Verhaltensanpassung

Hinter den vornehmen Verblendungen

John Derbyshire, National Review online, 19. April 2002

Die Schlacht am Lechfeld an einem regnerischen Freitag im August des Jahres 955 n.Chr. passt nicht in eines der Bücher, die die entscheidendsten oder bedeutendsten Schlachten der Weltgeschichte beschreiben – Bücher von Historikern wie Edward Creasy oder von unserem Vic Hanson. Das ist eine Schande und etwas unfair, aber verständlich. Das Lechfeld war entscheidend, sehr entscheidend, allerdings nur für eine kleine und belanglose Nation: Ungarn. Wenn auch kein bedeutender Augenblick im großen Zusammenhang der Weltgeschichte, verdient doch die Schlacht auf dem Lechfeld ein Kapitel für sich in den Annalen der Verhaltensanpassung.

Die Ungarn tauchten erstmals einige Jahrzehnte früher als aus dem Osten kommende Plünderer in Europa auf. Brillante Reiter, die mit einer furchtbaren Leichtigkeit auf ihren Steppenponys über die Landschaft hinweg fegten, überwältigten die schwerfälligen Ritter des frühmittelalterlichen Europa mit riesigen Schwärmen von Pfeilen, terrorisierten den Kontinent seit dem späten 9. Jahrhundert. Gibbon spricht von „dem schwarzen Schwarm der Ungarn“ und einige Gelehrte vermuten, dass das (englische) Wort „ogre“ (Ungeheuer, Scheusal, Unhold) von dem slawischen Wort Ugri abstammt, das „Ungar“ bedeutet. Ein anderer Historiker, der über die Lage in Europa um 900 n.Chr. schrieb, sagte:

Die unglückliche Lage des Westens in der Zeit anhand der Geschichte Burgunds gut aufgezeigt, einem Staat, der verhältnismäßig unzugänglich erschien, aber innerhalb eines halben Jahrhunderts nacheinander von den Wikingern, den Moslems und den Magyaren heimgesucht wurde. („Magyar“ ist das ungarische Wort für „Ungar“.)

Nun, im Sommer des Jahres 955 erfreuten sich die Ungarn an einem Raubzug durch Süddeutschland, bei dem sie die Feinde des deutschen Königs, Otto I. unterstützten. Für sie unglücklicherweise war Otto ein großer Heerführer, während ihr eigener Anführer – der sich an dem Namen „Blutiger Bulksu“ erfreute – ein mittelmäßiger war. Otto begegnete den Ungarn auf dem Lechfeld in Bayern und schlug sie nach einer den ganzen Tag dauernden, erbitterten Schlacht vernichtend. Nach der nationalen Legende sollen nur sieben Soldaten Ungarn lebend wieder gesehen haben – ausgezogen waren ursprünglich 40.000. (Ottos Armee war nur halb so groß, was seine große Leistung nur noch eindrücklicher machte.) „Der Verlust der Ungarn war durch die Flucht größer, als die Sache selbst“, sagt Gibbon, „und die Gräuel der Vergangenheit verschloss ihnen jede Hoffnung auf Nachsicht.“

Nach dem Lechfeld hörten die Ungarn abrupt mit ihren Raubzügen auf und ließen sich nieder um das Pannonische Becken zu bewirtschaften. Vierzig Jahre später nahm ihr großer König Stefan das Kreuz an und die Umwandlung der wilden magyarischen Horde in das christliche Königreich Ungarn war vollzogen. Wie man sehen kann: eine Anpassung des Verhaltens.

Die Geschichte kennt natürlich viele andere Gelegenheiten der Verhaltensanpassung. Die römische Eroberung von Britannien geschah – nach der Theorie – mit dem Fall von Colchester 43 v.Chr., wurde aber nicht vor der Niederschlagung der Rebellion von Boudicca 17 Jahre später zur Tatsache, die einen sechsstelligen „Schlachtpreis“ forderte. Erst danach passten die Briten ihr Verhalten an und wurden gute Bürger Roms. Für die Amerikaner familiärer ist General Shermans „Befriedung“ der Südstaaten sowie die gründlichen und vernichtenden Niederlagen Deutschlands und Japans im Zweiten Weltkrieg. In jedem Fall wurden diejenigen, die eine blutige und katastrophale Niederlage erleiden mussten, davon überzeugt einen Kampf aufzugeben, von dem sie nur zu genau wussten, dass sie ihn nicht gewinnen konnten. Sie änderten ihr Verhalten, um mit der neuen Realität zurecht zu kommen.

Als Resultat der täglichen Nachrichten und Kommentare über den Nahen Osten während der letzten Woche geht all das einem natürlich durch den Kopf. Mein persönliches Herangehen an Nahost-Kommentare ist: In einer Sache, die so tief gehend, beladen und verwickelt ist wie diese ist es keine schlechte Idee sich anzusehen, was Kommentatoren mit wirklich gutem Leumund zu sagen haben. Ich will damit nicht sagen, dass solche Kenner unfehlbar seien. Wirklich gut beleumundete Menschen liegen oft furchtbar falsch. Es waren nicht nur Amateure, die den Kollaps der UdSSR nicht vorher sahen; jeder Menge Experten war das ebenfalls entgangen. Einige mit sehr gutem Ruf ausgestattete Personen hatten den Vietnamkrieg in den Sand gesetzt, „China verloren“, verschliefen den Herbst 1941, konnten nichts zur Überwindung der Großen Wirtschaftskrise beitragen, usw. Auch bei gleichwertigen anderen Sachlagen ist es bedeutend wahrscheinlicher, dass man ein wirkliches Verstehen aus den Schriften von Professor Polyglott erhält als davon, durch die Gedankengänge von Manni Manta zu surfen.

Für den Nahen Osten gibt es kaum jemanden mit einem besseren Ruf als Walter Laqueur. Eine an seinem 65. Geburtstag 1986 veröffentlichte Bibliographie war 66 Seiten stark – und deckte lediglich die englischsprachigen Veröffentlichungen ab und ließ ein volles Jahrzehnt von täglichem Journalismus aus. Laqueur hat ein halbes Regal an Büchern über europäische Geschichte, den Nahen Osten, Zionismus, Terrorismus, sowjetische Angelegenheiten, US-Außenpolitik usw. geschrieben. Kurz gesagt: Dieser Mann ist ein Schwergewicht. (Derzeit ist er Vizepräsident des International Research Council of the Center for Strategic and International Studies.) Was also hat dieser wohlangesehene Mann über die derzeitige Lage im Nahen Osten zu sagen? Nun, auf der Kommentatorenseite des Wall Street Journal vom 27. März hat Walter Laqueur seine Last abgeladen. Schlüsselsätze:

So unmenschlich es klingen mag, den Konflikt muss man laufen lassen, bis beide Seiten genug gelitten haben um über ihren jeweiligen Punkt des Zusammenbruchs zu geraten. Erst dann werden sie den Willen zu Kompromissen haben. Zur Zeit wird jeder Versuch von außen, die Kämpfe zu beenden, keinen oder nur sehr kurzfristigen Erfolg haben.

Ich denke, die Logik hat eine Schwäche. Ist es wirklich nötig, dass beide Seiten „bis zum Punkt ihres Zusammenbruchs“ leiden müssen? Wenn nur eine von ihnen diesen Punkt erreicht, ist der Konflikt vorbei. Und ob ein „Wille zu Kompromissen“ folgen wird, kommt (nach meinem Eindruck) darauf an, welche Seite das sein wird. Wenn die Israelis diesen Punkt des Zusammenbruchs erreicht, dann wird Israel zerstört werden und sein Volk getötet oder zerstreut – zum dritten Mal in der Weltgeschichte. Wenn die Araber ihn zuerst erreichen, werden sie eine Verhaltensanpassung durchlaufen. Das bedeutet, dass sie von ihren Vornehmheits-Verblendungen aufwachen um den elenden Fehlschlag ihrer Gesellschaften in dieser modernen Zeit erkennen. Dann werden sie das Kreuz annehmen – na ja (und mit allem Respekt gegenüber Ann Coulter), so viel kann man nicht erwarten, aber sie werden wenigstens verfassungsgemäße Politik und rationale Ökonomie annehmen.

Ich behaupte nicht, ich wüsste, welche dieser Möglichkeiten eintreten wird. Im Moment scheint beides möglich. Israel, das habe ich an anderer Stelle heraus gestellt, verliert die demographische Schlacht und krümmt sich unter all den Nachteilen, die eine moderne Demokratie mit sich bringt, wenn sie mit unmoralischen, prinzipienlosen Guerillas herumschlägt, die aus einem Hinterland feindseliger Staaten versorgt wird. Je mehr ich andererseits über die modernen Araber erfahre, desto größer und hoffnungsloser erscheint das Versagen ihrer Gesellschaften – ihr politisches Versagen, ihr kulturelles Versagen, ihr ökonomisches Versagen und ihr militärisches Versagen. Zahlen allein entscheiden solche Probleme nicht, wenn die Lücke im System groß genug ist. Im Opiumkrieg saßen einige hundert britische Seeleute am Ende eines Versorgungswegs, den zu bewältigen fünf Monate dauerte. Diese britischen Seeleute demütigten das chinesische Kaiserreich mit seiner Bevölkerung von über 300 Millionen. Und während die Araber zahlenmäßig an Israel vorbei ziehen, versinken sie immer tiefer in Despotismus und geistigem Elend. (Die derzeitige Blüte des islamischen Fundamentalismus ist ein Symptom dieses Elends, kein Gegenmittel.) Ich würde persönlich keine Wette zum Ausgang des arabisch-israelischen Kampfes eingehen.

„Den Konflikt muss man seinen Lauf nehmen lassen… wird jeder Versuch von außen, die Kämpfe zu beenden, keinen oder nur sehr kurzfristigen Erfolg haben.“ Es mag grausam zu sein, dies zu sagen – ja sogar „unmenschlich“ -, aber ich glaube, Laqueur hat in diesem zentralen Punkt recht. Das Verhalten im Nahen Osten wird nicht angepasst werden, bis es ein Lechfeld gegeben hat, einen Marsch durch Georgia (USA), ein Berlin, ein Tokio (um Gottes Willen, bitte kein Hiroschima). Alle „Friedensprozess“-Mechanismen, all die diplomatischen Klimmzüge, all die „Shuttle-Diplomatie“ zögern den Tag der Entscheidung nur hinaus. Die derzeitige US-Politik – wie ein nervöser Ringrichter dazwischenzuspringen und den Kampf zu beenden, sobald Blut geflossen ist – schiebt nur die notwendige Anpassung der Einstellung hinaus und stellt sicher, dass der kommende große Zusammenprall um so schrecklicher sein wird.

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