Die Logik der Region

Micah Halpern, 23. März 2004 (direkt vom Autor)

Manchmal ist die „Logik der Region“ – die politisch korrekte Umschreibung, die ich erfunden habe, um „arabische politische Mentalität“ zu sagen – derart absurd und ungeheuerlich, so weit entfernt von westlichem Verständnis, dass ich, wäre es nicht so tragisch, laut auflachen würde.

Hier haben wir ein perfektes Beispiel: Am Wochenende wurde ein zwanzigjähriger Mann aus einem fahrenden Auto heraus angeschossen und ermordet, während er abends in einem Viertel von Jerusalem joggte. Er wurde in den Kopf und den Bauch getroffen; beim Eintreffen im Jerusalemer Hadassah-Krankenhaus wurde sein Tod festgestellt.

Die Al Aksa-Brigaden der Fatah sagten, sie hätten den Anschlag ausgeführt. In einem Zug, der nur als Logik der Region erklärt werden kann, entschuldigten sie sich dann.

Warum entschuldigten sie sich? Weil statt eines „Siedlers“, den sie töten wollten, George Khourie ihr Opfer war, ein christlicher Araber und Sohn eines prominenten palästinensischen Menschenrechts-Anwalts. Nicht nur die Fatah entschuldigte sich; auch Yassir Arafats Büro rief die Familie an und entschuldigte sich – zweimal. Und Arafat selbst rief an und sagte, sie würden die Leute finden, die das getan hatten.

Wenn ein Israeli getötet wird oder auch nur ein Tourist in Israel, dann ist das nach der Logik der Region ein legitimer Terrorakt. Das ist normal und wird erwartet. Und während auch früher schon Araber bei palästinensischen Terroranschlägen getötet wurden, war das zusammen mit Israelis in Bussen oder Einkaufszentren oder am Straßenrand, nie als einziges Opfer. Wenn also ein Araber, ob Christ oder Muslim, als Ziel endet, dann – das wissen wir jetzt – ändern sich die Spielregeln.

Das Verrückte, das Absurde der Lage geht weiter. Nach der Entschuldigung und der Übernahme der Verantwortung für den Tod erklärten die Aksa-Brigaden ihren Fehler damit, dass George „aussah wie ein Siedler“, als mache das das Ganze zu einem ehrlichen und ehrenwerten Fehler. Sie riefen auch nicht nur Georges Eltern an, um ihr Bedauern auszudrücken, sondern sie klebten Plakate und druckten Flugblätter mit ihrer Botschaft.

Und auf diesen Plakaten und Flugblättern erklärten sie, dass George Khourie ein Schahid ist, ein Märtyrer; er ist jemand, der für die Sache starb.

Entschuldigung, aber ist er nicht von Terroristen ermordet worden? Und er wird Schahid? Er wurde ermordet. Wie soll das alles Sinn machen?

So machen die Terroristen Sinn daraus: Sie erklären, dass es eine Verwechslung war. Sie erklären, das sei außerhalb ihrer Verantwortung. Sie erklären, dass sie diesen Fehler wegen den Israelis machten. Sie erklären, dass die Israelis der Grund für den Mord an George sind. Das erklärt, warum George Khourie ein Schahid ist.

So absurd das ist, diese Logik ist nicht so verdreht, wie sie klingt, wenn sie in den Kontext anderen palästinensischen Denkens gestellt wird. In den Augen von Yassir Arafat – und damit aller Palästinenser – ist es z.B. so, dass jemand, der bei einem Verkehrsunfall in Israel oder im Gebiet der Palästinensischen Autonomie umkommt, als Schahid betrachtet wird. Ein Verkehrsunfall. Und jeder, der in einem Feuergefecht zwischen den verschiedenen palästinensischen Fraktionen getötet wird, wird ebenfalls in den Status des Schahiden erhoben. Also war Arafat vermutlich aufrichtig von Stolz erfüllt, als er den trauernden Vater Elias Khourie anrief, um sein Bedauern auszudrücken und den seinem Sohn frisch verliehenen Sonderstatus zu erklären.

Als Westler können wir nie wirklich das Konzept des Schahiden verstehen. In der christlichen und jüdischen Tradition ist ein Märtyrer jemand, der wegen seines Glaubens getötet wird. Nach unserem Denken ist ein Märtyrer jemand, der passiv durch die Hände eines unterdrückerischen Regimes stirbt, das ihm die Erlaubnis verweigert die eigene Glaubensform zu leben.

Für uns kann ein Märtyrer kein Terrorist sein. Ein Märtyrer ist nicht jemand, der unschuldige Menschen tötet und damit Ehre und die Erfüllung seiner religiösen Überzeugungen durch massive Tötungen erhält. Wir nennen so jemanden nicht Märtyrer, sonder Massenmörder.

Ironischerweise könnte in diesem besonderen Fall George Khourie tatsächlich ein Märtyrer sein, einer der wenigen, wirklichen Märtyrer für die palästinensische Sache. Er starb, weil er für einen Juden gehalten wurde, mehr noch, einen jüdischen Siedler. In seinem Leben widmete er sich der Koexistenz. Er machte seinen Schulabschluss an der International Anglican School in Jerusalem, an der Christen und Juden gemeinsam lernen. Er war Teilnehmer bei unzähligen gespielten UN-Sitzungen. Zur Zeit seines Todes war er Student an der Hebräischen Universität, an der Juden und Araber gemeinsam studieren. Er lebte mit seinen Eltern in Beit Hannina, einer Stadt hart an der Grenze zwischen Jerusalem und Ramallah. Er wurde getötet, als er im jüdischen Viertel French Hill joggte, das an das Hadassah-Krankenhaus und die Hebräische Universität grenzt. Der Bürgermeister von Jerusalem nahm an seiner Beerdigung Seite an Seite mit arabischen Würdenträgern und Freunden teil.

Das ist nicht das erste Mal, dass die Familie Khourie vom Terror erfasst wurde. 1975 explodierte im Herzen von Jerusalem, auf dem Zionsplatz, ein mit Sprengstoff voll gestopfter Kühlschrank. Georges Großvater Daoud war einer der zwölf Menschen, Araber und Juden, die bei diesem Anschlag getötet wurden.

Daoud wurde bei seinem Tod nicht Märtyrer genannt. Und doch wird sich seiner noch dreißig Jahre später erinnert und er wird betrauert. Das macht Sinn, das ist logisch. Unglücklicherweise ist heute die Logik in dieser Region der Welt nur zu oft schlichtweg unlogisch.

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