Ich glaube Arafat

Bekenntnis eines israelischen Analytikers des Islam und arabischer Staatskunst:

Dr. Mordechai Kedar, IMRA, 23. Juni 2002

Am 15. Mai 2002 sprach Yassir Arafat zum Palästinensischen Legislativrat in Ramallah. Die Gelegenheit war die 54. Wiederkehr der Nakba („Katastrophe“ Palästinas, womit die Gründung des Staates Israel am 15. Mai 1948 bezeichnet wird). In seiner Rede nahm Arafat Bezug auf die Selbstmordangriffe gegen israelische Bürger und erklärte, dass diese Anschläge „nicht unserer Sache dienen, sondern uns verärgerter Kritik der internationalen Gemeinschaft aussetzen“. Arafat rief den Rat dazu auf, dieses Problem (das ernsthafte Diskussionen unter den Palästinensern und allgemein unter Arabern ausgelöst hat) ausgehend vom „Schlichtungsvertrag von Hudaybiyyah zu betrachten, aus unserer Sorge für die patriotischen und nationalen Interessen unseres [palästinensischen] Volkes und der [arabischen] Nation, um die weltweite Solidarität mit dem palästinensischen Volk und seiner Sache zu stärken.“

Was steckt hinter dieser Bezugnahme auf Hudaybiyyah? Sie übermittelt die folgende, zweifache Botschaft:

  1. „Der Schlichtungsvertrag von Hudaybiyyah“ war eine Vereinbarung , die der Prophet Mohammed im Jahr 628 n.Chr. mit den Ungläubigen seines Stammes, den Quraish, schloss. Er tat das wegen ihrer Weigerung, seiner Gemeinschaft des Islam beizutreten, als er erkannte, dass er sie militärisch nicht besiegen konnte. Als er zwei Jahre später seine Macht gefestigt hatte, griff er das Heilige Mekka an, schlachtete die Männer seines eigenen Stammes ab und verbrannte alle Symbole ihrer heidnischen Kultur.
  2. Der Islam betrachtet die Handlungen des Propheten als religiös gut geheißene Verhaltensmodelle für die Gläubigen. Die autorisierten Sammlungen (Hadithe) der Taten und Verkündigungen Mohammeds gehören zu den wichtigsten Quellen der islamischen Autoritäten jeder Generation für die Entscheidung in religiös-gesetzlichen Fragen. Daher wird die Art, wie der Prophet mit seiner Vereinbarung mit den Quraish umging, als ideales Vorgehen der Muslime betrachtet, wie sie mit Ungläubigen umgehen sollen. Wenn Muslime ihren Willen zur Ausdehnung der Herrschaft des Islam nicht mit Gewalt aufzwingen können, ist es ihnen erlaubt, zeitlich begrenzte Vereinbarungen mit den Ungläubigen abzuschließen. Solche Vereinbarungen sollen gehalten werden, bis Allah ein ausreichendes Anwachsen der muslimischen Macht gewährt. Dann ist es den Gläubigen erlaubt (bzw. sind sie dazu verpflichtet), die Vereinbarung zu brechen und den Ungläubigen die islamischen Bedingungen aufzuzwingen. Warum sonst hätte Allah ihnen die Macht gegeben die Oberhand zu gewinnen?

Mit der Bezugnahme auf Hudaybiyyah meint Arafat genau dies: Jede Vereinbarung mit Israel ist – in seinen Augen – nicht mehr als ein Schlichtungsvertrag im Sinne von Hudaybiyyah. Das ist jedem besonders klar, der die islamischen Quellen liest, am besten in Arabisch. (Internetseiten auf Englisch tendieren dazu, für den westlichen Gebrauch ein eher versöhnliches Bild des Islam zu zeichnen, in dem die islamischen Botschaften umgeschrieben werden.)

Der Beleg dafür liegt in der zweiten Botschaft des Zitats aus Arafats Rede. Selbstmordanschläge sind an diesem Scheideweg nicht als schändlich und unmenschlich verurteilt, sondern in der Schwebe gehalten, weil sie zur Zeit nicht dazu dienen, die palästinensischen Ziele voran zu treiben. Derzeit kann der palästinensischen Sache am besten gedient werden, dass man internationale Verurteilungen vermeidet und um die Ermutigung und Sympathie der Weltgemeinschaft wirbt.

Was meint Arafat damit? Dass Selbstmordanschläge etwas Böses sind und von jetzt an aus dem Arsenal der legitimen Waffen im Kampf gegen Israel entfernt werden sollten? Mitnichten. Wenn überhaupt, dann steigt die Zahl der Rekrutierungen und der Ausbildung der Shahide. Was er für die nahe Zukunft vertritt, ist ein Wechsel des Vorgehens. Verspricht er, keine Selbstmordanschläge mehr zu nutzen? Überhaupt nicht. Erinnert uns seine jüngster Aufruf, von Anschlägen gegen Zivilisten abzulassen, an die Liste seiner gebrochenen Versprechen, die er Rabin (1993), Netanyahu (1996) und in vielen weiteren öffentlichen Erklärungen zwischen 1993 und 2000 abgab? Aber sicher.

Als Studierender der arabischen Politik und als ein Zionist mit persönlicher Beteiligung an den Bemühungen, Frieden und Verständnis zwischen Israelis und Arabern zu fördern, nehme ich Arafat seine Botschaft wirklich ab: Er wünscht sich eine Vereinbarung mit den Israelis zu erreichen, aber, wie er seinen Anhängern verdeutlicht, ist jede Verpflichtung, die Selbstmordanschläge zu stoppen, schlicht eine moderne Variante von Hudaybiyyah. Als solche darf (oder muss) eine solche Verpflichtung in Übereinstimmung mit den islamischen Prinzipien, die die Grundlage der politischen Kultur im arabischen Einflussbereich bilden, zur richtigen Zeit gebrochen werden. Bald, wenn nach seiner Meinung Selbstmordanschläge der palästinensischen Sache wieder hilfreich sein werden, wird Arafat seine Anhänger wieder aufrufen loszuziehen und ihr Leben in Israels Straßen zu opfern („Millionen Märtyrer marschieren nach Jerusalem“).

Wenn Regierungen versuchen, potenzielle Feinde unter den Richtlinien ihrer eigenen politischen Kultur zu verstehen, haben sich große Tragödien in internationalen Angelegenheiten abgespielt. Die Ereignisse des 11. September können als ein jüngeres Beispiel dienen. Israelische Ignoranz islamischer Traditionen und arabischer Kultur haben viele ernste politische und militärische Rückschläge gebracht, vom Überraschungsangriff, der den Yom-Kippur-Krieg auslöste (6. Oktober 1973) bis zum Mangel an Realismus während des gesamten Oslo-Prozesses von 1993-2000. Wir werden nur unter Schmerzen weiterer naiver Träume israelischer und westlicher Politiker fortfahren können die islamischen Traditionen zu missachten – Träume, die völlig losgelöst sind von der Realität des Nahen Ostens, einer Realität, die zunehmend von der islamischen Hand geprägt wird.

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