Wird der Terror Europa einen? Aber sicher.

David Frankfurter, 5. August 2005 (The Sprout, Juli/August 2005)

Können wir jetzt, wo London brutal in die Spirale der Gewalt geschoben wurde, von Europa einen anderen und besseren Umgang mit dem Terrorismus? Verdammt unwahrscheinlich, wenn die Erfahrung auf der iberischen Halbinsel ein Hinweis darauf sein sollte.

Jeder Kommentator, der sein Geld wert ist, nannte die Gräueltaten vom 7. Juli einen Terrorakt – und zwar zurecht! Der Terror will Leben und Existenzen zerstören, mit wenig Respekt vor irgendetwas oder irgendjemandem. 24 Stunden lang hörte London auf zu funktionieren. Die Zahl der Toten ging in die Dutzende. Hunderte wurden verstümmelt; zahllose weitere Menschen wurden traumatisiert und viele werden lange Zeit in Behandlung sein. Gewöhnliche Leute, die jetzt zweimal überlegen werden, ob sie öffentliche Verkehrsmittel benutzen, haben sich in die anschwellenden Reihen der Terroropfer eingereiht.

Tony Blairs ständige Forderungen nach einem globalen Krieg gegen den Terror gründeten und gründen weiter auf dem, was jedermann jetzt als wahr ansieht: Die den Nahen Osten infizierende Krankheit ist nur allzu leicht von den Winden des Handels an die Strände Europas getragen worden. Die britischen Median sind im Gegensatz dazu derart beschäftigt gewesen, die Anstrengungen der Streitkräfte in Afghanistan und im Irak in Verruf zu bringen, dass sie vorgaben, den Terrorismus würde nicht einmal geben. Als die Züge in Madrid in die Luft flogen, machte die Presse in England „Separatisten“ dafür verantwortlich. Aber diesmal nicht: Ganz untypisch bezeichnete die BBC die Londoner Bomber ganz schnell als echte Terroristen. Tage später, als der schreckliche Bruch bewusst wurde, korrigierte die BBC im Nachhinein ihre einflussreiche Internetseite und entfernte das wertende „T“-Wort, das durch „Bomber“ ersetzt wurde.

Ob es in Bali, Madrid, dem Irak, dem Libanon, Bosnien oder Beslan ist, die aktuelle semantische Politik lautet: alles außer Terrorismus. So gewinnen die Sähenden der Angst, der Gemetzel und des Terrors, die Mörder unschuldiger Zivilisten, Frauen und Kinder ein zustimmendes Mediensiegel als „Militante“, „Eindringlinge“, „Separatisten“, „Hardliner“ oder andere euphemistischer Ehrentitel.

Schlaue Spielchen zu treiben ist nicht alles, was die Experten zu tun wissen. Sie geben auch Rat: diesen Terror zu besiegen, zu identifizieren und ihm entgegenzutreten. Gute Informationen, punktgenaue Angriffe auf Finanzquellen, harte Einigkeit und stählernes Durchhalten. Und vor allem muss man im Hinterkopf behalten, dass die Terroristen kein Interesse an unserer Sichtweise einer demokratischen Gesellschaft haben. Das ist der Grund, dass sie sich – buchstäblich – in Stücke reißen.

Europa bekommt gute Noten dafür, dass es diese Art von Vorgehen gut macht. Bonn und Rom überwanden örtliche Gruppen von Eindringlingen in den 70-er und 80-er Jahren und Madrid und Paris haben später solide Mauern aus Polizei auf die Straßen gebracht, wenn das notwendig war. Blair, der nach den Explosionen ungewöhnlich erschüttert aussah, drückte das gut aus: „Diese Art des Terrorismus hat sehr tiefe Wurzeln. So, wie man mit den Folgen davon umgehen muss – dem Versuch uns so gut zu schützen, wie das eine Zivilgesellschaft tun kann – so muss man auch versuchen, ihn mit seinen Wurzeln auszureißen.“

Die Jahrzehnte dauernde Schlacht mit baskischen Separatisten hat Madrid mit einem soliden Wunsch ausgestattet, dem internationalen Terror entgegenzutreten. Eine Möglichkeit ist es, Antiterror-Konferenzen abzuhalten. Weniger als zwei Monate vor den Bomben vom 11. März war Spanien Gastgeber eines internationalen Kongresses von Terroropfern. Da die Spanier Spanier sind, wurden Einladungen zu ihrem exklusiven „Terroropfer“-Clubs sehr ausgewählt vergeben. Verstümmelt zu sein oder ein Familienmitglied bei einem Terroranschlag verloren zu haben, reichte nicht aus. Die Opfer mussten einen politisch korrekten Pass besitzen. So wurden Eingeladene aus Spanien, den USA, Frankreich, Algerien, Nordirland, Kolumbien und einer Hand voll anderer Staaten angekarrt. Vertreter der Millionen vom Terror betroffenen Familien im Sudan, Bosnien, dem Senegal, Tschetschenien und dem Irak schafften es nicht auf Spaniens Liste. Es kann israelischen und kurdischen Terroropfern nicht viel Freude gemacht haben festzustellen, dass an ihrer Stelle die Botschafter Palästinas und Syriens auf der offiziellen Madrider VIP-Teilnehmerliste standen. Die Organisatoren gaben sich große Mühe sicherzustellen, dass die vier israelischen Terroropfer, die kamen, wussten, dass sie nicht eingeladene und nicht willkommene Eindringlinge waren.

Das politische Ansehen deines Landes in gewissen Kreisen scheint den Grad der Solidarität, Unterstützung und grundlegenden menschlichen Sympathie zu bestimmen, auf die man zählen kann. Die kürzlich getroffene Entscheidung der EU-Präsidentschaft, „diplomatische Kontakte auf niederer Ebene“ mit der Hamas zu erlauben, hebt das hervor. Eine Buchung als Star auf der EU-Liste der verbotenen Terrororganisationen darf den Spaß nicht verderben. Es muss einfach Zufall sein, dass forensische Analysen des Sprengstoffs, der von den Londoner Bombern benutzt wurde, diese mit den in England geborenen Bombern in Verbindung bringt, die sich selbst (zusammen mit einigen unschuldigen Stammgästen) in der Gaststätte Mike‘s Place in Tel Aviv in die Luft jagten. Uups… schon wieder die Hamas.

Überrascht es wirklich, dass im März 2005, drei Monate vor den Anschlägen in London, Al-Qaida öffentlich Spaniens internationale Terrorkonferenz verspottete? „Ihr Ungläubigen, was immer ihr vorbereitet, ihr werden besiegt werden und niemals siegreich sein, denn Allah hat uns den Sieg versprochen. Ihr müsst also nur warten … und wir werden auch warten.“

Ken Livingstone, der clevere Oberbürgermeister von London, muss mit sich selbst sehr zufrieden gewesen sein, weil er den ultimativen Antiterror-Schild erdacht hat. Seine öffentliche Gastgeberrolle, übertriebenes Lob und regelmäßige Verteidigung des qatarischen Scheik Yussef al-Qaradawi war ein Meisterstück. Zu den Morden an Frauen und Kindern im Irak und Israel nutzte al-Qaradawi seine religiöse Autorität für das Urteil: „Das ist nicht Selbstmord, es Märtyrertum im Namen Gottes.“ Der Rote Ken, nie um Verdrehungen verlegen, erklärt das so: „Sehr oft werden die, die unangenehme Wahrheiten aufbringen, verunglimpft.“

Natürlich wird die Unterstützung des Roten Ken für die Sache wirklich geschätzt. Palestinian Media Watch berichtet, dass das offizielle, von der palästinensischen Autonomie kontrollierte Fernsehen, seine regelmäßige Freitagspredigt den Bombenanschlägen des Vortags widmete und für Großbritannien und die noch um ihr Leben Kämpfenden betete. Die freundlichen Worte des Imam Suleiman Al-Satari waren inspirierend. „Vernichtet die Ungläubigen… Allah, zähle sie und töte sie bis zum letzen Mann und lass nicht einen übrig.“ Ein netter Zug, wenn man bedenkt, dass das Budget der PA-Sendungen und die Gehälter der Fernseh-Mitarbeiter so großzügig von der EU und dem Entwicklungsministerium des Vereinigten Königreichs finanziert werden.

Für die unter uns, die noch in die Position des Oberbürgermeisters aufsteigen müssen, bleibt nur übrig uns über einige ziemlich beunruhigende Aspekte des Terrors nachzugrübeln. Einfach gesagt, ist das … nun… gefährlich. Ein geheimer MI5-Bericht, der Sunday Times zugespielt, besagt, dass Großbritannien für bis zu 16.000 potenziellen Terroristen Heimat ist, die alle nur darauf warten losgeschickt zu werden. Londons Pendler-Klassen lernten auf die harte Tour, dass der Terrorismus britisch-innenpolitische Ziele hat, als die Bomber erklärten: „Es ist an der Zeit für Vergeltung an der einen Kreuzzug führenden zionistischen Nation von Großbritannien.“

Fast präzise mit der Ausführung dieser Vergeltung zusammen fiel eine Entscheidung, die von den G8 in Schottland getroffen wurde: Eine zusätzliche 3 Milliarden Dollar-Hilfe an die Palästinenser wurde begrüßt. Da das unmittelbar nach dem Massaker von London kam, kann argumentiert werden, dass Terrorismus so gesehen wird, dass er greifbare Belohnungen bringt. Während die Leichen im den Wracks in der „Tube“ noch warm waren, hatten ausgerechnet die Leute, die die Welt Flugzeugentführungen und Selbstmord-Bomber beibrachten, wieder einmal Zahltag.

Der Krieg gegen den Terror ist eine dieser alles-oder-nichts-Projekte. Es gibt viele Lehren und wenn man nicht gerade ein hochrangiger Politiker oder Oberbürgermeister ist, kann man ziemlich beunruhigt darüber sein, welchen Sinn das alles macht. Außer einem: Bei der Art, wie Europa das Spiel spielt, sind die nächsten Gräueltaten sichergestellt.