Warum die Juden immer Schuld sind

Melanie Phillips, Spectator, 20. April 2002

Es muss schon einiges passiert sein, wenn die SUN wegen des Feuersturms anti-israelischen und anti-jüdischen Hasses, der täglich aus den britischen Medien heraus brüllt, derart alarmiert ist, dass sie sich genötigt fühlt einen ganzseitigen Leitartikel zu veröffentlichen, der ihren Lesern mitteilt: „Der jüdische Glaube ist keine böse Religion“.

Nicht böse? Warum sollte irgendjemand überhaupt einen solch hässlichen Gedanken hegen? Sind nicht letzten Endes die Juden in Israel die Opfer des Terrors? Werden sie nicht durch Selbstmord-Attentäter in Stücke gerissen, die gezielt ältere Holocaust-Überlebende auf Passah-Seder-Essen und Jugendliche in Pizzerien als Ziele auswählen? Haben sie nicht Opfer zu be-klagen, die auf die Bevölkerungszahl Großbritanniens umgerechnet rund 4000 Tote und viele weitere tausend Verwundete zählen, seit diese Intifada Ende September 2000 begann?

Aber Israel hat ein abscheuliches Verbrechen begangen. Dieses Verbrechen besteht darin, sich gegen den Versuch zu wehren es auszulöschen. Wegen dieses Affronts strömt ein Sturzbach an Lügen, Verdrehungen, Verleumdungen, Aufgabe von Objektivität und der Ersetzung der Wahrheit durch Arglist und Hass aus den britischen und europäischen Medien und dem Establishment.

Die zulässige Version, von der es kaum eine Abweichung gibt, läuft folgendermaßen: Die Palästinenser, denen von Israel eine eigenes Land verweigert wird und die verständlicherweise durch Verzweiflung in den Terrorismus getrieben wurden, werden nun durch Israels Premierminister Ariel Sharon mörderischen angegriffen, der die Selbstmord-Anschläge als Vorwand zur Zerstörung der Palästinenser nutzt.

Das wird verständlicherweise weitere Selbstmord-Anschläge hervor bringen; wenn also weitere Israelis in tausend Stücke gerissen werden, ist das ihre eigene Schuld. In Wirklichkeit sind sie an ihren Verletzungen ohnehin selber schuld, weil sie nicht verhandeln werden. Wenn sie nur endlich den Palästinensern das geben würden, was diese verlangen, würde die Gewalt enden und die Welt wäre sicherer. So wie es jetzt aussieht, könnte die gesamte Region in Flammen aufgehen, einschließlich Israel. Auch das wird Israels schuld sein.

Die Doppelmoral, verdrehte Geschichte und hassgetränkte Blindheit in dieser Analyse setzen sich über jeden Glauben hinweg. Stellen Sie sich vor eine Terror-Organisation würde sich, sagen wir, in Wales einrichten, jeden Tag Selbstmord-Attentäter in englische Städte schicken, jede Woche Dutzende Menschen ermorden und tausende weitere verletzen. Würde irgendjemand allen Ernstes vorschlagen, dass Tony Blair nicht die Armee benutzen sollte, um diese Morde zu beenden und stattdessen über die Forderungen der Terroristen zu verhandeln, während sie weiter britische Staatsbürger ermorden?

Aber für die britischen und europäischen Medien übt Israel offenbar nicht Selbstverteidigung, es übt lediglich Vergeltung und kollektive Bestrafung. Hey, weiß nicht jeder seit frühester Kindheit, dass den Juden Vergeltung im Blut liegt?

Daher war die Schlacht in Jenin ein von Israelis verübtes Massaker. Die Medien wissen, dass es so ist, denn die Palästinenser sagten das und das muss wahr sein; denn jeder weiß, dass Israel furchtbar ist und Sharon ein Schlächter und – oh ja – ein jüdischer Nazi. So erzählen sie der Welt von den unzweifelhaften Leiden in Jenin und der Brutalität der Israelis, oft sogar ohne die israelische Version des Geschehens aufzunehmen. Diese war, dass Jenin durchsetzt war mit Männern, die bereit und ausgerüstet waren für Selbstmord-Einsätze; die Israelis hatten den Bewaffneten in Jenin sicheren Abzug angeboten, wenn sie sich ergeben; aber die Terroristen hatten ihre Häuser mit Sprengfallen ausgestattet und waren entschlossen zu einem tödlichen letzten Kampf.

Die Zerstörungen in Jenin sind wirklich schlimm. Aber Krieg ist nichts Schönes. Wenn Terroristen sich zwischen Zivilisten verstecken, wird es offensichtlich unzählige menschliche Tragödien geben; aber das ist Krieg, kein Massaker. Wenn die Israelis wirklich wahllos Palästinenser hät-ten umbringen wollen, hätten sie sie mit Bombenteppichen belegt. Stattdessen führten sie die für sie selbst gefährlichste Taktik aus: Durchsuchungen von Haus zu Haus. Etwa 23 israelische Soldaten starben in Jenin, ein bitterer Blutzoll für dieses kleine Land.

Israel ist – mit all seinen Fehlern – eine Demokratie und eine offene Gesellschaft. Die Autonomiebehörde ist korrupter Despotismus, der sein Volk einer Gehirnwäsche unterzogen hat, so dass es an mittelalterliche Ritualmord-Vorwürfe gegen die Juden glaubt. Aber westliche Journalisten und Intellektuelle gehen automatisch davon aus, dass die Israelis lügen und die Palästinenser die Wahrheit sagen. Denn jedermann weiß, dass die Israelis nicht die Opfer sein können – denn sie sind immer verantwortlich.

Genauso weiß jeder, dass der Vorsitzende Arafat kein Terrorist ist. Statt dessen ist er ein Staatsmann mit der öffentlichen Unterstützung solch wichtiger Personen der Weltpolitik wie dem EU-Kommissar Chris Patten. Das Schlimmste, was Arafat gemäß Patten gemacht hat, ist, die Selbstmord-Anschläge nicht mit genügend Nachdruck zu verurteilen. Israel als Demokratie da-gegen „widerspricht vielem, für das es steht“. Du meine Güte! Wofür stehen denn der Vorsit-zende Arafat und die Palästinensische Autonomiebehörde (PA)?

Viele der Selbstmord-Anschläge der letzten Wochen sind das Werk von Gruppierungen gewe-sen, die mit der Fatah, der Terrorabteilung der PA, in Verbindung stehen. Israel hat beschlag-nahmte Dokumente vorgelegt, die Arafats Unterschrift tragen und sich auf Zahlungen für Bom-ben beziehen, die Männer herstellten, die nach israelischen Angaben Selbstmord-Anschläge planten. Wenn jemand Israel nicht glaubt, dann sollte derjenige sich ansehen, was die PA selbst gesagt hat: Im Dezember 2000 erzählte der Fatah-Offizielle Sakhr Habash der Zeitung Al-Hayat Al-Jadida, dass die Intifada von Arafat geplant worden ist. „Die Führung der PA blieb die Autorität und sie allein war der Faktor, der in der Lage war, die Operationen der Intifada im gesamten Heimatland zu führen. Ich kann mit Sicherheit sagen, dass Bruder Abu Ammar [Arafat] die o-berste Autorität aller Operationen ist; und wer immer etwas anderes denkt, weiß nicht, was los ist…“

Noch schlimmer ist, wie die PA Kinder dazu aufhetzt, „Märtyrer“ und Selbstmord-Bomber zu werden. Sie sendet kranke, hypnotisierende Fernseh-Appelle, die die Opfer der Kinder verherrlichen, die dazu gedrängt werden sich zu melden und sich selbst in die Luft zu jagen; ihre Familien bekommen ein Blutgeld für die terroristischen Tode der Kinder, die die Gehirnwäsche durchgemacht haben.

Auf der Grundlage solcher Fakten sollte Arafat als die Quelle des Terrors vor Gericht gestellt werden. Aber wir können natürlich von unseren Medien nicht erwarten, dass sie solche Beweise berichten. Hat schließlich nicht das Friedensnobelpreis-Komitee die richtige Antwort auf Arafats Terrorismus gegeben, indem es nicht Aberkennung nicht des 1994-er Preises Arafats, sondern des ehemaligen israelischen Premierministers Shimon Peres forderten, den beide sich teilten? Eindeutig ist für die Europäer die richtige Antwort auf Selbstmord-Bomben der Angriff auf die Opfer.

Der Grund, den jeder angibt, um Israels Schuld die Schuld zuzuweisen, ist die offene Wunde der Westbank und des Gazastreifens. Es gibt keinen Zweifel, dass Israel die Palästinenser in diesen Gebieten schlecht behandelt hat. Es war grundfalsch, dort zu siedeln; diese Siedlungen hätten abgebaut und die Territorien schon vor Jahren zurück gegeben werden müssen.

Aber die Territorien sind eine monumentale Ablenkung von der eigentlichen Sache. Diese ist, dass die Palästinenser den jüdischen Staat zerstört sehen wollen. Sie wollen keine Lösung mit zwei Staaten. Das wurde 1948 und ist – mit nur wenigen mutigen Ausnahmen – von den Arabern seitdem abgelehnt worden. Ihre Forderung nach dem „Rückkehrrecht“ aller Palästinenser nach Israel – zusätzlich zum eigenen Staat -, die das israelische Land zerstören würde, macht das deutlich. Sakhr Habash hat gesagt: „Wenn wir die Gründung eines Staates und die Unabhängigkeit erklären, werden wir das Recht haben, den Rest des besetzten Landes zu befreien…“ Die führende palästinensische Taube, Faisal Husseini, sagte der ägyptischen Tageszeitung Al-Arabi im Juli 2001 kurz vor seinem Tod, dass der Friedensprozess ein „Trojanisches Pferd“ war und dass das Langzeit-Ziel die „Befreiung Palästinas vom Fluss bis zum Meer“ sei.

Die Territorien sind nicht die Frage, die über allem steht; denn Israel bot an, sie zurück zu ge-ben. In Camp David und in Taba bot Israel im Jahr 2000 an, 96 Prozent der Westbank und des Gazastreifens, dazu halb Jerusalem zurückzugeben, eine Geste, die weitgehend als Aufsehen erregend mutig angesehen wurde.

Die Palästinenser behaupten, dass dies immer noch nicht für einen lebensfähigen Staat reicht. Aber jede Verhandlung in gutem Glauben würde einen alternativen Friedensvorschlag hervor gebracht haben. Stattdessen antwortete Arafat mit der Auslösung der Intifada und dem Loslassen der Selbstmord-Bomber. Von Imad Al-Faluji, dem PA-Kommunikationsminister, wird berichtet, dass er bei einer Gelegenheit sagte, die Intifada war eine vorbereitete Antwort darauf, dass die Palästinenser ihre Ziele in Camp David nicht erreicht hatten.

Aber jeder „weiß“, dass die Rückgabe der Territorien Frieden bringen würde. So, wie sie auch „wussten“, dass dort Frieden einkehren würde, wenn Israel sich aus dem Libanon zurück zöge. Denn – wie wir uns alle erinnern – war Sharon auch hier äußerst schuldig. Also zog sich Israel zurück. Und was war das Ergebnis? Vom Iran bewaffnet (von dem eine Waffenladung auf ei-nem Schiff auf dem Weg zum Nicht-Terroristen Arafat abgefangen wurde), hat die Hisbollah jetzt 8000 Katjuscha-Raketen auf Israels nördliche Städte ausgerichtet und Mörsergranaten auf israelische Ziele geschossen.

Haben die Medien dies anerkannt? Haben sie die Tatsache berichtet, dass Journalisten um ihr Leben rennen mussten, nachdem sie versuchten, Palästinenser zu filmen, die als israelische Kollaborateure erschossen und aufgehängt wurden? Berichteten sie von den Krankenwagen, die zum Schutz von Terroristen benutzt wurden? Berichteten sie, dass die die in der Geburtskirche eingesperrten palästinensischen „Opfer“ die Schlösser der Kirche aufgeschossen und sie entweiht haben, indem sie das Gebäude und die darin befindlichen Menschen als Geiseln nahmen? Berichteten sie über die israelische Liste der Terroristen in dieser Kirche? Natürlich nicht; denn jeder weiß, dass bei allem, was die Palästinenser an schlimmen Dingen getan haben, Israel Schuld ist.

Es gibt die weit verbreitete Ansicht, die ausweglose Situation im Nahen Osten müsse gelöst werden, bevor der Angriff auf den Terrorismus fortgesetzt werden kann. Aber es ist genau umgekehrt: Es wird keine Aussicht auf Frieden mit den Palästinensern geben, bis man mit ihren terroristischen Geldgebern im Iran, im Irak und Syrien fertig ist.

Man sagt, Israels Vorstöße hätten die arabische Trauer entfacht und Terroranschläge wahrscheinlicher gemacht. Als die Amerikaner ihre Angriffe auf Al Qaida begannen, wurde ihr Handeln als einen Angriff auf den Islam verstanden, der weitere Ausbrüche rechtfertigte. So ist das auch mit den Palästinensern. Sie betrachten Israels Selbstverteidigung als unberechtigten An-griff. Die Antwort Großbritanniens und Europas ist nicht, dass dies eine monströse Umkehrung der moralischen Argumentation ist, sondern die Übereinstimmung damit, dass solche Selbstverteidigung ein brutaler Akt ist.

Zum Teil ist das so, weil das verdrehte Denken der Terroristen die moralische Konfusion der korrumpierten liberalen Orthodoxie des Westens füttert. Diese sieht eine moralische Gleichwertigkeit zwischen Terror und den Maßnahmen zum Schutz davor. Im Glauben, dass es so etwas wie die Wahrheit nicht gibt, umarmt sie Lügen und kann nicht zwischen Opfern und Tätern unterscheiden. Und natürlich können Israelis nicht die Opfer sein, denn sie haben die Macht Amerikas hinter sich. Schließlich weiß doch jeder, dass Amerika von den Juden gesteuert wird.

Wie immer liegen die Fakten etwas anders. Die Juden sind lediglich eine Lobbyistengruppe unter vielen. Die größten und unkritischsten Unterstützer Israels in Amerika sind die evangelikalen Christen. Amerika gibt den arabischen Staaten ebenso viele Hilfen wie Israel. Der größte Geldgeber der PA ist Kommissar Pattens EU. Hält er jemals inne um über die Tatsache nach-zudenken, dass die EU die Waffen und den Sprengstoff finanzierte, mit denen die PA israelische Familien ermordet? Natürlich nicht; denn Kommissar Patten weiß, dass Israel Schuld ist.

Die Ansicht, dass Amerika von den Juden gesteuert wird, ist natürlich eine klassische antisemitische Darstellung. Und hier kommt der wirklich verwerfliche Teil: so, wie jeder weiß, dass Arafat kein Terrorist sein kann, weiß auch jeder, dass die Juden immer über Antisemitismus zu jammern anfangen, um ihre eigenen Untaten zu verdecken. A.N. Wilson erzählte uns das im Londoner Evening Standard. In der Tat – grübelte er – sei er nicht länger sicher, ob er immer und überall gegen Terrorismus sei. Denn schließlich sei es Israel, das vorsätzlich Kirchengebäude anzündet und Unschuldige abschlachtet.

Denn das wirkliche Verbrechen Israels ist: gekämpft zu haben. Juden sollten das nicht tun. Sie sollten passiv in den Tod gehen. Wenn die Juden kämpfen, sollten sie verlieren. Was sie nie machen sollten, ist zu gewinnen.

Menschen, die denken, dass die Juden alle so mächtig sind, können sich nicht vorstellen, dass Israel jemals zerstört werden könnte. Aber das ist nur allzu möglich. Kontinuierlicher Terror durch Selbstmord-Bomben – der Waffe, die die Regeln des menschlichen Umgangs zerreißt – könnten es derart demoralisieren, seine Wirtschaft zum Krüppel machen und seine militärische Stärke untergraben, dass es letztlich gegenüber den arabischen Staaten verletzbar würde, die es immer schon weg haben wollten. Ein bewaffneter palästinensischer Staat, von Chris Pattens EU erzwungen, würde sich dann wirklich als Trojanisches Pferd erweisen.

Aber wenn all jene, die glauben, dass die Juden Amerika steuern, denken, dass die Welt besser dran wäre, wenn nur diese fürchterlichen Juden freundlicherweise verschwinden würden, sollten noch einmal nachdenken. Für den radikalen Islam ist der Westen als nächstes dran.

Die Frage ist, ob der Westen im Krieg gegen den Terror Schulter an Schulter mit Israel stehen wird oder ob er sich gemeinsam mit dem Terror gegen Israel stellt. Die Zeichen sind zur Zeit unheilvoll. Das Leitmotiv des Staates Israel – geschmiedet, nachdem die Welt vor dem Holocaust die Augen verschloss – heißt: „Nie wieder“. Der Westen hat jetzt seine Antwort gegeben: „Ja, noch einmal“. Und wenn der Westen zerstört wird, werden wieder – wie immer – die Juden schuld sein.