Was ist eine Hudna?

Newsletter der israelischen Botschaft Berlin, 27. Juni 2003

„HUDNA“ – WAS HEISST DAS EIGENTLICH?

In den internationalen Medien ist gegenwärtig von einer „Waffenruhe“ palästinensischer Terrorgruppen die Rede. Eine endgültige Formulierung dieser Vereinbarung wird noch vor dem Entreffen der US-Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice in Israel an diesem Samstag erwartet. Doch was verbirgt sich eigentlich hinter dieser „Waffenruhe“ der drei Terrororganisationen des radikal-islamischen Hamas, des Islamischen Jihad und der Fatah-Bewegung Yasser Arafats?

Es scheint, dass die Nachricht der Palästinenser an die westliche Welt zum wiederholten Male nicht dieselbe ist, die auch die arabische und muslimische Welt erreicht hat.

Der Begriff, den die Palästinenser benutzen, um diese „Waffenruhe“ zu beschreiben, ist das arabische Wort „Hudna“. Genaugenommen bezeichnet der arabische Begriff „Hudna“ jedoch eine Waffenpause aus taktischen Gründen. Ursprung und Bedeutung der „Hudna“ sind tief mit der muslimischen Tradition verwurzelt:

Im Jahre 628 n.Chr., als sich abzeichnete, dass die Truppen Mohammeds zu schwach waren, die Quraishiten-Stämme (die stärksten arabischen Stämme der arabischen Halbinsel des 7. Jahrhunderts) zu überwältigen, schloss der Prophet eine zehnjährige Waffenpause mit den Quraishiten. Die Vereinbarung wurde in der muslimischen Überlieferung später nach dem Ort Hudaybiyyah benannt, an dem das Abkommen geschlossen wurde (Hudaybiyyah-Abkommen). Nicht einmal zwei Jahre später hatten die Truppen Mohammeds ihre Kräfte wiederhergestellt, und so gelang es den muslimischen Kämpfern bald, die Quraishiten vernichtend zu schlagen, und Mohammed eroberte die Stadt Mekka.

Seither bezeichnet der Begriff „Hudna“ eine strategische Waffenruhe, die allein den Sinn einer Kräfteverlagerung hat. Eine „Hudna“ kann dann unterbrochen werden, sobald diese Kräfteverlagerung abgeschlossen und der Weg für einen muslimischen Sieg geebnet ist.

Da der Begriff in der islamischen Rechtsprechung und Philosophie einen halblegalen Status erreicht hat, haben der Hamas und andere palästinensischen Terrorgruppen die „Hudna“ als taktische Maßnahme für Krisenzeiten übernommen.

Aus diesem Grund darf nicht übersehen werden, dass die palästinensische Wahl des Begriffs „Hudna“ in seiner ursprünglichen Bedeutung bereits die Rechtfertigung für eine einseitige Aufkündigung der Waffenpause impliziert, sobald die Zeit dafür gekommen ist.

„Hudna“ in ihrer eigentlichen Bedeutung ist keine herkömmliche „Waffenruhe“ in unserem Sinne. „Hudna“ ist ein strategisches Mittel zur Durchsetzung militärischer Ziele. Es versteht sich deshalb von selbst, dass die israelische Regierung, deren grundsätzliche Verantwortung es ist, das Leben der israelischen Staatsbürger zu schützen, einer solchen Art eines strategischen Tricks nicht tolerieren kann.

Sowohl die israelische Regierung als auch US-Präsident Bush haben deshalb die palästinensischen Terrorgruppen wiederholt zur vollständigen Aufgabe ihrer terroristischen Netzwerke aufgerufen, um dem Friedensprozess im Nahen Osten eine Chance zu geben. (Mitteilung aus Jerusalem)