Europa gegen Amerika

Daniel Pipes, New York Post, 14. Januar 2003

Die Dinge sahen so klar aus, direkt nach dem 11.9., als die Kräfte der Zivilisation auf der einen Seite standen und die Barbaren auf der anderen.

Nach dem Anschlag, noch am selben Abend, verkündete Präsident Bush, dass „Amerika und unsere Freunde und Verbündeten sich mit all denen zusammen schließen, die Frieden und Sicherheit in der Welt haben wollen. Wir stehen zu einander, um den Krieg gegen den Terrorismus zu gewinnen.“ Am nächsten Tag beriefen sich – zum ersten Mal in ihrer 52-jährigen Geschichte – die Mitglieder des Nordatlantischen Paktes (NATO) auf die Klausel für gegenseitigen Beistand und erklärten den Angriff auf die USA zu einem „Angriff auf alle“.

Das war damals. Sechzehn Monate später findet sich die Bush-Regierung im Streit mit vielen dieser „Freunde und Verbündeten“, sogar mit einer beträchtlichen Anzahl von Amerikanern. Am ersten Jahrestag des 11.9., als Außenminister Colin Powell dem Publikum bei der UNO sagte, dass „wir alle im selben Boot sitzen“, da klangen seine Worte schon ziemlich hohl.

Bis zu einem gewissen Maß ist diese fehlende Einigkeit Ergebnis der unvermeidlichen Lockerung der Wachsamkeit, wenn mehr als ein Jahr vergeht, ohne einen wesentlichen Erfolg gegen den Terrorismus oder terroristische Mega-Vorfälle zu bringen (obwohl es verschiedene Beinahe-Vorfälle in New Delhi und Tel Aviv gab und Anschläge in Bali und Moskau, die zu jeweils mehr als 100 Toten führten).

Aber die Uneinigkeit stammt auch aus tiefer gehenden Unterschieden in Ansichten. Umfragen zeigen eindeutig einen substanziellen Anstieg des Antiamerikanismus. Eine groß angelegte Meinungsumfrage von Pew Global Attitudes, die letzten Monat veröffentlicht wurde, fand z.B. negative Ansichten über die USA bei mehr als zwei Drittel der 27 Länder, in denen die Befragungen durchgeführt wurden. Es ist ein ermüdender Allgemeinplatz geworden zu hören, dass die Amerikaner „verdienten, was sie am 11.9. bekamen“.

In Europa sind die Zeichen der Abneigung manchmal erschreckend: Ein Buch, in dem behauptet wird, dass Osama bin Laden das World Trade Center als Teil einer Verschwörung der US-Regierung angriff, schoss an die Spitze der Bestsellerlisten Frankreichs. In Florenz, schreibt Benny Irdi Nirenstein in der National Review, „marschierten 300.000 Europäer – v iele von ihnen palästinensische Fahnen schwenkend und mit Bildern von Che Guevara, Stalin und Mao Tse Dong auf den T-Shirts – um die mögliche Befreiung des irakischen Volks durch die USA anzuprangern“.

Palästinensische Flaggen und Bilder von Stalin? Was soll das?

Eine Erklärung für diese Feindseligkeit steht in einem viel Einsicht gebenden Artikel des amerikanischen Analysten Ken Sanes in Hong Kongs Asia Times Online. Sanes argumentiert, dass es nicht zwei, sondern drei „Super-Systeme“ mit globalen Zielen gibt; Systeme, die einen Großteil der Politik auf dem Planeten formen. Eines ist natürlich der militante Islam mit seiner bitteren Botschaft von Extremismus, Intoleranz, Groll, Grausamkeit, Aggression und totalitärer Kontrolle. Dann gibt es das amerikanische Modell des (wie ich es nenne) individualistischen Liberalismus – mit der Betonung des Individualistischen, bis zum hedonistischen „Verfolgen des Glücks“, mit seiner Betonung freier Märkte und beschränktem Einfluss der Regierung. Diese beiden bestimmen die Debatte.

Dann – und das ist der Punkt, an dem Sanes Analyse interessant wird – ist da noch Europas Angebot des bürokratischen Linkstums (wieder ein Begriff von mir), der irgendwo dazwischen liegt. Sanes führt an, wie das europäische Modell einige Dinge mit dem amerikanischen teilt (dass es sich auf freie Märkte verlässt, um Wohlstand zu schaffen) und einige mit dem militanten Islam (dass es sich auf starke Regierungen verlässt, um seine Ziele zu erreichen).

Die geographische Aufteilung ist natürlich nicht perfekt, da es reichlich statische Linke in den USA gibt und zumindest einige des individualistisch-liberalen Typs in Europa. (Dazu Islamisten bei beiden.)

Sanes Originalität liegt darin, dass er die euro-amerikanischen Unterschiede nimmt und sie nicht als zwei Variationen desselben Systems darstellt, sondern als zwei unterschiedliche Systeme – nicht zwei Dialekte einer Sprache, sondern zwei getrennte Sprachen.

Wenn diese Interpretation korrekt ist, dann sind euro-amerikanische Spannungen wegen Dingen wie bestrahlter Lebensmittel, der Todesstrafe, dem Internationalen Strafgerichtshof, dem Irak und dem arabisch-israelischen Konflikt Zeichen einer deutlichen Trennung, nicht nur vorübergehende Zankereien. Der Streit zwischen der Bush-Regierung und, sagen wir, Deutschlands Kanzler Gerhard Schröder geht tiefer und ist düsterer als gewöhnlich angenommen wird.

Sanes‘ Sichtweise hat außerdem zwei wichtige Konsequenzen, über die es lohnt nachzudenken: Die 1990-er sollten als nichts weiter als ein Zwischenspiel zwischen Zeitaltern kosmischen Wettstreits angesehen werden. Und Amerikas Verbündete der letzten Runde (gegen die Sowjetunion) formieren sich als Gegner der nächsten.