Der Hamas-Sieg und die unvorhersehbare Vergangenheit

Dr. Joel Fishman, Editorial, Makor Rishon, 3. Februar 2006 (direkt vom Autor)

Premierminister Ariel Sharon erklärte einmal: „Die Zukunft ist mehr oder weniger bekannt, aber die Vergangenheit ist unvorhersehbar.“

Diese Stellungnahme sollte auf gewisse Gesellschaften zutreffen, die ihre Geschichte umschreiben, wie die Sowjetunion ab 1956, nachdem Chruschtschow Stalins Verbrechen offenlegte. Offizielle Historiker begannen die Geschichte der Stalin’schen Ära umzuschreiben, aber als sie anfingen Mitglieder der herrschenden Elite damit in Verbindung zu bringen, die seine kriminellen Komplizen gewesen waren, wurden sie abrupt gestoppt. Hier war das Schreiben der Geschichte nicht nur unvorhersehbar, es konnte ausgesprochen gefährlich sein. Sharon mag die Zukunft gekannt haben, aber er seine Geheimnisse mitgenommen. Daher muss der Rest von uns sein Bestes tun die Gegenwart und ihre interessanten Überraschungen zu verstehen. Eine davon ist der überwältigende Sieg der Hamas in den kürzlich erfolgten Wahlen der palästinensischen Autonomie. Dieser Sieg, der als Schock kam, bezeichnet die Errichtung eines weiteren radikalislamischen Regimes in der Region, zusätzlich zu dem des Iran und des Südlibanon unter der Herrschaft der Hisbollah.

Wir müssen nun fragen, ob solch ein autoritäres Regime friedliche Beziehungen zu einer Demokratie, nämlich Israel, haben kann. Um das zu tun, muss man das als Vergangenheit bekannte fremde Land besuchen. Obwohl dies bei einigen unserer Leser Ungeduld verursachen wird, sollte man sich erinnern, dass Israels Feinde ein gutes Verständnis für die Geschichte haben und ihre langfristigen Strategie entsprechend auf der Grundlage dessen planten, was sie als den rechtmäßigen Platz des Islam in der Welt betrachten.

Der Staat Israel sieht sich nun mit einem benachbarten Ministaat konfrontiert, dessen Führer der Ideologie der Muslimbruderschaft anhängen. Obwohl die Hamas durch mehr oder weniger freie Wahlen an die Macht kann, machen Wahlen per se keine Demokratie aus. Das Prinzip, nach dem Fatah wie Hamas regieren, ist Angst und Terror, angewendet von innen heraus wie von außen. Die Fatah war ihrerseits in der Lage diese Realität herunterzuspielen, weil ihre Führer wussten, wie Terror durch Stellvertreter ausgeübt und dann von ihr geleugnet werden konnte. Sie waren in der Lage die richtigen Worte zu reden, internationale Anerkennung zu erlangen und die öffentliche Meinung zu manipulieren. Sie trugen elegante Anzüge, aßen von Geschirr und konnten einen Drink in der Hand halten. So lange die PA-Führer dieses Spiel spielten, war der Westens bereit und willens bezüglich ihrer Korruptheit und gesetzlosen Herrschaft ein Auge zuzudrücken. Im Gegensatz dazu täuscht die Hamas nichts derartiges vor.

Um das Problem einschätzen zu können, müssen wir uns an eine Stellungnahme von Lord Russell erinnern: „Das Wichtigste an einer Organisation oder einer Bewegung ist der Zweck, dessentwegen sich die Personen organisieren.“ Die Hamas hat der eigenen Öffentlichkeit gesagt und der gesamten Welt gegenüber proklamiert, dass ihr Ziel die Befreiung ganz Palästinas vom Mittelmeer bis zum Fluss (Jordan) ist. Im Gegensatz zum vorherrschenden Denken im Westen betrachtet die Hamas den Rückgriff auf Krieg als legitimes Mittel staatlicher Politik. So gibt es, trotz Israels echtem Verlangen nach Frieden, bewisse rote Linien, die nicht überschritten werden können. Weil er diese einfache Wahrheit verstanden hat, erklärte der amtierende Ministerpräsident Olmert am Donnerstag, dem 26. Januar, dass die Hamas kein „Friedenspartner“ sein könne.

Es ist höchst zweifelhaft, ob ein demokratischer Staat mit einem Regime Frieden schließen kann, das von einer fundamental-islamischen Massenbewegung mit Einparteien-Vorzeichen geführt wird. Diese wichtige Diskussion stammt aus dem 18. Jahrhundert. 1775 empfahl Edmund Burke, konservativer britischer Denker, dass England die Unabhängigkeit der amerikanischen Kolonien anerkenne, weil die Meinungsverschiedenheiten materiell waren und durch Kompromiss beigelegt werden konnten. 1796 jedoch favorisierte Burke Krieg gegen Frankreich, weil es einen Konflikt der Ideologien gab, den er als ernste Bedrohung Englands betrachtete. Er erklärte: „Wir befinden uns im Krieg mit einem System, das seinem Wesen nach für alle anderen Regierungen schädlich ist und Frieden oder Krieg macht, wie diese am besten zum Umsturz beitragen.“ Eineinhalb Jahrhunderte später, am 5. Oktober 1938, erklärte Winston Churchill in seiner berühmten Rede gegen das Münchener Abkommen in gleich Weise: „Es kann nie Freundschaft zwischen der britischen Demokratie und er Nazimacht geben, der Macht, die christliche Ethik verächtlich zurückweist und ihren weiteren Kurs durch barbarisches Heidentum bejubelt, das des Geistes der Aggression und Eroberung brüstet,… und mit erbarmungsloser Brutalität die Androhung mörderischer Gewalt benutzt.“ Nach derselben Logik misstraute Churchill Stalin, während Franklink D. Roosevelt hoffte, dass, wenn er Vertrauen zeigte, er den sowjetischen Führer zu seinem „Partner für Frieden“ machen könne. Am Ende hatte Churchill recht und Roosevelt lag falsch. Churchill verstand die Grenzen einer Beziehung zwischen Demokratien und totalitären Regimen.

Viele Kritiker haben den Erfolg der Hamas Israels Abzug aus dem Gazastreifen zugeschrieben, den der palästinensische Wähler als Zeichen der Schwäche und Maßnahme durch die Effektivität des Terrors interpretiert haben könnte. Diese Erklärung ist nur teilweise richtig. Die wirklich dem zugrunde liegende Entwicklung ist gewesen, dass die Hamas sich bewaffnet und so organisiert hat, dass sie Krieg gegen Israel führen konnte. Aber zusätzlich erhielt die Hamas wertvolle Dienste von gut meinenden, aber fehl geleiteten Freunden. Die Clinton-Regierung zwang Yitzhak Rabin dazu 415 militante Hamas-Mitglieder wieder ins Land zu lasen, die er am 17. Dezember 1992 in den Libanon ausgewiesen hatte. Dazu agitierten Uri Avnery und Mitglieder der israelischen radikalen Linken zu ihren Gunsten. Es sollte in Erinnerung bleiben, dass die Regierung Rabin kurz nach dieser politischen Niederlage die Oslo-Vereinbarungen einging, die PLO aus Tunesien zurück brachte und ihr eine territoriale Basis gab, die sie nutzen konnte, um gegen Israel Krieg zu führen sowie die Gelegenheit eine Allianz mit der Hamas zu schmieden. Nach Oslo war es nur eine Frage der Zeit, bis die Feinde Israels sich organisiert hatten.

Eine zweite Erklärung für den jüngsten Hamas-Erfolg ist, dass die palästinensische Wählerschaft einfach die Fatah wegen ihrer Gesetzlosigkeit und Korruptheit abwählte. Bedauerlicherweise haben einige israelische Führer zu diesem Ausgang beigetragen. Vor mehr als einem Jahrzehnt erklärte der verstorbene Premierminister Yitzhak Rabin, dass er eine palästinensische Autonomiebehörde wollte, die den Terror „ohne einen Obersten Gerichtshof, Betselem [Israels irgendwie linksaußen angesiedelte Menschenrechtsorganisation] und Liberale mit blutendem Herzen bekämpfen würde“. Sein Wunsch wurde erfüllt und für viele Palästinenser bilden die heutige Korruptheit und die allgemeine Gesetzlosigkeit der PA einen Teil von „Rabins Erbe“. Am Ende könnte es eher langfristiges Interesse Israels gewesen sein, wenn die Palästinenser eine bessere Regierung gehabt, sich Menschenrechten erfreut und in Rechtsstaatlichkeit gelebt hätten.

Im Licht der interessanten Gegenwart mag sich unser Blick auf die Vergangenheit in unvorhersehbarer Weise ändern. Die derzeitige Krise kann direkt auf Oslo zurückgeführt werden und es mag ein ernster Fehler gewesen sein die PLO-Führung zurück auf diese Seite des Mittelmeers zu bringen. Wenn man weiter zurückgehen will, könnte man argumentieren, dass die PLO 1982 nach Tunis zu schicken, eine exzellente Idee gewesen sei, selbst wenn es damals verurteilt wurde. Weiterhin sollte klar sein, dass der so genannte „Friedensprozess“ keinen Frieden brachte. Man muss nur die Stellungnahmen der Hamas lesen, um zu wissen, dass es so ist.

Was die Frage der mehr oder weniger bekannten Zukunft angeht, so ist es nur eine Frage der Zeit, bevor die aufgeklärten Nationen der Welt beginnen werden Israel unter Druck zu setzen, mit der Hamas klar zu kommen. Wenn jedoch diese Länder ihre Politik keiner Korrektur unterziehen, dürften sie sich einer ähnlichen Situation gegenüber sehen, wie Israel sie heute hat: In der Hoffnung als letzte gefressen zu werden, werden auch sie eine Mahlzeit des hungrigen Krokodils sein.

 

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