Offener Leserbrief zu Christen in Israel

Ulrich Sahm (per E-Mail), 6. August 2017

Liebe Redaktion von Radio Vaticana,

Sie haben eine Bestandsaufnahme der Lage der Christen im Mittleren Osten veröffentlicht. Darin heißt es: „In Israel hingegen leben heutzutage nur noch 170.000 Christen vor allem arabischen Ursprungs, also 2,4 Prozent der Bevölkerung, während der Prozentsatz an Christen zur Geburtsstunde des Landes 1948 noch 20 Prozent betrug. Im Westjordanland gibt es 59.000, im Gazastreifen hingegen nur 1.300 Christen auf 2 Millionen Einwohner. In Jerusalem stellen die Christen 15.800 von 870.000 Bewohnern.”

Ihre Angaben sich sachlich falsch und widersprechen sogar Angaben aus dem von Ihnen zitierten Report von CNEWA.

Während Sie (zurecht) bei den arabischen Staaten mit absoluten Zahlen argumentieren, um den Schwund der Christen zu demonstrieren, bringen Sie im Falle Israels mit 170.000 (der heutigen Zahl) nur eine absolute Zahl, um dann einen „Schwund“ zu behaupten, indem sie übergehen zu Prozentzahlen, also heute „nur“ noch 2,4% der Bevölkerung.

Hierzu Folgendes:

  • Indem Sie die Zahl der Christen in den früheren Jahren verschweigen, unterschlagen Sie, dass die Zahl der Christen in Israel langsam aber stetig gewachsen ist. Laut Israels statistischem Amt gab es 34.000 Christen im Jahr 1949, die gemäß Ihren Angaben heute auf 170.000 gewachsen sind, allein durch natürliche Vermehrung.
  • Sie behaupten, dass der Anteil der Christen an der Gesamtbevölkerung in der Geburtsstunde Israels noch 20% betrug. 1949 gab es etwa 1,1 Mio. Menschen insgesamt. Gemäß Ihrer Zahl müsste es damals also rund 200.000 Christen gegeben haben. Doch gemäß offiziellen Statistiken gab nur 159.000 „Araber“, also Moslems wie Christen. Ihre Zahl kann beim besten Willen nicht stimmen.
  • Sie lassen die rund 60.000 Gastarbeiter (nach anderen Angaben sogar 200.000) aus, von deren viele Christen sind, speziell Philippiner, Rumänen, Polen und andere.
  • Die Zahl der Christen in Israel ist in Wirklichkeit erheblich größer, wenn Sie die rund 300.000 nicht-jüdischen Russen mitzählen, die 1990 massenweise eingewandert sind und in der offiziellen Statistik als „Andere“ angeführt werden.
  • Der Anteil der Christen an der Gesamtbevölkerung ist gesunken wegen Faktoren, die nichts mit den Christen selber zu tun haben. In den 1950er Jahren, als es in Israel eine Gesamtbevölkerung von zunächst etwa 806.000 Menschen gab, verdoppelte sich die Gesamtbevölkerung um rund 800.000 Juden, die aus allen arabischen Ländern vertrieben worden waren. Hinzu kamen noch Masseneinwanderungen aus Polen, Rumänien, der ehemaligen Sowjet Union (ca. 1 Mio. Menschen), Äthiopien und vielen anderen Ländern. Die natürliche Vermehrung bei Christen liegt bei etwa 1,7% (ähnlich wie bei den Juden), während muslimische Araber sich 1990 noch um 3,8% vermehrten, waren es 2013 nur noch um 2,2%.
  • Meines Wissens sind Christen dank ihrer guten Bildung besser integriert als andere Minderheiten in Israel. Deshalb gibt es unter den Christen nicht viele Auswanderer. Überdurchschnittlich viele Christen sind im Parlament, bei den Gerichten (und sogar bei Obersten Gericht) und in den Universitäten vertreten.

Ihre Spielerei mit dem prozentualen Anteil an der Bevölkerung allein im Falle Israels ist irreführend. Genauso könnte man behaupten, dass in der Bundesrepublik der Anteil der Türken (Gastarbeiter) im Jahr 1990 (Wiedervereinigung) dramatisch gesunken ist. Denn die deutsche Bevölkerung in der Bundesrepublik ist von heute auf morgen um 16,4 Mio. (ehemalige DDR-Bürger) gewachsen, während kein einziger Türke Deutschland verlassen hat.

Tatsache ist, dass Israel das einzige Land in Nahost ist, in dem die Zahl der Christen in absoluten Zahlen steigt, von 34.000 im Jahr 1949 auf 170.000 im Jahr 2017 (nach Ihren Angaben). Eine Ausnahme dazu mag allein Jordanien sein, wegen der Christen unter den vielen Flüchtlingen aus den umliegenden Ländern (Syrien, Irak, Ägypten). Ihre Formulierung „leben nur noch“ lässt einen Schwund bei den Christen in Israel vermuten, obgleich es seit 1949 eindeutig eine fünffache Steigerung gab. Fraglich ist auch, warum Sie für das Westjordanland und Gaza nur die heutigen Zahlen erwähnen und keine Vergleichszahlen. Im Gazastreifen lebten bis zu Ende der israelischen Besatzung 2005 zwischen 3.500 und 5.000 Christen. Dass seitdem deren Zahl auf 1.300 gesunken ist, sollte erwähnt werden und Ihnen zu denken geben.

Was von solchen Zahlenspielen zu halten ist, können Sie in meiner Recherche von 2006 nachlesen, als ich mal versucht habe, die Zahl der in Bethlehem lebenden Christen zu ermitteln:

Politische Volkszählung – Wieviel Christen in Bethlehem?

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem (n-tv, 19. Dezember 2006)

Ob Christen in Bethlehem nun verfolgt und geschändet werden oder aber problemlos mit ihren muslimischen Nachbarn auskommen, lässt sich nicht ermitteln. Verschüchterte Christen schweigen, Moslems behaupten, noch nie jemandem Leid zugefügt zu haben und Touristenmanager loben das friedliche Zusammenleben.

Nicht einmal die Zahl der Christen in Bethlehem kann zuverlässig ermittelt werden. Laut einem Reiseführer von 1934, als die nahöstlichen Streitigkeiten noch nicht so ausgeprägt waren wie heute, gab es in Bethlehem 6.800 Einwohner: 5.600 Christen und 1.200 Muslime. Das Verhältnis von Christen zu Muslimen schlug 1948 schlagartig um, als Flüchtlinge aus 120 Dörfern im heutigen Israel hinzukamen und die Moslems zur Mehrheit wurden.

Die Gesamtzahl der Einwohner der Region Bethlehem wird von Pastor Mitri Raheb mit 184.000 angegeben. Die Stadtverwaltung Bethlehems kennt angeblich 164.000 registrierte Einwohner, doch Bürgermeister Victor Batarseh redet von nur 28.000 Bürgern. In deutschen Medien schwanken die Zahlen zwischen 140.000 beim Bayrischen Rundfunk, 130.000 bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 50.000 beim Deutschen Verein des Heiligen Landes, 38.000 oder 27.000 nach Angaben des Caritas Babyhospital, je nachdem, wer interviewt wurde.

Die Palästinensische Generaldelegation in Bonn, die offizielle Vertretung der PLO in Deutschland, bildet mit nur 22.000 Einwohnern Bethlehems das Schlusslicht. Je nach Quelle schwankt also die Einwohnerzahl in Bethlehem um das Achtfache. Das ist, als ob in Berlin, je nach Quelle, 3,3 Millionen oder aber 26 Millionen Menschen, ein Drittel der deutschen Bevölkerung, lebten.

Noch verwirrender sind die Angaben zu den in Bethlehem lebenden Christen. Je nach Quelle schwankt das Verhältnis der Christen zu Moslems in Bethlehem von 2% (Deutscher Verein des Heiligen Landes), 20 % (FAZ), 25% (Ökumenischer Rat der Kirchen), einem Drittel (ZDF, Batarseh), 41 % (Raheb) und „über“ 50 % (Generaldelegation). Da aber die Zahl der Einwohner ebenso gewaltig schwankt, gelangt man zu absurden Ergebnissen beim Versuch, die absolute Zahl der Christen in Bethlehem zu ermitteln, zumal der lateinische Patriarch Michel Sabbah bei einer Pressekonferenz eingestanden hat, dass seit Herbst 2000 etwa 3000 Christen Bethlehem verlassen hätten. Falls die Christen laut Deutschem Verein des Heiligen Landes tatsächlich nur 2 Prozent von 50.000 Einwohnern ausmachen, dann wären es Tausend. Wenn aber 3.000 von ihnen das Land verlassen hätten, gäbe es heute minus zweitausend Christen in Bethlehem.

Bei den anderen Quellen schwankt die Zahl der Christen zwischen 3.600 und 75.000, also fast das Dreifache der mutmaßlich offiziellen Einwohnerzahl Bethlehems von etwa 28.000 Bürgern. Die FAZ weiß von 30.000 Christen und die Generaldelegation von nur 11.000. Pastor Raheb hat eine geheime Studie für Tourismusinvestoren verfasst, die freilich im vollen Wortlaut im Internet zu finden ist. Er will die Zahlen ganz genau geprüft haben. Mal redet er von 20.000 Christen in Bethlehem und in seiner Studie von 16.400.

Es fragt sich, warum je nach Quelle die Zahl der Einwohner um das achtfache auseinander klaffen, bei den Christen sogar um das 75-fache. Man könnte meinen, es gebe dreimal mehr Christen in Bethlehem als Einwohner. Jene, die einen besonders hohen christlichen Bevölkerungsanteil nennen, wollen Spenden für eine „christliche“ Stadt anlocken. Auffällig niedrige Christenzahlen werden zusammen mit Beschreibungen der israelischen Besatzungspolitik genannt. Manche wollen das Schwinden der Christen vertuschen. Spätestens seit der Volkszählung durch Kaiser Augustus vor 2.000 Jahren ist bekannt, dass mit Bevölkerungszahlen auch Politik gemacht wird.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s