Was die Gazaner wirklich wollen: Schwerwiegende Daten zu einem schwerwiegenden Problem

David Pollock, FIKRA Forum, 20. Juni 2017

In diesem Monat jährt sich die gewaltsame Machtübernahme der Hamas zum zehnten Mal; damals übernahm sie die Kontrolle über die 1,9 Millionen Palästinenser im Gazastreifen. Es ist immer noch kein Ende ihrer misslichen Lage in Sicht – aber das ist mit ziemlicher Sicherheit nicht der Fall, weil die Hamas sich in der lokalen Bevölkerung Unterstützung erfreut. Fakt ist, dass verlässliche Daten einer vom 16. Bis 25. Mai von einem professionellen, unabhängigen palästinensischen Umfrageinstitut durchgeführten Umfrage demonstriert, dass nur 14 Prozent der Gazaner sich als Hamas-Unterstützer bezeichnen. Damit liegt sie weit hinter der Beliebtheit der Fatah, die die palästinensische Autonomiebehörde (PA) mit Sitz in Ramallah, die 41 Prozent der selbsterklärten Zugehörigkeit erlangt. Tatsächlich stimmt die große Mehrheit der Gazaner – 77 Prozent, darunter 41 Prozent, die stark so empfinden – zu, dass „die PA Beamte und Sicherheitsleute nach Gaza schicken sollten, um dort die Verwaltung zu übernehmen“.

Warum also ändert sich trotz des Willens der Bevölkerung im Gazastreifen nichts? Der Grund ist, dass die PA es abgelehnt hat ihre Rolle in diesem Territorium zu übernehmen, während die Hamas es abgelehnt hat ihre Herrschaft zu riskieren, indem sie dort während der letzten zehn Jahre irgendeine Wahl abhält. Das Ergebnis ist fortgesetzte und zwar mit Waffengewalt durchgesetzte Herrschaft der Hamas. Und das Volk des Gazastreifens weiß das; drei Viertel, stark angestiegen von 35 Prozent in der vorigen Umfrage vom Juni 2015, sagen heute, dass Wahlen die Hamas verpflichten sollten „ihre separaten bewaffneten Einheiten aufzugeben“. Da die Hamas nicht die Absicht hat das zu tun, gibt es keine Wahlen und die Menschen im Gazastreifen haben diesbezüglich keine Wahl.

Darüber hinaus sind schlüsselpolitische Themen der Hamas im Gazastreifen höchst unpopulär. Hamas-Raketen begannen im Juli 2014 einen katastrophalen Krieg gegen Israel; doch damals wie heute will die überwiegende Mehrheit der Gazaner (heute 80 Prozent), dass die Hamas „einen Waffenstillstand mit Israel wahrt“. Was noch mehr überrascht: Auf der politischen Ebene sagt die Mehrheit der Gazaner (62 Prozent“ auch, „die Hamas sollte aufhören Israels zu Vernichtung aufzurufen und stattdessen eine dauerharte Zweistaatenlösung auf Grundlage der Grenzen von 1967 akzeptieren“.

Auch wirtschaftlich zeigt die Umfrage, dass die Gazaner unter der Herrschaft der Hamas leiden. Zwei Drittel berichten ein monatliches Familieneinkommen von unter 1.200 Schekeln (ca. €300) – verglichen mit nur 8 Prozent der Menschen in der Westbank, von denen die meisten von einem mindestens doppelt so hohen Einkommen berichten. Das hilft zu erklären, warum die Mehrheit der Gazaner, noch mehr als die Leute in der Westbank, sich wirtschaftliche Hilfe sogar aus Israel wünschen: 69 Prozent wollen mehr Jobs in Israel und 54 Prozent wollen, dass israelische Firmen mehr Jobs im Gazastreifen und der Westbank bieten. Bemerkenswerterweise sagt auch die Hälfte der Gazaner, sie würden ein arabisches Angebot „wirtschaftlicher Zusatzhilfe annehmen, um palästinensische Flüchtlinge in der Westbank oder dem Gazastreifen anzusiedeln, aber nicht in Israel“.

Gefragt, wen sie am stärksten für ihr wirtschaftliches Elend verantwortlich machen, nannten weniger als die Hälfte der Gazaner (46 Prozent) Israel. Der Rest macht andere Akteure als schuldig an: 26% die Hamas; 11 Prozent die PA; 11 Prozent die UNO; und 4 Prozent Ägypten. Die letzte Zahl ist bemerkenswert niedrig, bedenkt man, dass Ägypten nach Angaben von UNO-Statistiken Rafah, seinen einzigen Grenzübergang in den Gazastreifen, im letzten Jahr 322 Tage geschlossen hielt.

Am überraschendsten war aber, dass die Gazaner heute in Schlüsselfragen eines dauerhaften Friedens mit Israel moderater sind als die Leute der Westbank. Nach Optionen der Zukunft gefragt:, sagte eine knappe Mehrheit der Gazaner (47 Prozent, eine Steigerung von 13 Prozentpunkten gegenüber 2015), wenn die Palästinenserführung in der Lage ist eine Zweistaatenlösung auszuhandeln, dann sollten „das den Konflikt beenden“. Vierundvierzig Prozent sind der gegenteiligen Meinung: Der Konflikt „sollte weiter gehen, bis das ganze historische Palästina befreit ist“, doch nur 24 Prozent finden, dass dies ein realistisches Ziel „für eine absehbare Zukunft“ ist. In der Westbank jedoch sind diese Anteile umgekehrt: Eine knappe Mehrheit (55 Prozent) sagt, der Konflikt sollte selbst nach einer Zweistaatenlösung weitergehen, während 35 Prozent sagen, sie sollte das Ende des Konflikts mit Israel sein.

Interessanterweise ist es, ungeachtet dieser persönlichen Präferenzen, weit wahrscheinlicher, dass Gazaner dieses maximalistische Ziel der PA zuschreiben als Westbank-Bewohner. Die Umfrage wollte wissen, wie die Befragten die Tatsache interpretieren, dass „die PA offiziell Landkarten, Erklärungen, Lieder und Gedichte über … Städte wie Haifa, Tiberais, Akko, Jaffan und andere innerhalb des historischen Palästinas von vor 1948 veröffentlicht“. Nur 28 Prozent der Westbankbewohner sagte, die „zeigt, dass die wahre Absicht der PA darin besteht eines Tages das ganze historische Palästina zu befreien“; eine Mehrheit – 40 Prozent – sagte, „es sollte nicht ernst genommen werden, weil das einzige Ziel der PA ein Palästinenserstaat in der Westbank und dem Gazastreifen ist“. Doch bei den Gazanern kehren sich diese Verhältnisse um: 46 Prozent sagen, dass das wahre ultimative Ziel der PA darin besteht Palästina in seiner Gesamtheit zu befreien; nur 27 Prozent glaubten, die PA würde auf ewig mit der Zweistaatenlösung zufrieden sein.

Was könnte für diese auffallende Gegensätzlichkeit verantwortlich sein, bei der die Gazaner persönlich langfristig morderater sind als die Westbank-Bewohner, aber auch eher der PA maximalistischere Absichten zuschreiben? Die Antwort liegt höchstwahrscheinlich in den unterschiedlichen direkten Erfahrungen dieser zwei Palästinenser-Bevölkerungen. Die Gazaner sind weit vertrauter mit den verheerenden Folgen eines endlosen Krieges mit Israel. Und die Westbank-Bewohner sind weit vertrauter mit mehrdeutigen Politik der PA.

Schließlich fragte man nach „dem einen, das Sie am meisten wollen, was die USA heutzutage in der Palästinenserfrage tun“. Die Gazaner zeigten eine faszinierende Vielfalt an Auswahlmöglichkeiten. Nur ein Viertel entschied sich für „Druck auf Israel ausüben“. Vom Rest verteilten sich die meisten auf „verstärken der Wirtschaftshilfe“ (29 Prozent), „die PA und die Hamas unter Druck setzen demokratischer und weniger korrupt zu sein“ (19 Prozent) und „helfen die arabischen Staaten stärker zu involvieren“ (12 Prozent). Die vielleicht erfreulichste Überraschung dieser Umfrage bestand darin, dass nur neun Prozent der Gazaner sich für diese Option entschieden: Die USA sollten „sich völlig aus den Angelegenheiten der Palästinenser und des Nahen Ostens heraushalten“.

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