In einem ruinierten Land – Wie Yassir Arafat Palästina zerstörte (4/5)

David Samuels, The Atlantic Monthly, September 2005 (Fortsetzung)

Ein einziges, großes Gefängnis

Meine Fahrten nach Gaza, einem vor Leuten wimmelnden Streifen Land mit entschieden ägyptischem Fluidum, bietet den auffallendsten Beweis der wirtschaftlichen Folgen von Arafats unfähige Regierung. Der Erez-Kontrollpunkt, über den ich hinein gehe, ist wie eine Wunde, die wieder und wieder aufgerissen wurde. Acht Meter hohe Betonmauer-Teile von der Art, wie sie für die Mauer in Jerusalem verwendet werden; sie befinden sich direkt neben einem mit Sandsäcken verkleideten Bunker, der mit Stahl verstärkt wurde. Vor einem Jahrzehnt, nach der ersten Intifada, war dieser Wachposten eine weiß gestrichene Holzbaracke an der Straße. Jetzt, nach hinter den der auswändigen Sicherheitsbarriere auf der israelischen Seite, erstreckt sich ein langer, feuchter, mit einem Blechdach versehener Gang nach Gaza wie ein Korridor für den Viehtrieb. Am Ende des Gangs befindet sich ein baufälliger Wachposten. Der palästinensische Soldat am Posten trägt eine grüne Uniform und eine gestrickte Wollmütze, auf der die Worte „Top Gun“ aufgestickt sind. Mit Hilfe des Lichts einer einzelnen Glühbirne schreibt er eifrig die Reisepass-Nummern der einreisenden Besucher mit einem abgenutzten Bleistift in einen Spiralblock. Auf der Wand hinter ihm hängt ein gerahmtes Foto des Alten Mannes.

Rechts neben dem Kontrollpunkt liegt das Erez-Industriegebiet. Eins der wenigen greifbaren Ergebnisse von hunderten von Treffen einen Weg zu finden israelischen und ausländischen Herstellern den Weg in den palästinensischen Arbeitsmarkt zu finden, ist das Industriegebiet nach einer Serie von Bombenanschlägen fast verlassen. Ein nasser, stechender Dunst von unbehandelten Abwässern und brennendem Plastik hängt während der Tagesstunden über Gaza und wird nachts noch schlimmer. Die Kläranlage in Bei Lahia arbeitet dreifach über ihrer normalen Kapazität.

Ich brauche nur zwei Stunden, um die gesamte Länge des Gazastreifens zu durchfahren. Mein Ziel ist die Stadt Rafah, die halb auf der israelischen und halb auf der ägyptischen Seite der Grenze leigt. Rafah ist ein tropischer Ort mit berühmten Gewächshäusern, in denen Blumen für den Export und ausgezeichnetes Gemüse gezüchtet werden. Ägyptische Flaggen flattern hoch über der hohen Mauer, die die Grenze markiert, die ein Magnet für Schmuggler ist. Israelische Einfälle zum Stoppen der Schmuggelei haben die der Grenze am nächsten gelegenen Viertel Rafahs in eine Mondlandschaft aus zerbrochenem Beton verwandelt. Es ist leicht zu sehen, warum Rafah ein Mitbegriff für das Elend des palästinensischen Volkes seit Beginn der Intifada geworden ist.

Said Zourub, der Bürgermeister von Rafah, ist ein Mann mittleren Alters mit einem attraktiven Schnurrbart, der bei den Temperaturen über 30°C einen schwarzen Pullover trägt. Wir fahren in seinem Ford Explorer, stoppen regelmäßig, weil Männer-Gruppen vor dem Einmarsch einer israelischen Panzereinheit warnen. Als wir um eine Ecke fahren, finden wir zwei gepanzerte israelische Bulldozer vor, die ein Gebäude niederreißen, das als Tarnung für einen Schmuggeltunnel benutzt wurde.

Die Schule von Rafah ist mit Löchern durch Beschuss aus großkalibrigen Waffen übersäht, von denen viele aus dem erinnernswerten Kampf stammen, bei dem die bewaffneten Männer des Flüchtlingslagers dort ihre Positionen einnahmen.

„Hier war ein Tunnel“, sagt der Bürgermeister und deutet auf einen platt gemachten Schutthaufen. Auf einer Wand in der Nähe erinnert ein englischsprachiges Graffiti an „Rachel, die nach Rafah kam um unser Lager zu schützen“, eine Bezugnahme auf Rachel Corrie, eine amerikanische Freiwillige, die von einem israelischen Bulldozer im März 2003 überrollt wurde, als sie versuchte ein Haus vor dem Abriss zu bewahren. Direkt neben dem Graffiti über Corrie steht das Wort „Fuck“.

Zourub erinnert sich an den Tag, als Abu Ammar triumphal in Gaza einzog, 1994.

„Mein Sohn fragte mich an diesem Tag: ‚Baba, warum kam Abu Ammar hierher zurück?’“, erzählt Zourub mir, als wir durch die zerstörten Straßen seiner Stadt fahren. „Ich sage ihm: ‚Abu Ammar kam, um die Dinge für das Volk zu verbessern.’ Jetzt, als Abu Ammar stirbt, sagt er mir: ‚Baba, du bist ein großer Lügner. Abu Ammar hat nichts erreicht.’“

Der Bürgermeister steuert sein Vierradantrieb-Auto um eine Ecke, als könnte die Maschine mit aller Vorsicht Gefahr fühlen. Wir halten an und eine große Gruppe Männer versammelt sich um den Wagen des Bürgermeisters um sich zu beschweren, dass ein Panzer ein Einstiegschacht zerstörte. Ein Mann in Sweatshirt und schwarzem Jackett fährt auf einem Fahrrad vorbei, gefolgt von einem Mann auf einem Eselskarren.

Die Fahrt zurück nach Gaza Stadt dauert viereinhalb Stunden. Ich verbringe die Nacht in einem luxuriösen Hotel am Strand, einen kurzen Gang entfernt von der vierstöckigen, viele Millionen Dollar teuren Villa, die von Arafats Nachfolger Mahmud Abbas auf Land gebaut wurde, das für einen öffentlichen Park vorgesehen war. Am nächsten Morgen treffe ich Iyad Sarraj, einen Menschenrechts-Aktivisten, Direktor der führenden Organisation für geistige Gesundheit in Gaza ist. In den 1980-ern, während der ersten Intifada, waren viele seiner Patienten Gefangene, die von den Israelis gefoltert worden waren. In den 1990-ern waren die behandelten Gefangenen Opfer der Folter durch die wichtigste Miliz der palästinensischen Autonomiebehörde, des Präventiven Sicherheitsdienstes. Als Sarraj sich über den schlechten Zustand der Bürgerrechte unter Präsident Arafat beschwerte, wurde er dreimal verhaftet, geschlagen und gefoltert. Der gut aussehende Mann in den Vierzigern trägt eine schwarze Motorrad-Lederjacke und raucht ständig während unseres Interviews, das in seinem Büro mit Blick auf das Mittelmeer stattfindet. Seine Augen sind müde.

„Die Palästinenser haben die Schlacht verloren, weil sie nicht organisiert sind und weil sie Gefangene der Rhetorik und der Schlagworte sind statt tatsächlicher Arbeit“, sagt er. „Ich glaube, dass der Konflikt zwischen den Israelis und den Palästinensern auf die eine oder andere Weise einer zwischen Entwicklung und Unterentwicklung ist, zwischen Zivilisation und Rückständigkeit. Israel wurde auf Rechtstaatlichkeit gegründet, auf Demokratisierung und gewissen Prinzipien, die es voran bringen würden, während die Araber und die Palästinenser immer auf den Propheten warteten, auf den Retter, auf den Heiland, de ‚Mahdi’. Arafat kam und jeder setzte auf ihn ohne zu begreifen, dass es eine große Kluft gibt zwischen dem Retter und der tatsächlichen Arbeit, die getan werden muss. Das ist es, wo die Palästinenser wieder die Schlacht verloren. Sie verloren 48 wegen ihrer Rückständigkeit, Ignoranz und fehlenden Organisation, wie man dem zionistischen Feind entgegen tritt. Sie verloren, als sie die Chance hatten einen Staat aufzubauen, weil die PA absolut korrupt und unorganisiert war.“

Von den Israelis erbeutete Dokumente geben ein sehr detailliertes Bild des riesigen Schutznetzes, das Arafat und seine Kumpane aufbauten, um Gaza zu regieren. An der Spitze der Pyramide waren Arafat und sein innerer Kreis. Darunter befanden sich der Sicherheitschef von Gaza, Mohammed Dahlan, und der Geheimdienstchef von Gaza, Amin al-Hindi. Dahlans Stellvertreter Raschid Abu Schabak, der für die Terroranschläge auf Israelis wie auch für die Ermordung von Palästinensern verantwortlich war, kontrollierte den Karni-Kontrollpunkt, wo er exorbitante Bestechungsgelder verlangte, damit er erlaubte, dass Waren in den Gazastreifen hinein oder heraus kamen. Dahlan, Schabak und die anderen Köpfe des Präventiven Sicherheitsdienst-Apparates profitierten von ihren gemeinsamen Investitionen bei einem Geschäftsmann namens Ihab al-Ashqar. Zusammen kontrollierten sie die Great Arab Company for Investment and Development, die Schotter durch den Karni-Kontrollpunkt importierte; die al-Motawaset Company, die Schotter von der Great Arab Company kaufte und Zement daraus machte; und das al-Scheik Zayid Bauprojekt. Große Geldsummen wechselten zwischen den Partnern regelmäßig die Hände. Zusätzliche Summen kamen direkt von Arafat selbst.

„An den Bruder, den Rais, möge Allah ihn schützen“, schrieb Mohammed Dahlan am 1. Januar 2001. „Bitte weisen Sie die Zahlung von $200.000 an.“ Arafats Antwort: „Finanzministerium: zahlen Sie $150.000“, wurde pflichtbewusst notiert.

Die Ergebnisse dieses Systems der Bestechungen und des Diebstahls werden in die Schuttfelder von Rafah und auf die Mauern und Masten des Flüchtlingslagers von Jabalya beim Erez-Kontrollpunkt geschrieben. Die Flaggen, die über dem Lager flattern, repräsentieren die unterschiedlichen palästinensischen Fraktionen. Grün steht für Hamas, schwarz für den Islamischen Jihad, gelb für die Fatah und rot für die Volksfront für die Befreiung Palästinas. Eine Wandschrift sagt: HAMAS GRATULIERT DER ISLAMISCHEN NATION ZUM AL-FITR FEST. Teenager-Märtyrer sind überall im Lager präsent. Ihre ernsten, nicht zuckenden Augen starren aus den Erinnerungs-Postern, die die Süße des ewigen Lebens und die Sicherheit der göttlichen Rache versprechen.

Mein Führer Ismail ist 20 Jahre alt, still und sprachgewandt. Mit seiner Jeansjacke, dem gegelten braunen Haar, den Koteletten, der scharfen Nase und der olivenfarbenen Haut sieht er wie der Sänger einer Latinpop-Band aus. Er arbeitet in einer Bäckerei, obwohl er einmal davon träumte dem Präventiven Sicherheitsdienst beizutreten. Seine Familie verweigerte ihre Erlaubnis. „Der Ruf des Präventiven Sicherheitsdienstes ist von der Todesgruppe zerstört worden“, erklärt Ismail traurig, womit er sich auf die berüchtigte Einheit bezieht, die von einem Offizier namens Nabil Tammuz geführt wird.

Während wir am Erez-Kontrollpunkt warten, kommen drei Kinder auf einem Eselskarren an uns vorbei; sie lachen und haben eine gute Zeit, während sie die Straßensperre umfahren, indem sie raus über die Felder fahren, wo die Autos nicht weiterkommen. „Der Jeep ist nichts, verglichen mit einem Eselskarren!“, rufen sie laut. Seit dem Beginn der Intifada ist der Preis für die Fahrt mit einem Eselskarren auf mehr als das Dreifache gestiegen.

Als ich Ismail frage, ob er je daran gedacht hat diesen Ort zu verlassen, wirkt sein sonst wachsames Gesicht gelöst und ein träumender Blick kommt in seine Augen. „Das ist mein Lebenswunsch“, antwortet er einfach. Als unser Fahrer vorwärts schleicht, befiehlt eine geisterhafte Stimme auf Hebräisch: „Lachzor“ – „Zurück“. Gewehrfeuer kracht über unsere Köpfe hinweg in die Felder. Nach weiteren 45 Minuten Wartens entscheide ich mich zu Fuß über die Straße zu gehen, mit einem Freund, der mich hierher begleitete. Wir passieren eine dünne, graue Reihe Arbeiter, die aus dem Erez-Industriegebiet kommen – weniger als 100 in einem Gebiet, das für tausende gemacht war – und dann stehen wir und warten eineinhalb Stunden lang am palästinensischen Ende des Kontrollpunkts, wo ein Gangster, der eine riesige goldgeränderte Sonnenbrille auf seiner langen Nase balanciert, eine Ladung Autos aus Israel einführt. Ein großkalibriges israelisches Gewehr fängt an zu schießen und pumpt presslufthammerartig Salven in die Felder.

„Nachtfeuer“, erklärt mein Gefährte. „Sie halten die Läufe warm.“ Als ich durch die Dunkelheit stapfe, was wie der Tunnel erscheint, der zurück nach Israel führt, komme ich an zwei arabischen Jungs vorbei, die sich um Geld streiten. „Du hast drei Schekel gestohlen“, sagt der eine. „Ich bin kein Dieb!“, antwortet sein Freund. Am nächsten Abend greift eine Selbstmordeinheit den Wachposten an und drei Angreifer sterben. Als ich nach Gaza zurückkomme, ist alles beim Alten, außer einem 3 Meter tiefen Loch und einen neuen Haufen Schutt.

Die Profis

Ohne die formelle Polizeistaat-Struktur, die im Irak existierte und immer noch in Syrien existiert, kann die Realität des palästinensischen sozialen und politischen Lebens unter Arafat am besten nicht als totalitär, sondern eher als eine extreme Form des politischen Rassismus beschrieben werden, in dem Millionen Menschen zu Spielsteinen im Fantasieleben des Mannes reduziert wurden, von dem sie nach ihrer Erziehung her als von ihrem Vater denken. Ihre Bereitschaft dem Alten Mann zu folgen, kann als Maß seines Charisma lesen, als seine Fertigkeit in der Manipulation der Menschen, der Tiefe der palästinensischen Verzweiflung oder der großen Krankheit der arabischen Politik. Und doch ist es auch Fakt, dass Arafat nicht länger als ein paar Monate überlebt hätte ohne die Männer seines Sicherheitsdienstes, die Informanten einschleusen und abschöpfen, Verhöre durchführen und die riesigen Lager an Informationen führen, die die Grundlage seiner Herrschaft waren.

Das neue Hauptquartier von Tawfiq Tirawi, Arafats Lieblings-Spion, liegt in einem PA-Gebäude in Ramallah; das Schild außen verkündet eine Verbindung mit dem Ministerium, das Bauvorhaben handhabt. Der Parkplatz wird durch Männer in Uniform bewacht. Ich werde rasch in das Gebäude geführt, wo eine Wache meinen Pass nimmt, bevor er mich zum Aufzug gehen lässt. Ich fahre in Begleitung zweier Wachen hoch; diese lassen mich auf einer Etage des Gebäudes hinaus, die leer zu sein scheint. Eine der Wachen öffnet eine Tür und führt mich einen Flur hinunter bis zu einem offenen Raum voller Frauen, die an Computern sitzen, wo mir ein Stuhl angeboten wird. Ein Papagei tönt in der Ecke, während eine junge Frau in sorgfältigem Makeup und strahlendem Hijab Daten in einen brandneuen Computer tippt. Das äußere Büro des Meisterspions ist leise und gut geführt und zeigt wenig Anzeichen des Baus goldener Brücken und Platzhirschverhaltens, die die öffentlicheren Amtsfunktionen der PA charakterisieren.

Tirawis Titel zu Arafats Lebzeiten war „Kopf des Allgemeinen Geheimdienstes in der Westbank“. Während der Generalsekretär der Fatah in der Westbank, Marwan Barghouti, die Intifada im Feld führte, leistete Tirawi die professionelle Planung und den Stab, der zum Beginn der Terroranschläge nötig war, mit denen Hunderte israelische Zivilisten getötet wurden und erhielt detaillierte Berichte über die involvierten Einzelpersonen und Organisationen über ein Netzwerk, das sein Stellvertreter Hadsch Ismail Jabir leitete.

Nach einer halben Stunde Wartens werden mein Übersetzer und ich einen langen Korridor hinab geführt, durch eine Sicherheitstüre hindurch und durch einen fensterlosen Konferenzraum, der mit brandneuen Büromöbeln gefüllt ist, die noch wie Fötusse im Mutterleib von Plastiksäcken eingehüllt sind. Wir gehen durch eine Sicherheitstür in ein weiteres leeres Büro und dann durch eine zweite Sicherheitstüre, die sich in ein stilles, mit Licht gefülltes Büro öffnet, wo Tirawi an seinem Schreibtisch sitzt und sanft in ein Handy spricht. „La, la, la, la, la“, antwortet er und nickt zustimmend mit dem Kopf.

Tawfiq Tirawis Schmerbauch ist über die Jahre seiner Beschränkung auf die Mukata etwas größer geworden; er ist ein ruhig, meditativ und spricht mit der unaufgeregten, nachdenklichen Stimme eines professionellen Fragestellers. Er ist gut gekleidet, trägt teure, legere europäische Kleidung – einen weißen Kaschmirpullover unter einer braunen Jacke und Wollhosen, die bis zum Magen hoch reichen. Sein schwarzes Haar ist von Grau durch zogen. Er spricht mit knapp unter seinem Brustbein über der Schnalle seines braunen Gucci-Ledergürtels zusammengeführten Händen. Abu Ammar, erklärt er, war ein “Abqari“, ein Genie, das nach kleinen Details dürstete.

„Hier oben hatte er einen Computer“, sagt er und tippt mit dem Zeigefinger an seinen Kopf, als ich ihn frage, welche Art von Details sein Meister besonders gern wusste. „Alle Informationen“, sagt er. „Einschließlich der persönlichsten Informationen. Und nicht nur bezüglich politischer Rivalen, sondern von jedem – er liebt es diese Art persönlicher Informationen zu wissen.“

Unsere Unterhaltung wird von dem sanften Klingelton seines Handys unterbrochen und Tirawi spricht eine Zeit lang, wobei er klare, einfache Anordnungen gibt. Arabische Schlagzeilen laufen in aller Stille auf einem großen Fernseher, der auf al-Jazira eingestellt ist. Nach ein paar Minuten kehrt er zu unserer Unterhaltung zurück. Er war neunzehn oder zwanzig, als er den Alten Mann erstmals traf, auf einer Guerillabasis in Jordanien. Der Alte Mann hatte nur zwei Anzüge: „Und er hatte zwei Keffiyen“, fügt Tirawi hinzu. „Manchmal trug er eine der Keffiyen um den Hals, besonders im Winter, wenn es sehr kalt war. Aber er hatte sich daran gewöhnt, deshalb begann er sie dann im Winter wie im Sommer auf dem Kopf zu tragen. Er benutzte nie Eau de Cologne.“

Ich bitte Tirawi die Art zu beschreiben, in der Arafat mit seinen politischen Verbündeten und seinen Rivalen in der palästinensischen Nationalbewegung umging.

„Oftmals war dies bei den Mitgliedern des Exekutiv-Komitees der Eindruck, den er ihnen gab – dass er ihr Vater war, selbst wenn sie älter waren als er“, sagt Tirawi. „Er hatte diese beiden wichtigen Positionen: der Vater zu sein, jeden in den Arm zu nehmen und sie um sich zu versammeln; und dann, wenn es an der Zeit war eine Entscheidung zu treffen, war er der Führer. Manchmal war er wütend auf jemanden und er sagte etwas, dass sie verärgerte, aber dann, am nächsten Tag, kam er zu ihnen, küsste sie und sagte, es tue ihm leid und vermittelte ihnen den Eindruck, dass er sich bei ihnen entschuldigte.“

Als ich Tirawi frage, wie die zweite Intifada begann, leugnet er zuerst, dass Arafat verantwortlich war. „Es war eine Volksbewegung, weil Israel die Vereinbarungen nicht respektierte“, sagt Tirawi. Als ich ihn weiter bedränge, sagt er, dass es in der Tat eine Entscheidung gab einen Krieg gegen die Israelis zu beginnen. „Nachdem Dutzende Palästinenser von der israelischen Armee getötet worden waren – das war, wie es begann“, sagt Tirawi, indem er seine ursprüngliche Aussage erweitert. „Anfangs der Intifada gab es keinerlei Gebrauch von Waffen. Erst nachdem – sogar nachdem 100 Palästinenser getötet worden waren, gab es nicht eine Kugel. Danach gab es eine Entscheidung. Aber erst, nachdem mehr als 100 Palästinenser getötet wurden.“

Nachdem er sich selbst unter bunkerartigen Umständen in der Muqata eingerichtet hatte, drückte Arafat reichlich Frust wegen der mangelnden Unterstützung durch arabische Führer aus, die rituelle Huldigungen der Gerechtigkeit der palästinensischen Sachen gegenüber abgaben. „Viele Male drängte er die arabischen Führer dazu aktiv zu werden, nicht zu warten, besonders wenn er belagert wurde“, erinnert sich Tirawi mit seiner weichen Stimme, während die Sonne durch Spiegelglas-Scheiben strömt, die die Hügel um Ramallah überblicken lassen. „Er betrachtete diese arabischen Führer mit großer Bitterkeit, weil sie unfähig waren; sie konnten nichts tun.“

Als ich Tirawi bitte Arafats größten Fehlschlag zu benennen, ist er offen: „Er hat seinen Traum nicht verwirklicht und den Traum seines Volkes einen Staat zu gründen.“

Die Mitglieder der jungen Garde der Fatah, die ein gewisses Maß an realpolitischer Macht an Arafats Hof erzielten, waren die Köpfe der Sicherheitsdienste in der Westbank und Gaza, Jibril Rajoub und Mohammed Dahlan. Beide Männer waren in Tunis Arafat sehr nahe gekommen, nachdem sie von den Israelis während der ersten Intifada in den 80-er Jahren deportiert wurden. In den 90-er Jahren schmiedeten beide Männer enge operative Verbindungen zur CIA. Die damalige Theorie war, dass die USA und Israel Hilfe benötigten, um Arafats Sicherheitsdienste auszubilden und zu stärken, damit der Palästinenserführer gegen die Hamas und den Islamischen Jihad vorgehen könnte. Rajoubs Beziehung zur CIA ging 2001 zu Ende, als ein explosives Geschoss das Badezimmer seines schwer gesicherten Lagers beschädigte, von dem die Israelis sagten, es werde als Versteck für Terroristen benutzt. Die Israelis rissen dann das Lager ab.

Mohammed Dahlan, auch bekannt als Abu Fathi, ist der Kronprinz von Gaza. Gut gebaut und Mitte Vierzig hat Dahlan eine leichte, mächtige physische Präsenz, die Autorität und eine nicht unbeträchtliche Menge Egoismus und Eitelkeit ausstrahlt. Wo Rajoub wie ein Oberst in Zivil aussieht, ist Dahlan ein rehäugiger Modegeck. Sein Haar hat vorne eine Welle wie bei einem ägyptischen Popstar. Dahlan wird weithin als die Macht hinter der Regierung von Mahmud Abbas und oberster Warlord der Palästinensergebiete angesehen. Er ist das A und O der Hoffnungen der Regierung Bush für Demokratie in der palästinensischen Autonomie. Als ich auf seiner Etage im Grand Park Hotel in Ramallah ankomme, werde ich von einem Bodyguard in Empfang genommen, der mit an drei bewaffneten Männern vorbei in Dahlans Zimmer führt. Heute trägt er Krokoleder-Schuhe, einen seidenen Pullover, einen Gucci-Blazer und eine große Rolex-Uhr. Neben dem Sofa, auf dem er sitzt, befindet sich ein Stapel arabischer Übersetzungen von Artikeln der führenden Zeitungen aus aller Welt. Dahlan, der Arafat von Abu Jihad in Bagdad vorgestellt wurde, ist zufrieden, dass ich den Namen seines Mentors kenne.

„Als wir Abu Jihad verloren, verloren wie das politische Know-how“, sagt er. „Mit Abu Iyad verloren wir die Kreativität und Fertigkeit Meinungen zu bilden.“ Dahlan nimmt einen Schluck seines Tees und lehnt sich nach vorne. „Ich glaube, dass das innere Leben der palästinensischen Nationalbewegung viel komplizierter wurde, als Abu Jihad und Ab Iyad starben, denn wir hatten nur eine Person, die die Verantwortung hatte“, erklärt er. „Wenn du mit Abu Ammar nicht überein stimmst, dann bist du auf der Seite der Juden. Vorher war es so, dass es, wenn du gegen Abu Ammar opponiertest, du auf der Seite von Abu Jihad oder Abu Iyad sein konntest.“

Wie Rajoub, der Arafat in Tunis nahe stand, war Dahlan über die Ignoranz der Palästinenserführung gegenüber den tatsächlichen Bedingungen in den Gebieten und der Natur des israelischen Staates entsetzt. „Es war ein furchtbarer Schock“, sagt er. „Sie wussten gar nichts, nichts Wesentliches, weder die Details noch die wichtigen Aspekte der Lage. Weil ich Abu Jihad gewöhnt war, der selbst die kleinsten Details darüber kannte, wer in welchem Flüchtlingslager wer war, in jeder Schule, an dieser Universität, in der Bir Zeit-Universität, im Jabalya-Flüchtlingslager, nahm ich an, dass der Rest wie er war. Als ich nach Abu Jihads Tod an die Spitze kam, erkannte ich, dass sie nichts wussten. Ich war erstaunt und ich wurde traurig.“

„Arafat ist dein Freund, so lange du aus seiner Sicht für ihn keine Bedrohung oder ein Wettbewerber bist“, sagt Dahlen. In Arafats letztem Lebensjahr, fügt er hinzu, kühlte die Beziehung zwischen ihnen ab. „Es bist nicht du, es ist keine Logik“, erklärt er. „Manchmal bekam er Angst vor dir. Er wurde eifersüchtig auf dich. Du weißt nicht warum. Es fängt einfach so in seinem Kopf an, durch die Leute, die um ihn herum sind“, sagt Dahlan, lehnt sich nach vorne und spritzt ein die Atemwege frei machendes Spray aus einer weißen Plastikflasche in seine Nase.

„Mit ihm zu arbeiten ist generell nicht einfach, selbst für Leute wie mich“, fährt Dahlan fort. Mit Kommentaren, wie sie mir Tirawi und Rajoub bereits gaben, malt er das Bild eines hoch emotionalen Mannes, der ein Experte der Manipulation der Menschen seiner Umgebung war, aber auch anfällig für die Manipulationen seines Hofes war.

„Oftmals ist er wie ein Kind“, erinnert sich Dahlan. „Manchmal schreit er oder schluchzt und ein anderes Mal ist er sehr ruhig. Ich erinnere mich wie er lacht, wenn wir ihm Witze erzählten, besonders wenn wir zusammen im Flugzeug waren. Ich erinnere mich an ihn, wie er wütend war, besonders während der Wahlen, den Verhandlungen, wenn er etwas plante. Er hatte hoch verfeinerte menschliche Emotionen, war sehr sensibel. Er ist sehr scheu – vielleicht ist das etwas, was sie schocken wird. Jedes Mal, wenn jemand mit einem Wunsch kam, wollte er ihn erfüllen. Das schaffte uns Probleme.“

In einem Fall, noch früh im Oslo-Prozess, sagte Dahlan, erinnert er sich mit Arafat allein gewesen zu sein, als Premierminister Rabin den Palästinenserführer anrief und einen Schlüsselpunkt in der Oslo-Vereinbarung ändern wollte. Arafat stimmte auf der Stelle zu.

„Er glaubte, er sei auf dem Fischmarkt“, fügt Dahlan hinzu.

Mein Übersetzer N. fragt, ob der die jüngste Kommentar-Schlagzeile in der Zeitung Al-Ayyam sah, die sagte: „Arafat trifft Entscheidungen aus dem Grab.“

„Das ist Scheiße und Müll“, sagt Dahlan.

Als ich ihn nach seinem letzten Urteil zu Arafats Fehlern frage, reagiert er offen abschätzig.

„Er managte die Beziehung zu den USA, wie er die Beziehungen zu den arabischen Ländern und den Staaten der Dritten Welt managte“, beginnt Dahlan. „Zweitens unterschied er nicht zwischen einer persönlichen Beziehung und einer politischen.“ Dahlan macht eine pause, bevor er die Liste vervollständigt. „Das Dritte, was auch wichtig ist: Er glaubte, er sei so mächtig wie die Juden in den USA. Er überschätzte sich selbst. Aus meiner Sicht liegen meine Interessen bei den USA. Meine Pflicht ist ein Interesse der USA an mir zu schaffen, damit sie mir nützlich sind.“

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In einem ruinierten Land – Wie Yassir Arafat Palästina zerstörte (1/5)
In einem ruinierten Land – Wie Yassir Arafat Palästina zerstörte (2/5)
In einem ruinierten Land – Wie Yassir Arafat Palästina zerstörte (3/5)
In einem ruinierten Land – Wie Yassir Arafat Palästina zerstörte (5/5)

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