Viele in Jordanien sehen im Anschlag einen alten Feind: Israel

Michael Slackman, New York Times, 12. November 2005

Zarqa, Jordanien, 11. November – Die Maktoum-Moschee war beim Freitagsgebet überfüllt, als der Imam die Selbstmord-Anschläge auf drei Hotels in Amman hart kritisierte; er sagte, diejenigen, die die Verbrechen begingen, seien keine Muslime, egal, was sie sich selbst nennen.

Hinterher, auf der Straße, stimmten die Leute damit überein, dass, wer immer eine solche Tat beging, kein Muslim sein könne. Aber viele meinten das buchstäblich – dass der Angriff von außen Stehenden ausgeführt worden sein musste, nämlich von Agenten Israels.

„Wer sagt, dass das die waren?“, fragte Ahmed al-Zawahrah unter Bezugnahme auf die Behauptung, dass Mitglieder der radikal-islamischen Gruppe hinter den Explosionen steckten. „Es könnte Israel sein.“

Zarqa ist der Geburtsort von Abu Musab al-Zarqawi, dem Führer der Al-Qaida in Mesopotamien. Seine Verwandten und Nachbarn beteten in der Moschee, also könnte man sich vorstellen, dass es für sie besonders hart sein dürfte zu akzeptieren, dass Herr Zarqawi die Verantwortung für die Tötung so vieler Zivilisten übernommen hatte. Aber die hier gehörte Meinung findet im ganzen Land und der Region Widerhall.

Die meisten Araber haben Israel zwar schon lange als ihren Feind betrachtet, das allerdings in einem Ausmaß, dass Israel auf der regionalen Psyche liegt und die Aufmerksamkeit von sozialen, politischen, religiösen und wirtschaftlichen Fragen abgelenkt wird, die nicht ignoriert werden können, sagen viele soziale und politische Analysten. Israel zu beschuldigen ist einfach ein Reflex, sagen sie; für viele Araber ist es die Wirklichkeit.

„Die Leute beschuldigen Israel nicht aus dem luftleeren Raum heraus“, sagt Rami Khoury, jordanischer Politik-Kommentator und Autor im Libanon. „Es gibt einen starken historischen Grund dafür, denn Israel hat arabischen Menschen auf die eine oder andere Weise eine Menge Leid zugefügt.“

Aber er fügte hinzu: „Die Folge ist, dass dies ein einfacher Weg wurde sich nicht mit unseren Problemen auseinanderzusetzen, deren Gründe in unserer eigenen Gesellschaft liegen.“

Der Verdacht einiger hier wegen der Hotel-Morde spiegelt das grundlose Gerücht, dass tausende von Juden am 11. September 2001 nicht zur Arbeit im World Trade Center erschienen, weil Israel hinter diesen Anschlägen stand.

In Ägypten wurde Israel weithin für die Bombenanschläge in Taba und Scharm el-Scheik im Verlauf des letzten Jahres verantwortlich gemacht, ebenso für die jüngste sektiererische Gewalt zwischen koptischen Christen und Muslimen in Alexandria. In Syrien haben höchstrangige Regierungsvertreter Israel für die Tötung von Rafik Hariri, den früheren libanesischen Premierminister, verantwortlich gemacht.

Es sieht zwar so aus, dass zwar die meisten Jordanier akzeptieren, dass Zarqawi beteiligt war – wobei viele sagen, dass seine Taten sie krank machen – es aber wenig Kritik an denen gibt, die Israel zum Sündenbock machen. Tahir Masri, ehemaliger Premierminister, der sagte, dass es klar sei, dass Israel nicht in diesen Anschlag verwickelt ist, sagt er verstünde, warum so viele Menschen Israel verantwortlich machen.

„Sie müssen verstehen, dass Bagdad für Araber und Muslime über 1.000 Jahre die Hauptstadt war“, sagt Masri. „Es ist jetzt von Amerikanern besetzt. Jerusalem und Bagdad sind beide besetzt. Das ist für die normalen Menschen zu schwer, um es zu ertragen. Wenn man dann die Misere dazu nimmt, der sich die Leute wegen des Fehlens von Demokratie gegenüber sehen, und die Erniedrigung durch ihre Herrscher, dann müssen wir diese Art von Sündenbock einfach haben.“

Ob es nun die Bomben vom Scharm el-Scheik sind oder die Ermordung von Hariri, die Theorie setzt fast immer zwei Gedanken voraus. Der erste ist eine Logik, die besagt, dass diejenigen, die davon profitieren, hinter der Tat stehen müssen.

Als muslimische Einwohner von Alexandria in Ägypten letzten Monat versuchten eine koptische Kirche anzugreifen, nachdem verbreitet wurde, dass vor zwei Jahren in der Kirche ein den Islam verunglimpfendes Theaterstück gespielt worden sei – und dass das Stück auf Videodisk verbreitet würde – machte ein örtliches Parlamentsmitglied öffentlich damit Stimmung, dass Israel hinter den Unruhen stecke.

„Israel ist das einzige Land in der Region, das nicht will, dass Ägypten stabil ist“, sagte Mohammed al-Badrasheni, Parlamentsabgeordneter. „Es will sektiererische Unruhe stiften, die eine internationale Intervention zur Folge hat, wie es jetzt im Irak passiert.“

Der zweite Faktor, auf den routinemäßig als Beweis für Israels Beteiligung gezeigt wird, ist die Vorstellung, das Ägypter, Syrer oder andere Araber nicht klug genug sind, um solch einen effektiven Anschlag ausführen zu können.

General Fouad Allam, ehemaliger Direktor der Staatsicherheit in Ägypten, sagte z.B., der Anschlag auf das Hilton Hotel in Taba im letzten Jahr – bei dem hauptsächlich Israelis getötet wurden – müsse das Werk des israelischen Geheimdienstes gewesen sein, des Mossad. „Das war sehr gut geplant, studiert, professionell und mit sehr großer Fähigkeit ausgeführt“, sagte er. „Wir hatten diese Fähigkeit in den letzten 50 Jahren nicht.“

Ein Regierungsvertreter in Ägypten führte viele militärische Niederlagen an und sprach von einem tief sitzenden Gefühl der Unterlegenheit, sogar einer Art mentalen Krankheit. Der Beamte machte auch arabischen Führern Vorwürfe, die von Kritik innenpolitischer Fragen ablenkten, indem sie die Wut der Öffentlichkeit auf Israel lenkten.

Was immer die Ursache ist, das Ergebnis bleibt das gleiche: „Erst einmal erkennen die Menschen nicht einmal die Wirklichkeit in ihrem Umfeld an“, sagte Mohammed el-Sayed Said, politischer Analyst des von der Regierung finanzierten Ahram Center for Political and Strategic Studies in Ägypten. „Zweitens übersehen und ignorieren sie weiterhin das Problem, ohne eine beständige Terrorbekämpfungs-Kampagne zu unterstützen, die die Regierung vielleicht anstrebt.“

Dawoud al-Shoryan, prominenter Autor und Journalist aus Saudi-Arabien, sagt, er ist nicht überzeugt, dass diejenigen, die Israel beschuldigen, das wirklich glauben. Aber, fügte er hinzu, viele Leute sind zutiefst wütend über die US-Politik in der Region, einschließlich der Besatzung des Irak; und Israel zu beschuldigen ist ein Weg einem Verbrechen einen gewissen Grad an Legitimität zu verleihen, das als unaussprechbar angesehen würde, beginge es ein Muslim.

„Sie versuchen das abscheuliche Gesicht des Terrorismus zu verstecken, indem sie es den USA und Israel anhängen“, sagte er. „Die Vorwürfe zu verschieben ist nichts anderes als ein unterbewusster Versuch die Tat zu rechtfertigen.“

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