In London könnte die Wahrheit unter der Oberfläche gefunden werden

Dr. Joel Fishman, Makor Rishon, 22. Juli 2005 (direkt vom Autor)

Aus den unterschiedlichen Reaktionen, die in der israelischen Presse erschienen, wird deutlich, dass die Terroranschläge in London eine besondere Bedeutung hatten. Die spontanen Reaktionen vieler waren zwar Mitgefühl und Anteilnahme, aber eine Reihe Schreiber warfen eine andere Frage auf: die Beschuldigung der intellektuellen Unehrlichkeit, insbesondere bei der BBC, die in Fällen außerhalb von England die Terroristen nicht bei ihrem wahren Namen nannte. Diesmal jedoch, benutzte London für kurze Zeit das richtige Wort: Terroristen. Das ist eine ernste Sache, denn Worte können so wichtig sein wie Taten, insbesondere wenn sie die öffentliche Wahrnehmung der Wirklichkeit formen.

Dass die BBC besonderes Vokabular benutzt um die furchtbare Realität des Terrors zu kaschieren oder sogar zu legitimieren, wenn er gegen andere eingesetzt wird, ist nicht neu; aber man muss die Bedeutung begreifen. Eine Wahl der Worte, die andeutet, dass Terror gegen andere legitim ist, gegen Briten aber nicht, ist moralisch verwerflich, denn um diese Ansicht zu vertreten muss man davon ausgehen, dass nicht alle Menschen gleich sind oder dass die Engländer gleicher sind als andere – was rassistisch ist. Bestenfalls könnte dies ein Beispiel orwellschen „Doppeldenkens“ sein. Tatsächlich könnte im Hinterkopf ein Gefühl lauern, dass die Probleme anderer, wenn sie weit weg sind, uns nicht sonderlich betreffen. Als Neville Chamberlain die Tschechoslowakei ihrem Schicksal überließ, tat er die nazideutsche Aggression ab als „einen Streit in einem Land weit weg, zwischen Leuten, über die wir nichts wissen.“ Das Problem heute ist, dass zwar solche Einstellungen weiter bestehen, die modernen „Streitigkeiten“ aber nicht länger weit weg sind.

Es sollte angemerkt werden, dass die britische Regierung tatsächlich versuchte, mit den Terrorkräften ihren Frieden zu schließen. Bei der Entführung eines britischen Flugzeugs im September 1970 nach Jordanien erfüllte die Regierung Heath die Forderungen der palästinensischen Entführer, obwohl Großbritannien 1963 die Internationale Konvention von Tokio zu Flugzeugentführungen unterschrieben hatte, dass mit Entführern nicht verhandelt würde. Jahre später sagte Leila Khaled, Entführerin im Ruhestand: „Es war ein guter Schritt für uns, dass wir sahen, dass mit Regierungen verhandelt werden konnte. Wir konnten unsere Forderungen durchsetzen. Der Erfolg dieser Taktik der Entführungen und der Durchsetzung unserer Forderungen gab uns den Mut und die Sicherheit unseren Kampf fortzuführen.“ Arafats Biographen, Barry und Judy Rubin, berichteten, dass König Hussein vor dem Schwarzen September die Briten um Hilfe bat, um das haschemitische Königreich zu retten. Unter Gebrauch von Archivquellen, nämlich den Mitschriften aus den Sitzungen des britischen Kabinetts, berichteten die Rubins, dass die Regierung Heath sich entschied Hussein fallen zu lassen und den Amerikanern empfahl dasselbe zu tun. Am Ende schaffte es Hussein an der Macht zu bleiben – mit Hilfe der USA und eines Nachbarstaates. (Diese Woche starb Edward Heath im reifen Alter von 89 Jahren.)

Offensichtlich gibt es eine Dynamik, dass man erst dem Terror nachgibt, dann den Versuch unternimmt diejenigen zu beschwichtigen, die die Terroristen schickten, indem man ihre „vernünftigen Ansprüche“ befriedigt und schließlich zu ihren Anwälten wird. 1980 schrieb Terence Prittie, ein britischer Freund Israels, dass das britische Außenministerium die Unwahrheit zu verbreiten begann – heute bekannt als die Doktrin des Verstehens – „dass die Regelung der ‚Palästinensischen Frage‘ es ermöglichen würde, dass alle anderen Teile des Nahost-Puzzle sich hübsch zusammenfügen, was in Frieden, Fortschritt und Wohlstand für alle mündet.“ Prittie erklärte weiter die Motivation: „Angesichts einer europäisch inspirierten Regelung der palästinensischen Frage, in die Großbritannien sehr stark involviert sein würde, wäre die Dankbarkeit der arabischen Welt grenzenlos; die Möglichkeit, unschätzbaren Rat zur Lösung anderer innerarabischer Dispute geben zu können, wäre grenzenlos.“ Daher würde es viel arabisches Öl und Investitionen für Europa geben und europäische Technologie und Expertenwissen würde in die umgekehrte Richtung fließen. Das würde ein goldenes Zeitalter europäisch-arabischer Zusammenarbeit eröffnen. Prittie schrieb kurz nach dem Gipfel von Venedig im Juni 1980, auf dem die EWG-Regierungsspitzen eine Erklärung über die Notwendigkeit veröffentlichten, die PLO in zukünftige Nahost-Verhandlungen einzubeziehen. Damals wurden Amerikaner im Iran als Geiseln festgehalten (4. November 1979 – 20. Januar 1981) und Präsident Carter zeigte historische Schwäche, was die arabische Welt enorm ermutigte. Das von Prittie beschriebene Denken stimmt im Grundsatz mit dem britischen und europäischen von heute überein, aber das goldene Zeitalter, von dem geträumt wurde, kam nicht zustande. Großbritannien mag zwar beträchtliche finanzielle Gewinne verbucht haben, aber nachdem es von Anfang an gegenüber dem Terror klein beigegeben hat, sieht es sich nun einer weit gefährlicheren Realität gegenüber. Denn aus Sicht der Araber hat der Terror funktioniert. Er funktionierte nicht nur, weil er half, dass die Täter ihr unmittelbares Ziel erreichten, sondern er schuf auch eine Dynamik, die die fortgesetzte politische Zusammenarbeit seiner Opfer sicher stellte.

In diesem Zusammenhang veröffentlichte kürzlich (im Juni 2005) das Center for Monitoring the Impact of Peace (CMIP) einen Bericht über palästinensische Schulbücher, der eine verräterische Passage aus „Islamic Education“, einem Buch der 10. Klasse, enthielt. Arnon Grois identifizierte einen Text, der islamische Moral mit der des Westens verglich: „[Islamische] Moral unterscheidet sich von der anderer Völker, denn [westliche Moral] wird von Relativität, Unstetigkeit und Unterordnung unter das Kriterium der Interessen und des Nutzens charakterisiert. Solche Völker sind nicht an sie gebunden, wenn sie ihnen nicht einen gewissen Gewinn einbringen.“ Der Text zeigt, dass, obwohl die Briten die Sache erfolgreich vernebelt haben mögen, die Palästinenser deutlich eine westliche Verletzbarkeit feststellten, bei der Zweckmäßigkeit Vorrang vor Prinzipientreue hatte.

Das Nichtvorhandensein moralischer Klarheit, die die palästinensischen Schulbücher beschreiben, wird durch die pragmatische Anwendung einer Sprache mit barbarischer Gewalt beispielhaft gezeigt. Nicht nur die Worte sind falsch; solches sprachliches Zusammenwirken befreit diejenigen von Verantwortung, für die das Ziel die Mittel heiligt. Diese Entwicklung zeigt auf, dass die Briten die moralische Dimension des Konflikts nicht mehr verstehen, in dem sie sich befinden – eine Entwicklung, die ihnen letztlich die Fähigkeit schwächt sich zu verteidigen. Eine damit zusammenhängende Möglichkeit ist, dass sie sich Stück für Stück in den Status einer „beschützten Minderheit“, der Dhimmi, im Europa der Zukunft konditionieren.