Niederländischer Filmemacher sucht nach jüdischen Wurzeln

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Mein Vater, Marcel Bregstein, war erfolgreicher Professor für Zivilrecht. Später wurde er Rektor der damaligen Städtischen Universität von Amsterdam. Mein Vater zwang mich Jura zu studieren. Als Jude war er überzeugter Assimilationist. Er starb 1957 infolge eines Sturzes aus einem Hotelfenster in Palermo auf Sizilien.

Ich schloss mein Studium 1957 ab. Danach begann ich Romane zu schreiben. 1962 erhielt ich ein Stipendium für Filmregie und Drehbuch schreiben am Centro Sperimentale di Cinematografia (CSC) in Rom. Mein Diplom erhielt ich 1965.

Philo Bregstein wurde 1932 in Amsterdam geboren. Er lebt seit 1979 in Paris.

Wir blieben den gesamten Zweiten Weltkrieg hindurch in unserem Haus, weil meine Eltern eine Mischehe eingegangen waren. Wir versteckten sogar Juden in unserem Haus. Lange glaubte ich, wir seien durch die Mischehe meiner Eltern von Natur aus beschützt gewesen. Es wurde aber deutlich, dass die Wirklichkeit komplizierter war. Mein Vater musste sich regelmäßig verstecken. Dann gingen mein Bruder und ich zu jemand anderem, um dort zu wohnen.

1943 musste mein Vater in der Nähe von Amsterdam Zwangsarbeit verrichten. Erst später begriff ich, dass er aus verschiedenen Gründen privilegiert war. Da er im Jahr 1900 geboren wurde, lag er oberhalb einer gewissen Altersgrenze. Junge Juden in Mischehen kamen in Arbeitslager und wurden später in Übergangslager in Westerbork und auch weiter in den Osten geschickt.

Die christliche Familie meiner Mutter war nicht frei von Antisemitismus. Sie waren dagegen, dass sie einen Juden heiratete. Gleichermaßen wollten die Eltern meines Vaters nicht, dass er eine Nichtjüdin heiratete. Mein Bruder und ich wurden beide im Krieg niederländisch-reformiert getauft; das klare Motiv war uns vor den Deutschen zu beschützen. Die nichtjüdische Familie auf Seiten meiner Mutter half meinem Vater während des Krieges enorm. Er konnte sich immer verstecken, wenn es notwendig wurde.

Nach dem Krieg hielten sich mehrere jüdische Familien während der Zwischenperiode, als sie aus den Konzentrationslagern kamen und nicht in ihre Häuser zurückkehren konnten, bei uns auf. Ihre Kinder erzählten mir viel von ihren Erfahrungen. In meinen Studententagen sprachen wir nie über den Krieg. So unterdrückte ich viele Jahre alles, was den Krieg und meine Familie anging.

Der Schock des Erwachens kam, als ich ein Buch von Jacques Presser las, der die Geschichte der Verfolgung der niederländischen Juden durch die deutschen Besatzer beschrieb. Es erschien später in englischer Übersetzung mit dem Titel „Ashes in the Wind: The Persecution and Destruction of Dutch Jews“.[1] 1969 trat ich an Presser heran und schlug vor einen Film über sein Leben zu drehen.

1975 wurde ich gebeten anlässlich des 700. Jahrestages des Bestehens der Stadt einen Film über die Juden von Amsterdam zu drehen. Ich zeichnete fast 80 Interviews auf, für die ich von dem Historiker Salvador Bloemgarten gecoacht wurde. Danach bereitete ich aus diesem Material das Buch mit Bloemgarten vor, das später auf Englisch übersetzt als „Remembering Jewish Amsterdam“[2] erschien.

Von 1971 bis 1973 erstellte ich einen Film über den deutsch-jüdischen Dirigenten Otto Klemperer, der sich auch mit der Frage beschäftigte, die Presser aufgebracht hatte: „Wie war das deutsche Volk vom Land der Dichter und Denker in den Abgrund des Nationalsozialismus geraten?“ Ich hatte die größten Schwierigkeiten die Rechte an dem Film zu bekommen. 2013 erhielt sie ich endlich.

Klemperer ist eine faszinierende Persönlichkeit. Er war ein jüdischer Assimilationist, der dem Beispiel seines Mentors Gustav Mahler folgte und römisch-katholisch wurde. 1967 kehrte er zum Judentum zurück. Später dirigierte er in Israel und nahm aus Solidarität die israelische Staatsbürgerschaft an.

In den frühen 1980-er Jahren las ich die vier Teile der Geschichte des Antisemitismus von Léon Poliakov mit derselben Faszination wie für Pressers Buch. 1989 traf ich Poliakov in Paris. Ein paar Wochen später erhielt ich einen Brief von ihm, in dem er mich bat sein Mitarbeiter bei der Verfassung einer Nachkriegsgeschichte des Antisemitismus zu sein. Poliakov war der erste, der systematische Recherche zur hundert Jahre langen Indoktrination des Hasses gegen die Juden unternahm.

Lange Zeit glaubte ich, dass ich wenig oder keine jüdische Familie väterlicherseits mehr hatte. 1991 ging ich auf die Suche nach meinen jüdischen Wurzeln in Litauen und schrieb ein Buch darüber. Seitdem habe ich an einem Buch über meine Familie aus Litauen gearbeitet, die in alle Welt auswanderte. Ich entdeckte auch eine Reihe jüdischer Familienmitglieder, die im Krieg in Litauen getötet worden waren. Ich habe in Yad Vaschem die Einzelheiten über ihr Leben aufgezeichnet.

Auf diese Weise entdeckte ich jüdische Geschichte und gleichzeitig das Judentum. Als Atheist betrachte ich das Judentum immer noch als meine Wurzel. Dass ich nicht als Jude anerkannt wurde, weil nur mein Vater Jude war, hat mich immer geärgert. Beim jüdischen Filmfestival 1986 in San Francisco wurde ich als „der jüdische Filmemacher Philo Bregstein“ vorgestellt, was mich sehr zufrieden stellte. Ich habe mich zunehmend für das Judentum interessiert. Wie sich herausstellte, ist Judentum nicht nur die Quelle von Christentum und Islam, sondern legte auch die Grundlagen für unsere gesamte westliche Ethik.

[1] Der niederländische Titel: Ondergang. De vervolging en verdelging van het Nederlandse Jodendom 1940–1945 lautet ins Deutsche Übersetzt: Untergang. Die Verfolgung und Vernichtung des niederländischen Judentums 1940–1945

[2] Erinnerungen an das jüdische Amsterdam

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