Selektive Dokumentierung

Nadav Shragai, Israel HaYom, 7. Juli 2017

Eine Gruppe von 26 berühmten, preisgekrönten Schriftstellern aus aller Welt ist zusammengekommen, um ein monumentales, hochtrabendes literarisches Dokumentationsprojekt einzubringen. „Kingdom of Olives and Ash: Writers Confront the Occupation“ [Königreich aus Oliven und Asche: Schriftsteller bieten der Besatzung die Stirn] ist eine von den amerikanischen Autoren Ayalet Waldman und Michael Chabon herausgegebene Aufsatzsammlung, die die hochmütige Behauptung aufstellt, sie hätten „keine politischen Erwartungen gegenüber diese Autoren“. Aber die Realität in Judäa und Samaria als „Besatzung“ zu definieren ist exakt das Wesen einer politischen Vorprägung.

Doch lassen einen Moment beiseite, dass Waldman und Chabon Unschuld beteuern, dann könnte man wirklich erwarten, dass die literarisch-politische Initiative, die in Verbindung  mit der Nichtregierungsorganisation Breakting the Silence erstellt wurde, Judäa und Samaria als die Wiege des jüdischen Volks oder als Territorium behandelt, das von der jordanischen Besatzung befreit wurde, die seit dem Ende des Unabhängigkeitskriegs 1948 bestand.

Noch trauriger ist es, dass die ganzen 495 Seiten des Buchs hindurch Siedler und IDF fast immer als die Verkörperung des Bösen dämonisiert werden. Genauso wie diejenigen, die die Trauer wegen der Ermordung des ehemaligen Premierministers Yitzhak Rabin zweckentfremdeten, nicht wirklich jemanden kennen, der glaubt, dass Rabins Erbe ein Desaster war, mit dem man des Mordes an dem Mann gedenkt, der ihr Premierminister war, finden die 26 Beitragsleistenden es schwierig sich vorzustellen, dass Siedler oder irgendjemand sonst in der Rechten angesichts von Missbrauch oder Schikanierung von Palästinensern erbost oder gequält sein könnte. Sie können nicht begreifen, dass ich oder irgendjemand wie ich, der Judäa und Samaria als Teil des Landes Israel und des israelischen Staates betrachtet, von Wut und Angst ergriffen ist, wenn jüdische Terrorakte oder Hassverbrechen berichtet werden, egal wie geringfügig diese sein mögen.

Das literarische Manifest lässt nicht nur die Geschichte der „Araber innerhalb [der Grünen Linie] in den „besetzten“ Städten Akko, Jaffa, Nazareth oder Lod aus, auch nicht nur die Tatsache, dass aus palästinensischer Perspektive die „Besatzung“ nicht 1967 begann, sondern 1948; die von dem palästinensischen Politikwissenschaftler Dr. Khalil Shikaki durchgeführten Studien, die die Palästinenser selbst immer wieder veröffentlichen und die zeigen, dass die palästinensische Öffentlichkeit der Idee eines Rückkehrrechts und die große Unterstützung von Terrorismus und dem Mord an jüdischen Frauen, Kindern und Betenden anhängt.

Dave Eggers, Anita Desai und Mario Vargas Llosa sind gutmeinende Autoren, die das palästinensische Narrativ eingeholt haben. Sie wollten ihre Füller in die Hand nehmen, um Elend zu skizzieren. Doch leider haben die Autoren in den Aufsätzen der Sammlung weniger das getan, als vielmehr ein Mosaik zu schaffen, das Stücke auslässt, die mit ihrem eigenen Bild der Besatzung nicht so recht zusammenpassen. Wenn sie auch nur ein klein wenig nach diesen fehlenden Puzzlestücken gegraben hätten, dan wäre die Dokumentation besser und ausgewogener geworden.

Eggers zum Beispiel beschreibt den Gazastreifen als Gefängnis, aber Gaza Stadt selbst ist eine umtriebige, kosmopolitische Stadt, in der es neun Colleges und Universitäten gibt, 32 Krankenhäuser und zahlreiche Einkaufszentren und Galerien. Er präsentiert Bilder „voller Leben“ aus dem Inneren eines „Gefängnisses“ und gibt im Druck selbst zu, wie unerwartet das war.

Noch überraschender ist Eggers‘ Gespräch mit Amir al-Abd aus Gaza, der dem Autor gegenüber eingesteht: „Als die [israelischen] Siedlungen hier waren, ging es uns gut.“ Jeder, der sich mit den Siedlern des Gush Katif [die bei der Abkoppelung 2005 vertrieben wurden] und ihren guten Beziehungen zu ihren Nachbarn im Verlauf der Jahre auskennt, braucht Eggers nicht, der ihnen davon erzählt. Baschir, ein Fischer, erzählt Eggers, dass die Ägypter „schlimmer sind“ als die IDF, womit er etwas Ausgleich zu den Darstellungen des verleumdeten israelischen Militärs gibt. Selbst der Bauer Jamal, der bei der Arbeit auf seinen Feldern die israelische Grenzen sehen kann, erzählt Eggers, dass „die Medien Lügner sind“ und dass IDF-Bulldozer nichts niederreißen; sie kommen nu in die Pufferzone, um Müll und Pflanzenwucherungen zu beseitigen.

Die 26 „professionell Aufmerksamen“, wie Waldman und Chabon ihre Autoren beschreiben, Menschen, „für die nichts verloren ist“, verpassen in der Tat ziemlich viel auf ihrer Reise der literarischen Dokumentation. Die australische Autorin Geraldine Brookes zum Beispiel berichtet vom Zeugnis eines Palästinenser, der sagt, sie fühlten sich in den jüdischen Vierteln von Jerusalem Nicht sicher. Für manche ist das so; aber die Wirklichkeit ist fast immer genau umgekehrt: Zehntausende Araber besuchen und arbeiten und verbringen ihre Freizeit in der westlichen Hälfte der Stadt, während die meisten Juden sich von arabischen Vierteln fern halten, um nicht gesteinigt, verletzt oder getötet zu werden. Ist das so schwer zu sehen?

Helon Habila berichte die Not im Flüchtlingslager Aida, aber warum lässt sie ihre Leser nichts über den Sonderstatus des palästinensischen Flüchtlingstums wissen? Derselbe „ewige Flüchtlingsstatus“, der von Vätern auf Söhne weitergegeben wird, Generation um Generation, den die Palästinenser als Waffe gegen Israel schwingen und zwar auf Kosten der unglücklichen Einwohner der Flüchtlingslager? Es gibt in der Welt keinen Präzedenzfall für einen Flüchtlingsstatus, der sich weigert ein Ende zu finden und wieder auf die Füße zu kommen.

Nicht könnte natürlicher sein als die Rückkehr der Juden in die Davidstadt. Nichts könnte natürlicher sein als am Fuß des Tempelbergs lebende Juden, aber für Ala Hlehel und einiger seiner Kollegen ist, dass sie das tun, ein Verbrechen und eine Besatzung. Die „Dokumentation“ der Autoren lässt Fakten aus oder bagatellisieren sie: In der Davidstadt lebende Juden kauften ihre Häuser von den lokalen Arabern. Sie stahlen nichts und beuteten niemanden aus. Betraten Juden erst einmal die Davidstadt wurde es viel sicherer. Die Verbrechensrate fiel dramatisch. Es gibt sogar eine versteckte, respektvolle Koexistenz. Wer professionell Aufmerksam ist, wer hat Zweifel daran hat, dass die Davidstadt tatsächlich die Stadt Davids ist, unterließ es eine so bedeutende Autorität wie den Archäologieprofessor Israel Finkelstein zu zitieren, der für seine Skepsis der Nutzung biblischer Beschreibungen als historischer Beweise bekannt ist, aber die Davidstadt und den Tempelberg als Ort des biblischen Jerusalems identifiziert und sieht, dass die dort verrichteten Ausgrabungsarbeiten entsprechend modernen archäologischen Standards durchgeführt werden.

Die Palästinenser, sagen Waldman und Chabon, gehen nirgendwo hin. Sie gehen auch dem aus dem Weg das über die Siedler zu sagen und dass Verständnis, dass am Ende die Palästinenser und die Siedler einen Weg finden müssen miteinander auszukommen, weil es keine wirklich andere Wahl gibt, fehlt völlig.

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