Intelligenz zermalmt

Melanie Phillips, 28. Januar 2005 (nicht mehr online)

Am Dienstagabend hatte ich das Pech an einer Diskussion mit prominenter Besetzung und viel Publikum in London teilzunehmen. Sie gehörte zur Serie „Intelligence Squared“ (Intelligenz im Quadrat). Das angeregte Thema lautete: „Der wahre Feind der Juden heute ist der Zionismus.“ Es wurde von drei Juden vertreten: Avi Shlaim, „revisionistischer“ israelischer Historiker, Jacqueline Rose, Englisch-Professorin und Amira Hass, Ha’aretz-Journalistin in den umstrittenen Gebieten. Dagegen sprachen drei Juden aus: ich, Shlomo Ben Ami, ehemaliger Außenminister der Arbeitspartei, und Raphael Israeli, Professor für islamische, Nahost- und chinesische Geschichte an der Hebräischen Universität.

Meine Seite verlor mit 355 zu 320 Stimmen. Es ist schwer, die krank machende Natur dieser Veranstaltung zu vermitteln – und das nicht nur, weil wir verloren. Unterschwellig unterstellte das Thema, dass die Juden für ihre Vernichtung selbst verantwortlich sind; die wahre Gefahr, in der sie schweben, geht weder vom islamischen Terrorismus aus, noch von dem Versuch, die Juden Israels ethnisch zu säubern, auch nicht in antijüdischen Gefühlen in Großbritannien und Europa, sondern von den Juden selbst, weil sie die Israelis in Monster verwandelt haben. Daher werden die Angriffe auf sie, weit davon entfernt beklagt zu werden, implizit begrüßt; und, um das zu seinem logischen Ende zu denken, der Weg, die Juden zu verteidigen, ist die Quelle der Krankheit zu beseitigen – mit anderen Worten, den Staat Israel zu vernichten.

Diese groteske Verleumdung, die die Juden zu doppelten Opfern macht – zuerst dadurch, dass der wahre Terror, dem sie sich ausgesetzt sehen, ignoriert und sogar dazu aufgestachelt wird; und zweitens dadurch, dass sie dafür verantwortlich gemacht werden – ist natürlich in Großbritannien inzwischen ein Gemeinplatz. Was diese Diskussion noch umso Besorgnis erregender machte: Dieses schockierende Thema wurde von drei Juden vertreten. Die Juden, die dem widersprachen, waren daher in der unerträglichen Lage, das jüdische Volk gegen eine Verleumdung der Juden zu verteidigen, die aus dem Mund anderer Juden kam.

Dieser Sport des Juden prügeln ist inzwischen in den britischen Medien in Mode gekommen; diese nutzen Juden dazu die unverhohlensten Unwahrheiten und boshaftesten Lügen und Verleumdungen über Israel loszulassen, damit die Medien jeden Vorwurf antijüdischen Vorurteils leugnen können – auf der Grundlage, dass Juden nicht antijüdisch sein können. Wäre es doch nur so. Ohne zu behaupten, ich verstünde die Motive der drei jüdischen Ankläger Israels, die sich am Dienstagabend mit ihrem abstoßenden Zeugs brüsteten, ist die Geschichte des jüdischen Volks immer mit Juden versehen gewesen, die eine problematische Beziehung zu ihrer eigenen ethnischen Identität hatten, die den Anstiftern diabolischer Verleumdungen gegen ihr eigenes Volk folgten oder sogar selbst zu solchen wurden (so z.B. Marx oder Freud).

Sie selbst sehen das natürlich anders. Und einer der erstaunlichsten und abstoßendsten Aspekte ihres Verhaltens ist die Art und Weise, wie sie moralische Überlegenheit behaupten. Israel, sagen sie, hat den Moralkodex des jüdischen Volkes verraten. Um zu dieser Analyse zu gelangen, verlassen sie sich auf offenkundige Lügen, Auslassungen und Verdrehungen zur Geschichte und der gegenwärtigen Lage der Juden im ehemaligen Palästina und heutigen Israel. Sie suchen und konzentrieren sich auf Beispiele schlechten Verhaltens seitens Israel – was unzweifelhaft passiert und abgelehnt werden sollte – während sie sie derart aus dem Zusammenhang reißen, dass die Seltenheit solcher Ereignisse nicht anerkannt wird; an Israel Verhalten wird ein unmöglich erreichbarer Perfektionsstandard angelegt, wie er von keinem anderen Land in einer derart furchtbaren Lage erwartet wird; Selbstverteidigung wird in Aggression verdreht; dass Israel sich unendlich besser verhält als die meisten anderen Länder, die sich einer ähnlichen Situation gegenüber sehen, wird hartnäckig ignoriert. Sie nehmen die lebensbedrohliche Bedrohung Israels und verdrehen sie ins Gegenteil, damit in der umgekehrten Darstellung Israels als lebensbedrohlich für die Palästinenser dargestellt wird. Sie verweilen besessen, niederträchtig und unmäßig bei den „Verbrechen“ Israels – die zum größten Teil in Wirklichkeit Beispiele für Israels Versuch sich zu verteidigen sind – während sie alle wahren Verbrechen ignorieren: die Massaker und Aggression und Tyrannei, die gegen die Völker der arabischen Staaten, einschließlich der Palästinenser, durch arabische Staaten begangen werden.

Die Juden auf diese Weise zum Sündenbock zu machen, die moralische Umkehrung, die sie für ihre eigene Vernichtung verantwortlich macht, ist eine Verleumdung, die sich im Lauf der langen Geschichte des ältesten Hasses immer und immer wieder wiederholt hat. So ist diese alt hergebrachte, durch Juden selbst vorgenommene Verleumdung, wie ich schon sagte, nicht neu. Trotzdem ist es unsäglich schockierend, sie im Großbritannien des 21. Jahrhunderts in Aktion zu erleben. Aus dieser Diskussion ging ich mit der Art von Gefühlen heraus, die man – in einem völlig anderen Zusammenhang – empfindet, wenn man gezwungen wird die Details pädophiler Angriffe auf Kinder zu hören oder sogar zu sehen. Es ist eine körperliche Taubheit, ein Gefühl der tiefsten Verzweiflung; ein Gefühl, dass ein wirklich großes Übel losgelassen wurde, das die Tiefen der pathologischen Boshaftigkeit, in die menschliche Wesen absinken können, aufdeckt – um sich zu einer Zeit gegen sich selbst zu richten, wenn sie bereits unter mörderischen Angriffen stehen. Es erscheint wie eine Zurückweisung nicht nur ihres jüdischen Seins, sondern ihrer Menschlichkeit.

Und all das wird eingewickelt in die höchsten Ebenen der Scheinheiligkeit, des Humbugs und der schieren, lachhaften intellektuellen Unehrlichkeit und Geistlosigkeit. So interpretierte Professor Avi Shlaim – dessen „Forschung“ von Ephraim Karsh und anderen umfassend auseinander genommen wurde – schamlos das Thema um, damit er Israel dadurch diffamieren kann, dass er behauptet, der „Zionismus heute“ sei ein und dasselbe wie die Politik von Ariel Sharon in den umstrittenen Gebieten. Er verdrehte nicht nur extrem die Geschichte und die derzeitigen Umstände von Israels Anwesenheit in diesen Gebieten, seine Herangehensweise bettelte nach der Frage, was um Himmels Willen – wenn Sharonismus der „Zionismus heute“ wäre – die Massen politischer Parteien in Israel sind, die gegen den Scharonismus sind. Wären diese auch keine Zionisten?

Tatsache war, dass Shlaim durch die Unterstützung dieser These sich – trotz aller Dementis – mit einer Haltung eins macht, die die Juden als einzige aussondert, die kein Recht auf einen eigenen Staat haben; und Israel als einziges Land der Welt, dessen Existenz nicht legitim ist. Zionismus ist heute, wie es immer gewesen ist, die nationale Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes und Israel ist sein territorialer Ausdruck. Es gibt heute, wie schon immer, viele unterschiedliche Varianten des Zionismus; Sharons Version ist nur eine davon. Das Thema verurteilte den Zionismus von heute, Punkt. Im Ergebnis wird diese Diskussion von den Feinden Israels und des jüdischen Volks benutzt werden und ihnen weiter Schaden zufügen – und Shlaim, Rose und Hass haben das ermöglicht.