Großbritannien und seine Juden

Melanie Phillips, 7. Oktober 2005 (nicht mehr online)

Eine scharfe Kritik von Nick Cohen im „New Statesman“ beschreibt sehr genau den Feuersturm antijüdischen Hasses, der derzeit über die britische Kultur-Landschaft hinwegfegt. Cohen ist einer dieser wenigen mutigen Linken, die sich ihren Genossen widersetzten und den Krieg im Irak unterstützten. Dafür wurden sie von genau diesen Genossen diffamiert und schikaniert. Aber Cohen beschreibt hier den weiteren Dreh, der durch das rassische Identitätsmerkmal seines Nachnamens geliefert wird:

Ich erfuhr, dass es eine Sache ist „Cohen“ zu heißen, wenn man mit der liberalen Orthoxie überein stimmt, aber eine ganz andere, wenn man liberalen Verrat aufzeigt. Die eigenen Argumente können nicht auf Basis ihres Wertes diskutiert werden. Es muss einfach eine böse Motivation im Spiel sein. Es kann nur so sein, dass man Ariel Sharon unterstützt. Es kann nur so sein, dass man im Lohn der „internationalen“ Medienmogule oder Neokonservativen steht. Man muss einfach böses Blut haben. Man muss einfach ein Jude sein…

Während die Monate vergingen und die Iraker zwischen einer kriminell inkompetenten Besatzung und „Eindringlingen“ gefangen waren, die so weit rechts standen, dass sie gar nicht mehr ins Koordinatensystem passten, bekam ich alles ab, was es gab. Ein führender Linker bat mich, ihn mit Mitgliedern der neuen Regierung in Kontakt zu bringen. „Ich wusste es! Ich wusste es!“, heulte er, als wir uns das nächste Mal trafen. „Sie wollen Israel anerkennen!“

Ich erlebte, was viele Schwarze und Asiaten mir gesagt hatten: Man kann es nicht beschreiben. Wo die Leute im politischen Spektrum stehen, sagt nichts über ihre tief sitzenden Überzeugungen. Ich stellte fest, dass die extreme Linke nicht auf die abschreckende Sozialistische Arbeiterpartei beschränkt war, sondern ihr viele gewissenhafte Leute angehörten, die zu treffen angenehm und mit denen zu diskutieren bildend war. Dabei war die Mitte nicht annähernd so moderat, wie sie sich das gerne wünschte. Einen Moment lang glaubte ich, ich würde mit einem BBC-Reporter oder liberalen Akademiker sprechen und ihn als zivilisierten Menschen ansehen; im nächsten Moment fing er an über die Juden zu schimpfen…

Ich könnte so weiter machen. Der Augenblick aber, in dem Bestürzung sich in stete Verachtung verwandelte, war der, als der Guardian eine Internet-Diskussion brachte, die den Titel hatte: „David Aaronovitch und Nick Cohen reichen aus, um einen guten Mann antisemitisch zu machen“. Prachtvoll beschwerte sich ein wachsamer Leser, dass der Titel mit einem Vorurteil belegt sei ñ die Diskussion hätte heißen sollen: „David Aaronovitch und Nick Cohen reich aus, um einen guten Mann oder eine gute Frau antisemitisch zu machen.“…

Um ein globales Phänomen als rationale Reaktion auf israelische Unterdrückung wegzuerklären, muss man einmal mehr den Juden zu einer übernatürlichen Figur machen, deren Existenz die Ursache der Unzufriedenheiten der gesamten Erde ist. Man muss den Antisemitismus wieder beleben.

Es scheint so, als habe Cohen einige Zeit gebraucht, um die genaue Natur und das Ausmaß dieses Wahnsinns zu begreifen, der das öffentliche Leben Großbritanniens eingenommen hat. Während er aber richtigerweise die außergewöhnliche Achse zwischen der Linken und dem islamischen Faschismus identifiziert hat, ist ihm die Tatsache entgangen, dass dieses Gruppendenken auch einen großen Teil der Rechten einschließt. Konservativ denkende Briten der Mitte, die von der Voraussetzung ausgehen, dass es für sie keine Bedrohung durch schreckliche Islamisten gäbe, wenn Großbritannien nur die Zugbrücke über den Atlantik hochgezogen hätte, glauben inbrünstig, dass der globale Jihad tatsächlich eine Reaktion auf israelische Unterdrückung sei.

Jetzt hat der britische Oberrabbiner, Sir Jonathan Sacks, endlich darüber gesprochen, was passiert. Er hat im Jewish Chronicle gewarnt vor

einer neuen Welle des Antisemitismus und gesagt: „Es hat Zeiten gegeben, zum ersten Mal seit ich mich erinnern kann, wo es ungemütlich gewesen ist, ein Jude in Großbritannien zu sein“…

In seiner Botschaft zitiert Sir Jonathan vom Generalsekretär des Muslim Council of Britain, Sir Iqbal Sacranie unterstützte Aufrufe den Holocaust-Gedenktag abzuschaffen, weil dieser Muslime beleidigt. Er nimmt auch Bezug auf Bemerkungen mit „antisemitischen Untertönen“ durch Personen des öffentlichen Lebens, den angedrohten akademischen Boykott Israels Anfang diesen Jahres und Kirchendebatten über den Abzug von Investition aus Israel.

Er sagt, dass Israel und den Juden die Rolle des Sündenbocks für die Probleme zugeschoben wird, die durch globale Veränderungen aufgeworfen werden, obwohl sie nicht für diese verantwortlich sind. Der neue Antisemitismus unterscheide sich vom alten dahin gehend, dass er „politisch statt rassisch ist, sich auf die Juden als Nation statt den Juden als Einzelperson konzentriert. Aber er hat alte Mythen übernommen und angepasst, vom Ritualmord-Vorwurf bis zu den Protokollen der Weisen von Zion“. Obwohl Israel mit solchen Vorfällen nichts zu tun hat, wie z.B. der „Ermordung von Millionen Muslimen durch ihre Glaubensbrüder“ im Irak, dem Sudan und andernorts, wird es „zum Sündenbock des 21. Jahrhunderts“ gemacht, sagt der Oberrabiner.

Die Intervention des Oberrabbiners ist bedeutsam. Bisher war er vorsichtig, dachte wahrscheinlich an die Tatsache, dass er, wie so viele britische Juden, für die die Illusion einer Idylle jetzt grausam zerschlagen ist, zögerte die Zerstörung des Märchens zuzugeben, dass die Juden Großbritanniens sicher seien. Darüber hinaus ist die jüdische Gemeinschaft in Großbritannien polarisiert; da gibt es viele britische Juden – hauptsächlich in der Linken – die sich mit genau denen in eine Reihe stellen, die Cohen und den Rest von uns diesen widerlichen Schmähungen ausgesetzt haben und die entschieden das Wiederaufkommen antijüdischer Gefühle leugnen, statt dessen alle Verantwortung Ariel Scharon, den Neocons und George W. Bush zuschieben. Aber die Tatsache, dass jemand vom Kaliber des Oberrabbiners jetzt auf den Plan tritt und es laut und deutlich sagte, bedeutet, dass es nicht länger einfach sein wird, es als das Toben einiger weniger Spinner, Paranoiker und Scharon-Groupies abgetan werden kann. Es zwingt sich dem Mainstream auf. Es verlangt nach einer Antwort der politischen Klasse.