Antisemitismus in der Friedensbewegung

anonym, 6. Dezember 2001
(Bert Kilstein und Redaktion Radio Shalom bei Radio Dreyeckland Freiburg)

„Antisemitismus ist Sozialismus für Dumme“ – Karl Liebknecht

Wir sahen uns gezwungen, diesen Artikel zu schreiben, nachdem wir erfuhren, was während einer Freiburger Friedensdemo vorgefallen ist. Als eine Gruppe mit Transparenten mit der Aufschrift „Solidarität mit Israel“ sich an der Demo beteiligen wollte, wurden sie von Teilen der Demonstrierenden massiv angepöbelt. Es war die Rede von Israelis als „Rassisten“, den „Nazis von heute“ und von einer „jüdisch dominierten Presse“. Einzelne Demonstranten haben sogar versucht, die Transparente der Gruppe niederzureißen oder zu verdecken. So ist es kein Wunder, dass ein Passant sich ermuntert fühlte, die Gruppe als „Judenknechte“ zu beschimpfen. Kein einziger der in der Nähe stehenden Demonstranten besaß die Zivilcourage einzugreifen. Einige meinten: „Wir würden das so nicht formulieren, aber…“

Wie Teile der Freiburger Friedensbewegung dies formulieren, konnte man deutlich bei der nächsten Demo am Tag X nach Beginn der Bombardierung hören und lesen. Der erste Redner Christian Möller begann seine Rede, indem er von allen möglichen in Betracht kommenden „Kriegsverbrechern“ von Truman bis Bush unmissverständlich zwei mit jüdischer Herkunft zitierend hervorhob: Henry Kissinger und Madeleine Albright. Dieses antisemitische Instrumentarium, ausgewählte Zitate von Personen jüdischer Herkunft an erster Stelle anzuführen, ist ein bei Bedarf immer wiederkehrendes Mittel.

Schon vor Jahren wurde derselbe Christian Möller, als er bei Radio Dreyeckland Freiburg die Redaktionen von „Radio International“ koordiniert hat, von mehreren Radio Dreyeckland-Redakteuren mit dem Vorwurf des Antisemitismus konfrontiert. Auch spart er nicht mit Vorträgen über die Gruppe „2. Juni“, einer Berliner Organisation, die sich öffentlich gerühmt hat, Molotow-Cocktails gerade am 9. November auf eine Synagoge geworfen zu haben und die bei der Flugzeug-Entführung in Entebbe die Selektion von jüdischen Passagieren vorgenommen zu haben.

Standing Ovations sind anderen Rednern garantiert, sobald sie über „alttestamentarische“ Rache schwätzen oder den angeblich „terroristischen“ Staat Israel als Entlastungsmaterial für mordende und zerstörende Attentäter ins Feld führen. Peinlichst wird ausgespart, dass Israel seit langem Selbstmordattentaten auf zivile Einrichtungen und die gesamte Bevölkerung ausgesetzt ist.

Der erste Redner der Stuttgarter Friedensdemo, Jürgen Grässlin, begann seine Rede mit nichts Originellerem als der Frage, ob es zufällig sei, dass die Symbole des Kapitalismus und der Militärmacht getroffen wurden, um dann das gesamte Weltgeschehen seit Hiroshima in einer wirren Rede, gespickt mit antiamerikanischen Plattitüden, durcheinander zu bringen, ferner den betroffenen Amerikanern Beileid zu bekunden und Israel „terroristische Angriffe“ auf palästinensisches Territorium vorzuwerfen. Die nachfolgende Vertreterin der Gewerkschaft DAG / verdi beklagte in weinerlichem Ton, dass man in den arabischen Länder nun anfängt, die deutsche Flagge zusammen mit der amerikanischen und britischen zu verbrennen. Ein neuerlicher Beweis dafür, dass Teile der Friedensbewegung darauf aus sind, beste Beziehungen mit Diktaturen zu pflegen und zu erhalten, um bloß nicht in ihre Schusslinie zu geraten. Wo in dieser Frage der Unterschied zwischen Teilen der Friedensbewegung und den Positionen eines Jürgen W. Möllemann oder Horst Mahler liegt, ist nicht ersichtlich.

Und wie sieht es in anderen Städten aus? In Duisburg wurde ein proisraelischer Antifa-Linker von einem Mitglied der Gruppe „Rote Aktion“ ins Gesicht geschlagen, angespuckt und mit den Worten bedroht: „Wir kriegen dich noch!“, in einem Info-Laden in Berlin-Friedrichshain wurde ein junger Mann von einem der örtlichen Hausbesetzerszene Angehörenden ebenfalls ins Gesicht geschlagen und als „Zionistenschwein“ beschimpft. Er hatte im Kiez Plakate geklebt, die den Slogan „Lang lebe Israel!“ trugen. Während einer Demo in Düsseldorf wurde eine Gruppe angegriffen, die proisraelische Transparente mitgebracht hatte. Die Friedensdemonstranten haben die Transparente weggenommen, um sie dann am Rande der Demo öffentlich zu verbrennen. Von wem wohl haben sie solche Methoden abgeguckt?

Die Freiburger Gruppe SOFA schreibt: Antiamerikanismus und Antisemitismus sind aufs Engste verschwistert. Der islamische Fundamentalismus kämpft gegen den „großen und den kleinen Satan“, gegen USA und Israel gleichermaßen. Linke und Friedensbewegte bringen für beides herzlich viel Verständnis auf. „Ist es Zufall, dass Amerika getroffen wurde und nicht Deutschland?“ fragt ein nationalistisches Freiburger Friedensflugblatt und verweist unter anderem auf einen „Krieg“, den die USA in Palästina führten. „Linksruck“ verweist unisono auf die Unterstützung der USA für Israel, dessen Verteidigung gegen Selbstmordattentäter und andere bewaffnete Palästinenser als Massaker aus Jux und Dollerei dargestellt werden. Den gehobenen Bedarf bedient der Freiburger Soziologe Klaus Theweleit in der Zeitung zum Sonntag: Die Kräfte hinter den Anschlägen mag er nicht „völlig wahnsinnig“ finden, da es „Gründe für ihr Handeln gibt“ – das „Versagen“ der amerikanischen Nahost-Politik: „Der Gewaltseite der Israelis wurde freie Hand gelassen.“ Nach Theweleit sind die Israelis an ihren toten Zivilisten selbst schuld, und ebenso die USA an den ihrigen, da sie ihrer Aufsichtspflicht über die Juden nicht nachgekommen sind. Die Anschläge in den USA könnten sich daher noch als friedensstiftende Maßnahme erweisen: „Wird der Anschlag auf die Twin Towers und das Pentagon den Westen dazu bewegen, seine Politik zu ändern? Werden die USA Israel jetzt dazu zwingen (!), die besiedelten Gebiete freizugeben, um dort einen palästinensischen Staat einzurichten?“

Weil in Israel ein Bürgerkrieg herrscht, der maßgeblich von der palästinensischen Seite mit dem Abbruch der Friedensverhandlungen angezettelt wurde; weil palästinensische Selbstmordattentäter aus der Mitte der Gesellschaft unzählige Israelis umbrachten und dafür ganz genau einen „Grund“ haben: Hass auf alle Juden; weil es dem arabischen Antisemitismus nicht um eine andere Grenzziehung des israelischen Staates, sondern um seine Auslöschung geht – darum sind die Statements von Theweleit, Linksruck und Konsorten üble Rationalisierungen.

An dieser Stelle seien ein paar historische Eckpunkte für diejenigen genannt, die schon lange etwas über Israel wissen wollten, aber nie zu fragen wagten:

Die jüdische Emigration nach Palästina hat schon Ende des 19. Jahrhunderts angefangen, nachdem im zaristischen Russland etliche Pogrome durchgeführt wurden. Die Idee eines Judenstaates, die ursprünglich der jüdisch-deutsche Sozialist Moses Hess proklamierte, hat der Wiener Journalist Theodor Herzl weiterentwickelt. Er begann, sich diesem Thema zu widmen, nachdem er die Dreyfus-Affäre und antisemitische Ausschreitungen in Frankreich als Korrespondent verfolgte.

Die jüdischen Emigranten erwarben Land von arabischen Besitzern oder von den Behörden des Osmanischen Reiches, gründeten landwirtschaftliche Kooperativen, Kibbuzim, die weitgehend nach sozialistischen Grundsätzen geführt wurden. Die jüdischen Pioniere fanden meistens ein Stück Sumpfwüste vor, das sie mühsam in Ackerland verwandelten. Pogrome in Palästina fanden schon Mitte der 20er Jahre statt und haben zu mehreren hundert jüdischen Opfern geführt, worauf sich eine jüdische Selbstverteidigungsgruppe „Hagana“ bildete.

Während des II. Weltkriegs kollaborierte die arabische Führung mit den Nazis. Der Groß-mufti von Jerusalem verbündete sich mit Hitler, begrüßte die „Endlösung der Judenfrage“ und stellte eine muslimische SS-Division in Bosnien zusammen.

Einige Überlebende des Holocaust fanden mit Müh und Not ein Exil in Palästina. Nach dem II. Weltkrieg und angesichts der Shoa beschloss die UNO mit Stimmen der UdSSR, der USA und weiteren 30 Staaten die Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat. Am Tag der Unabhängigkeitserklärung Israels fielen fünf reguläre Armeen der arabischen Staaten in den jüdischen Teil unter der Parole „Alle Juden ins Meer werfen!“ ein. Dieses Motto gilt bis heute!!!

Der Neffe jenes germanophilen Großmuftis, nämlicher Jasser Arafat, verinnerlichte diese Philosophie in seinem antiisraelischen Kampf.

Es grenzt an ein Wunder, dass Israel angesichts der Überlegenheit des Feindes überlebte und die einzige Demokratie im Nahen Osten ist. „Nie wieder“ heißt die Losung, die Israel schon mehr als 50 Jahre auf seine Fahnen geschrieben hat. „Nie wieder Vernichtung des jüdischen Volkes“.

Man kann die gegenwärtige Politik der israelischen Regierung unterschiedlich bewerten, das Existenzrecht Israels jedoch zu verneinen und palästinensischen Terror zu rechtfertigen, ist hier in Deutschland geradezu pervers.

Selbst Radio Dreyeckland Freiburg wurde von antisemitischen Zwischenfällen nicht verschont. Die Redaktion „Knastfunk“ verlas unkommentiert und unreflektiert einen antisemitischen Artikel von Mumia Abu-Jamal, der auf der Parallelisierung von Israelis und Nazis basierte.

Die Redaktion Radio Shalom protestiert entschieden gegen antisemitische Auswüchse in der gegenwärtigen Friedensbewegung und möchte ihr folgende Fragen stellen:

Warum lebt die Friedensbewegung nicht auch, wenn Diktaturen im Namen des Islam ihr eigenes Volk und andere Staaten unterdrücken und angreifen? Z.B. Giftgaseinsätze Saddam Husseins gegen die kurdische Bevölkerung, Annexion Kuwaits und Abschuß von Scud-Raketen auf Israel, Verbrechen der Taliban an Frauen und ethnischen und religiösen Minderheiten, Verbrechen im Sudan, und und und.

Warum hat die Friedensbewegung kein Mitleid mit den Menschen, die unter diktatorischen und fundamentalistischen Regimen leben und ihre politische Meinung nicht frei äußern können?

Warum lebt die Friedensbewegung nur, wenn sie sieht, dass diese verbrecherischen Regimes von der restlichen Welt angeklagt werden?

Warum erkennt die Friedensbewegung nicht an, dass Deutschland leider nur durch Krieg von einem fanatischen, verbrecherischen und nach Welteroberung strebenden Diktator und seinen Anhängern befreit werden konnte?

Warum distanziert sich die Friedensbewegung nicht von Antisemitismus und seinen Trägern?