Redakteur von Al-Sharq Al-Awsat: Warum verteidigen liberale christliche Araber bin Laden?

MEMRI, 20. Februar 2002

Ende Dezember 2001 veröffentlichte Abd Al-Rahman Al-Raschid, Redakteur der Londoner arabischen Tageszeitung Al-Sharq Al-Awsat, die sich in saudischem Besitz befindet, einen zweiteiligen Artikel unter dem Titel „Christliche und liberale Stellungnahmen zu Al-Qaida“, in dem er Prof. Edward Said und andere im Westen lebende liberale christliche Araber kritisiert, die die extremistische islamistische Minderheit als ein Beispiel von Loyalität verteidigen. Mitte Februar veröffentlichte die Zeitung den Leserbrief eines saudischen Islamisten, der zur Verteidigung Saids schrieb. Es folgen Auszüge aus dem Artikel wie dem Brief:

Al-Raschids Kritik

Al-Raschid schrieb: „Vor 20 Jahren war für mich die Haltung eines Autors wie Edward Said nicht peinlich, der Irans Islamische Revolution verteidigten, als die westliche Feindseligkeit gegen sie ihren Höhepunkt hatte; sie war auch nicht peinlich, weil er sie als in New York lebender Christ machte. Seine Haltung basierte auf moralischen und wissenschaftlichen Argumenten, die ihn zur Nummer 1 der Krieger in der Verteidigung des Islams im Westen machten. Aber die Zunahme des islamistischen Extremismus hat die Argumente aller Nichtmuslime geschwächt, die den islamistischen Extremismus verteidigten, darunter auch Prof. Said selbst – wegen des furchtbaren Bildes der Muslime, die in Folge der Vorfälle des 11. September aufkamen.

Warum verteidigt dann eine Gruppe von Menschen, die von Al-Qaida für die Schlachtbank bestimmt ist, deren Ideologie und Unterstützer? Ich behaupte, dass dies Teil der arabischen Heuchelei ist, egal, ob sie sich auf Christen, Shiiten, Drusen oder liberale Sunnis bezieht.

Die Wahrheit ist, dass ich schon vor den jüngsten Ereignissen eine kriecherische Tendenz auf Seiten vieler christlich-arabischer Intellektueller spürte, die sich selbst in die vorderste Reihe der Verteidiger extremistisch-islamistischen Bewegungen stellten. Ich beziehe mich auf ihre übertriebene Verteidigung der Barbarei dieser Organisationen, die so weit ging, Osama bin Laden den Titel eines ‚Scheiks‘ und ‚Großen Gotteskriegers‘ zu geben. Es könnte scheinen, dass dies ein Versuch ist, die Zugehörigkeit der Christen zu den arabischen Reihen zu beweisen, indem Unterstützung für die demagogische muslimische Minderheit ausgedrückt wird, deren Stimme heutzutage am lautesten tönt, während die Fehler dieser Bewegungen genauso ignoriert werden wie die Risiken, die die von ihnen angewendeten Methoden für die Zukunft der Araber bilden, ob sie nun Muslime oder Christen sind.

Ich bestreite nicht, dass es Nichtmuslime gibt, die mit den Islamisten sympathisieren und dass es eine intellektuelle Annäherung zwischen den Islamisten und der arabischen Linken – darunter Christen – in Bezug auf die Feindseligkeit gegen westliche politische Institutionen gibt.

Trotzdem: Wie die Mehrheit der intellektuellen Muslime, sollte auch die Mehrheit der christlichen Araber, vor allem die Intellektuellen, von der Unterstützung extremistischer Gruppen ablassen, wenn sie die Flammen des Feuers überall in unserer Region sehen und wenn sie den Hass (dieser Gruppen) gegenüber jedem sehen, der kein Fundamentalist ist – oder auch ihr unverfälschten Willen, die bestehenden Institutionen zu zerstören.

Es sollte betont werden, dass die Unterstützung eines Fundamentalisten kein wesentliches Element der Rhetorik der Solidarität (zwischen Muslimen und christlichen Arabern) ist – anders als der Fall des arabischen Rechts an Palästina. Es gibt für gewisse christliche Intellektuelle keinen Grund, jeder arabischen Demonstration hinterher zu laufen (sogar, wenn es eine Demonstration gegen die Christen selbst ist), wie sie es jetzt in ihrer Unterstützung für Al-Qaida und seine Leute tun. [1]

Die übertriebene Furcht, die von christlich-arabischen Intellektuellen (durch ihre Verteidigung des islamistischen Extremismus) demonstriert wird, hat ein Gefühl der Ablehnung – wenn man ehrlich ist: sogar des Hasses – über den Opportunismus derer aufsteigen lassen, die gleichzeitig verlangen, dass Religion (d.h. der Christen) aus der Politik fordern.

Die Unterstützung der extremistischen Islamischen Gruppen durch diese Christen entstammt einem Hass auf den Westen. Die christlich-arabischen Intellektuellen verteidigen einen Mann wie Osama bin Laden, der offen zur Tötung von Christen aufruft. Wenn jemand mich nach Beweisen für die Heuchelei der meisten arabischen Intellektuellen – seien es Christen oder andere, die Al-Qaida verteidigen -, dann könnte ich ihnen ihre Manifeste und Artikel schicken, die die rüde politische Scheinheiligkeit belegen. Es wäre besser für sie, wenn sie schweigen würden.“ [2]

Ein Islamist antwortet:
Muhammad Ahmad Abbas Othman aus Riyadh (Saudi Arabien), der sich selbst als Islamisten bezeichnet, schickte folgenden Leserbrief an die Zeitung:

„Ich möchte sagen, dass sie [die christlich-arabischen Intellektuellen] nicht kriecherisch sind und die extremistischen Bewegungen nicht verteidigt haben; sie verteidigen die islamischen Bewegungen im arabischen und islamischen Heimatland. [heplev: Das ist die typische islamistische Gleichsetzung des eigenen Extremismus mit dem ganzen Islam, wie sie von Daniel Pipes u.a. beschrieben wird!] [Diese Bewegungen] ringen einsam mit der amerikanischen, westlichen und israelischen Offensive, die darauf abzielt, die arabische und islamische Nation zu unterjochen, eine Vorherrschaft über sie auszuüben, ihre Ressourcen auszubeuten und sie zu zwingen zu glauben, was Amerika und der Weltzionismus glauben. [heplev: Auch hier wieder die stereotype Hass-Verschwörungs-These der Islamisten, die jeden Terror rechtfertigt.]

Edward Said ist als Autor in seinen Gedanken und Schriften frei; er wohnt im Herzen der westlichen Welt, weit entfernt von der Regierung und dem auf die Bevölkerung (der arabischen Staaten) ausgeübten Druck. Er ist ein Professor an führenden westlichen Universitäten. Was hat er zu fürchten? Wenn überhaut, dann setzt er sich feindseligen zionistischen und westlichen Angriffen aus. [heplev: Jede Kritik ist vom zionistischen Teufel geführt und deshalb falsch.] Wie [Paul] Findley und [Roger] Garaudy hat er nichts von diesen fundamentalistischen Gruppen zu gewinnen, sogar, wenn sie in ihren Ländern die Macht übernähmen.

Ich habe nicht ein einziges Mal eine Verteidigung des islamistischen Extremismus durch Said gelesen, wie [Al-Raschid] behauptet. [heplev: Wie kann er auch – der Schreiber versteht sich als Vertreter des ganzen Islam, nicht des Extremismus: also wird der Islam von Said verteidigt, nicht der Extremismus!] Trotzdem steht er an der Spitze der Verteidiger des Islam im Westen. Ich habe mehr von Edward Saids Schriften gelesen als Al-Raschid und ich habe keine Heuchelei gefunden.

Allah und seine Gnade seien gepriesen, ich gehöre in die Reihen der Islamisten. Ich bin ein Scheik des siebenten Jahrhunderts, der Al-Sharq Al-Awsat täglich liest. Nach der ‚säkularen‘ Definition ein Islamist, habe ich großen Respekt vor den christlich-arabischen Schriftstellern, die Al-Raschids wütender Attacke eingeschlossen sind. In meinem privaten Archiv habe ich die Schriften von Edward Said, Clovis Maksoud, [James] Zogby und anderen wie diesen – Männer der Wahrheit, die ihrer arabischen Abstammung treu sind, die ihre arabische Identität verteidigen und ihre islamische Zivilisation…“ [3] [heplev: Vielleicht sollte er etwas mehr von den Kritikern des Islamismus lesen um mit sich selbst kritischer umzugehen, statt die Schmeicheleien der genannten Autoren zur Selbstbestätigung zu nutzen.]

Fußnoten:
[1] Al-Sharq Al-Awsat (London), 27. Dezember 2001.
[2] Al-Sharq Al-Awsat (London), 29. Dezember 2001.
[3] Al-Sharq Al-Awsat (London), 16. Februar 2002.

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