„Es ist Amerikas Fehler!“

Die „Frachtkult“-Mentalität

John Derbyshire, National Review Online, 14. Juni 2002 (heute nur noch hier)

Wenn man etwas öffentlich über den Nahen Osten schreibt, bekommt man eine Menge Leserpost. Nach einer Weile fängt man an Trends in diesen Antworten festzustellen – Trends, die sehr suggestiv darüber sind, wie Menschen denken und welche Gefühle sie bei großen Dingen haben.

Wenn ich selbst über den Nahen Osten schreibe, mache ich normalerweise irgendwo mittendrin eine Pause um herauszustellen, warum Araber als Einzelne generell nicht besser oder schlechter sind als einzelne Engländer, Amerikaner oder Ungarn, die arabische Gesellschaft aber nie einen Hang zu rationaler Politik hat und keine Anzeichen zeigt, ihn jemals zu haben. Daher ist jedes einzelne arabische Land entweder eine finstere Theokratie oder eine säkulare „Volksrepublik“ unter der Knute eines zynischen Gangsters.

Es gibt eine Antwort, die ich von arabischen Lesern in diesem Zusammenhang relativ oft bekomme. Sie liest sich mehr oder weniger so: „Was erwarten Sie? Natürlich ist die arabische Welt politisch rückständig. Ihr Amerikaner habt diese Regime eingesetzt! Ihr erhaltet sie! Das Volk von Saudi Arabien usw. würde diese fürchterlichen, despotischen Herrscher liebend gerne los werden, aber ihr Amerikaner lasst das nicht zu! Wenn die Saudis versuchen sollten, ihre Monarchie zu stürzen und eine Regierung des Volkes einzusetzen, würden die USA alles unternehmen, das zu unterbinden! Das ist alles Amerikas Fehler!“

Als erstes muss über diese Argumentation gesagt werden, dass eine Reihe intelligent klingender Araber (und Pakistanis und passende andere) das glauben – ich bekomme jede Woche ein halbes Dutzend E-mails diesen Inhalts. Das Zweite, das gesagt werden muss, ist, dass dies als These in den Politikwissenschaften nicht mehr einen Hundepups wert ist.

Es ist tatsächlich so, dass Demokratie in der arabischen Welt wahrscheinlich nicht im Interesse der USA ist. Es gibt gute Gründe zu glauben, dass jede arabische Demokratie rasch in Faschismus degenerieren würde und dass die arabischen Herrscher, obwohl sicher widerlich, im Ganzen den USA und unseren Interessen weniger feindselig gegenüber stehen als die arabischen Menschen insgesamt – natürlich weniger als die politisch organisierte Opposition in Ägypten, Saudi Arabien, Jordanien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, vielleicht sogar im Irak. In Palästina natürlich auch. Die derzeitige Unbeliebtheit Yassir Arafats in seinem Volk z.B. scheint aus der Ansicht zu stammen, dass er nicht antisemitisch und antiamerikanisch genug ist, um sie zufrieden zu stellen.

Nichtsdestotrotz ist es wahr, dass ein entschiedener Versuch des Volkes eines jeden Nahost-Staates sein pro-amerikanisches Regime zu stürzen mit Sicherheit Erfolg haben würde. Sagt Ihnen der Begriff „Schah des Iran“ etwas? Wenn eine Nation den Zeitpunkt der Revolution erreicht, gibt es sehr wenig, das eine Macht von außen tun kann, um den Verlauf der Dinge zu ändern, wenn es nicht in der Art Stalins im Europa der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg geschieht oder der Römer im Palästina des ersten Jahrhunderts: mit absoluter Rücksichtslosigkeit. Sei es nun positiv oder negativ: so sind die USA nicht. Das kann von außen Stehenden nicht aufgezwungen oder gemanagt werden, wenn es nicht besondere Umstände sind wie die im Nachkriegs-Japan. Wenn das Volk von Syrien oder Pakistan entschieden eine verfassungsbestimmte Regierung haben wollten, dann könnten die USA oder irgendjemand anderes nichts dagegen ausrichten. Genauso beim Gegenteil: Wenn sie nicht entschieden dafür sind, dann kann sie ihnen niemand geben. Und wir schon gar nicht.

Warum scheinen dann so viele Menschen zu glauben, dass „alles der Fehler Amerikas“ ist? Ich denke, da laufen mehrere Dinge ab.

Eines ist, dass wir eine Vater-Nation sind: groß, stark, reich und dominant. Viele in der Welt stehen in einer ähnlichen Beziehung zu den USA wie ein schwieriger Teenager zu seinem Vater. Es sind nicht nur unsere Größe, unser Reichtum oder unsere Stärke, die sie verrückt machen; es ist bereits unsere pure Existenz, die sie kaum ertragen können, das Wissen, wie sehr sie von uns abhängen. Ich bin ein selbstbestimmtes Wesen! Ich habe einen eigenen Willen! Ich kann die Zukunft sehen – ich bin TEIL DER Zukunft – und du wagst es, mir im Weg zu stehen?!?! Im Fall der arabischen Welt wird diese Haltung wahrscheinlich durch das oft beobachtete Phänomen des verwöhnten arabischen, männlichen Heranwachsenden vervielfacht, der von seinen weiblichen Verwandten abgöttisch geliebt wird, auf dem die Hoffnungen der Familie liegen.

Eine andere Sache, so denke ich, ist die, dass ein reichlich großer Teil der arabischen Welt in einer Art Frachtkult-Mentalität gefangen ist. Frachtkulte kamen während des Zweiten Weltkriegs in den melanesischen Inseln des Südpazifik auf. Die Völker dieser Orte sahen, wie die Amerikaner und Briten kamen und Landestreifen für Flugzeuge bauten. Als dann die Landestreifen gebaut waren, begannen mit Fracht beladene Flugzeuge zu kommen. Die Melanesier schlossen daraus, was angesichts ihres Kenntnisstands nicht unvernünftig war, dass, wenn sie Landebahnen bauten, Flugzeuge auch zu ihnen kommen und gleichermaßen Fracht bringen würden. Also hackten sie behelfsmäßige Landebahnen aus dem Dschungel und bauten Modelle von Kontrolltürmen aus Gras und Schlamm. Dann setzten sie sich hin und warteten darauf, dass die Frachtflugzeuge kämen.

Einen Geschmack des Frachtkults bekommt man in einer Reihe von Dritte-Welt-Ländern. Amerika hat Wolkenkratzer. Amerika ist reich und stark. Lasst uns Wolkenkratzer bauen – dann werden wir auch reich und stark! Der Gedanke, dass der Reichtum und die Stärke in Gewohnheiten, Vereinbarungen, Gesetzen, Freiheiten, Traditionen und Gedankenmustern, Verhalten und Verbindungen ihre Wurzeln haben und dass die Wolkenkratzer ein zufälliges Nebenprodukt sind, wird nicht besonders gut verstanden.

Die kommunistische Welt war dem auch sehr ähnlich – und ist es noch, wo sie überlebt. In Pjöngjang gibt es haufenweise breite Boulevards und bombastische Gebäude. Nur gibt es keinen Verkehr, der die Boulevards nutzen könnte und die Menschen, die die Gebäude bevölkern, wenn sie sich die Mühe geben zur Arbeit zu erscheinen, sind zerlumpt und hungern. Als aber die Boulevards geplant und die Gebäude gebaut wurden, glaubten die Menschen wahrscheinlich, dass der Reichtum und die nationale Stärke – die Fracht! – unvermeidlich folgen würden.

Südlich der Sahara war der Frachtkult in den 1960-er und 1970-er Jahren sehr akut, nachdem die Kolonialmächte abzogen. Jede neue Nation schaffte sich eine Airline, ein Universitätssystem, eine Reihe von Superautobahnen, ein prestigeträchtiges Industrieprojekt, eine Verfassung. Seht ihr, wir sind genauso wie ein europäisches Land! Genau wie Amerika! Jetzt muss die Fracht kommen! Nur: kam sie nicht. Die Prestige-Projekte sind vom Busch geschluckt worden, Gras wächst in den Rissen der Autobahnen, die Verfassung wurde von Präsident auf Lebenszeit Klepto Bandido auf den Müll geworfen und eine Rebellenarmee schlägt ihre Zelte in der Universitätsbibliothek auf, wobei sie die Bücher als Brennstoff zum Kochen benutzt.

Als ich in den frühen 1980-er Jahren in China lebte, bestaunte ich all die sinnlose Schauspielerei, die dort ablief. Sie hatten ein „Parlament“, das niemals über irgendetwas debattierte, „Zeitungen“ ohne Nachrichten, „Gerichtsverhandlungen“, wo nichts verhandelt wurde, weil das Urteil im Vorfeld beschlossen wurde. „Warum das alles?“, fragte ich mich. Ich begann eine Ahnung davon zu bekommen, was die Antwort darauf war: Weil Amerika diese Dinge hatte. Seht, wie reich, wie erfolgreich sie sind! Deshalb müssen wir diese Dinge auch haben. Dann werden wir reich und erfolgreich sein, wie Amerika! (Als Bertrand Russel über seinen Besuch in Russland 1920 berichtete, sagte er, dass das Ziel Lenins und seiner Bolschewiken war: „Russland so zu industrialisieren und amerikanisch zu machen wie möglich.“)

In meiner pessimistischen Stimmung glaube ich, dass verfassungsgemäßes Regieren eine Art glücklicher Zufall ist, über den Völker von Zeit zu Zeit auf gut Glück stolpern, vielleicht einmal in einem Jahrtausend. Die Engländer lösten das irgendwie in der Frühmoderne und trugen es in ihre Kolonien, die das verbesserten. Die römische Republik unternahm eine Zeit lang einen recht guten Versuch darin, bis gerade die Erfolge ihres Systems ihren Herrschaftsbereich zu groß machten, als dass das System ihn noch in den Griff bekam. Ähnlich die antiken Griechen. Ein paar verstreute andere Orte – Westeuropa, Japan, Indien, Taiwan – sehen aus, als ob sie die richtige Vorstellung haben. Ich würde nicht sagen, dass ihr Zugriff darauf immer sehr fest ist, aber wenigstens ein paar Jahrzehnte werden ihre Parlamente debattieren, ihre Richter richten, ihre Zeitungen Nachrichten bringen. Aber der größte Teil der Welt, einschließlich der gesamten arabischen Welt, ist in politischer Dunkelheit versunken, die der natürliche Zustand der Menschheit ist. Die Völker dort wissen, dass ihnen etwas fehlt, aber sie können nicht heraus finden, was zum Teufel das ist. Wir bauen Landebahnen und die Kontrolltürme und die Hangars – schaut! Warum kommt die Fracht nicht?

Das muss Amerikas Fehler sein.