Die Auflösung der Zivilisation in Europa

Paul Belien, Brussels Journal, 22. Februar 2006

Europas derzeitige Probleme sind komplett hausgemacht. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Ergebnis weniger katastrophal sein wird. Durch die Zerrüttung seiner jüdisch-christlichen Kultur – ein Prozess, der mit der französischen Aufklärung begann – wurde ein religiöses und kulturelles Vakuum im Herzen der europäischen Zivilisation geschaffen. Der Zusammenbruch des Glaubens an die eigenen Werte hat, wenig überraschend, zu einem demokratischen Zusammenbruch geführt, denn eine Zivilisation, die nicht länger an ihre eigene Zukunft glaubt, lehnt auch die Fortpflanzung ab. Heute ersetzt eine neue Religion und Kultur die alte. Man kann wenig dagegen machen, außer auf ein Wunder zu hoffen.

Amerikas Einwanderungsprobleme verblassen im Vergleich mit dem, was Europa bevor steht. Amerikas wichtige ethnische Minderheiten – Schwarze wie Latinos – sind Christen, während die Mainstream-Kultur ebenfalls im Christentum verwurzelt ist. In Europa steht eine säkulare post-christliche Kultur der muslimischen gegenüber. Die säkularisierte Kultur ist hedonistisch* und schätzt nur ihr gegenwärtiges Leben wert, weil sie nicht an ein Leben nach dem Tod glaubt. Das ist der Grund, dass sie sich ergeben wird, wenn sie mit dem Tod bedroht wird, denn das Leben ist das Einzige, was sie zu verlieren hat. Deshalb wird sie Unterwerfung akzeptieren ohne für ihre Freiheit zu kämpfen. Niemand kämpft für die Flagge des Hedonismus, nicht einmal die Hedonisten selbst.

Man könnte es etwas anders ausdrücken: Europa fehlt, was Amerika immer noch hat, nämlich die sogenannten konservativen Reserven oder, wie der deutsche Soziologe Arnold Gehlen vor 30 Jahren erklärte: „die Reserven nationaler Energie und Selbstbewusstseins, Primitivität und Großzügigkeit, Wohlstand und Potenzial in jeder Beziehung.“ Immer wieder einmal reise ich in die USA, um meine Batterien aufzuladen und ich bin nicht der einzige europäische Konservative, der das tut. Von Zeit zu Zeit muss man die Freiheit atmen, bevor man wieder in der stickigen Atmosphäre Europas abtaucht.

Amerikas „konservative Reserven“ sind weitaus stärker als die Europas, weil Amerika, anders als das säkulare Europa, in größerem Ausmaß in traditionellen christlichen Werten verhaftet geblieben ist. Ich bezweifle nicht, dass, wenn diese Werte in den USA weiter abnehmen, die amerikanische Kultur zusammenbrechen wird, wie die europäische Kultur und Zivilisation kollabiert sind. Amerika kann aber von der Europa bevorstehenden Katastrophe lernen und ein ähnliches Schicksal vermeiden.

Die alte europäische Zivilisation – die vor- wie die nachchristliche – wird in den USA weiter leben. Geht sie auch dort zugrunde, wird die Menschheit in die dunklen Zeitalter zurückfallen, die jetzt Europa ergreifen, das die Wiege der westlichen Zivilisation ist.

Ich vermute, dass man das traurig finden sollte, aber ich fühle keine Traurigkeit. Man kann Mitgefühl für die haben, die in Unfällen sterben, im Feld fallen oder ermordet werden (wie die unzähligen ungeborenen Kinder, die jeden Tag sterben), aber kann man Mitleid mit denen haben, die ihre eigene Zukunft getötet haben, um die Annehmlichkeiten der Gegenwart zu haben? Ich wiederhole: Die missliche Lage Europas ist komplett hausgemacht. Der Islam ist nicht schuld. Schuld ist der Säkularismus.

Die nächsten zehn Jahre werden Zeuge eines Krieges zwischen den Werten des Islam und den säkularen „Werten“ der dekadenten, hedonistischen, post-marxistischen Linken sein. Wir haben die Ermordungen von Pim Fortuyn und Theo van Gogh erlebt, das Vorspiel zum französischen Bürgerkrieg im letzten November, den Fall der dänischen Karikaturen. Das ist erst der Anfang des Anfangs. Ich betrachte mich nicht als Pessimisten, lediglich als Realisten. Es ist ziemlich klar, wer verlieren wird – und wessen Fehler das sein wird.

* Hedonismus: griechisch-antike philosophische Lehre, nach der das höchste ethische Prinzip das Streben nach Sinnenlust ist.