Das europäische „Wunder“

Käsediplomatie und ihre Bewunderer

Jonah Goldberg, National Review online, 31. Juli 2002

„Die Europäer haben etwas getan, das niemand sonst jemals zuvor getan hat: Sie haben eine Friedenszone geschaffen, in der Krieg als absolut ausgeschlossen gilt“, erklärt Karl Kaiser, Direktor einer Einrichtung, die Forschungsinstitut der Deutschen Gesellschaft für Außenpolitik heißt. So stand es in der Mittwoch-Ausgabe der Chicago Tribune. „Die Europäer sind überzeugt, dass dieses Modell auch für andere Teile der Welt gültig ist.“

Nun, das erklärt alles. Es ist versucht worden herauszufinden, warum Europa und die USA heutzutage oft so unterschiedlicher Meinung sind. Die Antwort lag die ganze Zeit vor uns. Die Europäer denken, dass ein System endlosen Feilschens um den Umfang von Gurken und die Anzahl von Fetawürfeln in einem griechischen Salat das ist, was man, sagen wir: Turkmenistan und Kirgisien überstülpen kann. So einfach ist das.

Der Artikel „Europa fragt, warum die USA sein ‚Wunder‘ nicht erkennt“ beginnt sogar mit einer hochsinnigen Schlacht vor dem Europäischen Gerichtshof in Luxemburg, ob Parmesankäse, der außerhalb der italienischen Stadt Parma und ihrer Umgebung hergestellt wird, „Parmesankäse“ genannt werden darf. Auf den Film dazu müssen wir wohl noch etwas warten, aber ich denke, niemand ist böse, wenn ich verrate, dass der Krieg vermieden wurde und der Käse aus Parma der einzige Parmesankäse in Europa ist.

Wie auch immer, der Kern der Meinungsverschiedenheiten zwischen Europa und Amerika ist, dass die Europäer denken, sie erreichten dauerhaften Frieden durch endlose Besprechungen in Schweizer Hotels mit auf dem Tisch verteilten Flaschen von Sprudelwasser und Käsetellern. Amerikaner glauben, der Grund, dass die Europäer dauerhaften Frieden erreicht haben, hat etwas mit dem Fakt zu tun, dass jedes Mal, wenn diese Gespräche in Krawall mündeten, die USA in den Raum marschierten und die Ordnung wieder herstellten wie ein Elternteil, das den Kampf der Kinder um die Fernbedienung beendet.

Dies ist ein großer Unterschied der Sichtweisen und ein hervorragendes Beispiel dafür, wie eine Ideologie durch die Geschichte informiert wird. Die Europäer glauben, ihr „Wunder“ sei durch Reden erzielt worden. Amerikaner glauben, dieses Wunder wurde durch Panzer erzielt. Und größer könnte der Unterschied nicht sein.

Das ist nun offensichtlich eine grobe Vereinfachung. Die Europäer verstehen, dass die NATO und Amerikas Führung im Zweiten Weltkrieg und im Kalten Krieg für die europäische Stabilität und den Wohlstand sehr wichtig waren. Und die Amerikaner begreifen, dass Diplomatie und Politik integrale Bestandteile des Rezepts für die Europäische Union waren. Aber diese Verschiedenheit des „Panzer gegen Gerede“ gibt es wirklich.

Neulich stießen die hübsche Jessica (sie hasst es, wenn ich „meine Frau“ sage) und ich auf ein faszinierendes Fernsehgespräch, das von Bill Moyers geleitet wurde. Zu der Gesprächsrunde gehörten Fareed Zakaria, Charles Krauthammer und eine Reihe anderer Akademiker und Journalisten.

Der Teil, den ich mit bekam, drehte sich darum, ob „wir“ (das hieß: der Westen) das „internationale System“ oder militärische Gewalt benutzen sollten, um Al Qaida zu besiegen. (In der Verschriftlichung ist eine Menge verloren gegangen, aber man kann sie hier lesen.)

Die eine Seite wurde geführt von Seyla Benhabib, Yale-Professorin und Türkei-Expertin, und von Eric Rouleau, einem führenden französischen Journalisten. Sie argumentierten, dass Amerika zu simplizistisch an den Krieg gegen den Terrorismus heran geht. Sie haben das Gefühl, dass es „naiv“ ist, das juristisch-politische „internationale System“ zu verlassen, um einen Gut-gegen-Böse-Ansatz zu verfolgen.

„Osama bin Laden mag bösartig sein, auf der moralischen Ebene stimme ich Ihnen zu“, argumentierte Benhabib. „Aber im politisch-juristischen Bereich haben wir entsprechend den Regeln zu arbeiten, mit den Kategorien, die uns zur Verfügung stehen. Das ist es, warum ich als politische Person vorsichtig wäre, diesen Begriff [bösartig] zu benutzen. Er trübt das Wasser.“ Mit anderen Worten: Nenne die Entführer des 11.9. privat und Zuhause „bösartig“, aber mache das bloß nicht in der Öffentlichkeit, denn – nach Frau Benhabib – in der Öffentlichkeit müssen wir mit Al Qaida als Verhandlungspartner klar kommen. „Wir müssen die Klagen [der Al Qaida] verstehen, damit wir sie begreifen und über sie verhandeln können. Klagen über die Stationierung von Truppen … von amerikanischen Truppen in Saudi Arabien, Klagen über den israelisch-palästinensischen Konflikt. Darauf müssen wir antworten…“ Die Sprache des Gut und Böse hilft nicht, denn sie ermuntert nicht zu gutwilligen Verhandlungen.

Offensichtlich fand Charles Krauthammer, dass das alles Blödsinn ist. Er erklärte, dass die Sprache des Gut und Böse z.B. im Zweiten Weltkrieg sehr hilfreich war, denn wir waren die Guten und die Nazis die Bösen und dadurch konnte man die Spieler richtig zuordnen. Er sagte Benhabib auch, „dass das Modell, das Sie verfolgen, ein juristisches ist. Nach Ihrem Modell hätte F.D. Roosevelt am Tag nach Pearl Harbor vor dem Kongress erscheinen und sagen müssen, ‚wir werden ein Gerichtsverfahren gegen die Führer der japanischen Marine durchführen, die uns in Pearl Harbor angegriffen haben“. Das juristische Modell passt erst, wenn der Krieg vorbei ist und man den Feind besiegt hat…

Rouleau stimmte ein und nannte Krauthammers Argumente „zu sehr vereinfachend“. „Erlauben Sie mir zu sagen, dass die Franzosen und Europäer vielleicht ein wenig kultivierter sind, als das, was man heute hier hören kann“, fügte er hinzu und erschien [mir] wie eine perfekte Parodie seiner selbst. Er schlug aber in dieselbe Kerbe: „Wir sollten das internationale System nicht verlassen, das es uns 50 Jahre lang erlaubt hat, den Frieden in der Welt weitgehend zu erhalten… Ich denke, wir sollten dem System vertrauen, das wir haben. Es ist nicht perfekt, es ist weit davon entfernt perfekt zu sein, aber es ist ein System, das der furchtbaren Welt, in der wir leben, Recht und Ordnung aufgedrückt hat.“

Offensichtlich ist die (passende) Antwort darauf: „Bist du high?“ Aber Charles Krauthammer war diplomatischer. Er sagte: „Nun ja, amerikanische Simplizität hat Europa dreimal im letzten Jahrhundert befreit. Ohne gallische Kultiviertheit stolperten wir herum und befreiten euer Land zweimal von den Deutschen und bewahrten ganz Europa vor dem Kommunismus.“

Wie auch immer, ich möchte nicht der Pressesprecher für Bill Moyers werden, denn ich vermute, das hat der Teufel mit mir vor, wenn ich in die Hölle kommen sollte. Aber ich denke, Sie verstehen, was ich meine. Es gibt da sehr „kultivierte“ Menschen, die glauben, dass die UN-Charta und eine Haufen EU-Richtlinien das sind, was den Frieden seit 50 Jahren erhält. Und dann gibt es diese sehr „einfachen“ Menschen, die glauben, dass das „Arsenal der Demokratie“ – d.h. die 7. Flotte der US Navy, die 101. Fallschirmjäger-Brigade und die Marines – ein wenig mehr damit zu tun hatten. Es ist der Unterschied zwischen dem einen Glauben, dass das Gesetz die Kriminellen davon abhält schlechte Dinge zu tun und dem anderen Glauben, dass der Sheriff die Kriminellen davon abhält schlechte Dinge zu tun.

Es ist sehr wichtig, das im Hinterkopf zu behalten, wenn das Geschrei der Europäer wegen eines Krieges mit dem Irak sich verstärkt. Wenn wir gegen den Irak in den Krieg ziehen, wird es die Europäer schütteln, als hätten wir ein Käsemesser für den Fisch benutzt. Sie werden sagen, dass die europäische Methode und das internationale System alles ohne Gewalt lösen können. Und sie werden damit schlichtweg falsch liegen, wenn auch sehr kultiviert.

„Europäische Beamte sagen“, schreibt R.C. Longworth von der Chicago Tribune, „sie wollten Washington bei Laune halten. Aber sie sind nicht bereit, nur um die Amerikaner zufrieden zu stellen eine Union fallen zu lassen und einen Prozess, der ihren Kontinent aus einer vom Krieg platt gemachten Einöde in eine Landschaft des Friedens und des Wohlstands verwandelte – der in der europäischen Geschichte einzigartig war.“

Nun, das verlangt niemand von ihnen. Alles, was wir wollen ist, dass sie uns nicht über ihren „besseren Weg“ belehren, während sie die Nutznießer unseres simplifistischen Ansatzes sind. Ja, die Europäer haben eine Menge geschaffen, aber ohne uns als Aufpasser hätten sie nichts davon erreicht.

Das beste Beispiel dafür ist nicht Westeuropa, sondern Japan. Wenn die USA Japan nicht besiegt, es mehr als ein Jahrzehnt regiert, seine Verfassung umgeschrieben und für seine Verteidigung gesorgt hätten, würde Japan ohne Zweifel militaristischer sein als es heute ist. Natürlich sollte man den Japanern zu dem gratulieren, was sie erreicht haben. Aber nur ein Dummkopf würde sagen, das „japanische Wunder“ würde beweisen, der Irak könne sich von sich aus, aus sich selbst heraus eine friedliche, wohlhabende Demokratie werden. Japan ist wie Europa gerade deshalb ein Modell des Friedens, weil Amerika nicht nach dem europäischen Modell handelt.

Also entweder helft ihr uns oder ihr geht und streitet euch über das angemessene Gewicht für Croissants. Aber steht uns nicht im Weg.

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