Zum Hass auf Israel

Victor Davis Hanson, The National Review, 8. Mai 2002

Europa, die UNO, viele Eliten in Amerika und, natürlich, der gesamten arabischen und islamischen Welt, sind gegen Israel. Ihre Gehässigkeit stammt aus drei Vorwänden.

1. Besatzung?

Israel besetzt vorgeblich Land, das ihm nicht gehört – ein Zerrbild, das auf der Weltbühne einmalig ist und daher der besonderen und generellen Verurteilung wert. Entgegen dem ständigen Gejammer der Palästinenser gibt es heute eine Menge besetzte Gebiete in der Welt – Tragödien, die dem moralischen Radar der UNO komplett entgehen und den selbsternannten Moralisten der arabischen Welt nichts bedeuten.

Seit 1974 ist ein großer Teil des griechischen Zypern unter türkischer Kontrolle – die Häuser und der Grundbesitz der Griechisch sprechenden Zyprioten sind konfisziert, die einheimische Bevölkerung vertrieben und die Insel geteilt. Ganz Tibet ist von China annektiert worden, völlig illegal und ohne, dass sich allzu viele in den USA beschwerten.

Was passierte im Libanon? Die Syrer haben das gesamte Land besetzt; die Palästinenser finden sich dort als Sklaven wieder, die Libanesen selbst sind nicht viel mehr als Diener ihrer syrischen Herren. Kurdistan gehört drei verschiedenen Ländern; der Balkan ist ein Durcheinander mit wortwörtlich Millionen ethnischen Sklaven – Albanern, Serben und Griechen, die in von anderen kontrollierten Land leben. Eine Viertelmillion, nicht dreitausend, sind in den letzten fünfzehn Jahren dort gestorben. Was gibt Russland das Recht, an den japanischen Inseln festzuhalten, die es in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs konfiszierte? Terroristische Organisationen – ähnlich der Hamas und Hisbollah – in Irland und Spanien versuchen auf bekannte Art und Weise Menschen in die Luft zu jagen, um für sich einen Autonomiestatus und ererbte Heimat zu beanspruchen.

Im Unterschied dazu versuchten die Tibeter NICHT dreimal China zu erobern. Die griechischen Zyprioten versuchten NICHT in einer Reihe von Kriegen alle Türken ins Mittelmeer zu drücken. Genauso wenig versuchten die Libanesen Damaskus zu stürmen, verloren keinen Krieg gegen Syrien und verloren so die Selbstständigkeit ihrer Heimat. Ganz klar geht in Palästina neben der moralischen Empörung der Welt über die Prinzipien über besetztes Land etwas anderes vor.

2. Grenzen und Flüchtlinge?

Kriege haben eine schlechte Geschichte des Verschiebens von Einwohnern. Ich bezweifle, dass Millionen von Deutschen jemals ihr Land dort zurück bekommen, wo heute das östliche Frankreich oder das westliche Polen ist. Tausende Russen haben sich in den baltischen Staaten als unerwünscht gefunden. Werden ionische Griechen – Bewohner der Westküste der Türkei seit dem 11. Jahrhundert vor Christus – nach der brutalen Vertreibung in den 20-er Jahren des 20. Jahrhunderts jemals in ihre Heime zurück kehren? Millionen islamischer Pakistanis und indischer Hindus finden sich selbst in künstlich geschaffenen Ländern wieder, in denen sie nicht geboren wurden.

Bei fairer Betrachtung der antiken und modernen Geschichte ist die Lage in Palästina NICHT einzigartig. Israel ist im Gegenteil bemüht weitaus gerechte mit seinen besiegten Feinden umzugehen als die meisten Sieger – seien das Türken, Polen, Franzosen oder Chinesen – es in der Vergangenheit gewesen sind. Ich übergehe Fragen nach der Zählung von Leichen und den Kollateralschäden. Ohne gegen die UNO und die palästinensischen Propaganda-Maschine nachtreten zu wollen: Das wirkliche Töten in dieser Welt geht heute in Zentralafrika, dem Amazonasbecken, der ehemaligen Sowjetunion und Indien ab. Erstaunlich ist nicht, dass Palästinenser in den Kämpfen gestorben sind, sondern dass im Vergleich zu städtischen Kämpfen in Tschetschenien, Mogadischu und Panama so wenige umgekommen sind. In dieser Beziehung ist Herrn Arafats Anrufung Stalingrads ist historisch so dumm wie obszön, angesichts der Erinnerung der Hunderttausende, die auf beiden Seiten im Winter 1942/43 zugrunde gingen.

3. Rassismus?

Ein ständiger Vorwurf – von einem befreiten Herrn Arafat erst jüngst und widerlichst getätigt – ist, dass die Israelis eine rassische Missgunst gegen die Palästinenser hegten. Er hat behauptet, dass Israelis, wie die Nazis, versuchten, die Westbank von Nichtjuden zu reinigen. Die UNO selbst versuchte Jahre lang Zionismus mit Rassismus gleich zu setzen. In jedem fairen Vergleich ist die israelische Regierung der arabischen Welt Lichtjahre voraus, was die Bedingungen der rassischen und religiösen Toleranz angeht. Privat würden Araber zugeben, dass sie in Tel Aviv weitaus besser behandelt werden als es jedem Juden in Kairo, Bagdad, Damaskus oder Amman ergehen würde. Wir lesen in der Jerusalem Post nicht, wie in arabischen Zeitungen, dass Palästinenser „Affen“ oder „Vampire“ sind. Auch gibt es in Israel keine bedeutende Literatur – wie in der arabischen Welt -, die sich darauf konzentriert zu prüfen, dass ihre Feinde Untermenschen sind. Echter Rassismus und Hass gibt es in diesem Konflikt, aber sie werden fast ausschließlich von den Arabern betrieben, nicht von den Juden. Hätte eine Zeitung in Tel Aviv behauptet, dass Araber Blut trinken und in verwandtschaftlicher Beziehung zu Primaten stehen, wäre die Wut der Welt nichts gegen die moralische Empörung in Israel.

Wenn Israel nicht viel mehr Schuld trägt als sich selbst zu verteidigen und seinen geschlagenen Gegnern nicht erlaubt ihr Land nicht zurück zu bekommen, bevor dem jüdischen Staat Sicherheit garantiert ist, was ist dann der wirkliche Kern des Hasses gegen Israel? Die Antwort ist eigentlich klar und kann durch fünf allgemeine Schlussfolgerungen zusammengefasst werden.

1. Realpolitik

Wir dürfen die krassen Eigeninteressen eines Staates nicht vergessen – ein Zug, von dem die griechischen Historiker meinten, dass sie der Kern der meisten Konflikte sind, wenn auch oft Vorwände wie „Gerechtigkeit“ und „Fairness“ grob getarnt. Es mag fast eine halbe Milliarde Arabisch sprechender Menschen geben. Millionen islamischer Bürger leben inzwischen im Westen. Nur ein paar hundert Kilometer Mittelmeer trennen Europa von mittelalterlichen Regimen in Libyen, Algerien und Syrien. Die Bedeutung der arabischen Welt gegenüber Israel kann dann in einer Menge kultureller, wirtschaftlicher und politischer Ängste und Möglichkeiten zusammengefasst werden – von der Größe ausländischer Bevölkerungen bis zu Profiten, die aus ausgedehntem Handel und riesigen Märkten stammen. Wäre Israel groß – sagen wir: 400 Millionen Juden – und die Araber um sie herum wenige (vielleicht 10 Millionen), dann würden wir Dutzende UN-Resolutionen sehen, die Herrn Arafat verurteilten: wegen der Ermordung von US-Diplomaten in der Vergangenheit bis zu seiner heutigen Komplizenschaft der befohlenen Selbstmord-Bombardierungen.

2. Öl

Irgendwo zwischen einem Viertel und einem Drittel der Ölreserven der Welt liegen unter Saudi Arabien, Kuwait und dem Irak. In etwa den nächsten Jahren müssen sich Europa, die USA und Japan auf die stete Versorgung mit importiertem Petroleum verlassen. Und während diese westlichen Wirtschaftskräfte offensichtlich versuche, alternative Versorger in Russland, Südamerika und Norwegen zu finden, bleibt doch die Tatsache, dass in der absehbaren Zukunft in einer so global verbundenen Wirtschaft das Öl des Nahen Ostens – und seine instabilen und widerlichen Beschützer – für die Gesundheit der Weltwirtschaft lebenswichtig ist. Wir haben verschiedene Versuche dieser Regime erlebt, diese Versorgung zu unterbrechen – vom saudischen Ölembargo 1974 bis zu Irans Beschuss von Tankern im Persischen Golf und Saddam Husseins Anzünden der kuwaitischen Ölfelder – und erkennen, das Vorurteile, mörderische Kriege und unerklärliche Fehden zu jeder Zeit all diese Autokratien aufheizen können. Es ist weit aus einfacher – und billiger – über ihre routinemäßigen Schrecken zu schweigen oder faktisch ihre oft absurden Zielen aktiv Vorschub zu leisten.

Mehr noch: Das Einkommen aus dem Ölverkauf verschafft diesen Diktaturen westliche, technologische Fachkenntnisse und Militärgerät – und damit die Sympathie von Millionen im Westen, die davon abhängig sind, ihnen alles vom Handy und Computern bis zu Jets und Bohrköpfen zu verkaufen. Tausend Europäer und Amerikaner, die Rohöl kaufen, handeln und transportieren, können kaum den Zorn ihrer Gönner riskieren. Also verhüllen sie gewöhnlich ihr krasses Kosten-Nutzen-Verhalten in patriotischeren Sprüchen von „nationalem Interesse“ und „wirtschaftlicher Sicherheit“. Hätte Israel 25 Prozent der weltweiten Ölreserven und seine arabischen Nachbarn keine, würde die Europäische Union heute die palästinensischen Bombenleger als die Banditen und Terroristen verurteilen, die sie sind.

3. Terrorismus

Weltweit steht die Mehrheit der internationalen Terroristen der letzten 30 Jahre – die wirklich schlimmen Killer, die die Flugzeuge internationaler Fluggesellschaften in die Luft jagen, Olympische Spiele stürmen, westliche Diplomaten ermorden, Botschaften stürmen, Geiseln nehmen und Zivilisten auf ihrer Arbeit pulverisieren – im Dienst radikal islamischer und arabischer Dienste. Das bedeutet nicht, dass japanische, irische, baskische, malaysische, weiße Rassisten und armenische Terroristen regelmäßig gemordet haben – nur, dass es weitaus wahrscheinlicher ist, dass arabische Mörder weltweit angreifen, besonders in Europa und Amerika. Zumindest seit dem Krieg von 1967 weiß die Welt, dass Israel zu unterstützen durch aus darin resultieren kann, dass Diplomaten, Sportler, Touristen und Soldaten im Schlaf, im Büro oder im Urlaub getötet werden. Hätte im Gegensatz dazu der Mossad Franzosen, Amerikaner und Deutsche in aller Welt ermordet, würden die Politiker sich jetzt darum schlagen die israelische Unzufriedenheit zu beruhigen und die „Wurzeln“ solcher Beschwerden zu ermitteln.

4. Antisemitismus

Wir wissen nicht, warum Antisemitismus in einer vermeintlich gebildeten und modernen westlichen Welt zu einer Zeit fortbesteht, in der Assimilation, Integration und interkulturelle Ehen immer normaler werden und ein krasser Säkularismus die Unterschiede zwischen den großen Religionen verwischt hat. Traditionelle Stereotypen und Hasse werden natürlich immer an jede neue Generation weiter gegeben und wir dürfen die Kraft des Neides nicht vergessen, den sich hoch gebildete, kompetente und professionelle Juden von Seiten der weniger begabten und erfolgreichen zuziehen. Trotzdem ist der derzeitige Anstieg des Antisemitismus sehr lautstark – besonders die beschämend Blasphemie im undifferenzierten Gebrauch der Begriffe „Holocaust“ und „Völkermord“ und das plötzliche Wiederauftauchen von Hakenkreuzen im Zusammenhang mit Davidsternen. Ich bin ein 48-jähriger schwedisch-amerikanischer Protestant und habe meine Unterstützung Israels seit 30 Jahren zum Ausdruck gebracht – aber niemals zuvor wurde ich gefragt: „Sind Sie Jude?“ Aber allein im letzten Jahr ist diese Frage – gewöhnlich als Vorwurf formuliert – mindestens 50-mal aufgetaucht – zusammen mit gedruckten oder elektronisch verbreiteten Beschimpfungen, die Herrn Goebbels stolz gemacht hätten.

Hier müssen wir offen sein: Die arabische Welt trägt einen großen Teil der Schuld für diesen neuen Hass. Islamische Vorurteile sind der Motor, der den europäischen Antisemitismus antreibt. Die staatseigenen Zeitungen in Ägypten und Saudi Arabien unterscheiden sich nicht von denen Deutschlands in den 1930-ern. Saudische Diplomaten und religiöse Prominenz äußern unentschuldbare Widerwärtigkeiten aus „Mein Kampf“ – das selbst ein Bestseller in Teilen der arabischen Welt ist. Die Wahrheit ist: Wären die Palästinenser in vier Kriegen angegriffen worden und hätten diese gegen die Israelis gewonnen und würden sie heute in der Situation sein, den Staat Israel besetzt zu haben, dann würde ein Großteil der Welt sagen: „Mögt ihr mehr Macht erhalten, denn ihr habe diese lästigen Juden geschlagen und ihr Land besetzt.“

5. Aristokratische Schuld und der Kult des Außenseiters

Mit wenig Gedanken über Hunger und Schinderei und mit weiter steigendem Appetit für Materielles haben viele Westler diese Verwöhnung durch den Wohlstand benutzt, genau die Kultur zu verdammen, die dieses gute Leben hervor bringt. Nihilismus, Zynismus und Sarkasmus sind die Symptome, die wir unter unserer gelangweilten und von Schuld geschüttelten Elite sehen, die die Kapitalisten, die ihren Wohlstand verwalten, genauso herab setzen wie die Arme und Rücken der angeblich groben Mittelklasse, die diesen schaffen.

Radikale Umweltschützer, romantische Multikulturalisten und autoritäre Utopisten spiegeln eine eher selbstgefällige Idealisierung der Benachteiligten und der Natur im Groben wider. Zentrum dieser Überzeugung ist die Identifizierung mit der vermeintlich antiwestlichen Welt der universell Unterdrückten – und mit wirklich allem und jedem der letzten drei Jahrzehnte, das gegen die Götzen der dominanten Kultur des westlichen industriellen Kapitalismus aufkam.

Daher sind es für einige im Westen nicht die Fakten der letzten 50 Jahre im Nahen Osten, die ihren Hass auf Israel steuern. Auch nicht der Reichtum der Araber und die geringe Zahl der Israelis, vielleicht auch nicht die Sorge um den Preis des Sprits für ihre Volvos und Geländewagen – auch nicht ihre Angst vor Bomben oder Krankheitserregern, oder Neid auf die Juden. Es ist vielmehr so, dass die Palästinenser schwach sind und die Israelis stark. Daher verdienen Herr Arafat und seine Handlanger – wie die Unmenge Benachteiligter in Amerika – den Status der Unangreifbaren als Geburtsrecht und erhalten einen Freibrief von den liberalen Zensur, Hass und Vorurteile zu äußern. Im Gegenzug wird von den Israelis – fast so wie den weißen, wohlhabenden Republikanern in Amerika – gesagt, dass sie nur stark und selbstsicher sind, weil sie Ausbeuter sind; deshalb werden sie kollektiv für die Unterdrückung und die Notlage ihrer seit langem leidenden „Opfer“ verantwortlich gemacht.

Teilweise marxistisch, teilweise ignorant und vor allem naiv sehen diese leidlosen und wohlhabenden europäischen und amerikanischen Linken ihre Solidarität mit den Palästinensern als unteilbar von ihren eigenen, verlegenen Persönlichkeiten an. Es ist einfach, billig – und sicher -, die Ungerechtigkeiten der Welt durch Märsche, Schreien und das Unterschreiben von Aufrufen richtig zu stellen, statt dadurch, dass man unter den „anderen“ lebt, sie heiratet, ihnen täglich begegnet oder ihnen materiell hilft. Das erstere kann innerhalb weniger Sekunden auf dem Campus, im Fernsehen oder in der Stadt erledigt werden – ohne jegliche echte Selbstprüfung in der Uni, den Medien oder der Regierung, was die eigene, materiell recht komfortable Existenz sichert.

Die Wahrheit ist, dass westliche Unterstützung oder Hass auf Israel uns zunehmend weit mehr über uns selbst sagt, als über die wirkliche Lage im Nahen Osten.

Werbeanzeigen