[Ein israelischer] Rückzug wird nicht funktionieren

Daniel Pipes/Jonahan Schanzer, Wall Street Journal, 15. April 2002

Es gibt die weit verbreitete Vorstellung, dass, wenn Israel nur seine Streitkräfte und Bevölkerung aus der Westbank und Gaza abzieht, die palästinensische Gewalt gegen die Israelis enden und Verhandlungen beginnen würden. Wofür würden sie schließlich sonst noch zu kämpfen haben?

In diesem Geist besteht die französische Regierung darauf, dass sich die israelische Armee „zurückziehen muss“. Präsident Bush sagte Israel, dass „die Besatzung durch einen Rückzug auf sichere und anerkannte Grenzen in Übereinstimmung mit den UN-Resolutionen enden muss“. Und keine geringere Persönlichkeit als UN-Generalsekretär Kofi Annan berichtet, dass „die gesamte Welt verlangt, dass Israel sich zurückzieht“.

Das hört sich gut an – allerdings nur, wenn man die Geschichte ignoriert. Wir haben diesen Film bereits gesehen und er hatte kein Happy End. Der Film heißt „Libanon 2000“ und wegen der Lehren, die er enthält, ist er es wert noch einmal erzählt zu werden.

1978 schickte Israel Truppen in den Libanon, um Angriffen auf den jüdischen Staat vorzubeugen. Diese Truppen verblieben dort fast ununterbrochen zwei Jahrzehnte lang und schützen den Norden hauptsächlich vor Angriffen durch die islamistische Hisbollah-Gruppe. Im Laufe der Zeit wurden die Taktiken der Hisbollah zunehmend tödlich und ausgeklügelt. Ihre Anschläge schlossen Doppelangriffe ein, bei denen Stoßtrupps aus kurzer Entfernung auf israelische Militärziele schossen, wobei das Feuer schwerer Artillerie sie aus Entfernungen bis zu 6km schützte. Oder Hisbollah schoss Sperrfeuer mit Katjuscha-Raketen auf Israels Bevölkerungszentren. Sie spezialisierte sich auch auf Straßenanschläge mit hoch entwickelten Antipersonen-Minen.

Diese Angriffe töteten durchschnittlich 25 Israelis im Jahr und belasteten die Moral. Im Februar 1997 änderten sich die Dinge vom Schlechten zum Schlimmeren, als zwei Transporthubschrauber, die Soldaten in den Südlibanon hinein und heraus brachten, miteinander kollidierten und alle 73 Mann an Bord starben. Vier israelische Mütter von gefallenen Soldaten hielten kurz darauf eine kleine Demonstration gegen die israelische Anwesenheit im Libanon ab, was eine Bewegung ins Leben rief, die durch das Land fegte. Die „Vier Mütter“-Organisation rief zum Rückzug aus dem Krieg auf, den viele Israelis mit der US-Erfahrung in Vietnam gleich setzten. Der öffentliche Druck baute sich bis zum Mai 2000 weiter auf, als Israel seine Truppen zurückzog und auf eine von der UNO anerkannte Grenze mit Libanon zurückkehrte.

Die Israelis setzten große Hoffnungen in den Rückzug; sie betrachteten ihn als ein Vorbild für arabisch-israelische Harmonie. Mach‘ es so, wie die Welt draußen es verlangt und mache dann klar, dass jeder zukünftige Übergriff hart bestraft wird. Die Regierung von Ehud Barak setzte Hisbollah (und ihre syrischen und iranischen Hintermänner) davon in Kenntnis, dass sie keine weitere Aggression tolerieren würde. Die Welt nickte Zustimmung. Die meisten Israelis glaubten sich glücklich und sicherer als vor dem Rückzug.

Um auf dieser Basis aufzubauen überzeugte Premierminister Ehud Barak im Juli 2000 Präsident Clinton, für einen Gipfel mit Yassir Arafat höchstpersönlich den Gastgeber zu spielen. In Camp David bot er noch nie da gewesene Zugeständnisse an und hoffte, die palästinensische Akte schließen zu können, wie die libanesische gerade geschlossen zu haben glaubte. Dumm nur, dass Hisbollah und die Palästinenser die entgegen gesetzte Lehre aus dem Rückzug zogen. Hisbollah prahlte, wie islamische Kräfte im „kleinsten arabischen Land“ dafür gesorgt hatte, dass Israel sich in „geschlagen und resigniert“ zurückzog.

Für Arafat gilt, dass er, statt vom guten Willen Israels inspiriert zu sein, dieses als schwach und demoralisiert ansah. Von Hisbollahs Erfolg angespornt, verloren er und die Politik seiner palästinensischen Körperschaft das Interesse an der Diplomatie und dem, was diese erreichen konnte – die partielle Erreichung ihrer (eigentlichen) Ziele. Statt dessen übernahm er der das Modell der Gewalt von Hisbollah, um einen vollständigen Sieg zu erringen.

Es war daher nicht überraschend, dass Arafat die wild-generösen Angebote von Herrn Barak glatt ausschlug und sich nicht einmal dazu herab ließ Gegenvorschläge zu machen. Natürlich bedeutet vollständiger Sieg in diesem Zusammenhang die Vernichtung Israels, nicht die Koexistenz zweier Staaten. Wie konnte Arafat weniger anstreben, als er dieses hübsche Angebot in Camp David ausschlug?

Und so nahmen die Palästinenser am 29. September 2000 die Gewalt auf, die immer noch anhält.

Nach eineinhalb Jahren dieses Krieges glauben die Palästinenser, dass ihr Feldzug erfolgreich ist. Er hat zwei Drittel mehr Israelis getötet als der Krieg von 1967. Eine kürzlich erfolgte Analyse der Washington Post erklärt, dass sie die Gewalt als das Mittel ansehen, mit dem das Ziel erreicht wird, „Israel in Furcht zu versetzen, es zu demoralisieren, seine Wirtschaft zu schädigen und es so zu schwächen, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, wann es in die palästinensischen Forderungen einwilligt“. Die Palästinenser reden darüber, israelische Städte „als Eroberer“ zu betreten und sind sich sicher, (kurz) vor dem Sieg zu stehen.

Kurz gesagt: Als Israel dem Geheiß der Welt folgte und aus dem Libanon abzog, verringerte es auf katastrophale Weise seine Sicherheitslage. Ja, Herr Annan hieß das gut, aber wie gut war das angesichts eines wiederbelebten palästinensischen Feldzugs der Gewalt? In einer schlechten Nachbarschaft wie dem Nahen Osten bringt Kapitulation die hervor, die das Recht des Stärkeren ausüben.

Die Geschichte mit dem Libanon hält eine heftige Lehre für die bereit, die einen israelischen Abzug aus der Westbank und dem Gazastreifen suchen. Die geschichtliche Erfahrung deutet stark darauf hin, dass die Palästinenser eine solche Entwicklung als ein Zeichen dafür deuten würden, dass Israel unter Feuer klein bei gibt, was sie weiter ermutigt, ihrem ultimativen Siegespreis nachzujagen – der Vernichtung Israels und seiner Ersetzung durch „Palästina“.

Eines Tages, wenn die Palästinenser ihre Entschiedenheit aufgegeben haben, den jüdischen Staat zu eliminieren, kann und sollte Israel sich aus den 1967 gewonnenen Gebieten zurückziehen. Aber ein solcher Schritt sollte nicht einmal erwogen, geschweige denn in Verhandlungen diskutiert werden, bevor die Palästinenser und die Araber nicht bewiesen haben, dass sie Israels Existenz zu akzeptieren bereit sind und dann tatsächlich harmonisch über einen langen Zeitraum neben ihm leben. Dieses Langzeitprojekt wird Jahrzehnte brauchen. So langsam es auch sein mag, es ist der einzige Weg den Konflikt zu lösen. Es gibt keine Abkürzungen.

Inzwischen mögen die Israelis es müde sein, die oberste Kontrolle über die Westbank und Gaza auszuüben, aber das gerade gestorbene Oslo-Experiment der palästinensischen Autonomie (1994 – 2002) demonstriert geradezu, dass sie keine andere Wahl haben.

Für die USA gilt: Da es ihrer Politik gegenüber dem arabisch-israelischen Konflikt in den letzten Jahren derart katastrophal erging, ist es vielleicht an der Zeit einen völlig anderen Ansatz in Erwägung zu ziehen. Fangen wir mit den Grundlagen an: Unser Interesse liegt in der Sicherung der israelischen Sicherheit, gute Arbeitsbeziehungen mit arabischen Staaten zu erhalten und einen ausgedehnten arabisch-israelischen Krieg zu vermeiden. Glücklicherweise können diese Ziele durch Konzentration auf ein übergreifendes Politikziel erreicht werden: der Reduzierung der arabischen Feindseligkeit gegenüber Israel. Das kann dadurch erreicht werden, dass man mit Israel und den arabischen Führern daran arbeitet, den arabischen Glauben an israelische Schwäche platzen zu lassen.