In einem ruinierten Land – Wie Yassir Arafat Palästina zerstörte (5/5)

David Samuels, The Atlantic Monthly, September 2005 (Fortsetzung)

Die Israelis

In den folgenden Wochen lasse ich meinen Übersetzer sausen und reise nach Tel Aviv für offizielle und inoffizielle Treffen mit derzeitigen und früheren hochrangigen israelischen Beamten, darunter Offiziere der verschiedenen Geheimdienste, die Abmachungen mit Arafat hatten. Die Israelis wie die Palästinenser kennen ihren Feind gut. Sie teilen auch anderes, so ihren Geschmack für Inneneinrichtungen. Während eines Treffens in Kirya, dem Hauptquartier des Armeekommandos im Zentrum von Tel Aviv, bemerke ich, dass die Sicht aus dem Eckbüro meines Gastgebers ähnlich der aus dem Büro von Tawfiq Tirawis Büro ist. Wieder ist der Fernseher auf Al-Jazira eingestellt, der Ton abgestellt. Beim Umsehen im Raum bemerke ich ein Bild der Omar-Moschee über den Mauern Jerusalems. Es ist fast dasselbe Büro, sage ich meinem Gastgeber, der entschuldigend lächelt. „Aber meine Aussicht ist schöner“, sagt er. „Ich sehe den Ozean.“

Ein derzeit hochrangiger Offizier des israelischen Geheimdienstes: „Lass Sie mich eine Geschichte erzählen. 1997 war Arafat unglücklich mit Netanyahu, also entschied er sich im März für das, was wir das grüne Licht für die Wiederaufnahme von Anschlägen nennen. Seit Anfang 1996 stand das rote Licht. Also traf er sich mit der Hamas-Führung und sagte etwas über die Tatsache, dass sie sich immer im Heiligen Krieg befinden. Hamas kam aus diesem Treffen und sie waren nicht sicher, ob Arafat wirklich meinte sie sollten die Anschläge wieder aufnehmen. Also baten sie ihn um ein Zeichen. Er entließ Ibrahim Maqadma aus dem Gefängnis. Die Geschichte mit Maqadma ist, dass er für die geheime Hamas-Zelle verantwortlich war, die dafür zuständig war Arafat loszuwerden. Durch seine Entlassung gibst du ihnen grünes Licht. Am 21. März 1997 führten sie den Anschlag auf das Café in Tel Aviv aus. Das meinen wir mit dem grünen Licht für Terror.“

Ein ehemaliger Leiter des israelischen Sicherheitsdienstes, der sich oft mit Arafat traf: „Er akzeptierte, dass er zu seinen Lebzeiten nie einen palästinensischen Staat sehen würde, der das Land jenseits der Grenzen von 1967 einschließen würde. ‚Zu seinen Lebzeiten’ ist auf unserer Seite ebenfalls ein Schlüsselausdruck. Wir glauben auch, dass alles Land uns gehört. Wenn die Palästinenser schwach genug wären, würden wir Hebron und Nablus nehmen und dort für immer bleiben, weil das das biblische Herzland Israels ist. Arafat wachte jeden Tag auf und überlegte, was heute möglich ist. Das ist das Kennzeichnen eines Pragmatikers. Als die Intifada kam, ritt er auf diesem Pferd. Ich pflegte meinen Leuten zu sagen: Nur weil ihr einen Mann auf dem Rücken eines Pferdes seht, heißt das noch nicht, dass er dem Pferd auch sagt, wohin es laufen soll.“

Amos Gilad, Chef der Recherche-Abteilung des israelischen Militärgeheimdienstes während der ausgehenden 1990-er Jahre, schrieb einen streng geheimen Bericht mit dem Titel „2000, das Jahr der Entscheidung. Der kommende Terrorkrieg gegen Israel“. Er sagt: „Er liebte Rauch und Blut und Trümmer. Da fühlte er sich am wohlsten. Er glaubte, dass Israel eine vorübergehende Erscheinung sei. Von ihm als Pragmatiker zu reden ist Unsinn von sich geben. Sein Ziel war unsere Vernichtung und er hätte es beinahe geschafft. Er wollte sein Pferd bis in den Himmel reiten.“

Der ehemalige Premierminister Ehud Barak ist eine einzigartige Figur des politischen Lebens in Israel, denn er wird von der Linken wie der Rechten gleichermaßen gehasst. Die Israelis hassen Barak, weil er ihren Traum zerstörte. Barak zerstörte den Traum von Großisrael, indem er anbot ganz Gaza und bis auf einen einstelligen Prozentsatz die Westbank aufzugeben und Jerusalem zu teilen. Barak zerstörte den Friedenstraum, indem er es verfehlte in Camp David eine Einigung mit den Palästinensern zu erzielen. Als der höchst dekorierte Kriegsveteran der Geschichte des Staates Israel ist Barak der verlorene Sohn, der Führer, dem es sich 1999 mit hohen Erwartungen zuwandte und von dem es die bittere Ernte der al-Aqsa-Intifada bekam. Die Volksmeinung zu Barak wird am besten durch einen Witz der israelischen Comedysendung „Eretz Nehederet“ (Ein wundervolles Land) zusammengefasst. „Nach der Auftauchen von Heuschrecken in Südisrael in dieser Woche“, intonierte der Sprecher der Show, „ermahnen Experten die Öffentlichkeit nach Wesen Ausschau zu halten, die auftauchen, alles verwüsten und schnell wieder weg sind.“ Die Kamera wechselt dann auf ein Bild von Barak.

Ich treffe Barak in einem Kaffeehaus namens Aroma in Tel Aviv. Baraks Leibwächter kommt früh und bitten mich an einen anderen Tisch zu wechseln, damit er Barak nahe am Ausgang unterbringen kann, mit dem Rücken gegen eine solide Steinwand, nach draußen blickend. Als Barak ankommt, bittet er mich die Plätze zu tauschen, damit er sich so setzen kann, dass er sich mit dem Gesicht zur Wand setzen kann. Noch nicht bequem genug, legt er seine Füße auf einen Stuhl. Barak ist ein fließend Erzählender, auch ein klassischer Pianist, begabter Mathematiker und Amateur-Mechaniker, der sich gerne damit entspannt Sachen auseinanderzunehmen und sie wieder zusammenzubauen. Seine wachen, fragenden Augen und aktive Erscheinung sitzen in einem runden Gesicht, das den Ansatz eines Doppelkinns trägt.

Es gibt eine Denkschule, die Arafats persönlichen Hass auf Barak für die Intifada verantwortlich macht. Als ich sie Barak gegenüber ausprobiere, tut er die Idee als irrational ab; aber während wir reden ist nicht schwer zu erkennen, warum ihn so viele Leute beunruhigend finden. Barak hat zwei ausgeprägte und widersprüchliche Persönlichkeiten. Er vereint die hyperaktive, die Sache angehende Art des klügsten 10-Jährigen des Planeten mit einer kalten, analytischen Art Ereignisse zu beschreiben, die an den Computer HAL in Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltall“ denken lässt. Oslo, so glaubt Barak, war ein politisches Abenteuer, auf das Rabin sich einließ, der Arafat misstraute, aber die strategische Notwendigkeit sah eine politische Einigung mit den Palästinensern zu erzielen.

„Was uns die ganze Zeit durch den Kopf ging, war: Wenn man sich weiter auf eine vulkanartige Explosion der Gewalt zu bewegt, als Ergebnis der Unfähigkeit die Herrschaft über die Palästinenser eine weitere Generation lang auszudehnen, könnten das mit einer Tragödie enden“, sagt Barak. Er zieht am Kragen seiner Windjacke. Er erinnert sich an ein Treffen zu Beginn der ersten Intifada, das Rabin leitete und in dem das israelische Verteidigungs-Establishment die Art der Rebellion und die Reichweite zur Verfügung stehender Lösungen diskutierte.

„Wir hatten eine Klausur von vielleicht 30 Leuten – die höchsten Würdenträger des Verteidigungsministeriums – mit Rabin und er brachte einige Akademiker mit, um darüber zu reden, was sie glaubten was sie sahen“, erinnert sich Barak. „Die erste Intifada war damals zwei Wochen alt. Und dann gab es eine brillante Präsentation von Professor Shamir; er sprach über die 50 Präzedenzfälle im letzten Jahrhundert solcher Ereignisse. Er sagte, dass durch die Geschichte hindurch nur drei Strategien nahe daran waren Erfolg zu haben. Keine ist für unseren Fall relevant. Die Strategien waren Ausrottung, Verhungern lasse und Massentransport. Wir waren Ziel von Ausrottung, wie auch die Armenier, aber das funktionierte nicht. Biafra solle ausgehungert werden und funktionierte nicht. Und er analysierte, was passieren würde – das ist eine brillante, kurze Präsentation.“

Als Chef des IDF-Generalstabs und später als Minister in Rabins Kabinett sprach Barak mit dem Premierminister sehr oft über die Probleme mit den Oslo-Vereinbarungen; er sagt: „Viele Male habe ich Rabin gefragt: Warum hast du dies oder das aufgegeben? Und er sagte: ‚Weißt du, Ehud, wir haben noch genug Spielraum. Es wird unweigerlich der Punkt kommen, dass wir unsere Entscheidung treffen müssen.’ Selbst damals lasen wir Arafats reden vor anderem Publikum, in Johannesburg und andernorts, wo er sagte: ‚Erinnert euch an die falsche Hudna’“, sagt Barak mit Bezug auf einen Täuschungs-Vertrag, den der Prophet Mohammed einging. Als er Premierminister wurde, sagt Barak, fand er, dass eine gewalttätige Explosion unmittelbar bevor stand und die strategische Lage war für Israel nicht günstig.

„Ich hatte mein ganzes Erwachsenenleben das Gefühl, dass Israel nach 1947 niemals irgendein operationelles oder militärisches Ziel erreichen konnte, wenn nicht zwei Vorbedingungen erfüllt waren“, erklärt er. „Die eine, dass wir vor der Welt die moralische Überlegenheit hatten, die andere, dass wir unsere innere Einheit beibehielten. Das war 1947 genau deshalb der Fall, weil Ben-Gurion bereit war einen fast unmöglichen internationalen Plan zu nehmen, ihm zuzustimmen und die Palästinenser ihn ablehnten. Nur die Tatsache, dass Ben-Gurion ihn akzeptierte, ermöglichte es Israel die Ergebnisse des Krieges 57 Jahre lang zu halten.“

„Acht Jahre später marschierten wir durch den Sinai“, fährt er fort, „und es dauerte drei Wochen, bis Ben-Gurion hinaus geworfen wurde, nachdem er seine messianische Ankündigung über die Gründung des Dritten Königreichs Israel vor der Knesset macht. 1967 eröffneten wir das Feuer, aber die Welt nahm es so wahr, dass man versuchte uns zu erwürgen und wir hatten damit die moralische Überlegenheit und die innere Einheit. Im Libanon verletzten wir diese Grundsatzregel und wir waren nicht in der Lage zu halten, was wir genommen hatten. Ich hatte das Gefühl, wenn wir nicht ziemlich schnell diesen Augenblick der Wahrheit schaffen würden, bevor Bill Clinton aus dem Amt ging, dann würden wir einen Ausbruch haben und Israel dafür verantwortlich gemacht werden.“

Ich erwähne gegenüber Barak, dass Yigal Carmon, ein ehemaliger israelischer Nationaler Sicherheitsberater und jetzt Leiter von MEMRI, einer führenden Quelle für Übersetzungen der arabischsprachigen Medien ins Englische, mir mehrfach von einem Treffen mit Barak erzählte, bevor er nach Camp David ging um Arafat sein historisches Friedensangebot zu machen. Jedesmal, wenn sie sich trafen, sagt Carmon, drängte Barak ihm die Frage auf, ob Arafat das Angebot akzeptieren würde. Jedes Mal sagte Carmon, dass aufgrund der Reden, die Arafat auf Arabisch gab, der Palästinenserführer darauf bestehen würde, dass die Israelis die Altstadt von Jerusalem übergeben, damit diese als palästinensische Hauptstadt diene.

Selbst für säkulare Israelis ist die Vorstellung der Abgabe des historischen Zentrums Jerusalems an arabische Herrschaft einfach undenkbar. Um die strategische Bedrohung zu entschärfen, die der palästinensischen Anspruch auf Jerusalem darstellt, mussten die Israelis ein kontrolliertes Szenario aufbauen, in dem sie als Friedensmacher da stehen würden, während Arafat durch seine Rhetorik der Ablehnung ihre großzügigen Angebot eines Staates gebunden sein würde. Es konnte keinen besseren Zeremonienmeister für eine solche Demonstration geben als Bill Clinton, den amerikanischen Präsidenten, der Arafat und Rabin 1993 auf dem Rasen des Weißen Hauses zusammenbrachte. Mit dieser Darstellung zumindest können Berichte über Baraks unfreundliches Verhalten in Camp David durch den Fakt erklärt werden, dass der israelische Premierminister hoffte sein Friedensvorschlag würde fehl schlagen. [Ich halte diese Interpretation für falsch und einen Versuch die Schuldfrage ausschließlich zum Nachteil Israels zu beantworten. Wenn Barak ein kontrolliertes Szenario schaffen wollte, dann um Arafat und den palästinensischen Staat zu verpflichten und dafür zu sorgen, dass der palästinensische Staat sich an Verträge halten statt wie in der Oslozeit zu agieren: keinerlei Abmachungen einzuhalten. Die folgenden Schlussfolgerungen empfinde ich schon als üble Nachrede.]

Viele Israelis tun die Vorstellung ab, das Baraks Angebot an Arafat in Camp David Teil eines großen Plans war. Dennoch sollte man über die Folgen nachdenken: Der Premierminister Israels benutzte einen amerikanischen Präsidenten, um wissentlich einen riesigen diplomatischen Fehlschlag zu schaffen, der das internationale Prestige der USA beschädigte, um sein Land aus den Folgen von Oslo zu ziehen.

„Lassen Sie mich einen Punkt vervollständigen“, sagt Barak. „Stellen Sie sich zwei Feuerwehrmänner vor, die beide losrennen um ein Zweifamilienhaus vor einem Feuer zu retten. Der andere Feuerwehrmann ist bereits hoch ausgezeichnet mit einem Friedensnobelpreis. Und die ganze Zeit weißt du nicht, ob er Feuerwehrmann oder Pyromane ist. Und du musst beide Möglichkeiten einplanen.“ Er legt eine Hand auf die andere und dann beide flach auf den Tisch.

„Also ja, ich empfand die strategische Notwendigkeit diesen Augenblick der Wahrheit zu schaffen, vor dem Ausbruch und bevor Clinton aus dem Amt ging.“

Arafats Kinder

In einem schwarzen Kleid und einer modischen weißen Jacke stand Arafats dunkelhaarige, neunjährige Tochter Zahwa bei ihrer Mutter Suha und sah zu, wie der Sarg ihres Vaters in ein Flugzeug geladen wurde. „Weine nicht, Zahwa“, intonierte der ägyptische Fernsehsprecher, als die Szene in Kairo am Tag von Yassir Arafats Beerdigung ausgestrahlt wurde. „Dein Vater weinte nie. Er war ein Mann der Geduld und der Ausdauer.“ Die Presse war natürlich erpicht darauf einen Blick des kleinen Mädchens zu erhaschen, die das Vermögen des Palästinenserführers erben könnte. Aber Zahwa war nicht Arafats einziges Kind. Seit den frühen 1970-ern hatte Arafat eine Reihe Waisenkinder adoptiert, zahlte für ihre Schulen und übergab sie bei ihren Hochzeiten. Aus Arafats weit verstreute Nachkommenschaft war diejenige, der er vermutlich am nächsten stand, Raeda Taha, die er adoptierte, als sie acht Jahre alt war, nach dem Tod ihres Vaters, des PFLP- und Schwarzer-September-Terroristen Ali Taha.

Raeda ist eine lebhafte Frau Anfang vierzig mit einer tiefen Raucher-Stimme, hat scharfe Gesichtszüge, die hübsch oder hässlich sein könnte, ein leicht zurückgezogenes Kinn und große, schöne Augen, die sich sehr vorteilhaft von ihrem weißen Pelzmantel und den Diamant-Ohrrigen abheben. Während er Operation Schutzschild im Jahr 2002, als sie in Ramallah lebte, entschied sie sich ein Buch über ihren Vater zu schreiben, der am 8. Mai 1972 mit drei Komplizen Sabena-Flug 517 von Brüssel nach Tel Aviv entführte und von einem Sturmtrupp unter dem Kommando von Ehud Barak erschossen wurde.

„Mir ist egal, ob er für Palästina oder irgendetwas anderes starb“, sagt Raeda, als ich sie an einem regnerischen Abend in einem Restaurant in Ramallah treffe. „Er sah wie ein Filmstar aus“, erinnert sie sich. „Weiße, perfekte Zähne und strahlende Augen. Er war sehr jung.“ Als Kind wusste Raeda, dass die Männer, die unauffällig in die Wohnung ihrer Eltern in Westbeirut kamen um Tee zu trinken, wichtige Gäste waren, die zu einer Geheimwelt gehörten.

„Ich erinnere mich, dass meine Mutter die Tür öffnete und ich heimlich ein wenig raus lugte um zu sehen, wer sie waren“, sagt sie und nennt einige bekannte internationale Terroristen der 1970-er Jahre. „Ich erinnere mich an Carlos“, sagt sie – den Terroristen, der als „Schakal“ bekannt war und jetzt in einem französischen Gefängnis residiert. „Er spielte ein wenig mit uns. Wadi Hadad kam oft.“ Wadi Hadad war der Erfinder der Flugzeugentführungen als politischem Mittel; sein Bruder Isad war der Eigentümer der exklusiven Mädchenschule, in die Raeda in Beirut ging.

An dem Tag, an dem Ali Taha zu seiner letzten Reise aufbrach, umarmte er seine Töchter zum Abschied und versprach seiner Frau, dass dies seine letzte Reise ins Ausland sein würde. Als ihre Mutter die Nachricht hörte, dass ein Flugzeug auf dem Weg nach Tel Aviv entführt worden war, rief sie den Führungsoffizier bei der PFLP an und bekannte ihre Befürchtungen: „Und er sagte ihr: ‚Nicht in deinen schlimmsten Träumen. Geh einfach wieder schlafen.’“ Am nächsten Morgen sah Raeda das Bild ihres Vaters auf der Titelseite der Zeitung und brachte es dem Aufseher ihrer Schule.

„Ich klopfte an die Tür und ging hinein und hatte die Zeitung hinter meinem Rücken und sagte ihm: ‚Herr Hassan, guten Morgen. Ich möchte Sie etwas fragen. Was bedeutet Schahid?’ Und er sagte: ‚Warum fragst du mich das?’ Ich sagte ihm: ‚Sagen Sie mir einfach, was das bedeutet.’ Er sagte: ‚Jemand, der für sein Land stirbt.’“ Raeda ging nach Hause, wo sie feststellte, dass ihrer Mutter Beruhigungsmittel verabreicht worden waren. Die Wohnung war voller Leute, die ihr sagten, dass ihr Vater ein Held war, der für Palästina gestorben war.

„Ich kannte die Geschichte auswendig“, sagt sie. „Er tat etwas sehr heldenhaftes, das niemand tun konnte. Ein Flugzeug von einem Ort zum anderen zu bringen war für mich etwas Großes.“ Raeda erinnert sich auch an den Mann, der verkleidet zu ihr nach Hause gekommen war, bevor ihr Vater zu seiner letzten Reise aufbrach.

„Ich fragte meine Mutter als ich etwa 10 Jahre alt war oder neun. Ich sagte ihr: ‚Mutter, ich kenne diesen Mann durch seinen Mund. Er hat diesen großen Mund mit seinen Lippen – du weißt. Sie sagte: ‚Du hast recht.’“ Am dritten Tag nach dem Tod ihres Vaters tauchte der mysteriöse Mann wieder bei ihr Zuhause auf.

„Er rief nach meiner Mutter und er rief nach uns allen und er sagte: ‚Hört mir genau zu, was ich euch jetzt sage. Ich bin jetzt euer Vater und ich werde auf euch aufpassen und ihr müsst euch um nichts sorgen’“, erinnert sich Raeda und nimmt eine weitere Zigarette aus der Schachtel auf dem Tisch. „Er sagte: ‚Diese Kinder sind ab jetzt meine Kinder und ihr Vater ist mein Bruder und was immer ihr in der Nacht träumt bin ich bereit wahr werden zu lassen.’“

Dem Alten Mann nahe zu stehen, war für ein Kind angenehm. Er war klein von Statur und hatte kleine, weiche Hände. Er liebte es Raeda und ihre drei Schwestern zu küssen und mit ihrem Haar zu spielen.

„Euer Vater war ein sehr mutiger Mann“, sagte der Alte Mann. „Er tat etwas für Palästina sehr Gutes. Eure Mutti liebt euch sehr und ich liebe euch sehr und wann immer ihr mich sehen wollte und wann immer ihr etwas braucht, könnte ihr kommen und es mir sagen.“ Er fragte die Mädchen, was sie werden wollten, wenn sie groß sind.

„Ich sagte ihm: ‚Ich will Astronautin werden’“, erinnert sich Raeda. „Er sah mich an; er sagte: ‚Gut, vielleicht.’ Ich sagte ihm: ‚Wie Valentina Tereschkowa.’ Er sagte: ‚Ja. Wenn wir nach Palästina zurückgehen, wirst du vielleicht die erste palästinensische Astronautin.’“

Während ihrer gesamten Kindheit begleiteten Raeda und ihre Schwestern ihre Mutter alle paar Monate und an Geburtstagen in ein schmuddeliges Büro, wo ihr neuer Vater hinter einem Schreibtisch saß, umgeben von seinen Leibwächtern. Als er die Mädchen sah, stand er auf und schnappte aufgeregt nach Luft und kam hinter seinem Schreibtisch hervor. Er griff die vier Mädchen und setzte sich neben sie, küsste sie und fragte, wie sie in der Schule waren. In einem Jahr, am Geburtstag von Raedas Schwester, kam ein Klavier. Als Raeda zum College in die USA ging, zahlte Arafat ihre Studiengebühren. Als sie ihn in Tunis besuchte, fütterte er sie mit Eiskrem und prahlt mit ihren Noten.

Nachdem sie das College abgeschlossen hatte, wurde sie seine Pressesprecherin. Sie aßen oft gemeinsam.

Ihn freute ein wenig Klatsch, gerade so viel um dich wissen zu lassen, dass er so normal ist wie du selbst. Er fragte mich von Zeit zu Zeit: ‚Wie sieht es mit deinem Liebesleben aus?’ Ich sage ihm: ‚Keine Liebe.’ ‚Warum? Das Leben ist nicht schön ohne Liebe, mein Schatz.’ Ich sagte ihm: ‚Das solltest du dir selbst zu Herzen nehmen’“, sagt Raeda und lacht. Sie tippt die Asche von der Zigarette ab. „Er merkte, wenn ich etwas Neues trug.’ Das ist eine neue Tasche. Das ist ein neues Kleid – Ich habe dich das bisher nicht tragen sehen.’ Er mag es sich mit Details zu beschäftigen, dich wissen zu lassen, dass er normal ist. Und er mag es dir Dinge über sich selbst zu erzählen. So wie: ‚Als ich jung war, aß ich nie gerne reheyeh oder okra. Ich mochte diese beiden Gerichte nie. Meine große Schwester, meine älteste Schwester, machte mir immer roheye und okra und ich wurde Freiheitskämpfer, nur um von ihr weg zu kommen.’“ Raeda lacht.

Sie bietet mir eine Zigarette an, die ich in der Hoffnung akzeptiere, dass sie meine Bronchitis beruhigt.

„Ich erzähle Ihnen von den letzten Augenblicken, die ich ihn sah“, sagt sie schließlich. „Er lag so da, wissen Sie, und in seinem Trainingsanzug hatte dieses große Lächeln auf dem Gesicht und als er mich sah, sagte er: ‚“Ah.’“ Raeda seufzt. „Er sagte: ‚Da bist du also. Wie geht es dir, meine Liebe? Ich vermisse dich.’ Seine Hand war weiß. Ich streichelte seine Hand und dann küsste ich sie. Und dann griff er meine Hand mit seine ganzen Kraft und er brachte sie nahe an seinen Mund und küsste sie. Er sagte: ‚Mach dir keine Sorgen. Mir wird es gut gehen. Gestern fühlte ich mich gar nicht gut, aber heute fühle ich mich viel besser.’“

Ich frage sie, wie viele Leute Arafat am Ende seines Lebens besuchen kamen.

„Es kamen und gingen sehr wenige Leute“, erinnert sich sie an den Tag, bevor Arafat Ramallah verließ. „Ich blieb bis 12 Uhr dort und dann sagte ich ihm: ‚Ich wünsche dir eine sichere Reise und ich werde auf dich warten.’ Er sagte: ‚Warte auf mich. Ich werde wieder kommen.’ Ich sagte Auf Wiedersehen und ging und er kam nie zurück.“

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In einem ruinierten Land – Wie Yassir Arafat Palästina zerstörte (1/5)
In einem ruinierten Land – Wie Yassir Arafat Palästina zerstörte (2/5)
In einem ruinierten Land – Wie Yassir Arafat Palästina zerstörte (3/5)
In einem ruinierten Land – Wie Yassir Arafat Palästina zerstörte (4/5)

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