Wie der Fünfstern in die israelische Flagge kommt – die „Heilige“ Legende des ZDF

Ulrich W. Sahm, Jerusalem, 31. Dezember 2017

ZDF am ersten Weihnachtstag: Mit Markus Lanz im heiligen Land

Es ist immer schön zu erfahren, was das deutsche Fernsehen so sieht. Noch spannender, was es alles nicht bemerkt. Besonders interessant wird es, wenn es Dinge behauptet, die sonst keiner wahrnimmt und die meisten Überraschungen bieten sogenannte Reportagen aus dem Nahen Osten, der, wenn man sich nicht festlegen will, ob man Israel oder „Palästina“ meint, von deutschen Journalisten gerne auch das „Heilige Land“ genannt wird.

Herr Lanz begleitet den Pater Nikodemus durch das „Heilige Land“ und ist überrascht:

04:00 „Dominieren hier (in Bethlehem) nicht die Minarette?

05:00 Pater Nikodemus erklärt: „Christen werden immer weniger, weil die Christen am wenigsten Kinder haben, … weil wir wollen, dass die Kinder eine Zukunft haben, dass die eine optimale Schulausbildung haben, dass die alle auf die Universität gehen können. Was sind die Christen hier? Sie sind die Apotheker, Ingenieure, Ärzte, die Bildungselite.“

Der Zuschauer fragt sich: Haben die gut ausgebildeten Christen im „Heiligen Land“ nun gute Jobs oder sie sind gegangen? Fakt ist, dass in Israel die Christen von Jahr zu Jahr mehr werden und oft sehr gute Jobs haben. Das gilt allerdings nur für Israel selbst, und nicht für Bethlehem und die palästinensischen Gebiete. Denn da ziehen die gut ausgebildeten Christen tatsächlich weg. Was der Zuschauer nicht weiß: Bis 1948 war Bethlehem eine rein christliche Stadt. Heute bilden Christen in Bethlehem nur noch eine schwindende Minderheit. Die Behauptung, dass Kinder und Christen keine „Zukunft“ hätten, ist ein typisch palästinensisches Narrativ und gilt nicht für Israel selbst. Lanz hätte auch feststellen können, dass die Zahl der Christen in Israel stetig wächst, auch wenn deren Anteil an der Gesamtbevölkerung sinkt, wegen vieler Kinder bei Muslimen und orthodoxen Juden, sowie wegen jüdischer Einwanderung. (Genauso ist der Anteil der Türken in Deutschland 1990 drastisch gesunken, ohne dass auch nur ein einziger das Land verlassen hätte: wegen der Wiedervereinigung) Aber im „Heiligen Land“ des Deutschen Fernsehens will man es wohl nicht so genau wissen

05:44 erklärt uns Lanz „Doch Plakate an den Straßenecken zeigen, dass auch in der Geburtsstadt Jesu ein unseliger Konflikt schwelt. Sie erinnern an Palästinenser, die in blutigen Auseinandersetzungen mit Israelis starben. Manche auch als Selbstmordattentäter, mit unzähligen Toten auf beiden Seiten, darunter auch immer wieder Kinder.“

Typisch für palästinensische Selbstmordattentate ist, dass es nur einen toten Attentäter gibt, aber viele Tote auf der anderen Seite. Doch Lanz scheint hier die Ähnlichkeit zum Attentat auf dem Breitscheidplatz vermeiden zu wollen. Denn sonst könnte man sich vielleicht fragen, warum es in Berlin eigentlich noch keine Heldenikone von Anis Amri gibt, als Erinnerung an den „unseligen Konflikt“ der Islamisten mit dem deutschen Staat.

06:00 „Eine Mauer, mit 8 Metern weit höher als die Berliner Mauer, trennt die Westbank von Israel. Und soll so das Land vor neuen Terroranschlägen aus den Palästinensergebieten schützen. Ein unverzichtbarer Schutz für die einen, ein Quell ständiger Frustration für die anderen. An diesen Türmen entlädt sich immer wieder die Wut der Bevölkerung. Zuletzt nach der Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels durch den US Präsidenten.“

Der Vergleich mit der Berliner Mauer hinkt aus mehreren Gründen: Sie wurde vom DDR- Regime errichtet, um die eigene Bevölkerung einzusperren, während die israelische Mauer Terroristen aussperren soll. Die israelische Mauer ist durchlässig, aber nur durch Kontrollpunkte. Täglich wechseln über 120.000 Palästinenser nach Israel, um ihrer Arbeit nachzugehen. Weitere 30.000 Palästinenser arbeiten in den israelischen Siedlungen im Westjordanland. An der Berliner Mauer gab es Selbstschussanlagen und andere Methoden, Menschen zu töten, nicht an der israelischen Mauer.

07:00 Treffen mit dem palästinensischen Pfarrer Mitri Raheb. Lanz fragt, was für Raheb die Mauer zwischen Bethlehem und Jerusalem bedeutet.

Raheb meint, man solle sich „die Westbank als Emmentaler Käse vorstellen. Bethlehem ist so ein Loch in diesem Käse. Von drei Seiten von dieser Mauer umgeben. Im Norden, Westen und Süden. Nur im Osten haben wir noch keine Mauer.“

Auch nach Süden hin ist Bethlehem offen und ohne Mauer. Aber das wollen weder Raheb noch Lanz zur Kenntnis nehmen.

An dieser Stelle entspinnt sich ein denkwürdiger Dialog:

Lanz: „Was macht das mit den Menschen, die haben ja überhaupt keine Gelegenheit mehr, sich zu begegnen, sich kennenzulernen. Das Verständnis für den jeweils anderen wird ja immer kleiner.“

Raheb: „Ein Sinn von dieser Mauer ist, dass die Israelis den Eindruck bekommen, die Palästinenser gibt es nicht. Also wir sind hier sozusagen verborgen hinter der Mauer.“

Lanz: „Und umgekehrt auch.“

Raheb: „Das führt natürlich dazu, dass auch die Palästinenser deshalb keinen Israeli mehr treffen können. Das heißt man kann natürlich sehr einfach Stereotype bilden und Feindbilder.“

Lanz: „Klischees / Vorurteile.“

Raheb: „Genau“

Hier denkt der Fernsehmann vermutlich nicht an die Poller, die in diesem Jahr allen frei fahrenden LKWs den Zugang zu den deutschen Weihnachtsmärkten verstellten. Aber es kommt noch dicker:

Raheb: „Die Mauer steht da wo das letzte Haus im Ort steht. Das heißt, unsere Städte können nicht mehr wachsen. Wenn eine Stadt nicht mehr wachsen kann, (heißt das) wir können keine neuen Viertel bauen.“

Unwidersprochen von Lanz kann hier Raheb Blödsinn behaupten, denn „unsere Städte“ sind keineswegs völlig eingemauert. Auch Bethlehem kann sich problemlos nach Süden und Osten hin ausbreiten. Unerwähnt bleibt auch, dass israelische Städte wie gerade Jerusalem sich wegen der Mauer nicht in alle Richtungen ausbreiten können.

Durch den verständnisvollen deutschen Reporter ermutigt, spinnt Raheb seine Legende munter weiter: „Wir können nicht expandieren, das heißt natürlich, die Arbeitslosigkeit wächst, Bethlehem hat die höchste Arbeitslosenquote in der ganzen Westbank. Also 24,6 Prozent momentan. Wenn die Arbeitslosigkeit wächst, heißt das, die Kriminalität wächst, mit Kriminalität kommen Drogen, und das ist also eine von Menschenhand gemachte Katastrophe. Die meisten jungen Leute hier, das ist ein Unterschied zu Deutschland, haben überhaupt kein Problem zu glauben, dass es ein Leben nach dem Tode gibt. Das Problem für die jungen Leute hier ist zu glauben, dass es ein Leben vor dem Tod gibt, wofür es sich zu leben lohnt.“

Warum gibt es dann keine Selbstmordattentäter in vielen anderen Ländern mit großer Armut und Arbeitslosigkeit? Diese Frage stellt sich Lanz nicht, sondern erklärt dem staunenden Zuschauer:

Lanz: „Die Isolation durch die Mauer ist Nährboden für Frustration und Aggression. Kinder werden früh radikalisiert. Seit der ersten Intifada, dem ersten Aufstand gegen die israelische Besatzung, stehen bei den Protesten immer wieder auch Kinder an vorderster Front, so auch der kleine Ramzi Aburedwan, der 1988 Steine auf israelische Soldaten warf.“

Lanz vertauscht hier komplett Ursache und Wirkung. Er unterstellt hier, dass es auch 1988 schon eine Mauer gab. Damals war das ganze Land aber noch offen, ohne jeden Checkpoint. Die Mauer wurde erst 2003 errichtet, wegen der Selbstmordattentate. Aber vermutlich ist man im deutschen Fernsehen der Ansicht, dass diese Information den Zuschauer verwirren könnte.

Anschließend folgt eine Unterhaltung über erschossene Kinder, denn wir wissen ja auch aus Deutschland, dass es bei bestimmten Tätergruppen immer nur um Kinder geht.

Ramzi ist „heute ein bekannter Kulturmanager und arbeitet als Dirigent in Belgien, Frankreich und Marokko“. Er erklärt im Rückblick: „Das Steinewerfen war damals die einzige Art, wie wir uns mitteilen konnten, dabei wollten wir nur frei sein.“

Lanz hat Verständnis: „Ramzi führt mich an den Ort… In eines der vielen Flüchtlingscamps, in dem er aufwuchs“ „seit fast 70 Jahren leben Menschen in diesen slumartigen Vierteln – die damals vertrieben wurden.“

Warum Tausende aus Nahost vertriebene Juden in Israel eine Heimat gefunden haben, sich aber bis heute kein arabischer Staat der muslimischen Menschen aus dem ehemaligen Mandatsgebiet Palästina angenommen hat, diese Frage stellt sich Lanz nicht.

Stolz wird berichtet, Ramzi sei auch über die Grenzen des Westjordanlandes aktiv.

Interessant: Eben hieß es doch noch, dass die Palästinenser eingesperrt seien und nicht reisen könnten…

Auch ein junger Geigenbauer erklärt mit Hinweis auf Israel: „Wenn sie wirklich Frieden haben wollen, dann würden sie keine Mauer bauen…“

Die von Lanz nicht gestellte Gegenfrage: Und wenn die Palästinenser Frieden wollen, wieso betreiben sie Terror, bis die Israelis für viel Geld sich mit Mauern und Kontrollpunkten schützen müssen?

Weiter geht es nach Nazareth. Hier sei die Sehnsucht nach Frieden groß. Lanz sagt: „Hier leben Muslime, Christen und Juden zusammen ohne trennende Mauer.“

Sein Begleiter Nikodemus differenziert: Nazareth ist arabisch, Obernazareth jüdisch

In Nazareth gibt es keine Mauern, das stimmt, aber unerklärt bleibt, wieso keine Juden im arabischen Teil der Stadt wohnen, während im jüdischen Ober-Nazareth auch viele Araber eingezogen sind.

24:17 Screenshot. Lanz schaut wohlgefällig auf ein altes Relief und sagt: „der Davidstern ist heute Symbol Israels“

Lanz verwechselt hier allerdings das Pentagramm, den fünfzackigen Stern, aus dem sich auch der Sowjetstern entwickelt hat, mit dem Hexagramm, dem sechszackigen „Davidstern“, der die Flagge Israels schmückt.

Besonders friedlich wird es für Lanz in Tabgha, einer Begegnungsstätte von Behinderten am See Genezareth. Für Lanz ein „Urlaub vom Nahostkonflikt“, „Hier entsteht sehr viel Frieden“ „So treffen sich hier auch israelische und arabische Gruppen…“

Offenbar ist hier jüdisch mit „israelisch“ gemeint, wobei auch die arabischen Behinderten Israelis sein dürften. Eine wunderbar absurde Aussage, die letztlich besagt, dass Israelis mit Israelis friedlich umgehen können…

Bei 33:23 wird dem Zuschauer ein Kraftwerk gezeigt und erklärt: Dieses Kraftwerk lieferte vor 70 Jahren Strom für die ganze Region.

Lanz vergisst zu erwähnen: Das Rutenberg-Kraftwerk in Naharaim hat bis 1948 Strom geliefert und wurde dann durch Krieg zerstört und verlassen.

Beim Thema Taufplatz und Schmutzwasser im Jordan gibt es ebenfalls Verwechslungen. Die von den Israelis künstlich errichtete Taufstätte ist rund 100 km oberhalb des ursprünglichen Taufplatzes…sie befindet sich bei dem noch aufgestauten Ausfluss des See Genezareth.

Herrlich ist auch bei Minute 34:30 die Bemerkung von Lanz zum Toten Meer. Er nennt es „salzig kühles Nass“.

Lanz hat wohl noch nie im Sommer versucht, sich im Toten Meer abzukühlen… “Die Wassertemperatur im Toten Meer ist vor allem für Menschen mit Abneigung vor kaltem Wasser ein Traum: denn bei Temperaturen von bis zu 31 Grad Celsius muss wirklich niemand frieren.“

Lanz trifft Mira Edelstein von EcoPeace, eine Umweltaktivistin. Diese erzählt nichts Falsches, lässt aber wesentliche Punkte aus:

Das Wasser verdunstet sehr stark und es wird für die Gewinnung von Kali, Salz, Brom und andere Mineralien von Israel und Jordanien entnommen. Das ist der Hauptgrund für das Verschwinden des Meeres, nicht nur der mangelnde Zufluss von Wasser, etwa aus dem Jordan. Das Problem hat schon vor über 120 Jahren Theodor Herzl erkannt und vorgeschlagen, einen Kanal zwischen dem Roten und Toten Meer zu bauen, um das Wasser wieder aufzufüllen. Zurzeit verhandeln Israel und Jordanien über ein Projekt, diesen Kanal zu verwirklichen. Es ist unverständlich, wieso Lanz hier nur eine „Aktivistin“ zu Wort kommen lässt und offenbar weder eigenständig recherchiert, noch eine verantwortliche Person der Regierung interviewt hat.

Zum Gazastreifen:

40:00 Lanz: „Abgeriegelt vom Rest der Welt, so nah am hochmodernen Israel und doch unendlich fern.“

Nicht erwähnt wird, dass der Gazastreifen noch bis 2005 offen war und nicht „abgeriegelt“. Endgültig blockiert wurde er seit dem „Krieg“ der Hamas gegen Israel ab 2007 wegen Raketenbeschuss und Terrortunnels.

„Immer wieder schießen Extremisten Raketen auf Israelisches Gebiet, töten und verletzen Zivilisten. Das Militär schlägt dann mit Härte zurück.“

Klischeehafte Formulierung. Wer diese „Extremisten“ sind, wird verschwiegen. Laut ZDF gilt „Härte“ nicht für Raketenbeschuss, sondern nur für die israelischen Konter.

„Die letzte blutige Auseinandersetzung liegt gerade mal 3 Jahre zurück Und auch im Moment ist die Lage angespannt“ (Gezeigt werden Erwachsene mit Babys auf den Armen)

Lanz weiter: „Eselskarren transportieren Schutt vom letzten Gazakrieg 2014 ab“, (gleichzeitig sind die modernsten Autos zu sehen, die aber für Lanz keine Erwähnung wert sind)

„Keine Diskriminierung der Christen, aber auch hier gibt es fanatische Menschen“

Nikodemus erwähnt hier korrekt die doppelte Besatzung von außen durch Israel und von innen durch das Regime…

Lanz: „Tage der Christen sind gezählt“. Sein Gewährsmann Rami Hanua Saba: „nur 1000 christliche Gemeindemitglieder, vor 5-6 Jahren waren wir noch 5-6000“

Nicht erwähnt wird, dass Christen aus dem Gazastreifen geflohen sind wegen Morden und weil deren Gemeindehäuser als Abschussrampen für Raketen gegen Israel missbraucht wurden.

Nun kommt Lanz zu Saad Hakoura, einem Juwelier, der zwei Geschäfte in Gaza besitzt. Die Wirtschaft sei „seit 10 Jahren am Boden. Wir machen zurzeit nur noch 20% im Vergleich von vor 2007. Da hatten wir noch alles.“

Wer sich auskennt, weiß, wieso 2007 als Datum erwähnt wird: Es geht um die Machtübernahme der demokratisch gewählten Hamas im Gazastreifen. Aber so genau will es Lanz wohl nicht wissen.

Bei 48:51 erzählt Lanz „Tankwagen aus Ägypten liefern Gas. Gazas Kraftwerk kann nur maximal 4 Stunden Strom am Tag generieren.“

Das hier erwähnte Kraftwerk wird nicht mit Gas, sondern mit Dieselöl betrieben, wie Lanz zahlreichen deutschen Quellen hätte entnehmen können:

„Das einzige Kraftwerk im Gazastreifen ist am Samstag mangels Diesel-Kraftstoffs abgeschaltet worden.”

„Vor zwei Wochen hatte Ägypten Lastkraftwagen mit Diesel in das Gebiet geschickt. Dieser ist nun jedoch aufgebraucht. Ägypten hat der Hamas-Regierung am Wochenende aber weitere Diesellieferungen zugesichert. Die Energiekrise geht auf einen Machtkampf zwischen der Hamas und der Fatah des palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas zurück. Die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) unter Abbas weigert sich, den bislang von Israel nach Gaza gelieferten Strom zu bezahlen. Israel hat die Lieferung auf Bitten der PA gekürzt.”

Weiter wird in dem Film erwähnt, dass der Gazastreifen von Israel blockiert und abgeriegelt sei.

Auch Herr Frings von der Adenauer-Stiftung erklärt, Israel halte die Blockade auf dem Landweg, im Luftraum und im Meer aufrecht.

Bei der Familie in Gaza, deren Leid unter der Stromknappheit so eindrücklich dargestellt wird, sind jedoch Medikamente aus Israel zu sehen, darunter „Abilak“. Wie sind die wohl in den Gazastreifen gelangt, wenn Israel ihn „blockiert“?

50:40 Lanz: „Bevölkerungsdichte in Gaza so hoch, wie an kaum einem anderen Ort der Welt“

Die Bevölkerungsdichte in Singapur, Hongkong oder Tel Aviv ist höher als im Gazastreifen.

Fazit: Herr Lanz hat eine wunderbar angenehme Stimme. Wenn er sich jetzt auch noch an die Fakten halten würde, könnte aus dem Mann ein echter Reporter werden.

(C) Ulrich W. Sahm