkaufte und Lastwagenladungen mit Schokolade am Erez-Kontrollpunkt in der Hitze warten ließ, um einem Freund zu helfen, der die einzige Süßwaren-Fabrik im Gazastreifen besaß. Die Wirtschaft der palästinensischen Gebiete, die sich nach 1967 verblüffender Wachstumsraten erfreute, als sie von jordanischer und ägyptischer Kontrolle in die Hände der Israelis über gingen, stagnierte und war dann rückläufig. In weniger als einem Jahrzehnt schafften es Yassir Arafat und seine Clique nicht nur den wirtschaftlichen Erfolg zu verschleudern, sondern auch das beträchtliche Kapital, das das palästinensische Volk während der zweieinhalb Jahrzehnte israelischer Militärherrschaft angesammelt hatte.

Die Zauberlehrlinge

Als der Oslo-Friedensprozess in der Gewalt zusammenbrach, hatte ein israelischer Finanzberater namens Ozrad Lev einen Streit mit seinem Geschäftspartner, Yossi Ginossar. Die beiden Männer hatten eine Firma gegründet und arbeiteten eng mit Mohammed Rachid zusammen. Über beide Männer verärgert, sprach er mit der israelischen Zeitung „Ma’ariv“ über seine Rolle beim Waschen hunderter Millionen von Dollar, die Yassir Arafat dem palästinensischen Volk mit stillschweigender Duldung der israelischen Regierung und internationaler Behörden gestohlen hatte. Die von ihm erzählte Geschichte setzte ein Ausrufezeichen ans Ende eines Jahrzehnts offizieller Lügen und eklatanter Korruption, die im Namen des Friedens gerechtfertigt wurden. Der ehemalige israelische Militärgeheimdienst-Offizier Lev hatte die Armee 1987 verlassen und an der Pepperdine-Universität in Kalifornien ein Wirtschaftsdiplom erworben. 1997 kam Ginossar auf ihn zu, ehemaliger stellvertretender Direktor des Shin Bet, Israels gefürchtetem Inlands-Geheimdienst, der unehrenhaft ausgeschieden war, nachdem er an der Vertuschung des Mordes an zwei palästinensischen Teenagern beteiligt war, die einen Bus mit Plastikpistolen entführten. Ginossar ist eine charismatische Person, spricht fließendes, sprachrichtiges Arabisch und war berühmt für die brutale Art gegenüber Menschen, die ihn nicht zufrieden stellten. Er traf Arafat in den frühen 90-ern und half später einer israelischen Firma namens Dor einen Exklusivvertrag zu gewinnen, um der palästinensischen Autonomiebehörde mit Benzin zu versorgen. Ginossar vereinbarte ein Treffen zwischen Lev und Rachid, der nach einem sicheren Heim in der Schweiz für seine Hunderte Millionen Dollar suchte, die er der palästinensischen Wirtschaft entzogen hatte.

Lizenziert von einem Zusatz zu den Oslo-Vereinbarungen, der als Pariser Protokoll bekannt ist – die Vereinbarung, die Steuern, Zölle und andere formale Wirtschaftsvereinbarungen zwischen der PA und dem Staat Israel festlegte – wurde solche Korruption von allen außer den am weitest gehenden Kritikern der Herrschaft Arafats als wesentlicher Teil des Oslo-Prozesses gehalten. Jeden Monat war die israelische Regierung verpflichtet, die Mehrwertsteuer und andere Steuereinnahmen auf Güter und Dienstleistungen in der Westbank und Gaza an die PA zu überweisen. Entsprechend einer Nebenvereinbarung zwischen der israelischen Regierung und Arafat, der von Rachid vertreten wurde, wurden Einnahmen aus Treibstoffsteuern auf Arafats Privatkonto Nr. 80-219000 bei der Filiale an der Hashmonaim-Straße der Leumi Bank in Tel Aviv überwiesen. Arafat und Rachid zweigten auch Gelder in Sonderkonten bei der Arab Bank in Ramallah ab. Jeden Monat seit Beginn der Intifada überwies die israelische Regierung Millionen Dollar an den Mann, den sie vier Jahrzehnte lang als den gefährlichsten Terroristen der Welt bezeichnet hatte.

Ben Caspit war der erste, der im Dezember die Story an die Öffentlichkeit brachte, die in Israel als „Ginossar-Affäre“ bekannt wurde. Der Reporter war ein Kinderfreund von Lev und hatte Ginossar seit Jahren gekannt. „Er war ein sehr interessanter Kerl, sehr hart, sehr schlechte Manieren“, erinnert sich Caspit, als ich mich eines Morgens mit ihm in Tel Aviv traf. „Man konnte mit Yossi im schicksten Restaurant sitzen und er konnte die Kellnerin anschnauzen wie er gerade seinen jüngsten Sohn zusammengestaucht hatte“, weiß Caspit zu berichten. „Aber er wusste, wie er Kontakte knüpfen konnte.“

Während ich mit Caspit auf dem Holzboden vor dem „Yama“, einer Künstlerkneipe im Hafenviertel der Stadt, sitze, ist das Gefühl der Klaustrophobie der Westbank sehr weit weg. Hier kann man sich hebräischen Reggae anhören und die salzige Meeresluft riechen. Ein rostiger Stahlkran lastet über dem von Menschen gemachten Einlass, an dem ein altes Motorboot auf den Strand gezogen wurde. Die wilde Wochenend-Partyszene in den Lagerhäusern nimmt es mit der von Reykjavik im Winter auf, insistiert Caspit. Wenn das auch nicht gerade der zionistische Traum von Israels asketischen sozialistischen Gründern ist, spricht es für die Flucht-Wünsche einer säkularen israelischen Gesellschaft, die ihren Traum vom Friedens mit den Arabern hat verblühen sehen und sich an die schamlose offizielle Korruption gewöhnt hat.

Der Mann, den Arafat „Joe“ nannte, war die Allzweckwaffe der hinteren Kanäle in die israelische politische Führung für den Palästinenserführer. Er war auch ein Liebhaber des guten Lebens, der kubanische Zigarren rauchte und teure Vorzeige-Karossen fuhr und dessen enthusiastische Essensgewohnheiten halfen die Ausbreitung der ausgefallenen Restaurants von Tel Aviv zu finanzieren. Es machte Sinn, dass der palästinensische Führer sich jemanden wie Ginossar aussuchen würde. „Israel ist ein verrückter Ort – von einem auf den anderen Tag hat man eine andere Regierung“, erklärt Caspit. „Ginossar ist immer da und er hat die Möglichkeit nahe bei Rabin, Peres, Barak, Sharon, Sharon, einfach allen zu sein.“

Es gab Leute, die Ginossars Nähe zu Arafat und Rachid problematischer sahen. Der ehemalige Kopf der Zivilverwaltung in Gaza, ein Brigadegeneral namens Yitzhak Segev, schrieb im Herbst 1999 an Barak und warnte, dass Ginossar durch seine Geschäfte mit Rachid zu einer schlechten Wahl als Vertreter Israels wurde. Aber Ginossar war so tief in die Hinterzimmer-Diplomatie und geschäftliche Deals im Zentrum des Nahost-Friedensprozesses verstrickt war, dass man ihn unmöglich los werden konnte. Seine selbst verkündeten Verbindungen zu hochrangigen amerikanischen Beamten wie Dennis Ross und Botschafter Martin Indyk wurden gesteigert durch seine lukrativen Geschäfte mit Stephen P. Cohen, einen Harvard-Absolventen und zeitweisen Universitätsprofessors, der in einem Privatflugzeug durch den Nahen Osten jettete, den SlimFast-Diätmogul Daniel Abraham zur Verfügung stellte. Als Ginossar als Sicherheitsrisiko von der israelischen Delegation bei den Camp David-Friedensgesprächen 2000 ausgeschlossen wurde, wurde er stattdessen schnell als Mitglied der amerikanischen Delegation benannt.

Was Ozrad Lev Ginossar und Rachid anzubieten hatte, war eine Verbindung in die Welt der vornehmen Schweizer Banken, die hätten misstrauisch sein können, wenn sie Einlagen von einem Mann akzeptieren sollten, der einst als der Terrorist Nummer 1 der Welt gezählt wurde. Ein Investment-Konto, das der Palästinensischen Autonomie gehörte und von einem ehemaligen israelischen Geheimdienstler gemanagt wurde, bot weniger Schwierigkeiten. Levs erster Zug war die Einrichtung einer Finanz-Managementgesellschaft namens Ledbury und ein Investmentkonto zu bei der schweizerischen Bank Lombard Odier in der Rue de la Corratiere 11 in Genf zu eröffnen, was durch die Büros eines Partners namens Richard de Tscharner geschah. Am 17. Mai 1997 schrieb Rachid einen formellen Brief an Tscharner, mit dem das Konto eingerichtet wurde, dessen Gelder aus „Steuern und Zolleinnahmen“ und außerdem aus „Gewinnen aus verschiedenen wirtschaftlichen Aktivitäten der Palästinensischen Autonomie, durch ihre staatseigenen Firmen“ gezogen wurden.

Rachid versprach auch, dass die PA Ledbury-Gelder nicht „für Krieg oder aggressiv orientierte Aktivitäten“ benutzt würden, ein Versprechen, das einen vorsichtigeren Banker zum Nachdenken bewogen haben könnte. De Tscharner stimmte zu das Konto unverzüglich einzurichten.

Von 1997 bis 2000 wuchs die Summe im Ledbury-Portfolio auf mehr als 300 Millionen Dollar an. Lev stimmt auch zu einen Investmentfond für führende Mitglieder des palästinensischen Sicherheitsapparats einzurichten, der auf der Isle of Man unter dem Namen Supr a-din registriert wurde – einem Wortspiel zu „Saladin“. Management-Kommissionen für den Fond waren an Rachid Stellvertreter Walid Najab über eine Firma namens MCS zu zahlen, die einen Kommissionsbetrag an Ginossar und Lev über eine Firma weiter leitete, die die beiden Männer in Tel Aviv unter dem Namen ARK gegründet hatten, einem hebräischen Akronym für „Anachu Rotzim Kesef“ – „Wir wollen Geld“.

Heute verbringt Ozrad Lev viel Zeit in einem Restaurant in Ramat Hasharon namens „Reviva and Celia“, das als Künstlertreff für coole Drehbuch-Autoren in Santa Maria durchgehen könnte. Lev selbst ist sehr kalifornisch, trägt ein grünes Poloshirt und kurz geschnittene Haare. Er lernte Ginossar in den frühen 1980-ern kennen, als er in Israels Militärgeheimdienst Aman diente. Er erinnert sich an Ginossar als eine brillante, aber bedrohliche Person. Später, als er Berater für General Ehud Barak war, dann als Kopf des Aman, war Lev am Ort der Entführung von Bus Nr. 300, die Ginossars Karriere im Shin Bet zerstörte. Ginossars Leben danach war eine lange Reihe von Fehlschlägen, bis er Muhammed Rachid traf.

„In allem, was er versuchte, versagte er“, erinnert sich Lev. „Eines Tages 1996 sagte er mir: ‚Ozrad, darauf habe ich sehr lange gewartet. Du musst Mohammed Rachid treffen.’ Ich sagte: ‚Okay, wer ist Mohammed Rachid?’ Er sagte: ‚Schau, Mohammed Rachid ist jemand, von dem ich weiß, dass er dich sehr mögen wird und du wirst ihn mögen.’“ Rachid machte auf den ehemaligen israelischen Geheimdienstler einen starken Eindruck.

„Er verstand die israelische Mentalität haushoch besser als jeder andere Palästinenser, den ich je traf“, erinnert sich Lev. „Er war sehr ruhig, nicht arrogant, wog jedes Wort ab, das seinen Mund verließ und er hatte einen exzellenten Sinn für Humor. Physisch war er sehr israelisch. Ich sah ihn an und ich hatte das Gefühl als hätte ich diesen Typen schon ein Dutzend Mal in Tel Aviv auf der Straße getroffen.“

Eifrig darauf bedacht sich selbst zu decken, sollte der Friedensprozess zusammenbrechen, bestand Lev darauf, dass das Geld in den Schweizer Konten fünf Jahre lang ruhig liegen blieb und Abhebungen nur auf ein stark überwachtes Konto der Autonomiebehörde in der Filiale der Arab Bank in Ramallah erfolgen würde. Beginnend mit 16 Millionen Dollar schleuste Rachid Dutzende Millionen Dollar an Lev, der die Einlagen in die Schweiz schaffte. Die Gegenleistungen waren ausgezeichnet. Arafat war dankbar. Im Juli 1997 wurde Lev zu einem Treffen mit Arafat eingeladen, der ihm ein aus Muscheln aus Gaza gefertigtes Modell der Al Aksa-Moschee schenkte. Er empfand den Palästinenserführer als bescheiden und charmant und über die schweizer Konten gut informiert.

„Er kannte alle Details“, erinnert sich Lev. „Wenn er mit einem spricht, dann sind die Sätze so einfach, so klar, was bedeutet, dass er sehr klug ist. Er wusste, dass es mehrere Konten gab; er sprach mit mir über die anderen Namen – Sodicitc und Atlas. Er sagte mir, dass er sehr zu schätzen wüsste, was ich für das palästinensische Volk tue und dass er hoffte, viele Israelis würde ebenfalls meinen Weg einschlagen.“ Das einzige, was ihn wegen des Treffens beunruhigte, sagt Lev, war, wie hässlich Arafat war. Arafats Hände, bemerkte er, waren bleich wie die Hände einer Leiche.

„Wenn man Arafat traf, war er kein korrupter Mensch“, sagt Lev. „Er lebte von 5 Schekeln am Tag [heplev: ca. 1 Euro]. Er hatte einen Plan. Oslo war nicht sein Plan. Die ganze Sache mit den geheimen Konten drehte sich darum, die finanzielle Flexibilität zu behalten, um Geld in die zweite Phase zu verschieben. Er dachte dass sie den Krieg demographisch gewinnen würden; und um das tun zu können, muss man ruhig sein und die Israelis bluten lassen.“

„Er hatte überall Erfolg“, schließt Lev. „Unsere Lebensphilosophie hier ist Ungeduld – wegen des Holocaust, wegen der militärischen Bedrohungen. In Israel sagen wir, dass wir Sex mit Laufschuhen an den Füßen machen, damit wir zu unseren Freunden rennen können um ihnen zu erzählen, wie es war. Die Araber haben ein Wort, tsumut – was bedeutet, an dem Boden festzuhalten, auf dem unsere Vorfahren lebten. Meine Vorfahren sind aus Deutschland“, fügt er hinzu. „Ich verstehen die Bedeutung von tsumut nicht. Wissen Sie, Rachid und ich gingen einmal in Tel Aviv in die Promenade und er sagte: ‚Ich haben Arafat viele Male gesagt, dass die Israelis selbst ihre schlimmsten Feinde sind. Wir müssen nicht eine einzige Kugel verschießen – nur geduldig sein, keine Vereinbarung mit ihnen treffen und alles, was man hier sieht, wird unser sein.’“

Am 19. Juni 2000, nach einem Streit über die Verteilung der Ausbeute, beendete Rachid Levs Befugnisse über das Konto und entfernte die finanziellen Kontrollen, auf die Lev bestanden hatte. Drei Monate später begann die zweite Intifada. Im August 2001 begannen Dutzende Millionen aus den Konten bei Lombard Odier zu fließen. Bis Dezember 2001 wurde eine Entscheidung erzielt, diese Konten zu schließen. Das Geld fand seinen Weg in Banken auf der ganzen Welt, einschließlich auf von Rachid in London und Kairo kontrollierte Konten.

——

In einem ruinierten Land – Wie Yassir Arafat Palästina zerstörte (1/5)
In einem ruinierten Land – Wie Yassir Arafat Palästina zerstörte (3/5)
In einem ruinierten Land – Wie Yassir Arafat Palästina zerstörte (4/5)
In einem ruinierten Land – Wie Yassir Arafat Palästina zerstörte (5/5)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s