Analyse: Wie viele Palästinenser gibt es in der Westbank? Kommt ganz drauf an…

Lily Galili, i24 News, 21. Juni 2017

Zwei Männer beobachten von Jerusalem aus die Siedlung Ma’ale Adumim in der palästinensischen Westbank (Foto: Thomas Coex, AFP)[1]

Lügen, verdammte Lügen und Statistiken

Wie viele Palästinenser gibt es in der Westbank? Nun, das kommt ganz darauf an, wem man die Frage stellt. Palästinensern? Israelis? Welchen Israelis? Die Zahl der Antworten auf das, was eine einfache Frage zu sein scheint, wird Sie überraschen. Zudem fragt sich, ob die genaue Antwort wirklich wichtig ist. Reicht Antwort „eine Menge“ aus?

Nein, tut sie nicht. Die aktuelle Politik und die langfristigen Pläne für das Schicksal Israels gründen au genau diesen Zahlen. Das demografische Wettrennen ist die Grundlage für die Fragen, ob man in der Westbank sein soll oder nicht. Wo soll man sein oder was verlassen, wenn überhaupt? In der Westbank zu bleiben oder abzuziehen, bevor die Palästinenser die zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan lebenden Juden an Zahl übertreffen? Soll man mehr Siedler in die Westbank bringen oder in eine Zweistaatenlösung eilen, bevor die Zahl der Palästinenser aus der Idee eines „jüdischen Staats“ in einen lange schon verlorenen Traum macht?

Der demografische Wahn ist das heißeste Spiel in der Stadt und die meisten Antworten dieser existenziellen Fragen basieren auf Demografie. Mutmaßlich auf Fakten, aber in Wirklichkeit auf „alternativen Fakten“. Oder dem, was als Fake-Realität bezeichnet werden könnte, die von allen beansprucht wird, um der eigene politischen Agenda zu dienen. Moralischer Diskurs, früher von der Linken eingesetzt, oder der Diskurs historischer Rechte, einst von der Rechten verwendet, werden durch demografische und unzutreffende Argumente ersetze. Fake-Realität steht im Dienst der Ideologie.

Zehntausende Palästinenser nehmen am 2. Juni 2017 an den ersten Freitagsgebeten des muslimischen heiligen Monats Ramadan außerhalb des Felsendoms auf Jerusalems Geländer der Al-Aqsa-Moschee teil. (Foto: Ahmad Gharabli, AFP)[2]

Wie viele Palästinenser gibt es also in der Westbank? Bei einem hitzigen Treffen des Sicherheitsausschusses der Knesset vor wenigen Monaten legte der Vertreter der Ziviladministration (der israelischen Zivil- und Militär-Verwaltung, die die Westbank regiert, die Zahl von 2,93 Millionen Palästinensern vor, wobei die Randbezirke Jerusalems ausgenommen waren. Boschafter Yoram Ettinger, ein Mitglied des israelisch-amerikanischen Forschungsteams zur Demografie, wartete mit der Zahl 1,75 Millionen auf, mehr als einer Million weniger! Prof. Sergio Della Pergola, ein prominenter israelischer Demograf, der gewöhnlich mit Ettinger uneins ist, gab an, dass die akkuratere Zahl 2,4 Millionen lautet – immer noch weniger als die fast drei Millionen, die die Zivilverwaltung vorlegte, aber 650.000 mehr als Ettingers Team erfasste.

Sind Sie verwirrt? Berechtigterweise. Es ist nicht nur so, dass die Statistik eine alles andere als exakte Wissenschaft ist; dieses spezielle Thema lässt viel Raum für Schwankungen und Manipulationen, die jeder jeweiligen Agenda dienen.

Palästinenser vor der Mauer bei Qalandiya zwischen Ramallah im besetzten Westjordanland und Jerusalem, 3. Juli 2015 (Thomas Coex, AFP/Archiv)[3]
De Vertreter der Zivilverwaltung erklärte z.B., dass sie die Zahlen vom palästinensischen Statistik-Büro, das von ihm und vielen weiteren als zuverlässige Quelle betrachtet wird. Er gab allerdings zu, dass sein Büro nicht verfolgt, wie viele Palästinenser über den Ben Gurioni-Flughafen ausreisen und das man, anders als andere Methoden, die 15.000 Palästinenser mitzählt, die im Ausland leben, zurückkommen, um sich anzumelden und wieder ausreisen. Die Zahlen der Zivilverwaltung sind diejenigen, die von Militär und Geheimdiensten als Datengrundlage für Operationen.

Der akademischere Della Pergola gibt zu, dass einige Probleme mit dem palästinensischen Meldesystem gibt. Die 350.000 in Ostjerusalem lebenden Palästinenser werden zweimal gezählt – einmal als Bürger der Westbank und einmal als Einwohner Jerusalems. Ettinger, der politisch der politischen Rechten nahe steht, verwendet zahlen und Werte wie ein Jongleur, der mindestens drei Bälle in der Luft hält.

„Die vom palästinensischen Statistik-Büro gelieferten Zahlen sind alles andere als genau“. Sagt er i24NEWS. Die Zahl der gemeldeten Geburten z.B. stimmt nicht mit denen der Schulanmeldungen überein. Er macht geltend, dass die Palästinenser aus innenpolitischen und finanziellen Gründen Todesfälle nur zögerlich melden. Sein Fazit lautet, dass es keinen Grund zur Eile gibt, keine Notwendigkeit sich von den Palästinensern abzutrennen, bestimmt keinen Grund für einen Palästinenserstaat. Juden werden nach Angaben von Ettinger von den Palästinensern in naher Zukunft zahlenmäßig nicht überflügelt.

Palästinensische Kinder versammeln sich mit Nationalflaggen am 31. März 2017 während einer Demonstration gegen den Bau jüdischer Siedlungen und die Beschlagnahme palästinensischen Landes in der Westbank. (Foto: Abbas Momani, AFP)

Sein Erzrivale im Spiel der Statistiken ist Arnon Soffer, ein prominenter israelische Geograph, der sich mit vier Jahrzehnten der Ansprüche spezialisiert, dass „Demografie die schiere Existenz des jüdischen Staates gefährdet“. Ettinger wurde vorgeworfen dubiose Zahlen zu veröffentlichen, um den Abzug aus dem Gazastreifen 2005 zu verhindern; Soffer andererseits behauptete, dass den Gazastreifen zu verlassen für eine hinreichende demografische Lösung sein würde und dass Israel die Gebiete verlassen werden muss, die von den Palästinensern so dicht besiedelt sind. Die Linke – die Avoda (Arbeitspartei) wie Meretz – fordern eine Zweistaatenlösung, bevor es zu spät ist und Israel ein binationaler Staat wird. Andererseits erteilt die Rechte den Warnungen eine Abfuhr und hält sie für leere Drohungen, um eine politische Agenda voranzubringen.

Die gegenseitige politische Diskretisierung ist recht verständlich, die großen Lücken in den von beiden Seiten vorgelegten Zahlen und Darstellungen sind recht verwirrend. Noch überraschender ist, dass keine der Seiten tatsächlich lügt. Lassen Sie uns das als „Differenzen in der Interpretation und widersprüchliche Prognosen“ bezeichnen.

Eine Untersuchung palästinensischer Auswanderung ist ein aufschlussreiches Beispiel. Palästinenser verlassen die Gebiete endgültig oder vorübergehend. Das ist Fakt. Diejenigen, die weggehen, sollten nicht in die Zahlen eingeschlossen werden. Trotz dieser selbstverständlichen Logik war keine Behörde in der Lage verlässliche Zahlen der Auswandernden zu liefern. Es gibt mehrere Möglichkeiten die Westbank zu verlassen, doch nur die Zahl derer, die über die Allenby-Brücke nach Jordanien gehen, ist vage bekannt. Alle anderen Drehkreuze wie Flughäfen bleiben ein Geheimnis.

Dieser chaotische Ansatz verwandelte sich in den letzten Monaten in eine Farce. Die rechtsaußen stehende Partei Jüdische Heimat brachte das Thema auf der Area C in der Westbank die israelische Souveränität überzustülpen. Noch bevor die politische Debatte auflodert, würde es Sinn machen genau zu wissen, wie viele Neubürger genau dem jüdischen Staat hinzugefügt würden. Diese Logik ist nicht anwendbar. Parteichef Naftali Bennett, der einst die Zahl 60.000 verwendete, die für seine Anhänger natürlich beruhigender klingt als die vom palästinensischen Statistik-Büro veröffentlichte Zahl von 125.000 oder die fast 300.00 Einwohner der Area C, wie sie von der UNO in Jerusalem gezählt werden. „Wir kennen die genaue Zahl der syrischen Panzer, scheitern aber an der Zahl der Bürger unter unserer Kontrolle“, merkte MK Hirik Bar (Avoda) widerwillig an.

Das palästinensische Westbank-Dorf Asmut (im Vordergrund) und die jüdische Siedlung Elon Moreh, wie sie am 13. Januar 2017 aussahen. (Foto: Jaafar Aschtiyeh/AFP)

Die Zahlen spiegeln nicht nur Manipulation, sondern sie spiegeln auch die Komplexität vor Ort. Manchmal besteht das Problem in der Schwierigkeit in der Westbank zwischen den Areas B und C zu unterscheiden, die genauen Grenzen beider zu identifizieren und eine definitive Linie zu ziehen. Örtliche Palästinenserfürher betrachten die Post-Oslo-Teilung in die Areas A, B und C als irrelevant und nehmen sie als abstrakte Linie wahr. Am Ende weiß wirklich niemand, wie viele Palästinenser annektiert werden, sollte Israel diesen Plan, der immer noch auf dem Tisch liegt, wirklich realisiert werden.

Dieses Personenzählen ist kein Spiel. Annexion, Zweistaatenlösung, ein binationaler Staat – alle oder jede andere Lösung des Konflikts benötigt exaktes Wissen. Jede Zahl hat unterschiedliche Auswirkungen auf die Zukunft Israels und der Region. Es fühlt sich allerdings oft so an, als ob niemand es wirklich wissen will. Das verschwommene Bild ist für alle Seiten bequemer – Wissen könnte in diesem Fall einfach „zu viel Information“ sein.

Einstweilen scheint eine beliebte israelische Satiresendung im Fernsehen die verlässlichste Informationsquelle für das demografische Rätsel zu sein. Es ist das Jahr 2048. Der Ort: der binationale Flughafen. Eine Grenzpolizistin stempelt die Pässe einer jüdischen Familie auf dem Weg nach Rom. Als der Vater dran ist, erstarrt sie mit dem Stempel mitten in der Bewegung. Eine riesige Anzeigetafel über ihrem Kopf zeigt den Punktestand: Juden – 9.853.060, Palästinenser – 9.853.060. Eine echte demografische Ausgeglichenheit. Wenn der Vater das Land verlässt, wäre das Gleichgewicht gestört. Er muss bleiben – d so sehen die neuen Anordnungen aus, die die Regierung ausgegeben hat. Die ulkige Situation fängt den Geist und die Angst des demografischen Rennens ein.

[1] Die Bildunterschrift stammt aus dem Original, wohl vom Fotografen bzw. AFP; die „palästinensische Westbank“ ist ein Begriff, der schlicht nicht stimmt – heplev

[2] Hier gilt dasselbe wie beim ersten Foto. Das ist nicht das „Gelände der Al-Aqsa-Moschee“, sondern der Tempelberg.

[3] Wieder dasselbe – die Bildunterschrift im Original ist hier in Französisch. i24 scheint hier einfach die Bildunterschriften der Fotografen bzw. von AFP übernommen zu haben.

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