Ein syrischer Leser schreibt an Al-Hayat: Arabische Medien verstehen nicht – Israelische „Kriegsdienstverweigerer“ beweisen Israels Stärke – nicht seine Schwäche

MEMRI, 27. Februar 2002

Die Londoner arabischsprachige Tageszeitung Al-Hayat [1] veröffentlichte kürzlich einen Leserbrief eines syrischen Lesers, Ismail Dabaj, der die arabischen Medien wegen ihres Unverständnisses des Phänomens der „Kriegsdienstverweigerer“ in Israel kritisiert. Folgend Auszüge aus dem Artikel:

Dem arabischen Umgang mit den israelischen Sachverhalten fehlt oft wirkliche Kenntnis.

Vielleicht das beste Beispiel dafür war eine Diskussion in einer gut bekannten Talkshow auf einem arabischen Satellitenkanal [2] zum Phänomen der „Kriegsdienstverweigerer“, die es ablehnten in der israelischen Armee zu dienen. Einer der Gäste, der als Israel-„Experte“ beschrieben wurde, … bestätigte, dass Ideologie über Kenntnis triumphiert… Nur wenige Minuten nach dem Beginn des Programms erklärte er: Die zionistische Gesellschaft bricht auseinander und leidet an innerem Zerfall… In dem zionistischen Gebilde oder seinem Militär gibt es keine Demokratie… All diese [zusammen mit anderen] Faktoren wie der Zunahme von Drogen(missbrauch) in Israel und der Diebstahl und Verkauf von Waffen im israelischen Militär (usw.). Seine letztliche Schlussfolgerung war, dass das israelische Militär vor dem Auseinanderfallen steht.

Die Wahrheit ist, dass jede dieser iendeutigen Schlussfolgerungen ist ungenau.

Der Begriff „zionistische Gesellschaft“ … beschreibt die Wirklichkeit nicht korrekt. Der Zionismus ist eine politische Bewegung, die den Staat Israel gründete. Er trifft nicht auf eine Gesellschaft zu… Nicht jeder in Israel ist ein Zionist.

Oft enthüllt Rethorik die kulturellen Merkmale des Sprechers stärker als die, von denen er spricht:

Die israelische Gesellschaft spricht offen und öffentlich über ihre Unstimmigkeiten und Widersprüche und erlaubt ihnen, auf die eine oder andere Weise institutionalisiert zu werden. Die Behauptung, dass die Uneinigkeiten in der israelischen Gesellschaft und die Gegensätze unter den Gruppen, die sie repräsentieren, Zerfall und Zersetzung widerspiegeln, legt eine politische Kultur offen, die Unterschiede und Pluralismus versteckt oder ablehnt und daher jedes Phänomen dieser Art als Zerfall und Zersetzung ansieht.

Wir hoffen in unseren Träumen auf den Zerfall der israelischen Gesellschaft… Aber die Wirklichkeit zeigt das Gegenteil. Ich versuche nicht, den Feind gut aussehen zu lassen, aber gleichzeitig protestiere ich gegen die Herstellung von Illusionen über diesen Feind.

Wir befinden uns in einer ideologischen Denkschule, die sich darauf spezialisiert, die „Verfehlungen“ der israelischen Gesellschaft aufzuhäufen und sie in übertriebener Weise darzustellen, um zu sagen, dass diese Gesellschaft dem Fall entgegen geht – und zwar schnell.

Vielleicht gibt es in unserer Vorstellung die Vermutung, dass diese Gesellschaft oder dieses Land, das uns eine Niederlage nach der anderen zugefügt hat, eine utopische, perfekte ist, der jegliche Mängel fehlen, die es in jeder menschlichen Gesellschaft gibt. Wenn uns also irgend etwas, das dieser Illusion Flecken zufügt, in die Hände fällt, eilen wir, das öffentlich zu machen und zu erklären, dass dies Anfang des Endes (Israels) ist. Ist irgendein Land, zu irgend einer Zeit in der Geschichte, jemals aus diesen Gründen zusammen gebrochen?

Niemand kann verleugnen, dass Israel interne Widersprüche aufweist, aber wir müssen diese Widersprüche gründlich untersuchen. Wir sollten sehen, wie das politische Establishment in diesem Land diese Widersprüche akzeptiert und mit ihnen innerhalb der vorhandenen Einheit umgeht.

Was am meisten beunruhigt ist, dass diese Sendung [auf Al-Jazira] und dieser Gast betonten, es gebe in Israel keine Demokratie. Hätten sie sich auf die bekannte Tatsache bezogen, dass diese Demokratie die Palästinenser nicht einschließt (Anmerkung heplev: Die Palästinenser sollten erst einmal untereinander Demokratie einführen; welche Veranlassung hat Israel, die Palästinenser in ihre Demokratie einzubeziehen? Sie sehen sich selbst als nicht diesem Staat zu gehörig an und wollen mit Israel nichts zu tun haben.), gäbe es keinen Streit mit ihnen. Aber die Diskussion konzentrierte sich auf die völlige Abwesenheit von Demokratie im israelischen Leben.

Wenn dies der Fall sein sollte, wie kann man die Regierungswechsel, die Institutionen der zivilen Gesellschaft und die [Aktivitäten der] Lobbygruppen in der israelischen Gesellschaft aufgerechnet werden? Wie kann man [die israelische] Presse und andere Medien und das Recht auf Meinungsfreiheit und Kritik erklären? Wie sieht es mit der Existenz der unabhängigen [israelischen] Justizsystems [für interne jüdische Angelegenheiten] und [anderer] Aufsichtsgremien aus? Was macht Demokratie aus, wenn nicht all diese Dinge?

Ist es unsere Aufgabe, die Verfehlungen der israelischen Demokratie zu kritisieren? Wenn es nur so wäre. Wenn Israel nur kein demokratisches politisches System hätte…! Wenn das so wäre, würden wir das gesamte [zionistische] Unternehmen eliminieren; oder es wäre wenigstens nicht so widerstandsfähig und so weit entwickelt, wie es heute ist und es wäre für uns einfacher, ihm zu begegnen und es zu eliminieren.

Wir müssen zugeben, dass die Existenz des internen israelischen [demokratischen] Systems Israel seine Macht gab… Das hat Israel zu dem Staat gemacht, der er ist. Unser strategisches Ziel solle es sein, diese Demokratie zu schwächen – nicht ihre Unzulänglichkeiten zu benoten.

… Wenn die israelische Armee tatsächlich unter psychologischer Zersetzung leidet und wenn die [israelische] Gesellschaft unter Zerfall und Zersetzung leidet und das gesamte Land am Rande des Zusammenbruchs ist, worauf warten wir dann noch? Warum greifen wir nicht an?“

——
Fußnoten:
[1] Al-Hayat (London), 22. Februar 2002.
[2] „Gegensätzliche Richtungen“ im Al-Jazira-Fernsehen (Qatar) mit dem Moderator Faisal Al-Qassem, 12. Februar 2002.
[3] Majed Abu Diyak, vorgestellt als „Experte für israelische Angelegenheiten“.

 

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