Leserbrief an Ha’aretz

Samstag, 5. April 2003

Betr.: Artikel „Unsung Heroes“ (Unbesungene Helden) in Ha’aretz, 03.04.03

Schalom,

ich möchte einige Gedanken und Eindrücke bezüglich Aviv Lavies Artikel „Unbesungene Helden“ (Ha’aretz Magazin, 03.04.03) äußern. Ich las diesen Artikel mit großem Interesse, denn vor nicht langer Zeit (am 22. März) hörte ich den Vortrag einer israelischen Friedensaktivistin, Menschenrechtsaktivistin und Empfängerin des Alternativen Nobelpreises. Ihr Name ist Felicia Langer. Sie war auf Einladung einer linken Partei namens „Linke Liste/Friedensliste“ in Freiburg. Der Vortrag mit dem Titel „Quo vadis, Israel?“ fand in einer Kirchengemeinde statt.

Wegen des Titels, wegen der Beschreibung Langers (Friedensaktivistin, Menschenrechtsaktivistin usw.), wegen der Organisatoren (einer politischen Partei, die das Wort „Frieden“ in ihrem Namen und in ihrem Programm trägt) und wegen des Veranstaltungsortes (einer christlichen Kirche, die als Ort des Friedens und der Versöhnung betrachtet wird) ging ich mit folgenden Erwartungen in diesen Vortrag: Langer würde eine kurze, objektive Darstellung der geschichtlichen und gegenwärtigen Lage in Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten geben und – gegründet auf dieser Darstellung – einen konstruktiven, praktischen, pazifistischen Ausblick auf Israels Zukunft geben, unter Einbeziehung der arabischen Nachbarn Israels.

Entgegen meiner Erwartungen präsentierte Langer allerdings folgendes: eine Anklageschrift gegen den Staat Israel und die meisten seiner Bürger (sie ließ die verschiedenen israelischen Friedensgruppen außen vor)!

Meiner Meinung nach war es eine Anklageschrift, die einer Juristin (die Langer angeblich ist) unwürdig ist, denn sie war angefüllt mit Lügen, Indizien, äußerst einseitigen geschichtlichen und gegenwärtigen Fakten und vielen Emotionen. Deswegen erinnerte mich Langers Anklageverfahren sehr stark an eine Art Schauprozess, in dem der Ankläger eine starke Abneigung gegen den Beschuldigten hegt (aus diesem oder jenem Grund, der nur dem Ankläger selbst bekannt sein mag). Und dieses Gefühl der Abneigung lässt den Ankläger wünschen, dass der Beklagte unbedingt verurteilt wird, also führt der Ankläger – in niederträchtiger Weise – nur diejenigen Punkte an, die gegen den Angeklagten sprechen!

Ich könnte Dutzende Beispiele anführen, die zeigen, warum ich mich während dieses Vortrags an einen Schauprozess erinnert fühlte. Lassen Sie mich bitte wenigstens drei erwähnen (sie entstammen einem Protokoll, das ich während des Vortrags schrieb):

  1. Am Anfang ihres Vortrags sagte Langer, sie verurteile palästinensischen Terror, aber jedermann müsse diesen Terror verstehen und denjenigen, die ihn noch nicht verstünden, wolle sie an diesem Abend beweisen, dass der palästinensische Terror nur durch die israelische Politik der Zerstörung, der Folter und der Zermürbung der Palästinenser verursacht werde. Langer erwähnte, dass palästinensische Kinder den Wunsch haben Israelis zu töten, eine Tatsache, die als Beweis gewertet werden müsse – so sagte sie -, dass israelische Politik den Weg zu Hass und Gewalt ebne. (Sie sagte kein einziges Wort über die jahrelang andauernde Hetze gegen Israel in palästinensischen Schulbüchern, Moscheen usw.!)
  2. Langer erklärte, dass es keinen arabischen Antisemitismus gebe! Es gebe arabischen Hass auf Israel, aber keinen arabischen Antisemitismus, wiederholte sie. Und wenn die israelische Besatzung vorbei ist, wird auch der arabische Hass vorbei sein. (Kein einziges Wort zu der Tatsache, dass es arabischen Hass gegen Israel schon vor der israelischen Besatzung gab! Und kein einziges Wort über Dutzende antisemitischer Karikaturen in arabischen Zeitungen!)
  3. Langer listete die jüngsten palästinensischen Opfer der Intifada auf und informierte die Zuhörer, dass sie die israelischen Opfer nicht auflisten könnte, weil es – nach ihren Worten – keine Statistik über die israelischen Opfer gäbe! Sei fügte hinzu, dass sie keine Statistik dazu habe, weil keine Statistik veröffentlicht sei!

Ich muss zugeben: Ich war tief erschüttert über all diese Lügen und einseitigen Fakten. Langers Erklärungen verursachten – fast von Beginn an – eine aufgeladene und gespannte Atmosphäre unter den Zuhörern (rund 130 Personen), was sich durch viele Zwischenrufe bemerkbar machte. Während bei der Mehrheit Hass und Aggression gegen Israel wuchsen, wuchsen bei der Minderheit Hass und Aggression gegen Langer. Was mich aber noch mehr als Langers Äußerungen schockierte, war die Diskussion, die dem Vortrag folgte:

In dieser aufgeheizten Atmosphäre wagten etwa zehn Personen Langers tendenziösen Vorwürfen zu widersprechen. Sie versuchten, dies durch die Anführung objektiver Fakten und durch Fragen zu diesen Fakten zu tun. Ich kann sagen, dass ich bereits bei mehreren Vorträgen, Diskussionen und Foren zum Thema „Nahost-Konflikt“ war. Aber bei keinen, die von einer Friedenspartei und einem Friedensaktivisten veranstaltet wurden. Ich muss betonen, dass ich bei keinem bisherigen Vortrag ein Verhalten erlebt habe, wie dieses furchtbare einer sogenannten Friedenspartei und einer sogenannten Friedensaktivistin, das den kritischen Fragen dieser etwa zehn Personen folgten. Lassen Sie mich dieses Verhalten – wieder an drei Beispielen – beschreiben:

  1. Bezüglich Langers Erklärung, dass Israel UN-Resolutionen genauso wie der Irak verletze, stellte ein Mann aus dem Publikum eine Frage zu den unterschiedlichen Arten der UN-Resolutionen. Zur Erklärung seiner Frage sagte er, er habe gehört, dass es verschiedene Arten gibt; die UN-Resolutionen bezüglich des Irak gehörten unter Paragraph VII, was bedeutet, dass sie bindend sind, während diejenigen bezüglich Israel andere UN-Resolutionen seien, die nicht verbindlich sind wie im Fall des Irak. Der Mann wollte noch etwas hinzu fügen, aber die Mehrheit des Publikums begann ihn so laut auszubuhen, dass er schlicht und einfach nicht in der Lage war weiter zu sprechen. Langer ignorierte seine Frage und beantwortete sie nicht.
  2. Ein anderer Mann begann seine Frage an Langer, indem er sagte: „Entschuldigen Sie, Frau Langer, aber ich bin der Meinung, dass Sie emotional argumentieren und nicht historisch…“ Langer unterbrach ihn und sagte: „Sie sind frech und arrogant!“ Und sie ließ ihn – unterstützt von den Zwischenrufen der Mehrheit des Publikums – seine Frage nicht zu Ende führen.
  3. Ein dritter Mann (und lassen Sie mich hinzu fügen, dass er ein Israeli ist, der in Freiburg studiert) sagte Langer: „Während Ihres Vortrags erwähnten sie nur, wie schlecht die Israelis sich gegenüber den Palästinensern verhalten. Ich kann bestätigen, dass Israelis eine Menge schlechter Dinge taten und tun. Aber nicht nur schlechte. Warum haben Sie z.B. nicht mit einem einzigen Wort erwähnt, dass viele Palästinenser seit dem Beginn der israelischen Besatzung auch zu einigem Wohlstand gelangten, dass sie eine Infrastruktur bekamen, Universitäten und mehr, was sie vor 1967 unter arabischer Besatzung nicht hatten?“ Langer antwortete zynisch: „Was wollen Sie mit dieser Frage sagen? Mir scheint, Sie wollen sagen, die Palästinenser seien vor 1967 ein primitives Nomadenvolk gewesen!“ Der Mann wollte dem widersprechen, konnte aber kein einziges Wort sagen, weil die Mehrheit des Publikums Langer applaudierte und den Fragenden dann auszubuhen begann. Dem Mann war es nicht möglich etwas anderes zu tun als zu rufen: „Nennen Sie mir den Namen einer palästinensischen Universität vor 1967!“ Langer antwortete nicht; stattdessen sagte sei, nachdem das Publikum sich etwas beruhigt hatte: „Wir müssen am Anfang beginnen. Bevor die Juden nach Palästina kamen, war es ein fruchtbares Land…“ Eine Frau rief dazwischen: „Das ist eine Lüge!“ Langer ignorierte diesen Zwischenruf und sagte zu dem Israeli: „Sie wissen überhaupt nichts!“ Der Mann wiederholte: „Nennen Sie mir den Namen einer palästinensischen Universität vor 1967!“ Lange nannte keine und die Mehrheit des Publikums begann wieder den Frager auszubuhen. Schließlich erklärte Langer: „Früher war die Lage in Palästina gut, heute ist sie eine Katastrophe. Wenn Sie etwas über die Lage wissen wollen, können Sie folgende Bücher lesen“ Und sie empfahl verschiedene Bücher von palästinensischen Autoren (nicht ein einziger israelischer Autor war dabei).

Ich könnte viele weitere Dinge anfügen, die in diesen zweieinhalb Stunden passierten, z.B. dass Langer Fragen der „antiisraelischen“ Seite auf ganz andere Art beantwortete, nämlich höflich und nicht auf erniedrigende, arrogante Art… Aber ich möchte hier enden und nur noch einen Abschnitt anfügen.

Ich kenne all die anderen Friedensaktivisten nicht, die Lavie in seinem Artikel angeführt hat. Das heißt, ich habe natürlich dies und das über sie gehört/gelesen, besonders über und von Uri Avnery, aber ich bin nie auf einem Vortrag gewesen, den sie gegeben haben. Daher kann ich nicht sagen, ob sie in ihrem Verhalten ähnlich sind wie Langer oder nicht. Aber die Erfahrung, die ich mit der Friedensaktivistin Langer und einer deutschen Friedenspartei in einer christlichen Kirche in Deutschland gemacht habe, sind bereits ausreichend, um mir sehr deutlich zu machen, warum die israelische Öffentlichkeit diese sogenannten Friedensaktivisten und Menschrechtsaktivisten ignoriert! Abgesehen von dem Eindruck, dass diese deutsche Friedenspartei „Linke Liste/Friedensliste“ von Frieden und friedlichem Gespräch weit entfernt zu sein scheint; und abgesehen von der Feststellung, dass eine christliche Kirche viel mehr ein Ort des Hasses und der Aggression war als ein Ort des Friedens und der Versöhnung, muss ich sagen, dass Langer es meiner Meinung nach nicht wert ist, die Titel „Friedensaktivistin“ und „Menschenrechtsaktivistin“ zu tragen; denn anstatt Frieden zu aktivieren, aktiviert sie Hass und Aggression; und die Art, wie sie Menschenrechte verteidigt, ist einseitig, denn in Bezug auf ihre Kritiker und in Bezug auf Israel und die meisten israelischen Bürger kennt sie offensichtlich nicht den ersten Paragraphen der Menschenrechtsgesetze, der besagt: die Würde aller Menschen muss respektiert werden (nicht nur die einiger weniger).

Last, but not least möchte ich meiner Besorgnis über die Tatsache Ausdruck geben, dass anti-israelische Israelis in aller Welt tatsächlich sehr willkommen sind. Die Menschen scheinen begierig zu sein, solche Lügen und tendenziösen antiisraelischen Fakten zu hören. Das ist etwas, was nachdenklich machen sollte – um in der Lage zu sein, auf dieses Phänomen angemessen reagieren zu können.

Mit freundlichen Grüßen

Andrea L., Freiburg