Ermüdende Kriegsargumente

Jonah Goldberg, National Review Online, 1. Oktober 2002

Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das gelesen habe oder wer es sagte, aber eine alte Geschichte kommt mir immer wieder in den Sinn. Ein ehemaliger Linker, der konservativ wurde, trifft einen nicht reformierten Linken auf einer Party. Der Linke fängt an allen möglichen Unsinn über kapitalistische Raubritter oder amerikanischen Imperialismus usw. von sich zu geben. Der Konservative antwortet: „Deine Argumente sind so alt, dass ich die Antwort darauf vergessen habe.“

Die Debatte über den Irak ist voll von solcher Art von Argumenten. Man kann kein Radio hören oder eine Fernseh-Diskussion zum Thema sehen, ohne dass jemand mit etwas kommt, von dem man weiß, dass es dumm ist, aber man weiß nicht mehr warum. Deshalb dachte ich, es wäre gut eine Liste anzulegen. Sie ist nicht vollständig, aber ein Anfang.

Wir halfen Saddam in den 80-ern/Wir ignorierten, dass er die Kurden vergaste

Die einfache Antwort zu allen Argumenten dieser Art ist: „Na und?“ Auch wenn es falsch war Saddam (oder den Taliban usw.) zu helfen, heißt das, dass wir konsequenterweise an dieser falschen Politik fest halten? Nach dieser Meinung hätten wir den Holocaust missachten sollen, weil wir die Ereignisse missachteten, die zum Holocaust führten. Das ist ein Nebenprodukt einer Kultur, die Heuchelei als größeres Verbrechen ansieht als wirkliche Verbrechen. Wir haben in der Vergangenheit einer Menge schlechter Leute geholfen, aus Gründen, die bei in aller Fairness, Fall für Fall einzeln betrachtet werden müssen. Al Qaida mag z.B. eine schlechte Folge unserer Unterstützung der Mudschaheddin in den 80-er Jahren sein – aber das heißt nicht, dass es falsch war, die Mudschaheddin zu unterstützen. Immerhin war der Kalte Krieg in vollem Gang. Und selbst, wenn wir falsch lagen, entschuldigt das die Tat von Al Qaida am 9/11? Amerika die Schuld zu geben mag sich gut anfühlen, aber es gibt den Bösen keine Absolution für ihre Taten, genauso wenig, wie die Sklaverei nicht rechtfertigt, dass ein Schwarzer einen Supermarkt-Kassierer umbringt.

Sogar, wenn unstrittig sein sollte, dass wir uns früher falsch verhielten, heißt das denn, dass wir jetzt das Richtige sein lassen sollen? Die Antikriegs-Typen werfen mit diesem Schwachsinn um sich, als ob die enthaltene Heuchelei den Streit entscheiden würde, wenn sich darin doch nur Heuchelei ausdrückt.

Die „arabische Straße“ wird wütend auf uns sein

Vielleicht weiß Victor David Hanson die Antwort, aber bei meinem Leben, ich kann mich nicht erinnern, wann das letzte Mal war, dass die USA bereit waren, sich von einem unbewaffneten Mob missvergnügten Analphabeten eine halbe Welt entfernt die amerikanische Außenpolitik diktieren ließen. Na ja, als ich „das letzte Mal“ schrieb, führte das etwas in die falsche Richtung, weil wir schon seit Jahrzehnten über die „arabische Straße“ jammern und die arabische Straße bis heute absolut nichts gemacht hat. Es gab 1979 im Iran einen Volksaufstand, aber von der Persischen Straße hören wir heute nicht viel, außer, dass sie inzwischen „U. S. A., U. S. A.“ skandieren.

Nach dem 11. September machten sich kluge Leute in der arabischen Welt – ohne die vielen Menschen auf den arabischen Straßen zu zählen, die mit Frohlocken des Todes so vieler Amerikaner gedachten – sorgenvoll Gedanken über die amerikanische Straße. Wissen Sie, warum? Weil, anders als die Bewohner der arabischen Straße, die Amerikaner wählen können. Amerikanische Politiker kümmern sich tatsächlich darum, was ihre Bürger denken. Und das amerikanische Volk hat, über seine Politiker, Zugang zu diesem verflixten „Waffenlager der Demokratie“. Währenddessen kümmern sich die arabischen Führer einen Dreck darum, was ihre Bürger denken; und selbst wenn sie es täten, dann gäbe es nicht viel, was sie deswegen unternehmen würden.

Es wird die Lage zwischen Israel und Palästina schwieriger machen

Nicht wirklich. Aber lassen Sie uns erst einmal anmerken, dass das ein Argument dazu ist, was in Israels Interesse liegt, nicht in unserem. Wenn Sie tatsächlich glauben, dass die pro-israelischen Kriegstreiber Blutvergießen herbeiführen, um Israels Interessen zu dienen, dann können Sie anders herum sagen, wir sollten keinen Krieg führen, weil der nicht in Israels Interesse liege.

Egal: Wenn Sie wegen des „Geistes von Oslo“ nostalgisch werden, dann sollten Sie sich wenigstens daran erinnern, dass dieser Geist von Amerikas Sieg im Golfkrieg herbei gezaubert wurde. Die USA zwangen beide Seiten an den Verhandlungstisch. Hätte Arafat sich nicht dafür entschieden, die Autonomie (mit der Ermutigung durch den Iran, den Irak und Syrien) als Garrison für seinen Krieg gegen Israel zu beherrschen, dann ist es durchaus möglich, das der letzte Golfkrieg einen dauerhaften Frieden zwischen beiden Seiten gebracht hätte. Fragen Sie auch hier Victor Hanson, aber Sie werden entdecken, dass Kriege oft am schnellsten Frieden bringen. Was uns zum nächsten Punkt bringt…

Der israelisch-palästinensische Konflikt muss zuerst gelöst werden

Es ist der hochuniverselle Konsens der „aufgeklärten“ Europäer, Araber und meisten amerikanischen Kreise, dass die höchste Wichtigkeit im Nahen Osten eine Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts ist. Jeder, von Kofi Annan bis Bill Clinton und der gesamten Arabischen Liga hat gesagt, dass an eine Invasion des Irak noch nicht einmal gedacht werden sollte, bis eine Lösung des Palästinenser-Problems erreicht ist. Einige glaubt ohne Zweifel wirklich ernsthaft daran. Aber andere, z.B. Saddam Hussein, unterschreiben das nur, weil, wenn eine endgültige Regelung des israelisch-palästinensischen Konflikts zwangsläufige Vorbedingung für eine Invasion des Irak ist, Saddam sicher stellen kann, dass der Irak nie angegriffen wird.

Sagen wir, ich würde Ihnen verkünden, dass Sie Ihren lukrativen Posten nur so lange behalten, wie die Hatfields und die McCoys ihre Fehde fortsetzten, aber wenn diese Fehde beendet ist, würden Sie Ihren Job verlieren, ins Gefängnis gesteckt oder hingerichtet. Denken Sie nicht, dass sie ein paar Tüten mit Hundekacke vor die Tür der McCoys legen würden, die eine gefälschte Nachricht der Hatfields beinhalten? Würden Sie nicht vielleicht den Hatfields immer wieder einflüstern, dass die McCoys Abführmittel in ihre Lebensmittelvorräte spritzen? Mit anderen Worten: Würden Sie nicht ein intensives Interesse daran haben, die Fehde zwischen den Hatfields und McCoys so lange wie möglich am Leben zu erhalten?

Saddam hat den Mord-Bonus für Selbstmordbomber aus genau diesen Gründen erhöht. Andere Staaten des Nahen Ostens finanzieren die Hisbollah und Hamas aus ähnlichen Gründen, wie zahllose Experten bemerkten. Der israelisch-palästinensische Konflikt ist für die arabischen Führer ein Mittel, die Aufmerksamkeit von ihren eigenen Regierungen abzulenken. Der Irak schürt die Unruhe in Israel, um die USA davon abzuhalten die eigene Regierung zu stürzen. Aber der Iran und sogar Ägypten schüren die Unruhen mit Israel, um ihre eigenen „Straßen“ von einem Sturz der Regierung abzuhalten.

Wir haben ohne Genehmigung durch die UNO keine Recht dazu

Man ist versucht das eigentliche Verständnis von „souverän“ oder eines „souveränen Staates“ zu erklären. Da aber diejenigen, die dieses Argument benutzen, bereits der Idee, dass Amerika irgendein Recht hat auf eigenständiges Handeln hat, tief verfeindet gegenüber stehen, lassen wir das außen vor. Lassen Sie uns statt dessen zum moralischen Kern der Sache vordringen. Die Menschen, die glauben, wir müssten über die UNO gehen, scheinen zu glauben, dass die UNO eine objektiv neutrale oder moralische Institution ist. In ihren Augen ist die Zustimmung der UNO das gleiche, als erhalte man die Zustimmung eines Richters oder Priesters. Oder sie denken, die UNO sei der Ort, wo die Staaten der Welt ihre geringfügigen Eigeninteressen ablegen und tun, was immer im besten Interesse der Menschheit ist.

Damit gibt es nur ein Problem: Keine der Nationen in den Vereinten Nationen – besonders der ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats – handeln mit solch reinen Absichten. Frankreich ist nicht gegen die Invasion des Iraks, weil es den Frieden so sehr liebt. Es stellt sich hauptsächlich deshalb gegen eine amerikanische Invasion, weil Frankreich seit Jahren mit dem Irak Handel treibt, trotz der Sanktionen. Frankreich hat Milliarden Dollars in Öl-Verträge gesteckt, die es nicht verlieren will. Das ist der Grund, dass Frankreich nach vielen Berichten bekannt gemacht hat, dass es vermutlich der US-Invasion zustimmen wird, wenn seine Verträge gültig bleiben.

Denken Sie an Russland. Russland hat hauptsächlich wegen Öl kalte Füße – und weil es die 8 Milliarden Dollar sichern will, die ihm der Irak bereits schuldet. Aber Russland will auch, dass die USA seinen militärischen Machtmissbrauch in Tschetschenien und Georgien gegenüber die Augen verschließt. Und nebenbei, eine Vorbedingung für Chinas Stimme ist Amerikas still schweigende Zustimmung zur chinesischen Unterdrückung der separatistischen muslimischen Uiguren. Warum nun soll eine amerikanische Invasion des Irak mit UN-Zustimmung irgendwie moralisch höher stehend sein, wenn diese Zustimmung nur durch amerikanische Unterstützung für Blutvergießen an anderer Stelle erkauft werden kann? Der Sicherheitsrat zahlt nicht mit der Währung von Uneigennützigkeit und Wohltätigkeit, sondern in Blut und Öl. Die Redakteure der „National Review“ drückten das in der letzten Ausgabe so aus: „Wir werden es den Angsthasen überlassen herauszufinden, warum amerikanische Linke es als ein Kennzeichen der Moral der Außenpolitik ansehen, wenn diese Politik mit russischer und französischer Strategie zusammen fällt, zu denen diese aus gröbsten Beweggründen gelangt sind. Ganz allgemein: Die „internationale Meinung“ zum Knackpunkt für Recht und Unrecht zu machen, ist ein Fehler, da so viel davon von Angst, Selbstinteresse und Habgier getrieben ist.“ Und wenn wir schon von Habgier sprechen…

Kein Blut für Öl/Nicht aus Habgier

Als ich während des Golfkriegs im College war, macht sich die Wut daran fest. Mit der Zeit ist es nicht besser geworden. Das Grundargument sieht in etwa so aus: Bush und Cheney sind Männer der Öl-Industrie. Sie wollen das Öl des Irak in ihre gierigen Hände bekommen. Also ist das ein Krieg um Öl. Ich denke, man könnte das kultivierter ausdrücken, aber warum sollte man sich die Mühe machen, einem Schwein ein Kleid anzuziehen?

Peter Beinhart von „The New Republic“ schreibt in seiner jüngsten – und exzellenten – Kolumne, dass Krieg nicht das beste Mittel ist, an das Öl des Irak zu kommen. Wenn alles, was wir wollen, ist, ein größeres Stück vom irakischen Öl-Kuchen zu bekommen, müssten wir es lediglich, wörtlich, sagen. Dick Cheney könnte schon morgen mit Saddam bei türkischem Kaffee und ein paar gefolterten Dienern verhandeln. Saddam hat verkündet, dass er absolut bereit wäre, eine Menge mehr Öl an die USA zu verkaufen und dass natürlich ein paar neue Verträge abgeschlossen würden, wenn die USA die Sanktionen fallen lassen würden und den „Blödsinn mit dem Regimewechsel“ vergessen würden.

Den Krieg zu führen, nur um Iraks Ölproduktion von so etwa 3 Millionen Barrel pro Tag auf in etwa 6 Millionen Barrel zu erhöhen, birgt massive politische wie finanzielle Risiken. Ein Krieg mit dem Irak könnte dessen Ölfelder ruinieren. Er könnte die Instabilität in der Region oder einen Bürgerkrieg im Irak entfachen. Er könnte die Republikaner die Präsidentschaft kosten, wenn er schief geht. Kurz gesagt: Ginge es um Öl, würde jeder gute Geschäftsmann einfach sagen: „Lasst uns einfach die Sanktionen aufheben.“ Und wenn Bush lediglich an das Öl wollte, warum, so Beinhart, machen die USA den Franzosen und den Russen Zusicherungen, dass diese ihre bestehenden Verträge behalten können, wenn sie einer Invasion zustimmen?

Und wenn Bush und Cheney tatsächlich die Interessen der Öl-Industrie vertreten, dann müsste einmal jemand erklären, warum das American Petroleum Institute vor den Anschlägen vom 11.9. für die Aufhebung der Sanktionen eintrat. Man könnte auch fragen, warum die Ölpreise hoch gehen, wenn ein Krieg wahrscheinlicher wird und sinken, wenn die Chancen für Frieden steigen.

Meiner Meinung nach ist die überzeugendste Antwort auf das Blut-für-Öl-Argument eine sehr einfache. Die Menschen, die es von sich geben, sind Trottel. Also, ich meine nicht diejenigen, die sagen, dass die USA aus geopolitischer Notwendigkeit die Ölmärkte stabilisieren müssen oder diejenigen, die (zu Recht) sagen, wir müssten die Macht und den Einfluss der Saudis verringern. Ich meine Leute, die im Stil von Cynthia McKinney argumentieren, dass Bush und Cheney und Rumsfeld durch den Krieg reich werden wollen. Das ist das Argument der Carlyle-Gruppe, das man im Pacifica Radio und in den süßen Fiebersümpfen des Internets hören kann. Das simple Problem an dieser These ist, dass es ein grundlegendes Missverständnis über reiche Leute offenbart.

Reiche Leute, die noch reicher werden wollen, bewerben sich nicht um die Ämter von Präsident und Vizepräsident. Sie übernehmen nicht den Posten eines Verteidigungsministers oder Finanzministers. Und, zur Information, sie wollen nicht Senatoren werden – wie John Edwards und Jon Corzine. Solche Leute mögen selbstsüchtige Motive haben, aber Habgier oder dreckige Gewinnsucht gehören nicht dazu. Sie mögen die Macht lieben, sie mögen etwas Gutes tun wollen, sie mögen ihren Namen in den Geschichtsbüchern sehen wollen, sie mögen sogar nur einfach ihren Grundschullehrern etwas beweisen wollen, die ihnen sagten, sie würden nie etwas erreichen. Aber sie tun es nicht, um den großen Schlag am Aktienmarkt zu tun. Jeden Tag höre ich Leute, die ganz ehrlich glauben, Bush & Co. würden die Invasion des Irak wollen um mehr Geld zu verdienen. Diese Leute sind entweder dumm oder sie sind in einer Zone des Zwielichts gefangen, in der Cartoons von Thomas Nast die Realität zu sein scheinen.

Und das ist das Problem mit den meisten bekloppten Theorien zu Krieg: Sie offenbaren eine tiefgehende Naivität dazu, wie eine Regierung funktioniert. Wenn Bush das für Öl oder Geld machen würde oder wegen „Vergeltung“ gegen den Mann, der versuchte seinen Vater zu töten, dann könnte er das nie sagen. Er könnte das dem inneren Kreis nicht sagen, ganz zu schweigen von seinen führenden einigen hundert Leuten darunter, die die Politik machen. Das würde an die Öffentlichkeit kommen. Die Gegner würden es durchsickern lassen. Männer mit Ambitionen würden Warnungen verbreiten und zu Helden werden. Anständige Männer würden auch öffentlich warnen.

Mit anderen Worten: Bush müsste alle seine Motive vor den Leuten geheim halten, die davon überzeugen muss, seine Politik mitzumachen. Da aber die meisten dieser anti-Bush, Antikriegs-Typen auch davon überzeugt sind, dass der Oberkommandierende ein Idiot ist, ist es schwer vorstellbar, wie sie glauben können, er sei schlau genug, einen solchen Schwindel durchzuziehen.