Der Widerwille der Regierung antiisraelische Propaganda effektiv zu bekämpfen

Manfred Gerstenfeld (direkt vom Autor)

Jahrzehnte lang haben viele arabische Propagandisten und westliche Aufwiegler Israel dämonisiert. Trotzdem gibt es in der israelischen Regierung keine Organisation, die einen detaillierten Überblick über die Verleumder des Landes und ihr Tun hat. Das bizarr zu nennen ist noch eine beschönigende Umschreibung.

Man kann diese Absurdität besser verstehen, wenn man damit vergleicht, wie Israel mit anderen Arten von Angriffen gegen sich umgeht. Antiisraelischer militärischer Aggression ist mit einer zunehmend effizienten IDF begegnet worden. Der Generalstabsvorsitzende und die obersten Kommandeure der IDF haben einen Überblick über das militärische Schlachtfeld und die wichtigen Feindakteure.

Um seinen Feinden entgegenzutreten musste Israel auch drei Geheimdienste gründen: Den Mossad, die Israel Security Agency – besser als Schabak bekannt – und den militärischen Geheimdienst Aman. Im Lauf der Jahre hat sich die Leistung dieser drei Dienste verbessert. Sie unternehmen eine Menge, um innerhalb ihrer jeweiligen Fachgebiete so viel wie möglich über Israels Feinde in Erfahrung zu bringen. Ihre Top-Leute haben die Übersicht über das Schlachtfeld in ihrem Bereich.

Als sich in den letzten Jahren mit der Cyber-Kriegsführung ein neues Aggressionsfeld entwickelte, erkannte die israelische Regierung die Gefahr und investierte stark in die Cyber-Verteidigung. Von Israel wird erwartet, dass es zu den Weltführenden gehört, da dieses Feld sich dahingehend entwickelt, dass zunehmend hochentwickelter Cyber-Kriegsführung entgegengetreten werden muss.[1] Jede der Abteilungen, die den verschiedenen Typen der Aggression entgegentritt, entwickelt auch eine bestimmte organisatorische Kultur unter ihren Beschäftigten. Das hilft enorm den Feinden Israels die Stirn zu bieten.

Antiisraelische Propagandathemen haben sich oft aus alten Kernmotiven des Antisemitismus vieler Länder entwickelt. Für viele Europäer ist Antiisraelismus ein Ersatz für einen derzeit nicht sehr salonfähigen Antisemitismus geworden. Es ist leicht verstehen, dass eine Verteidigung gegen Aufwiegler über eine Organisation im Feld der Propagandabekämpfung strukturiert werden sollte, die vom Konzept her den Abteilungen in den oben erwähnten Bereiche ähnelt.

Zumindest ein jüdischer Leiter im Ausland hat in den letzten Jahren gegenüber das Problem der Propagandabekämpfungsorganisation gegenüber Premierminister Netanyahu thematisiert. Ich habe es im Verlauf der Jahre mit einigen Politikern diskutiert. Oft verstehen sie die Notwendigkeit eine solche Agentur zu schaffen. Man muss ihnen also nicht erklären, dass man Propaganda nicht mit sogenannter öffentlicher Diplomatie – oder Hasbara, wie sie weithin bekannt ist – bekämpfen kann.

Die möglichen Gründe dafür, den logischen und notwendigen Schritt der Gründung einer Propagandabekämpfungsagentur zu tun, bleiben schleierhaft. Im Verlauf der Jahre habe ich eine Reihe von Argumenten entwickelt, die zusammen einige Erklärungen für dieses Versagen liefern können. Eines davon lautet, das derzeit drei Ministerien einige Teile der Propagandaangriffe auf Israel und/oder Antisemitismus bekämpfen. Ihnen die Verantwortung in diesem Bereich zu nehmen würde einen weiteren politischen Kampf bedeuten, von denen der Premierminister bereit mehr hat als ihm lieb ist.

Ein zweiter Grund besteht darin, dass man, um effektiv gegen Propaganda vorgehen zu können, ein vernünftiges Verständnis der verschiedenen Täterkategorien haben muss. Wir leben nicht länger in der uralten Realität des christlich-religiösen Antisemitismus, in der die großen Angriffe von einer begrenzten Zahl an Haupttätern kommen: ursprünglich die römisch-katholische Kirche, der viele Jahrhunderte später auch Martin Luther und einige andere protestantische Konfessionen folgten. Beim zweiten wichtigen antijüdischen Ausbruch danach, dem ethnisch-nationalistischen Antisemitismus, wurde die Nazi-Bewegung samt ihrem Anhänger dominant. Ihre Erscheinungsformen des Antisemitismus waren entsetzlich, aber einfach zu analysieren.

Im heutigen, fragmentierten, aber bedeutenden Antiisraelismus gibt es solche Transparenz nicht. Führende Täter kommen aus muslimischen Ländern, Muslimen in der westlichen Welt, den Medien, Politikern aus verschiedenen Teilen des Parteienspektrums, von Akademikern, Kirchenleitern, NGOs, Gewerkschaften, aus den sozialen Medien, von selbsthassenden Juden und anderen Teilen der Gesellschaft. Diese Zersplitterung ist für die „postmoderne“ Zeit typisch.

Ein dritter Grund hat mit den eingefahrenen Traditionen des jüdischen Masochismus zu tun. Elemente davon findet man bereits in der hebräischen Bibel.[2] Diese Strömung des Judentums hat sich in der Diaspora über zwei Jahrtausende lang entwickelt. Physische Verfolgung und Antisemitismus wurden von vielen Juden als „normal“ betrachtet. Diese Einstellung war eine integrale Komponente dessen, was man „Galut-Mentalität“ nennt. Die israelische Gesellschaft mit ihren vielen Immigranten ist zum Teil mit solch masochistischen Gefühlen durchzogen. Sie werden oft von Pseudo-Moralisten zum Ausdruck gebracht, die die grausame Natur unserer Feinde ignorieren.

Ein vierter Grund lautet, dass manche glauben, ein nicht allzu gewalttätiger Antisemitismus in der Diaspora sei gut für Israel, denn das führe zu Aliyah sogar aus westlichen Ländern. So ist es zum Beispiel bei Frankreich der Fall.

BDS ist weit davon entfernt für Israel eine Bedrohung zu sein. Vielmehr sind es die gemeinsamen Anstrengungen den jüdischen Staat zu delegitimieren. Selbst die Initiatoren des BDS-Projekts auf der Antirassismus-Konferenz der NGOs in Durban 2001 begriffen, dass ihr Hauptzweck darin bestand ein Propagandamittel gegen Israel zu haben. Hätte es eine Propagandaabwehragentur gegeben, hätte der Großteil der BDS-Aktivitäten schon früh gestoppt werden können.

Die vielleicht größte Hoffnung die notwendige Gründung einer Propagandabekämpfungsagentur zu fördern ist die Knesset. Das könnte erreicht werden, wenn ein paar ihrer Mitglieder zusammenkommen, um die Gründung einer solchen Agentur systematisch voranzubringen. Es hat im Verlauf der Jahre mehr als genug Mahnungen gegeben diese Aktion zu anzuregen. Zu den jüngsten davon gehören die absurden und hasserfüllten UNESCO-Resolutionen. Es gibt keinen Zweifel, dass viele weitere wichtige hetzerische Taten gegen Israel und zur Verleumdung des Staates auf dem Weg sind.

[1] http://fortune.com/2015/09/01/why-israel-dominates-in-cyber-security

[2] http://www.jpost.com/Opinion/From-Abraham-to-Woody-Allen-The-Jewish-masochist-tradition-409614

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Ein Gedanke zu “Der Widerwille der Regierung antiisraelische Propaganda effektiv zu bekämpfen

  1. Werter Herr Gerstenfeld,
    vielen Dank für diese Analyse. Sie haben mir aus dem Herzen gesprochen.

    Wäre es nicht gut, wenn Sie diesen Beitrag als Rundbrief an alle Regierungsmitglieder und Knessetabgeordnete schicken würden?

    Herzlich,Paul

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