In einem ruinierten Land – Wie Yassir Arafat Palästina zerstörte (3/5)

David Samuels, The Atlantic Monthly, September 2005 (Fortsetzung)

Der innere Kreis

Die Oslo-Vereinbarungen schufen etwas, das die Palästinensische Autonomiebehörde genannt wurde, aber bis heute gibt es so etwas nicht. Die Behauptung, dass die Autonomiebehörde nicht existiert, scheint für westliche Ohren seltsam, weil Ehrentitel wie „Präsident Yassir Arafat“ und „Außenminister Nabil Shaath“ während der letzten zehn Jahre derart oft verwendet wurden, dass es für alle außer den teuflischsten Skeptikern schwer ist nicht anzunehmen, dass ein Staatsapparat existiert, der in etwa dem entspricht, was in den USA oder in Westeuropa existiert. Was statt dessen existiert ist eine riesiger und verstreuter Archipel zufällig hingesetzter Regierungsministerien, miteinander konkurrierender Hauptquartiere und Gefängnisse, die nach einem nicht koordinierten Plan arbeiten. In den langsam arbeitenden Büros der größeren Ministerien im al-Tiri-Distrikt von Ramallah kann man die „murafiqoon“ des toten Führers finden – seine Kameraden der letzten vier Jahrzehnte, die Veteranen der legendären Siege und Niederlagen und Tausender nächtlicher Treffen und Pressekonferenzen. Die eine Konstante unter den Kristall-Falken, EU-Briefbeschwerern, Perlmutt-Uhren aus Syrien und anderen Erinnerungsstücken ihrer Reisen ist das Standard-Hochglanzfoto der goldenen Kuppel der Omar-Moschee in Jerusalem vor dem wolkenlosen, blauen Himmel.

Weil sie ihn so lange kannten und ihm vertrauten, fanden Arafats Kameraden es unmöglich, nicht zu glauben, dass der Alte Mann auf einen Schlag sein Schicksal umdrehen und dem Morast der kleinen Verwaltungsdetails und der groß angelegten Korruption entkommen würde, die für seine Herrschaft charakteristisch geworden waren. Die ihm gleich gestellten Fatah-Männer, die über die Jahre seine vertrauten Ratgeber waren und die revolutionären Referenzen hatten sich ihm entgegenzustellen, wie Abu Jihad, der den palästinensischen Aufstand gegen die israelische Herrschaft Ende der 80-er Jahre organisierte, der als „Intifada“ bekannt wurde, und Abu Iyad, organisatorischer Chef der Terrorgruppe Schwarzer September, wurden vor Beginn des Oslo-Prozesses ermordet. Da er die ihm Ebenbürtigen beerdigt und selbst wiederholt Tötungsversuche überlebt hatte, befand sich Arafat nicht mehr unter Gleichgestellten. Seine Meinung war die einzige, die in Palästina zählte. Arafats Fantasieleben und sein Geld hatte die lebenswichtigen Organe der palästinensischen Nationalbewegung so lange schon im Griff, dass praktisches politisches Denken unmöglich wurde.

Als die Identifizierung Yassir Arafats mit der palästinensischen Nationalbewegung mit der Unterzeichnung der Oslo-Vereinbarungen in Stein gemeißelt wurde, fühlten sich diejenigen Mitglieder der internationalen diplomatischen Gemeinschaft, die Oslo als eine große moralische und politische Leistung ansahen, selbst entsprechend verpflichtet, die empörendsten Äußerungen und Taten des Palästinenserführers als die Tricks eines Mannes zu erklären, der sich dem Frieden verschrieben hatte.

Nicht alle waren von der hoffnungsvollen Fiktion überzeugt, dass Arafat die Antwort des Nahen Ostens auf Nelson Mandela war. Junge palästinensische Revolutionäre sahen sich den Führer genauer an, den sie aus dem Exil zurückzubringen halfen. Der Arafat, den sie während der 70-er und 80-er Jahre von weit weg verehrt hatten, war ein visionärer Asket – die imaginäre Projektion mutiger und verängstigter Palästinenser, von denen die meisten gerade einmal das Teenageralter hinter sich gelassen hatten, die den von ihnen benötigten heldenhaften Führer aus Radiosendungen und heimlich übermittelten Texten herzauberten, die von Hand zu Hand weiter gegeben und wie Seiten des Koran studiert wurden. Die Ansicht des selbstherrlichen Autokraten und seines bierbäuchigen Gefolges in Person war ein Schock für viele junge Palästinenser, von denen wenige je außerhalb der Westbank, Gazas und Israels gewagt hatten.

Junge Fatah-Kader in der Westbank und dem Gazastreifen fanden schnell heraus, dass der Korruption ihrer Ältesten das völlige Fehlen positiver Ideen gleich kam – so weit her geholt oder verrückt sie auch sein sollten – was die Form angeht, die eine zukünftige palästinensische Politik haben könnte. Es würde kein Jahr Null der palästinensischen Revolution geben. Parlamentarische Institutionen nach westlichem Muster existieren, haben aber wenig Macht. Was Arafats Rückkehr nach Palästina folgte, war ein zehn Jahre dauerndes Bankett der Diebe, bei dem die alte Garde der Fatah die Beute von Oslo aufteilte und einfache Palästinenser als eroberte Untertanen behandelte. Als die zweite Intifada, volkstümlich als Al Aksa-Intifada bekannt, begann, scharte sich die junge Garde, von der die meisten jetzt fest im mittleren Alter standen, um den Fatah-Führe Marwan Barghouti – dessen feurige Verurteilungen der offiziellen Korruption regelmäßig zu Zusammenstößen mit Arafat geführt hatten – in der Hoffnung, dass Gewalt als Katalysator für Veränderung dienen würde. Auch hier sollte die junge Garde der Fatah wieder wenig mehr als Kanonenfutter für ihre Ältesten werden; Barghouti wurde 2002 von den Israelis während der Operation Schutzschild verhaftet, weil er das Gehirn hinter Terroranschlägen war; er wurde zu fünf auf einander folgende lebenslange Freiheitsstrafen verurteilt.

In den Cafés und Apartments in Ramallah, in denen wir uns trafen, sprachen einige der führenden Mitglieder der jungen Garde der Fatah offen über ihre Wut und Enttäuschung darüber, was in Palästina seit Oslo passiert ist. Ihre bittersten Vorwürfe waren nicht gegen die Israelis gerichtet, sondern gegen Arafats Kumpane, die Staatsjobs benutzt hatten um reich zu werden und wenig Interesse an ihrer revolutionären Nachkommenschaft zeigten. „Wir erinnerten uns an ihre Lieder, ihre Gedichte, ihre Reden, an das, was sie glaubten, ihre Gedanken, die Namen ihrer Kinder, sogar die Anzahl ihrer Schuhe“, erzählte mir eines Nachmittags Abu Ain, einer von Barghoutis engsten Freunden, als wir in seinem Apartment in Ramallah saßen und uns unterhielten. „Sie kennen nicht einmal unsere Namen.“

Für die Mitglieder der alten Garde waren Fragen, wie ein paar Millionen in der Westbank und dem Gazastreifen lebende Palästinenser zu regieren seien, nicht von besonderem Interesse. Die palästinensische Frage war Teil des größeren pan-arabischen Diskurses, der die nasseristischen und kolonialistischen Gruppen ihrer Studententage in Kairo, Damaskus und Beirut bestimmten. Wie der symbolische Führer des palästinensischen Volkes, Yassir Arafat, die Inkarnation einer Revolution war, die sich selbst als Modell für den Rest der arabischen Welt präsentierte – Symbol einer säkularen, revolutionären Reinheit und antikolonialistischen Hingabe, die in den 80-er Jahren an den Rand gedrängt wurde, durch den Erfolg der iranischen Revolution, die den sunnitisch-fundamentalistischen Jihad gegen die Sowjets in Afghanistan und den Krieg der Hisbollah gegen die Israelis im Libanon.

Die vorherrschende Note in den Erinnerungen der alten Garde über ihren Führer ist Nostalgie für den Sinn der historischen Zentralität des palästinensischen nationalen Kampfes, den Arafat lieferte, die für seine Jünger so anziehend war wie eine Droge. Arafats langjähriger Außenminister Nabil Shaath war dreizehn Jahre alt, als er zum ersten Mal hörte, wie Arafat seinen Vater um Spenden bat, um palästinensischen Flüchtlingen in Kairo und Alexandria zu helfen. Sogar da schon, sagt er, erkannte er den zukünftigen Präsidenten Palästinas. Als Guerillaführer in den 60-er und 70-er Jahren führte Arafat seine Kämpfer in die Schlacht; er gab ihnen die Kriegsnamen, die sie den Rest ihres Lebens tragen würden.

Des Mannes beraubt, den viele von ihnen als ihren Vater betrachteten, leben Arafats Genossen weiter nach dem Tagesablauf ihres toten Führers, bleiben bis lange in die Nacht auf wie alternde Bohemiens. Im Fatah-Hauptquartier in Ramallah, das ich mehrere Nächte die Woche mit N. besuchte, ist es leicht die alten Meister der Revolution zu finden, die eine Zigarette nach der anderen rauchen und endlos kleine Tassen schwarzen Kaffees finden. Das Gebäude sieht wie eine feudale Gewerkschaftshalle in New Jersey aus, mit grünen Marmorböden und bläulichen Rauchwolken, die die Topfpflanzen ersticken. Männer in schwarzen Ledermänteln und schweren Pullovern, die ihre Abende auf gepolsterten Ledersofas verbummeln.

Dem neuen Führer, Mahmud Abbas, fehlt der persönliche Touch des Alten Mannes, lauten die Beschwerden. Er erinnert sich nicht an Geburtstage und Hochzeiten und niemand kommt zu ihm um persönliche Streitigkeiten zu lösen. Einige vom inneren Kreis des Alten Mannes haben ihre Familien bereits nach Amman oder Tunis geschickt und ihr Geld nach London oder Kairo.

Oben treffen ich Ahmed Abdul Rahman, früheren Kopf von Arafats Propaganda-Operationen, der in seinem Marinemantel da sitzt und Dunhills mit goldenem Streifen raucht, das Privileg eines Revolutionärs. Sein glänzend schwarzes Haar seine dunklen Augenbrauen kontrastieren stark mit seinem von tiefen Falten durchzogenen Raucher-Gesicht. Abdul Rahman stand Arafat fast vierzig Jahre nahe und veröffentlichte regelmäßig Erklärungen im Namen des Alten Mannes.

„Wir sind wegen Arafat so lange zusammen geblieben“, erklärt er. „Er erfand Ereignisse, wenn es keine gab. Er erfand Aktivitäten, wenn es nichts zu tun gab.“

„Veränderte sich sein Arbeitsstil aus Beirut und Tunis in Ramallah?“, frage ich.

„Er sah sich hier neuen Problemen gegenüber“, gesteht Abdul Rahman zu. „Wenn ihm gesagt wurde: ‚Dieses Ministerium braucht keine Leute, es ist voll’, dann sagte er: ‚Okay’ und schuf ein neues Ministerium. Auf diese Weise baute er die Hauptbasis für den Staat auf.“

Das mit einem Marmor-Fußboden ausgestattete Palestine Media Center ist bei Weitem das schickste Ministerium in Ramallah. Es wird von Propaganda-Veteran Yassir Abbed Rabbo geführt, der wie ein Frauenschwarm in einem College in Manchester oder Leeds aussieht und mit einem Humpeln läuft, von dem er behauptet es sei Ergebnis einer alten Kriegswunde. Der absolute „Splitterer“, der einer langen Liste säkularer linker palästinensischer Parteien betrat und sie wieder verließ, ist ein Gründungsmitglied des Arafat-Blocks. Er ist auch ein gewohnheitsgemäßes Klatschmaul. Er kennt N. gut und ist glücklich uns ein Interview zu gewähren. Wie viele der Männer, mit denen ich sprach, spricht er vom verstorbenen Palästinenserführer in der Gegenwart.

„Arafats größtes Geheimnis ist seine Geduld“, erklärt Abbed Rabbo über den Mann, dem er mehr als drei Jahrzehnte lang dienste. „Er beendet keine Beziehung, so unbedeutend sie auch sein mag. Er unterhält offene Beziehungen zu jedermann. Er ist Arafat, der Progressive, Arafat, der Islamist, Arafat, der Konservative und Arafat, der Aufgeklärte. Er war gleichzeitig bei den saudischen Königen und bei den Königen des Kreml, bei Fidel Castro und allen Arten von Imamen und dem Papst. Die eine Sache, bei der er in seinem Leben keine Kompromisse einging, was die Unabhängigkeit der Palästinenserbewegung. Er glaubte von Anfang an, dass er, wenn er nicht die Unabhängigkeit der Palästinenserbewegung von den anderen arabischen Regimen erhalten würde, zum Untergang verurteilt sei.“

Abbed Rabbos besonderer Expertenbereich in den 1970-ern die Politik der europäischen Linken und des Ostblocks. Ein Tisch bei seinem Schreibtisch prangen ein lachender Buddha, ein Kristall-Adler und ein Fotoband mit dem Titel „Russland. Das Land der großen Weite“. Er erklärt mir, wie Arafat geduldig die palästinensische Nationalbewegung die Leiter im Inneren des Kreml hinauf führte. Sein Ziel war die fast halluzinatorische Möglichkeit staatlicher Sponsorenschaft durch eine der beiden herrschenden Supermächte des Kalten Krieges. Nach dem Krieg vom Oktober 1973, mit dem Ägyptens Abwanderung in das amerikanische Lager begann, wurde Arafats Traum von sowjetischer Sponsorenschaft Wirklichkeit.

„Wir begannen Breshnjew zu treffen, Andropow, Tschernienko und andere. Natürlich versucht Arafat immer den Eindruck zu wecken, dass er …“

„Ein Marxist ist?“, frage ich mich laut.

„Nein, niemals, niemals, niemals,“ antwortet Abbed Rabbo entsetzt. „Dass er so unabhängig ist, dass er Arafat, der Palästinenser ist, der Nationalist, der Muslim, der Beziehungen zu Moskau aufbaut. Ich erinnere mich, dass er bei einem der ersten Besuche plötzlich, ich weiß nicht warum – aber ich verstehe warum – im Kreml die Mittagsgebete verrichten wollte. Wir bettelten ihn an: ‚Tu das nicht, verschieb es, Gott wird es dir erlauben. Es gibt hier keinen Zugang zu Gott.’ Er ging mitten im Raum auf die Knie, auf dem Teppich, und verbeugte sich nach Mekka und sprach seine Gebete. Das war auch eine Botschaft an die Saudis, sehen Sie – ‚Ich bin Arafat, der Muslim, und ich baue diese Beziehungen mit der Sowjetunion auf.’“

Arafats herausforderndes Verhalten gegenüber der Sowjets in den Siebzigern und Achtzigern spiegelten exakt die Wutausbrüche, die die Welt und westliche Diplomaten in den Neunzigern vor Rätsel stellen sollten. Als ich Abbed Rabbo fragte, ob einer der sowjetischen Führer Arafats Telefonnummer hatte, nickte er.

„Andropow“, antwortet er und lächelt ansatzweise bei der Erinnerung an den legendären KGB- Spion, der Anfang der 1980-er Jahre kurze Zeit Premierminister der UdSSR wurde. Als die Palästinenser sich 1982 mit Andropow trafen, schien er alt und gebrechlich und einzuschlafen. „Und Arafat nahm sich Zeit alles zu erklären, ging von einem Kontinent zum nächsten, in den siebten Himmel und wieder hinunter und redete über alles, was ihm in den Sinn kam. Er sprach darüber, wie der die israelische Armee besiegt hatte, wie er seine eigenen Waffenfabriken entwickelt hatte und wie er Panzerfäuste nach eigenen, geheimen Plänen baute. Und mitten in diesem – nennen wir es Fantasieflüge – hob Andropow den Kopf und sagte ihm: ‚Vorsitzender Arafat, lassen Sie uns hier aufhören.’ Also hörte Arafat auf Unsinn zu reden und fing mit der Politik an.“

Mamduh Nofal ist der ehemalige Kommandeur der Demokratischen Front für die Befreiung Palästinas und Kommandeur der palästinensischen Streitkräfte während der Belagerung Beiruts. Als eigenartige Mischung aus Poet, Kommentator und Guerillakämpfer ist er ein imponierender Brocken von Mann, zugleich freundlich und heftig, wie ein Pirat aus Geschichten. Beim der Schlacht von Karameh in Jordanien 1968 war Nofal militärischer Anführer für die Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP). Dort begann seine Beziehung zu Arafat, erzählt er mir, als wir uns in seinem modernen Büro in Ramallah treffen. Das Schild vor seinem Büro identifiziert ihn als hochrangigen Vertreter der Fatah.

„Mit den Kämpfern lebte er, wie sie auch lebten. Er saß mit ihnen auf dem Boden. Er brachte Essen für sie und gab ihnen zu essen. Das ist keine Propaganda.“

Nofal erzählt mir, dass Arafats strategischer Gebrauch der Gewalt nach Oslo damit anfing, dass er der Hamas und dem Islamischen Jihad erlaubt Terroranschläge beginnen. Arafat würde dann gegen genau diese Organisationen vorgehen um zu zeigen, dass er die Kontrolle hatte. Erstmals hörte Nofal Arafat Befehle geben, die direkt zu Gewalt führten, sagt er, bevor 1996 die Ausschreitungen wegen der Ausgrabung des Hasmonäischen Tunnels nahe am Haram al-Scharif ausbrachen. Nofal sagt, dass der Anstoß für die Gewalt die Äußerung des neu gewählten israelischen Premierministers Benjamin Netanyahu war, er würde nicht mit Arafat direkt sprechen. Arafat tobte wegen der Beleidigung.

Ich war mit ihm in seinem Büro“, erinnert sich Nofal. „Er stand auf und ging um den Schreibtisch herum. Er war sehr, sehr wütend. Schließlich beruhigte er sich etwas und zeigte auf das Telefon auf seinem Schreibtisch. Er sagte: ‚Ich werden Netanyahu dazu bringen mich auf diesem Telefon anzurufen.’“

Arafat befahl Demonstranten in die Straßen und sagte ihnen, sie sollten die Israelis provozieren. Als Gewalt ausbrach wurden die Israelis verantwortlich gemacht. „Ich saß wieder bei ihm, als das Telefon auf seinem Schreibtisch klingelte und er sah mich an und sagte: ‚Das ist Netanyahu.’ Und er war es.“

Die zweite Intifada begann ebenfalls mit der Absicht die Israelis zu provozieren und sie diplomatischem Druck auszusetzen. Nur ging Arafat diesmal aufs Ganze. Als Mitglied des Hohen Sicherheitsrats der Fatah, dem Gremium, das die Schlüsselentscheidungen traf und organisatorisch entschied und sich am Anfang der Intifada mit den militärischen Fragen befasste, hat Nofal Wissen aus erster Hand über Arafats Absichten und Entscheidungen während der Monate vor und nach Camp David. „Er sagte uns: ‚Wir werden jetzt in den Kampf ziehen, also müssen wir vorbereitet sein’“, erinnert sich Nofal. Er sagt, dass Arafat, als Barak Ariel Sharon nicht davon abhielt seinen kontroversen Besuch auf dem Platz vor der Al Aksa zu machen, der Mosche, die am Ort des antiken jüdischen Tempels gebaut wurde, sagte: „Okay, es ist Zeit an die Arbeit zu gehen.“

Als klar wurde, dass der damalige israelische Oppositionsführer Ariel Sharon die Wahlen vom Februar 2001 gewinnen würde, ging Nofal zu Arafat und drängte ihn die Intifada abzubrechen. „Da saßen eine Menge Leute herum, darunter Saeb Erekat und Yassir Abbed Rabbo“, erinnert sich Nofal.

„Ich sagte ihm: ‚Abu Ammar, ich muss die Sicherheit haben offen sprechen zu können.’ Der Beduine sagt: ‚Gib mir die Sicherheit offen sprechen zu können.’ Er sagte mir: ‚Sprich.’

Ich sagte ihm: ‚Abu Ammar, Barak wird verlieren, Sharon kommt, Militärarbeit ist nicht unser Terrain. Es ist Sharons Terrain. Er braucht es. Also bitte, Abu Ammar, lass uns aus diesem Terrain heraus gehen und Sharon als hayawan muftaris [das Fleisch fressende Tier] dort lassen, um alleine zu spielen.’“

„Die um Arafat herum saßen, sagten: ‚Ah, du hast Angst vor Sharon!’“, erinnert sich Nofal und schüttelt den Kopf. „Sharon wird nicht an der Macht bleiben. Barak blieb 18 Monate. Sharon wird neun bleiben. Und wenn wir ihn erobern, ist das die letzte Kugel in der israelischen Waffe!’ Sie sagten: ‚So, khalas [es reicht] – warum hast du Angst?’ Ich sagte: ‚Ich habe Angst, dass er uns in diesen neun Monaten vernichten wird und dich bezweifle, dass er da versagen wird.’ Damals schwieg Arafat. Er hörte zu. Aber die meisten der Anwesenden waren gegen das, was ich sagte.“

„Und ich glaube Saudi Arabien spielte auch eine Rolle bei Arafats Entscheidung die Intifada im Gang zu halten“, sagt Nofal und stimmt mit einer ähnlichen Analyse überein, die Abbed Rabbo mir gab. „Clinton legte seine Initiative am 18. Dezember vor, nach drei Monaten der Intifada. Arafat besuchte Saudi Arabien. Zu dieser Zeit sagte die saudi-arabische Führung ihm: ‚Warte, gib Clinton diese Karte nicht. Clinton geht, Bush kommt. Bush ist der Sohn unseres Freundes. Wir werden von ihm mehr für dich bekommen.’ Dann entdeckten wird, dass Saudi Arabien nichts tun konnte, dass es keine Frage persönlicher Dinge oder Freundschaft ist. Und Sharon hatte richtig Erfolg, er drängte uns in eine Ecke.“

Später am Abend traf ich Nasser al-Kidwa, Arafats Neffen und den neuen palästinensischen Außenminister, in der Lobby des Grand Park Hotel in Ramallah, das ein Stammlokal für die neue palästinensische Elite ist. Männer sitzen auf pastellfarbenen Wildleder-Möbeln und rauchen Zigaretten unter einem Fresko eines grinsenden Putti, der ein Beutetuch hält. Al-Kidwa hat wenig Zeit für Frivolitäten. Mit seinem runden Gesicht und kleinen Gesichtszügen, kurzen Armen und winzigen Fingern hat sein Erscheinungsbild etwas peinlich Fötenhaftes und Halbfertiges. Familie hat ihm oder seinem Onkel nie etwas bedeutet, erzählt er mir. Alles, was zählte, was der Erfolg der Sache. Er lädt mich in sein kahles Hotelzimmer ein, wo er mich über die Inhalte der medizinischen Akte seines Onkels informiert.

„Lustig ist, dass ich sie nach New York brachte und dann zurück nach Gaza und dann von Gaza nach Ramallah“, erinnert sich al-Kidwa an den großen Ordner – mehr als 500 Seiten mit Tabellen in verschiedenen Farben, die auch Röntgenbilder und medizinische Kurventabellen – der ihm von den französischen Behörden übergeben wurde. „Niemand glaubt, dass das in meinem verdammten Koffer ist, auch die Israelis nicht. Ich kam einfach durch die Kontrollpunkte ohne irgendjemandem etwas zu sagen.“

Als ich ihn frage, ob er die Akten liest, schüttelt er den Kopf: „Ich habe nicht hineingesehen, weil ich weiß, dass wir nicht ein einziges Wort finden würden, das nicht mit dem übereinstimmt, was uns gesagt wurde“, sagt er. „Ich persönlich glaube, dass es sich um eine nicht natürliche Todesursache handelt.“

„Also haben ihn die Israelis vergiftet?“, frage ich.

„Das kann ich nicht sagen, weil es wiederum zu ernst ist, um einfach so gesagt zu werden“, antwortet al-Kidwa.

Er versteht seinen Onkel als einen großen Schauspieler, der sich an seinem Spiel erfreute. „Er hatte Erfolg damit die Sache der Flüchtlinge in die Sache des Jahrhunderts zu drehen, während sein Feind wahrscheinlich der stärkste Spieler der Welt ist, der modernen Geschichte, wenn nicht mehr“, erklärt al-Kidwa, wobei seine Stimme fast in ein Flüstern fällt.

„Der Feind sind die USA?“, frage ich.

„Nein“, sagt er. „Israel. Und seine Helfer. Die jüdische Gemeinschaft der ganzen Welt.“

Selbst hier, in Ramallah, ist er so vorsichtig, dass er flüstert. Als ich ihn bitte zu erklären, was die Herrschaft seines Onkels im Kontext der palästinensischen Nationalbewegung erreicht hat, kehrt seine Stimme zum Normalen zurück.

„Er hat einige Regeln festgelegt – ehrenhaft, glaube ich“, sagt al-Kidwa. „Zum Beispiel wird niemandem sein Gehalt vorenthalten, nicht einmal Verrätern. Wenn du auf ihn schießt, wird deine Familie trotzdem dein Gehalt bekommen und deine Kinder werden weiter zur Schule gehen.“

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In einem ruinierten Land – Wie Yassir Arafat Palästina zerstörte (1/5)
In einem ruinierten Land – Wie Yassir Arafat Palästina zerstörte (2/5)
In einem ruinierten Land – Wie Yassir Arafat Palästina zerstörte (4/5)
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