Die Wahrheit über die Palästinenser

Ein Briefing von Khaled Abu Toameh, Middle East Forum, 27. April 2004

Vorabbemerkung: Dieser Artikel ist eine Bestätigung dessen, was Esther Schapira in ihren Artikeln und Vorträgen zu journalistischer Arbeit in Israel und den Palästinensergebieten immer wieder hervorzuheben bemüht ist.

Als arabischer Journalist, der unter Palästinensern arbeitet, werde ich oft gefragt, ob ich mich bei meiner Arbeit bedroht fühle. Ich befinde mich in der Tat regelmäßig in lebensbedrohlichen Situationen, allerdings erfahre ich diese Bedrohungen nicht von der israelischen Besatzungstruppe, sondern von Yassir Arafats Autonomiebehörde (PA). Mindestens 12 palästinensische Journalisten sind in den letzten vier Monaten von maskierten Männern angegriffen worden; das scheint eine organisierte Kampagne zur Einschüchterung der Medien zu sein. Erst vor ein paar Tagen wurden einem Fotografen, der für Agence France Presse arbeitet, von einem maskierten Mann in Ramallah beide Arme gebrochen. Agence France Presse unternahm wegen dieses Angriffs nichts; aber ein großer Aufschrei ist zu hören, wann immer israelische Soldaten angeblich Journalisten in den Gebieten belästigen.

Fehlende Unabhängigkeit in den palästinensischen Medien

Als ich vor zwanzig Jahren an der Hebräischen Universität in Jerusalem studierte, arbeitete ich für die PLO-Zeitung „Al Fajr“ (Die Morgenröte). „Al Fajr“ war mehr als eine Zeitung; sie war eine PLO-Institution. Im Grunde genommen erhielten wir bei der Zeitung die Befehle von Arafats Büro in Tunis und führten sie aus. Obwohl ich schließlich dort Abteilungsleiter wurde, erwähnte ich Jahre lang meine Position bei „Al Fajr“ nicht in meinem Lebenslauf, denn ich betrachte die dortige Arbeit nicht als wirklichen Journalismus. Nachdem ich wegen meiner offen kritischen Ansichten über die palästinensischen Medien getadelt wurde, betrachte ich jetzt meine Zeit bei „Al Fajr“ als Nachweis meines Wissens über die fehlende journalistische Freiheit bei der PLO-Zeitung.

Ich erfahre weiterhin, was mit den palästinensischen Medien unter Arafat geschieht. Viele meiner palästinensischen Kollegen beneiden mich sogar, weil ich für eine israelische Zeitung arbeite. Als ich für die PLO arbeitete, war ich nicht in der Lage, nur ein einziges Wort aus eigenem Willen zu schreiben. In zwei Jahren bei der „Jerusalem Post“ haben meine Chefredakteure mir aber nicht ein einziges Mal gesagt, was ich schreiben sollte. Ich kann bei der „Jerusalem Post“ als Journalist auf eine Art agieren, auf die viele palästinensische Journalisten unter Arafat arbeiten wollten, es aber nicht konnten.

Arafats Angriff auf die freie Meinungsäußerung

Als Arafat aus dem Exil in die Westbank und den Gazastreifen zurückkehrte, verfolgten seine Sicherheitskräfte nicht die Terroristen, sondern verhafteten statt dessen unabhängige Journalisten, die der PLO gegenüber nicht loyal genug waren. Mehr als 38 Journalisten wurden aus ihren Jobs oder aus dem Land gedrängt. Dem haben die Auslandsmedien damals kaum Aufmerksamkeit gewidmet, Arafat wurde erlaubt im Namen Oslos zu tun, was immer ihm beliebte. Wenn sie auch darüber nicht sonderlich berichteten, war ich doch nicht der einzige, der Journalisten aus dem Ausland darauf aufmerksam machte, dass das erste war, was Arafat tat, als die PLO in die Gebiete zurückkehrte, die freie Meinungsäußerung einzuschränken.

Arafat hat bis heute die komplette Kontrolle über die palästinensischen Medien. Fast alle palästinensischen Zeitungen werden von der PLO finanziert und dienen als Sprachrohr der Organisation, die praktisch Arafats Büro ist. An manchen Tagen sind die Schlagzeilen der drei großen palästinensischen Zeitungen identisch. Die fehlende Freiheit bei diesen Zeitungen ist eine große Enttäuschung für die palästinensischen Journalisten; sie hatten mehr Freiheit zu schreiben, was sie für richtig hielten, als sie unter israelischer Besatzung waren – bevor die PLO aus dem Exil zurück kam.

Arafats Unterdrückung der freien Meinungsäußerung ist ein weiteres Beispiel für einen arabischen Führer, der den Menschen nicht erlaubt, frei zu reden. Damit unterscheidet sich Arafat diesbezüglich nicht von anderen arabischen Diktatoren, die die Rolle der Medien als die eines Dieners – und eines Sprachrohrs – ihres Regimes betrachten. In der arabischen Welt bist du, wenn du ein unabhängiger Journalist bist und das Regime kritisierst – ein gebrandmarkter Verräter – und diese Art der Unterdrückung von Unstimmigkeiten ist es, durch die die diktatorischen arabischen Regime überleben.

Palästinensische Medien und ihr Einfluss auf die Auslandsmedien

Die fehlende Redefreiheit in den Gebieten sollte nicht als internes palästinensisches Problem abgetan werden. Wenn palästinensische Journalisten eingeschüchtert werden, hat das Auswirkungen auf Auslandsjournalisten, die auf die Palästinenser als Führer und Übersetzer in den Gebieten angewiesen sind. Wenn Auslands-Journalisten Palästinenser interviewen, dann übersetzen viele Übersetzer oft falsch oder weisen die palästinensischen Interviewpartner zurecht, die der PA kritisch gegenüber stehen; damit sind die Möglichkeiten der Auslands-Journalisten genaue Fakten zu sammeln gestört.

Ein weiteres Problem mit den palästinensischen Medien ist die traurige Tatsache, dass einige palästinensische Journalisten sich selbst als Fußtruppen sehen, die der Revolution dienen. Diese so genannten Journalisten sind oft mit der einen oder anderen Gruppe verbunden. Unter er PA kann man praktisch nicht Journalist sein, wenn man kein Mitglied der Fatah oder der Sicherheitsdienste ist. Alle glaubwürdigen, unabhängigen Journalisten sind von den drei großen palästinensischen Zeitungen gefeuert worden; es gibt viele professionelle palästinensische Journalisten, aber sie sind gezwungen gewesen, sich Arbeit bei den arabischen und Auslands-Medien zu suchen.

Es gibt Auslandsmedien, die wissentlich Berater oder Journalisten anheuern, die in Wirklichkeit politische Aktivisten sind; auf diese verlassen sie sich dann für ihre Berichterstattung enorm. Diese „Berater“ schließen ehemalige Sicherheitshäftlinge und politische Aktivisten ein, die von großen, einschließlich amerikanischer Medienorganisationen beschäftigt werden; diese sind sich oft der so des problematischen Hintergrundes dieser so genannten Journalisten bewusst. Trotz der Einseitigkeit ihrer Berater, die die Berichterstattung unweigerlich beeinflussen, schweigen die Medienorganisationen zum Hintergrund dieser Berater. Es ist schwer zu sagen, ob diese Zustimmung der Auslands-Medienorganisationen wegen Einschüchterung geschieht oder wegen der Notwendigkeit, gute Beziehungen zur PA zu pflegen; aber das beeinflusst die Möglichkeiten der Journalisten in der Region, der Welt die Fakten zu berichten, erheblich.

Schlussfolgerung

Die Menschen im Rest der Welt bekommen also kein richtiges Bild dessen, was in der Region geschieht; für dieses journalistische Versagen tragen zwei Gruppen die Verantwortung. Teilweise muss man die Verantwortung den Auslands-Journalisten zuschreiben, die erlauben, dass sie von den palästinensischen Berater an der Nase herumgeführt werden. Die Hauptverantwortung liegt aber bei der PA, deren tyrannische Herangehensweise und Kontrolle der Medien eine Atmosphäre der Einschüchterung und Angst unter den palästinensischen Journalisten schafft.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s