Wann wird Kritik an Israel antisemitisch?

Lindsay Gabow, The Jerusalem Post, 19. Juni 2017

Die Länder, die sich den Nazis still fügten, überließen ihnen begierig ihre jüdischen Bürger

Demonstranten mit Plakaten für Palästinenserrechte schmähen Teilnehmer der Celebrate Israel Parade entlang der Fifth Avenue in New York Anfang des Monats (Foto: Stephanie Keith/Reuters)

Es ist möglich Israel zu kritisieren ohne antisemitisch zu sein.

Sicher, ein begeisterter Unterstützer Israels würde dem nicht zustimmen – sie lägen falsch. Die israelische Regierung, insbesondere au Veranlassung ihres rechten Flügels, verärgert weiterhin die arabische Welt über Mittel wie den Siedlungsbau in der Westbank und schlechte Behandlung der Palästinenser in den besetzten Gebieten der Westbank und des Gazastreifens. Folglich bietet auch Israel seinen Kritikern Futter.

Das Argument, dass dieses Verhalten unnötig brandstiftend ist, dass Israels Vorgehensweise – mehr Land zu übernehmen, um die Sicherheit zu verstärken – das Gegenteil erreicht, weil das Land damit in eine noch prekäre Lage versetzt wird, ist nicht antisemitisch.

Bei all dem Gesagten ist die Gleichsetzung Israels mit einer europäischen Kolonialmacht wenig sachkundig, reduktiv und potenziell antisemitisch. Trotzdem ist dies leider Mode geworden, insbesondere in linken Kreisen. Ich habe gehört, wie die Worte „jüdisches rassische Überlegenheit“ ohne Ironie auf der Grundlage des Bestehens Israels gesagt wurden.

Machen wir uns nichts vor. Der naheliegendste Grund für Israels Gründung 1948 war der Holocaust. Mitgefühl (und vielleicht Schuld) angesichts des gigantischen Verlustes bei der jüdischen Gemeinschaft rüttelte die Vereinten Nationen wach, so dass sie einen jüdischen Staat befürworteten. Doch einmal mehr sollten wir uns nicht selbst in die Tasche lügen – der Holocaust war nicht das erste Mal, dass Europäer Juden skrupellos verfolgten und ermordeten.

Antisemitismus mag in Ägypten geboren worden sein, aber er erblüht in Europa. Mehr als ein Jahrtausend lang machte die katholische Kirche die Juden für die Ermordung Jesu verantwortlich.

Dies und entsprechende Mythen über die Juden bildeten die Grundlage des religiösen Antisemitismus – Hass gegen Juden aufgrund ihrer religiösen Ansichten statt der vermeintlichen rassischen Minderwertigkeit (der rassische Antisemitismus sollte, wie wir heute wissen, sein übles Haupt später erheben). Europas Juden wurden lächerlicher Vergehen beschuldigt, die von Ritualmord bis zur Verursachung der Pest reichten; sie wurden während der Inquisition aus Spanien vertrieben. Religiöser Antisemitismus schürten die Flammen der Pogrome, die im 14. Jahrhundert begannen und schließlich in Osteuropa Hunderttausende Juden verschlingen sollten.

Die Aufklärung, trotz ihrer Ablehnung von Religion und des daraus erfolgenden Abebben des religiösen Antisemitismus, half die Samen der Rassenhygiene, des Sozialdarwinismus und des rassischen Antisemitismus zu pflanzen. Das sind fundamental rassistische Ideale – die Vervollkommnungsfähigkeit der menschlichen Bevölkerung, der biologische Kampf unterschiedlicher Rassen und die Minderwertigkeit der Juden. Und sie waren Voraussetzung für die systematische Ermordung von sechs Millionen Juden, die als Holocaust bekannt ist.

Als sie durch Osteuropa pflügten und tausende Juden in Massen ermordeten, betrachteten die Einsatzgruppen ihre Opfer gewiss nicht als „überlegene Rasse“.

Die Bediensteten in Auschwitz-Birkenau stopften nicht fast eine Million Juden in die Gaskammern, um dort von Zyklon-B erstickt zu werden, weil die „Juden rassisch überlegen“ waren. Nein, für die Nazis waren due Juden Abschaum, der brutal weggeschrubbt werden musste, um geheiligte arische Rasse zu schützen.

Europa verabscheute seine Juden Jahrhunderte lang. Zum größten Teil lieferten die Länder, die sich den Nazis fügten, eifrig ihre jüdischen Bürger aus. Ein besonders hervorstechender Fall ist Vichy-Frankreich. Selbst der Geburtsort der Aufklärung, das Land von „liberté, égalité, fraternité“, brauchte wenig Anstoß, um seine jüdischen Söhne und Töchter preiszugeben.

Palästina – und später Israel – waren ein Zufluchtsort vor dem zunehmend antisemitischen Europa. Die Erste Aliyah oder Welle jüdischer Immigration am Ende des 19. Jahrhunderts kam vorwiegend aus Osteuropa. Diese Juden hatten überwiegend vor dem fanatisch antisemitischen zaristischen Russland zu entfliehen. Der Anstieg deutscher Immigration nach Palästina in den Jahren 1933, 1934 und 1935 ist besonders vielsagend.

Diese Juden suchten Zuflucht vor dem Nazi-Regime, zu dessen frühen Phasen der Aufstieg Hitlers und die Nürnberger Gesetze gehörten.

Diese vor dem Holocaust Geflohenen (und später Holocaust-Überlebenden) waren ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung Israels.

Diese Flüchtlinge erhellen eine fundamentale Wahrheit: Israel ist untrennbar mit den Juden verbunden. Ein Gespräch über Israels Existenz als jüdischer Staat ist also eines über eine Zufluchtsstätte für tausende von europäischen Regimen verfolgte Juden. Israel mit einer europäischen Kolonialmacht gleichzusetzen ist nicht nur logisch mit Fehlern behaftet, sondern auch ausgesprochen beleidigend für diese jüdischen Flüchtlinge, die von genau diesen europäischen Kolonialmächten mit Füßen getreten wurden.

Israel existiert als jüdischer Staat weil die Welt – und besonders Europa – trotz der Jahrhunderte der Assimilation die Juden im Stich ließ. Diejenigen, die Israel leidenschaftlich und kategorisch verurteilen, dränge ich die Geschichte nicht um der Auseinandersetzung willen zu ignorieren. Es ist verlockend dem israelisch-palästinensischen Konflikt eine hübsche Opfer-Täter-Zweiheit anzuhängen.

Es ist leicht Israel für nicht anders als die rassistischen europäischen Kolonialmächte zu halten, die die Welt mehr als vier Jahrhunderte lang dominierten – dieselben rassistischen europäischen Kolonialmächte, die versuchten die Juden systematisch zu beseitigen, Juden, von denen viele Zuflucht in Israel fanden.

Das ist leicht. Aber es ist auch falsch.

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