Reformer aus Qatar: Die Wurzel des Terrorismus ist die Kultur des Hasses

MEMRI, 15. Juni 2007 (so nicht mehr online)

Dr. Abd Al-Hamid Al-Ansari, ehemaliger Dekan der Fakultät für Scharia und Juristerei an der Universität von Qatar, hat kürzlich in Zeitungen am Golf mehrere Artikel über Terrorismus und seine Wurzeln veröffentlicht. Nach Angaben von Al-Ansari ist der Terrorismus das Ergebnis einer Kultur des Hasses in den arabischen Ländern; um ihn zu eliminieren, muss die Kultur des Hasses eliminiert werden.

Das Folgende sind Ausschnitte aus diesen Artikeln:

Grundloses Entschuldigen des Terrorismus

In einem Artikel in der qatarischen Tageszeitung Al-Raya mit der Überschrift „Wie die Araber das Phänomen Terror erklären“ kritisiert Al-Ansari die Art und Weise, wie die arabische Welt das Phänomen des Terrorismus leugnet und ignoriert; er wies die politischen und sozio-ökonomischen Argumente zurück, mit denen der Terror gerechtfertigt wird:

„…Ich verstehe die Persönlichkeitsspaltung einiger Leute nicht; sie stellen den Terroristen im Irak als Märtyrer und Widerstandskämpfer dar… Wie können wird jemanden als Märtyrer bezeichnen, wenn er Schulen und Krankenhäuser in die Luft jagt, die Heiligkeit religiöser Orte nicht respektiert und – noch schlimmer – sich selbst in Restaurants und an Bushaltestellen voller Arbeiter sprengt?!
Warum hat die terroristische Gewalt zugenommen? Und warum hat sie eine Ebene von derartigem Wahnsinns und Barbarei erreicht? Warum schaffen wir es nicht damit umzugehen und ihn in den Griff zu bekommen? Warum nehmen die Terroroperationen zu, die sich gegen Unschuldige richten?
Aus meiner Sicht liegt die Antwort in unserer Unfähigkeit das Phänomen des Terrorismus zu erklären und es in strukturelle interne Ursachen und die Umwelt-Elemente aufzugliedern, die seine Existenz unterstützen. Diese Unfähigkeit entstammt den folgenden drei Hauptursachen, die im arabischen Raum als Erklärung des Terrorismus üblich sind:
Die erste ist der Diskurs der Leugnung; das heißt, dass man die Muslime von jeglichem Vorwurf der Ausübung von Terroroperationen frei spricht und statt dessen ihre Feinde beschuldigt werden – gewöhnlich der Mossad und der US-Geheimdienst. Ein ausgedehnter Sektor prominenter Kleriker, der intellektuellen Elite und der Massen sind immer noch überzeugt, dass der 11. September eine Geheimdienst-Operation des Mossad oder des US-Geheimdienstes war… Genauso leugnen viele, dass es Al-Zarqawi jemals gab und machen Israel und die USA für das verantwortlich, was im Irak vor sich geht.
Die zweite Ursache ist der Diskurs der Abwehrhaltung, wie er sich in den wiederholten Stellungnahmen manifestiert, dass der Terrorismus keine Religion, keine Heimat oder Nationalität habe, sondern ein vorüber gehender Virus sei, der der arabischen Welt fremd ist – oder dass der Islam keine Schuld am Terrorismus habe.
Die dritte Ursache ist der Diskurs der Rechtfertigung, der in den religiösen und Medienveröffentlichungen extrem üblich ist. Dieser Diskurs versucht den Terrorismus mit politischen Faktoren, internationalen Konflikten oder internen sozio-ökonomischen Faktoren zu verbinden – es wird gesagt, dass der Terrorismus das Ergebnis politischer Unterdrückung durch einige Regime ist, die die Freiheiten abwürgen und demokratie-feindlich sind oder dass Terrorismus eine Antwort auf amerikanische und westliche Ungerechtigkeiten ist, auf die Politik der Diskriminierung [von Muslimen], die blind Einseitigkeit pro Israel und die globale Verschwörung gegen die Muslime…
Dann gibt es diejenigen, die den Terrorismus mit Arbeitslosigkeit und Armut entschuldigen oder als Entschuldigung die Verbreitung der Korruption, sexuelle Freizügigkeit, sich für die Öffentlichkeit schmückende Frauen und dass Frauen politische Rechte gewinnen oder in hochrangige Positionen ernannt werden, was in den Augen derer [die Entschuldigungen für den Terrorismus finden] als pervers gilt.
All diese Entschuldigungen haben keine Grundlage. Erstens sind wir keine Nation, die unter Ungerechtigkeit leidet – immerhin leiden Nationen und Völker in Afrika, Amerika und Asien unter weit größeren Ungerechtigkeiten als wir.
Zweitens sind durch die gesamte muslimische Geschichte – von den Tagen der Gerechten Kalifen bis in unsere Zeit – die Ungerechtigkeiten, die Muslime gegen andere Muslime üben, größer als die Ungerechtigkeiten seitens der Feinde [der Muslime] gegen diese.
Drittens wurde im Verlauf der Geschichte niemals bewiesen, dass irgendeine Terroroperation jemals etwas wieder hergestellt hat, das weggenommen wurde oder dass er irgendein politisches Ziel erreichte. Was die Behauptung angeht, dass das Fehlen von Demokratie und Freiheiten Terrorismus verursacht, so ist es eine Tatsache, dass in irgendeine Veröffentlichung von Al-Qaida irgendwo Forderungen nach Demokratie einschließt – darüber hinaus hasst Al-Qaida die Demokratie und betrachtet sie als Ketzerei.
Was die Entschuldigung durch die Arbeitslosigkeit angeht, so wird dieser Behauptung durch die gute [finanzielle] Situation der Al-Qaida-Führer und –Mitglieder genauso widerlegt wie die anderer Terroristen, die Geldmengen, Munition, Waffen und sonstige Ausrüstung zur Genüge besitzen.
Genauso haben viele Menschen in der Vergangenheit und der Gegenwart unter schwierigen Situationen gelitten – aber sie haben ihre Söhne nicht gedrängt sich unter Unschuldigen in die Luft zu sprengen, wie wir das machen. Ich bin sicher, dass, wenn die amerikanische Besatzung morgen verschwinden würde, der Terror im Irak nicht aufhören würde – tatsächlich würde er noch gewalttätiger und barbarischer werden.
Was das palästinensische Problem angeht, so schließt keiner der Pläne und der Veröffentlichungen der Terrorgruppen irgendeine Forderung ein, die irgendwie mit Palästina in Verbindung steht. Und die Frauen, die ihre Häuser verlassen und sich geschmückt in der Öffentlichkeit zeigen – wie kann das in irgendeiner Weise erklären, dass der Terrorismus in Saudi-Arabien eingefallen ist?…
So lange wir nicht einen selbstkritischen Ansatz übernehmen, wird die Krankheit des Terrorismus bleiben und sogar noch schlimmer werden…“(1)

Terrorismus – das Ergebnis einer Kultur des Hasses

In einem Artikel mit der Überschrift „Wie unsere Jugend das Leben lieben lernen kann“ in der kuwaitischen Zeitung Al-Siyassa, erklärte Dr. Al-Ansari, dass es die Kultur des Hasses und der Extremismus in den arabischen Ländern sind, die den Terrorismus verursachen:

Terrorismus ist die Frucht des Hasses – das Leben zu hassen, die Zivilisation und die Moderne zu hassen, die Gesellschaft und den Staat zu hassen, die lebenden Menschen zu hassen. Die jungen Leute, die Werkzeuge des Mordes und menschliche Bomben geworden sind, sind die Söhne der Kultur des Hasses und das Ergebnis einer fanatischen Kultur und extremistischen Ideologie, die das Leben, seine Genüsse und seine Schönheit als unwichtig betrachten. Letztlich haben die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und religiösen Motive, die die jungen Leute dazu bringen sich selbst zu sprengen, einen einzigen Hauptgrund – und das ist die Kultur des Hasses.
Diese jungen Leute, im Blüte-Alter, sind die Feinde ihrer Gesellschaft geworden; sie rächen, hassen und explodieren. Sie sind unsere terroristischen Söhne, aufgezogen an unserem Busen, genährt von unserer Kultur, gelehrt in unseren Schulen und religiöse Gesetze von unseren religiösen Kanzeln und durch die Fatwas unserer Kleriker gelehrt.
Was hat sie dann dazu gebracht den Tod dem Leben vorzuziehen? Ich habe keine Antwort außer der Tatsache, dass wir es nicht geschafft haben sie dazu zu bringen das Leben zu lieben. Wir haben sie gelehrt für die Sache Allahs zu sterben. Wir haben sie gelehrt, dass Nationalismus heißt Amerika anzugreifen und gegen den Imperialismus zu opponieren, aber wir haben sie nicht gelehrt, dass Nationalismus Liebe, Loyalität und Zugehörigkeit zur Heimat ist.
Wie kann sich diese armselige Kreatur, die man das arabische und muslimische Individuum nennt, nicht dem Extremismus zuwenden, wenn es von einer allumfassenden Atmosphäre des Extremismus umgeben ist, gebunden von den Ketten der Unterdrückung und der Verbote und gegürtet von den Ideen der Einschüchterung und Terrorisierung und beinahe endloser Qual? Diese begleiten diese Kreatur von der Geburt bis zum Tod, angefangen mit unheilvollen Warnungen über die Qualen des Grabes und feindlicher Komplotte, die dem Islam und den Muslimen auflauern, wie auch der langen Liste von Verboten, die das gesegnete Leben – das Geschenk des Schöpfers – in ein Gefängnis von Schmerz machten, aus dem das Individuum ins Paradies und zu den lieblichen Jungfrauen darin zu entkommen versucht.
Als ob all das nicht genug wäre, beschäftigen wir auch noch eine Religionspolizei, die den Leuten folgt, um ihre Freiheiten zu beschränken, sie auszuspionieren und sich in ihre persönlichen Angelegenheiten einzumischen. Wie kann es also nicht das weit verbreitete Phänomen der Spannungen und der Sorge in den Seelen (der Leute) geben?…
Gehen Sie zur Freitagspredigt und Sie werden einen Prediger vorfinden, der über die Welt erzürnt ist, wütend auf die Zivilisation, das Gift des Hasses und Feindseligkeit verbreiten. Dann werden Sie die Moschee angespannt und wütend verlassen!…
Die Jugend der Welt macht Musik, Kunst und der freut sich über die Annehmlichkeiten des Lebens. Die schaffen, entdecken und sind Teil des Aufbaus der Stärke und der Kultur ihrer Gesellschaft – während wir unsere Jugend in religiösen Gesetzesstreitigkeiten über den Schleier, den Bart, wie lang die Kleidung sein sollte und wie man Christen grüßt beschäftigen – oder wir spannen unsere jungen Leute in die politischen und ideologischen Dispute der Erwachsenen ein oder drängen sie in den Irak und nach Afghanistan zu gehen um Selbstmord zu begehen!
Hass ist eine Kultur der Verbote und das Ergebnis unserer Sicht der Welt als einem Feind, der uns auflauert. Viele Faktoren haben [bei der Formung dieser Weltsicht] mitgespielt, darunter die religiösen Botschaften, die in Ängsten vor Komplotten [gegen uns] verankert sind, der Bildungsbotschaften, die eine Entfremdung der Jugend vom modernen Zeitalter geschaffen haben und eine große Zahl Veröffentlichungen durch die Muslimbruderschaft und andere Nationalisten, die seit 50 Jahren Hass auf andere und Verschwörungstheorien [gegen die Muslime] verbreitet haben.
Wir benötigen eine Kultur, die die Wichtigkeit des Lebens wieder herstellt und den Wert des Einzelnen und unseren jungen Leuten wieder beibringt die zur Kunst und die Menschlichkeit zu lieben…“(2)

Die Werte der Toleranz sollten eingeführt werden

In einem Artikel mit der Überschrift „Unsere Söhne und die Kultur der Toleranz“ in der Zeitung Al-Ittihad in den Vereinigten Arabischen Emiraten forderte Al-Ansari, dass die arabischen Gesellschaften die Kultur des Fanatismus aufgeben und das Prinzip der Toleranz übernehmen, um den Extremismus und Terrorismus zu zerstören.

Was ist es, dem einige unserer Söhne zum Opfer gefallen sind?… Was ist es, das sie dazu veranlasst hat das Verderben und den Tod zu lieben?… Es ist das Erbe des Fanatismus, der vom Anfang der Geschichte zu uns kommt, das durch die muslimische Geschichte hindurch auf der sozialen Infrastruktur gegründet, gefestigt und verbreitet wurde und sich selbst darauf gestellt hat – im Schatten von tyrannischen Regimen, die Muslime wie Nicht-Muslime unterdrückten, diskriminierten und marginalisierten.
Unglücklicherweise haben inhumane religiöse Kommentare sie unterstützt… Die fanatische und diskriminierende Tradition – die muslimischen Prinzipien widerspricht – ist das, wovon einige unserer Söhne getrunken haben…
In der jetzigen Zeit, in der wir leben, brauchen wir nicht alles, was in den Büchern der Vorväter steht. Statt dessen brauchen wir religiöse Gesetze, die das Individuum als Individuum begrüßt und unsere jungen Leute dazu bringen das Leben, die Kultur und die fortschrittlichen Künste zu lieben.
Zweitens müssen wir aufhören uns selbst wegen „Toleranz“ zu oben und stolz auf diese zu sein, wenn wir weiterhin ohne Toleranz leben. Wenn wir wahrhaftig sind und wenn wir unseren Prinzipien treu sind, müssen wir [die Prinzipien der Toleranz] in tatsächliches Verhalten umsetzen…
Meiner Meinung nach ist Bildung der Schlüssel und der wahre Anfang zur Verstärkung der Werte der Toleranz: [Bildung] Zuhause, [Bildung] in der Familie, durch die gegenseitige Toleranz der Eltern und die gegenüber ihren Nachbarn, durch die Toleranz der Familienmitglieder untereinander und durch ihre Toleranz gegenüber den Bediensteten im Haus – Toleranz, die sich in die Bildungsinstitutionen und den Rest der Institutionen der zivilen Gesellschaft und der Regierung in all ihren politischen, kulturellen und religiösen Aspekte ausbreitet.
Auf diese Weise wird die religiöse und kulturelle Elite die Kultur der Toleranz in Kraft setzen und sei wird die Beschuldigungen des Verrats, der Ketzerei und der Spionage (die Muslime gegeneinander aufbringt) ausmerzen. Auf diese Weise wird die Gesellschaft von einem System von Gesetzen beherrscht, das gegenüber ethnischen Gruppen gerecht ist; und es wird ein politisches Regime geben, das gleiche Rechte und Freiheiten für alle sicher stellen wird.“(3)

Fußnoten:

(1) Al-Raya (Qatar), 23. April 2007.
(2) Al-Siyassa (Kuwait), 15. Mai 2007.
(3) Al-Ittihad (VAE), 18. Mai 2007

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