Wollen die (Jerusalemer) Araber lieber Israelis sein oder Palästinenser? (3/3)

Es wird immer als selbstverständlich vorausgesetzt, dass die Araber unter israelischer Herrschaft sich als Palästinenser verstehen und deshalb auch unbedingt unter palästinensischer Herrschaft leben wollen, nicht unter israelischer.
Yaacov Lozowick und Elder of Ziyon haben anderes festgestellt. Sie formulieren das noch eher vorsichtig. Und auch Lila hat in ihrem Blog Alltagserfahrungen geschildert, die zeigen, dass Araber in Israel in der Mehrheit wohl eher keine Fünfte Kolonne sind.

Gestrandet

Lila, 14. Januar 2011

Gestern auf dem Heimweg ging uns auf einmal ohne Vorwarnung ein Reifen kaputt. Gut, daß wir gerade relativ langsam fuhren. Aber um uns war heftigster Berufsverkehr und es war dunkel – keine angenehme Situation. Wir mußten den Pannendienst anrufen und uns auf eine Wartezeit gefaßt machen. Quarta war allein zuhause, denn Tertia war mit ihren Freundinnen ins Kino gegangen, und jammerte am Telefon, daß sie Hunger hat und nicht gern allein ist. Aber wir konnten ihr nicht helfen. Ich fragte Quarta, „wie will Tertia denn nach Hause kommen?“, und Quarta meinte, „mit dem Taxi“. Gut so, denn wir hätten sie nicht abholen können.

Der Telefonfritze vom Pannendienst hatte den Abschleppwagen statt zur Kreuzung Yavor, wo wir festsaßen, zur Kreuzung Yagur geschickt – wir hatten gleich gemerkt, daß er sich im Norden absolut nicht auskannte. Es dauerte also noch länger, bis der Mann mit dem Abschleppwagen endlich kam, dafür war er aber sehr nett und lustig. Er verlud das Auto, aber er hatte nur Platz für zwei Leute. Einer von uns mußte also zu Fuß zur Tankstelle laufen und sich von dort ein Taxi bestellen.

Wir zankten eine Weile hin und her, wer dieser Jemand sein sollte, bis Primus sich durchsetzte. Er ging zu Fuß los, wir kletterten in die Fahrerkabine. Der Fahrer zeigte mir auf seinem Handy Bilder aller Wracks, die er in der letzten Woche abschleppen mußte – darunter ziemlich gräßliche Bilder. Er erklärte mir auch, wie er mithilfe von Ketten auf dem Dach liegende Autos umdreht, und klagte über seine Arbeitsbedingungen, und wie viele Unfälle es im Norden gibt. Ich war innerlich unruhig wegen Primus – warum habe ich den Jungen auch gehen lassen, wäre ich doch mal lieber zurückgeblieben! Eine fürwahr vergnügliche Fahrt.

Y. hatte sich überlegt, eine „pantcheria“ (vom Wort puncture für Panne) in Kfar Yassif ist die beste Lösung – in der Hoffnung, daß die noch offen haben, uns sofort das Rad wechseln können und wir dann nach Hause fahren können. Der Fahrer brachte uns also zu so einer Pannenwerkstatt an der Hauptstraße, die uns schon oft ins Auge gestochen war – „König der Reifen und Räder“. Da war aber schon zu, denn es war inzwischen schon spät. Der Besitzer meinte am Telefon, wir können den Wagen vor seiner Werkstatt parken und morgen früh wiederkommen.

Und nun standen wir mitten in Kfar Yassif, mein normaler Taxidienst in Nahariya wollte kein Taxi schicken (war ihm zu weit) und mein liebster Taxifahrer, der junge Druse mit der kecken Kappe, hat den Job an den Nagel gehängt, aber gab mir die Nummer von seinem Onkel, der ebenfalls Taxifahrer ist. Primus war inzwischen bis Achihud gelangt. Ich hatte ihm streng verboten zu trampen (Soldaten dürfen das sowieso nicht), aber während er die Straße langging, hielt neben ihm ein Taxi mit einem religiösen Fahrer. Der sagte zu ihm: du bist Soldat, das seh ich sofort. Komm mit, ich bringe dich soweit es geht. Der Taxifahrer wollte kein Geld von ihm, er nahm ihn mit bis Achihud, und ich schickte ihm den Taxifahrer-Onkel. Aber war das nicht nett von dem fremden Taxifahrer?

Wir waren in Kfar Yassif gestrandet, aber ich wollte immer schon Roys libanesische Pizzeria ausprobieren. Ich würde am liebsten ja mal das Schild vor seinem Laden fotografieren, da sind nämlich die libanesische und die israelische Flagge nebeneinander abgebildet. Wir waren inzwischen so hungrig wie Quarta. Während unsere Pizzen in den Ofen gingen, fragte ich den Besitzer, ob er uns ein Taxi empfehlen kann. Er war sofort am Telefon und rief seinen Neffen an, der ein Taxiunternehmen hat.

Die Räume des Restaurants waren ebenfalls mit großen israelischen und libanesischen Flaggen dekoriert, außerdem mit Bildern von Mahlzeiten und deren Namen in englischer, hebräischer und arabischer Schrift. Ich amüsierte mich über ein Bild von Fritten – hebräisch chips, aber auf dem Bild stand sheeps. Im Fernsehen lief der arabischsprachige Sender des israelischen Fernsehens, mit dem Menorah-Logo. In Nullkommanichts war das Taxi da und die Pizzen waren auch fertig. Der Besitzer geleitete uns noch nach draußen und wartete, bis wir sicher im Taxi saßen. Auch er war außergewöhnlich nett.

Es war schon richtig spät, als wir schließlich alle zusammen im Wohnzimmer saßen und über Roys libanesische Pizzen herfielen. In drei Taxis kamen wir an, fast gleichzeitig – Tertia aus Nahariya, Primus aus Achihud und wir aus Kfar Yassif. Quarta hatte auf uns gewartet und war auf der Couch eingeschlafen, alle Katzen um sie herum drapiert.

Heute früh fuhr Y. wieder nach Kfar Yassif, zum „König der Reifen und Räder“. Der König war ein netter Mann, der Y. erstmal zum Kaffee einlud. Dann untersuchte er das Rad, das sich vollkommen verzogen hatte – wir hatten uns schon gefragt, wie auf einmal mitten in der Fahrt der Reifen kaputtgeht und das Rad so großen Schaden nimmt, oder daß wir etwas gemerkt haben. Vermutlich sind wir über eine Schraube gefahren, denn im Reifen war ein großes rundes Loch. Wir haben echtes Glück gehabt. Jetzt ist das Auto wieder in Ordnung, und ich bin sehr erleichtert und dankbar, daß es so glimpflich abgegangen ist.

Und ich sinne darüber nach, wer uns gestern schnell und freundlich geholfen hat – ein religiöser Taxifahrer und eine ganze Menge freundlicher Araber.

Es fällt mir immer wieder auf, wie außergewöhnlich nett und höflich die Araber hier in Galiläa sind. Von Feindseligkeit wirklich nicht die geringste Spur. Sie scheinen auch keine Probleme damit zu haben, Bürger des Staats Israel zu sein. In arabischen Restaurants hängt die israelische Flagge, und in unserem libanesischen Lieblingsrestaurant in Shlomi, von Exil-Libanesen geführt, bezahlen Soldaten in Uniform nur die Hälfte. Es ist also möglich, daß Araber zufrieden und selbstbewußt im jüdischen Staat leben, und ich kann gar nicht ausdrücken, wie viel Hoffnung mir das macht.

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