Palästinenser töten Palästinenser

Micah Halpern, 3. April 2006

Heute gleicht das Alltagsleben in Gaza den Vorgängen im Sudan und der Elfenbeinküste. Vorbei sind die guten, alten Zeiten, die Tage, wo ich in der Lage war Gaza mit dem Wilden Westen zu vergleichen.

Umherstreifende Banden streunen durch und kontrollieren Gaza.
Um von einem Ort zum anderen zu kommen muss man Zölle zahlen und Straßensperren überwinden.
Die Zölle und Straßensperren werden von Kindern (ja, Kindern) kontrolliert, die Maschinengewehre schleppen.
Ein Geschäft aufzubauen ist schwierig bis unmöglich, Schutzgelderpressung ist die Regel und die Kosten für Schutz sind riesig.
Kinder mit Schusswaffen haben mehr Macht als gebildete Mitglieder der Gesellschaft.
Der Status wird von der Anzahl der Soldaten bestimmt, die man unter Kontrolle hat und die über die Qualität ihrer Waffen.

Ich bin enttäuscht, dass in Gaza Anarchie regiert, aber ich bin sicher nicht überrascht. Die Palästinenser schießen überall in den Autonomiegebieten aufeinander. In Gaza bringen sie sich gegenseitig um.

Das Volkswiderstandskomitee ist eine der stärkeren und besser bewaffneten Gruppen, die in Gaza leben und herrschen. Die Organisation war ursprünglich ein Ableger der Sicherheitskräfte der Fatah. Aber bei den Wahlen vom 25. Januar wurde sie ein ausdrücklicher Unterstützer der Hamas und deren Politik. Heute verbindet das Volkswiderstandskomitee viel mehr mit der Hamas als mit der Fatah und stimmt mit dem Vorgehensweise der Hamas gegenüber Israel vollkommen überein.

Eine sehr mächtige Familie aus dem südlichen Teil des Gazastreifens kontrolliert das Volkswiderstandskomitee. Die Familie ist als Samahdneh-Clan bekannt. Sie sind verantwortlich für viele der Qassam-Raketenangriffe aus dem Gazastreifen auf Israel. Der Kopf des Komitees befand sich seit Langem auf Israels „Hitliste der Ziele“.

Letzte Woche wurde der Anführer des Komitees ermordet. Sein weißer Subaru wurde Freitagmorgen in die Luft gejagt, als er und ein Begleiter eine Straße im Gazastreifen entlang fuhren. Sein Name war Abu Quka.

Wer tötete Abu Quka?

Israel hat die Explosion nicht kommentiert. Es gab eine Zeit, als Israel es ablehnte irgendeinen Angriff auf Palästinenser zuzugeben. Dann änderte sich die Politik. Heute ist offizielle israelische Politik für alle Angriffe auf palästinensische Ziele die Verantwortung zu übernehmen – ob es sich nun um Personen, Orte oder militärische Anlagen handelt. Als Israel die Verantwortung nicht übernahm, war das Volkswiderstandskomitee gezwungen sich den Mord genauer anzusehen und zu untersuchen, ob es sich wirklich um einen israelischen Angriff oder einen örtlichen handelte. Man schloss, dass es ein lokaler Angriff war oder zumindest ein Angriff, der mit Hilfe vor Ort ausgeführt wurde.

Das erklärt, warum die Beerdigung von Abu Quka, Terrorführer und Bandenchef in Gaza, in eine Schießerei ausartete.

Auf der Beerdigung beschuldigten Mitglieder des Volkswiderstandskomitee palästinensische Sicherheitskräfte des Mordes. Sie hatten guten Grund dazu. Am Donnerstag, genau einen Tag bevor sein Auto explodierte, wurden die Sicherheitskräfte gesehen, wie sie Abu Qukas Haus ausspionierten. Die abschließende Schlussfolgerung war, dass die Palästinensische Autonomiebehörde bei der Ermordung mit Israel unter einer Decke steckten.

Auf der Beerdigung wurden vier Menschen getötet und 25, darunter zwei Kinder, verwundet. Eines der Kinder befindet sich in einer ernsten Lage. Die meisten der Verwundeten wurden von Querschlägern verletzt, die in alle Richtungen gefeuert wurden.

Die palästinensische Hamas-Führung hat eine Untersuchung der Explosion gefordert, die Abu Quka tötete. Die Regierung untersucht auch den Tumult auf der Beerdigung, was etwas überrascht, da dies immerhin Gaza ist. Aber diesmal kann die Hamas-Regierung offiziell die Kriegsherren und Störenfriede nicht länger die Regeln bestimmen und sich in Gaza durchsetzen lassen. Es ist für die Hamas-Regierung an der Zeit, wenigstens offiziell einzugreifen und die Kontrolle zu übernehmen.

Ismail Haniyeh, der palästinensische Premierminister, hat sich für Ruhe ausgesprochen und Innenminister Saed Seyam angewiesen eine Untersuchung durchzuführen. Informationsminister Yussef Rizka bildete ein Komitee, das sich mit der Affäre beschäftigen soll. Er hat gesagt, dass die Regierung sich dafür ausgesprochen hat „alle Waffen von den Straßen zu entfernen“.

Aber das Problem ist größer als die einzelne Tötung oder ein einmaliges Begräbnis mit Machtkämpfen.

Das Problem ist, dass palästinensische Gruppen ihre Waffen brauche, um sich selbst und ihre Familien vor einander zu schützen. Das Problem ist, dass die Palästinenser durch ihre Waffen ihren Respekt erhalten. Das Problem ist, dass das Problem zu lange besteht und dass die Hamas nicht einfach alle Waffen „von der Straße“ holen kann.

Das Problem sind nicht die Leute, sondern die Hamas. Die Hamas wird ihre eigenen Waffen nicht aufgeben und sie wird sicher nicht in der Lage sein eine Forderung durchzusetzen, dass die anderen ihre Waffen abgeben.

Das Problem wird nur eskalieren und die Hamas wird geschwächt werden. Die Hamas geführte palästinensische Regierung sieht sich einer substanziellen Verminderung internationaler Hilfe und einer substanziellen Erhöhung des internationalen Drucks gegenüber. Die bewaffneten Halsabschneider werden keine Gehälter erhalten, aber sie werden ihre Kugeln bekommen. Die bewaffneten Banden werden nicht verschwinden, sie werden ihre Waffen benutzen um ihre Macht zu verteidigen, andere zu kontrollieren und von Unschuldigen mit weniger Macht Geld zu erpressen.

Ich sage mehr interne Gewalt voraus und mehr Tötungen. Gaza ist ein langfristiges Problem. Gaza ist der Ort, wo Palästinenser tötende Palästinenser die Norm ist.

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