Die Medien, der Terror und die Terminologien

Nahost-Focus 13. März 2002 (heute nur noch hier)

Der Terrorkrieg gegen Israel hat in den letzten Wochen einen traurigen Höhepunkt erreicht. Inzwischen gehören Bombenanschläge, Schiessereien an israelischen Bushaltestellen und Selbstmordattentate in vollbesetzten Restaurants zum traurigen Alltag in Israel. Nur die „schlimmsten“ Anschläge sind für die Medien noch berichtenswert.

Auch der Blickwinkel ist oft verräterisch: Israelische Panzer und Soldaten, deren Gewehrmündungen in Richtung Kamera zeigen. Eine Verteilung der „Gut-Böse-Rollen“ ist hier schon vorprogrammiert. Die spontane Solidarität stellt sich bei vielen Außenstehenden unterbewusst mit der palästinensischen Seite ein.

Auch durch die Wortwahl der Medien werden die Rollen meist noch vor Bekanntgabe der Informationen festgelegt. So zum Beispiel:

„Die israelische Armee ist heute in Gaza einmarschiert und tötete 24 Palästinenser“am 12.3.2002 in den Nachrichten des Fernsehsenders N-TV.

Die Tagesschau betitelte ihre erste Nachricht am selben Tag noch griffiger: „Israel richtet Blutbad in Gaza an.“

Kein Wort darüber, das es sich bei den 24 Palästinensern um Bewaffnete handelte, die Feuergefechte mit israelischen Soldaten begannen und in Folge dieser Schusswechsel ums Leben kamen. Auch kein Wort über die Gründe des Einmarsches: das Auffinden von bewaffneten Terroristen sowie von Sprengstoff- und Raketenwerkstätten. Auch kein Wort darüber, dass die Aktionen von der israelischen Armee im Voraus angekündigt werden, um Zivilisten die Möglichkeit zu geben sich in Sicherheit zu bringen.

Auch die folgende Schlagzeile impliziert einen berechnenden Tötungswillen israelischer Soldaten: „Israelische Granaten töten Kinder“ aus der Frankfurter Rundschau vom Januar 2002.

Eine ähnliche Wortwahl gab es nach den Anschlägen in Jerusalem, bei denen Dutzende Jugendlicher ums Leben kamen nicht.

Ankündigung vor Beschuss

Was ebenfalls immer wieder verschwiegen wird: der Beschuss von Gebäuden der palästinensischen Sicherheitskräften und der Autonomiebehörde durch die israelische Luftwaffe wird ebenfalls im voraus von der Armee angekündigt. Dies wird aus dem humanistischen Gedanken heraus getan, so viele Menschenleben wie möglich zu schonen. Dass es trotzdem regelmäßig zu Toten und Verletzten kommt liegt auch daran, dass es – sei es aus Berechnung oder Unfähigkeit – nicht zur vollständigen Evakuation der Gebäude durch die palästinensischen Behörden kommt.

Die israelische Armee ist außerdem angehalten, nicht als Erster zu schiessen, außer in Notwehr. Tut das ein Soldat doch, sei es aus Angst oder falscher Einschätzung der Situation, werden diese Fälle untersucht und es kann schwerwiegende Folgen für diesen Soldaten haben, bis hin zu Suspendierung oder Gefängnis.

Auch werden meistens Gummigeschosse eingesetzt, um auch so die Zahl der tödlichen Verletzungen so gering, wie möglich zu halten.

Diese Tatsachen sind den Palästinenser bekannt und werden von ihnen bewußt ausgenutzt. so z.B. durch das Positionieren von Molotowcocktails und Steine werfenden Kindern vor schiessenden Erwachsenen. Sie wissen genau, daß Israel sich dann sehr zurückhalten wird. Wenn aber dann Kinder getroffen werden, gibt es eine große internationale Entrüstung.

Der Wert des Lebens im Nahen Osten

Ebenso ist meist nicht bekannt, daß für Austausche von Gefangenen auf beiden Seiten höchst unterschiedliche Maßstäbe gelten. Israel bietet für israelische Soldaten in arabischen (z.B. libanesischen oder syrischen) Gefängnissen immer ein vielfaches (oft um den Faktor 10) seiner arabischen Gefangenen zum Tausch an. So z.B. war im Dezember letzten Jahres versucht worden, Libanon zu einem Gefangenenaustausch von drei israelischen Soldaten für 19 libanesische Gefangene zu überreden. Die Israelis waren bei einem Patroillengang auf der israelischen Seite der Grenze von der Hizbollah gekidnappt worden. Die Hizbollah zog es vor, die drei zu töten, anstatt 19 ihrer eigenen Leute frei zu bekommen. Normalerweise sind diese Zahlenverhältnisse noch extremer. Das gibt auch Aufschluß über den Wert des Lebens in der israelischen und in arabischen Gesellschaften.

Aus Terroristen werden Militante

Doch die deutsche Presse ist in ihrem vorgelegten Freund-Feind-Schema nicht alleine. Die britische Nachrichtenagentur BBC ist dafür bekannt, im Bezug auf den internationalen Terrorismus mit zweierlei Maß zu messen.

Als vor einigen Jahren am selben Tag Terroranschläge durch die IRA in London und durch die Hamas in Israel verübt wurden, sprach die BBC von einem „Anschlag irischer Terroristen in London,“ und einem „Anschlag militanter Palästinenser in Israel“. Diese Terminologie hält sich bis heute hartnäckig in der Nahost-Berichterstattung der BBC.

Ein Blick zu den französischen Medien bietet nichts besseres. Die staatliche französische Nachrichtenagentur AFP, welche die meisten französischen und europäischen Medien mit Informationen versorgt, berichtet auch heute noch in aller Ausführlichkeit von den palästinensischen Opfern israelischer Militäroperationen in den besetzten Gebieten. In französischen Fernsehsendern folgen Minutenlange Beiträge, in denen die Arbeit palästinensischer Sanitäter bis ins Detail gezeigt wird. Verletzte Palästinenser werden dabei von Kamerateams bis ins Krankenhaus begleitet. Ein auch nur annähernd gleicher Umgang mit den israelischen Opfern terroristischer Anschläge blieb bisher aus. Israelische Sanitäter huschen oft nur in kurzen Filmsequenzen über die Fernsehbildschirme.

Mangelnde Ausgewogenheit

Doch woran scheitert eine ausgewogene Nahost-Berichterstattung in den westeuropäischen Medien?

Alle großen Medienagenturen und Fernsehstationen unterhalten Korrespondenten in Israel, die frei und ungehindert berichten können. Die Beiträge dieser Mitarbeiter sind oft ausgewogen, und vermeiden eine unnötige Emotionalisierung ihrer Berichte. Dies entspricht den internationalen Richtlinien für eine objektive Berichterstattung. Diesen Korrespondenten ist allerdings die Arbeit in den palästinensisch kontrollierten Gebieten von den PA-Behörden nicht gestattet.

Journalisten und Kamerateams können in den Gebieten der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) nicht ohne „palästinensischen Begleiter“ arbeiten. Auch in der Übermittlung ihrer Berichte unterliegen sie einer indirekten palästinensischen Zensur. So beschwerten sich AP und AFP mehrfach bei den PA-Behörden über Manipulationen und Bedrohungen ihrer Mitarbeiter durch Mitglieder der palästinensischen Sicherheitskräfte. Dies führte dazu, dass heute die meisten Berichte für die europäischen Medien von lokalen palästinensischen Journalisten und Kamerateams zusammengestellt werden. Das diese Berichte nicht objektiv und ausgewogen sein können, versteht sich von selbst.

In Anbetracht dieser Tatsachen kann es einen nicht verwundern, wenn der Informationsgrad vieler EU-Bürger im Bezug auf den Nahost-Konflikt Unvollständig ist. Laut Medienexperten hat die Palästinensische Autonomiebehörde in der Propagandaschlacht mit Israel einen haushohen Sieg davongetragen. Ein Sieg, der nicht nur Israel sondern auch die europäische Medien als Verlierer dastehen lässt, da sie ihrer Aufgabe nicht nachgekommen sind: der objektiven Berichterstattung über einen Konflikt, in dem beide Seiten ihren Schuldanteil tragen.

Von Zvezdan Kuhar und Oliver Kraigher

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