Gott und Mammon: Verursacht Armut den militanten Islam?

Daniel Pipes, National Interest, Winter 2001/2002

Die Ereignisse vom 11. September haben eine lange geführte Debatte intensiviert: Was veranlasst Muslime, sich dem militanten Islam zuzuwenden? Einige Analysten haben die Armut Afghanistans bemerkt und daraus geschlossen, dass hierin das Problem liegt. Jessica Stern von der Harvard University schrieb, dass die USA „es sich nicht länger leisten können, dass Staaten versagen“. Wenn sie nicht Gesundheit, Ausbildung und wirtschaftlicher Entwicklung eine weit höhere Priorität einräumen, so schreibt sie, „werden weiter neue Osamas auftreten“. Susan Sachs von der New York Times stellt fest: „Es ist voraussagbar, dass die enttäuschte Jugend Ägyptens und Saudi Arabiens sich der Religion zuwendet um dort Trost, Wohlergehen zu finden.“ Auffallender traten andere dafür ein, dass Afghanistan mit Lebensmitteln nicht gleichzeitig, sondern anstatt Sprengstoff bombardiert werden solle.

Hinter diesen Analysen liegt die Annahme, dass sozio-ökonomische Erschöpfung Muslime in den Extremismus treibt. Die Beweislage unterstützt diese Erwartung allerdings nicht. Der militante Islam (der Islamismus) ist keine Antwort auf Armut oder Verarmung; nicht nur Bangladesch und der Irak sind Horte des militanten Islam, sondern er ist oft in Ländern aufgebrandet, die rasches wirtschaftliches Wachstum erleben. Die Faktoren, die militanten Islam abschwächen oder aufblühen lassen, scheinen mehr mit Fragen der Identität als der Wirtschaft zu tun zu haben.

Alle anderen Probleme verschwinden

Die übliche Weisheit, dass wirtschaftlicher Druck militanten Islam verursacht und wirtschaftliches Wachstum nötig ist um ihn stumpf werden zu lassen, hat viele gut positionierte Anhänger. Sogar einige der Islamisten akzeptieren diese Verbindung. In den Worten eines feurigen Scheichs aus Kairo: „Der Islam ist eine Religion der schlechten Zeiten.“ Der Hamas-Führer in Gaza, Mahmud az-Zahar, sagt: „Es reicht, die von Armut heimgesuchten Außenbezirke von Algier oder die Flüchtlingslager in Gaza zu sehen um die Fakten zu verstehen, die die Stärke der islamischen Widerstandsbewegung nähren.“ In diesem Geist bieten die militanten islamischen Organisationen eine breite Palette von Wohlfahrtsangeboten an um Parteigänger zu finden. Sie werben auch für das, was sie eine „islamische Wirtschaft“ nennen, als das „barmherzigste System der Solidarität in einer Gesellschaft. In einem solchen System stürzen die Ehrenhaften nicht, die Ehrlichen gehen nicht zugrunde, die Bedürftigen leiden nicht, die Behinderten verzweifeln nicht, die Kranken sterben nicht wegen Mangels an Fürsorge und Völker zerstören einander nicht.“

Viele säkulare Muslime betonen auch, dass der militante Islam seine Quelle in der Armut als Glaubensgrundsatz hat. Süleyman Demirel, früherer türkischer Präsident, sagt: „Solange es Armut, Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Systeme politischer Unterdrückung gibt, werden die fundamentalistischen Tendenzen in der Welt anwachsen.“ Die frühere türkische Premierministerin Tansu Çiller befindet, dass die Islamisten in den Wahlen von 1994 so gut abschnitten, weil „die Leute auf die Wirtschaft reagierten“. Der Chef des jordanischen Armee-Geheimdienstes vertritt die Ansicht, dass die „wirtschaftliche Entwicklung fast alle unsere Probleme [im Nahen Osten] lösen könnte“. „Einschließlich des militanten Islam?“, wurde er gefragt. „Ja“, antwortete er. „In dem Moment, wo jemand wirtschaftlich gut da steht, er Arbeit hat und seine Familie ernähren kann, verschwinden alle anderen Probleme.“

Linke im Nahen Osten stimmen zu, interpretieren das wieder Aufleben des militanten Islam als „Zeichen des Pessimismus. Wie die Menschen verzweifelt sind, flüchten sie sich ins Übernatürliche.“ Auch Sozialwissenschaftler schließen sich dem an: Hooshang Amirahmade, Akademiker mit iranischen Wurzeln, macht geltend, man müsse „nach den Wurzeln des islamischen Radikalismus außerhalb der Religion suchen, in der realen Welt der kulturellen Hoffnungslosigkeit, wirtschaftlichen Niedergans, politischer Unterdrückung und spirituellen Durcheinanders in dem die meisten Muslime sich heute wieder finden.“ Natürlich erkennen die Akademiker mit ihrer verschleppten marxistischen Neigung und der Verachtung für (religiösen) Glauben diese „Armut treibt den militanten Islam“-Meinung fast einstimmig an. Ervand Abrahamian vertritt die Meinung, dass „das Verhalten von Khomeini und der Islamischen Republik weniger durch die Prinzipen der heiligen Schriften als durch unmittelbare politische, soziale und wirtschaftliche Nöte bestimmt worden ist“. Ziad Abu-Amr, Verfasser eines Buchs zum militanten Islam (und Mitglied des Palästinensischen Legislativrats), schreibt eine palästinensische Umkehr zur Religiosität „dem düsteren Klima der Zerstörung, des Krieges, der Arbeitslosigkeit und Depression“ zu, das „die Menschen dazu bringt Trost zu suchen und dafür wenden sie sich an Allah“.

Auch westliche Politiker finden das Argument unwiderstehlich. Der frühere Präsident Bill Clinton sagte: „Diese Kräfte der Reaktion nähren sich aus Desillusionierung, Armut und Verzweiflung“ und befürwortete eine sozialwirtschaftliche Arznei: „Verteilt Wohlstand und Sicherheit an alle.“ Edward Djerejian, einst eine Top-Persönlichkeit des Außenministeriums, berichtet, dass „politisch-islamistische Bewegungen zu einem wichtigen Anteil in sich verschlimmernden sozio-ökonomischen Bedingungen des jeweiligen Landes verwurzelt sind“. Martin Indyk, ein weiterer ehemals hochrangiger US-Diplomat, warnt, dass diejenigen, die die Anziehungskraft des militanten Islam zu reduzieren wünschen, zuerst die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Probleme lösen müssen, die seine Brutstätte bilden.

Der militante Islam spiegelt nach Klaus Kinkel, dem früheren deutschen Außenminister, „die wirtschaftliche, politische und kulturelle Enttäuschung“ der Muslime wider. Der frühere französische Innenminister Charles Pasqua befindet, dass dieses Phänomen „zeitlich mit der Verzweiflung von Teilen einer großen Sektion der Massen und insbesondere junger Menschen zusammen fällt.“ Eddie Fenech, Premierminister Maltas, zieht noch engere Verbindungen: „Fundamentalismus wächst im gleichen Maße wie wirtschaftliche Probleme.“ Israels Außenminister Shimon Peres behauptet glatt, „Armut ist die Grundlage des Fundamentalismus“ und dass er „eine Möglichkeit bietet, gegen Armut, Korruption, Missachtung und Diskriminierung zu protestieren“.

Bewaffnet mit dieser Theorie von Ursache und Wirkung tätigen Geschäftsleute gelegentlich ihre Investitionen mit einem Blick auf politische Verbesserungen. Der Vorsitzender der Virgin Gruppe, Richard Branson, erklärte bei der Eröffnung eines Musikgeschäfts in Beirut: „Die Region wird stabil, wenn in sie investiert wird, Arbeitsplätze geschaffen und Länder wieder aufgebaut werden, die Aufbau benötigen, nicht durch ihre Ignorierung.“

Irgendwo an der Stratosphäre

Die empirischen Daten zeigen aber wenige Zusammenhänge zwischen wirtschaftlicher Situation und militantem Islam. Gesamtmessungen von Wohlstand und wirtschaftlichen Trends versagte als Vorhersage-Instrumente dafür, wo der militante Islam stark sein wird und wo nicht. Auf der individuellen Ebene zeigt die allgemeine Weisheit auch darauf, dass der militante Islam die Armen, die Ausgegrenzten und die Randgruppen anzieht – aber die Forschung zeigt, dass genau das Gegenteil zutrifft. Wenn wirtschaftliche Faktoren erklären sollen, wer Islamist wird, dann zeigt sich, dass es die sind, denen es gut geht, nicht die Armen.

Nehmen wir Ägypten als Beispiel: Für eine Studie von 1980 befragte der ägyptische Sozialwissenschaftler Saad Eddin Ibrahim Islamisten in ägyptischen Gefängnissen und fand heraus, dass das typische Mitglied „jung ist (Anfang 20), vom Land oder aus kleinstädtischem Hintergrund, aus der mittleren oder unteren Mittelklasse stammt, gute Leistungen und hohe Motivation aufweist, verhältnismäßig mobil ist, eine wissenschaftlicher oder Ingenieurs-Ausbildung absolviert hat und aus einer normal zusammen haltenden Familie stammt.“ Mit anderen Worten, schloss Ibrahim, diese jungen Männer waren „deutlich oberhalb des Durchschnitts ihrer Generation angesiedelt“; sie waren „ideale oder junge Modell-Ägypter“. In einer folgenden Studie fand er heraus, dass von 34 Mitgliedern der gewalttätigen Gruppe At-Takfir w’al-Hijra ganze 21 Väter im Staatsdienst hatten, fast alle im Mittleren Dienst. Weniger lang zurückliegend fand der Kanadische Geheimdienst heraus, dass die Führung der militant-islamischen Gruppe Al-Jihad „im Großen und Ganzen eine Hochschulausbildung und einen Mittelklasse-Hintergrund besitzen“. Dies sind nicht die Kinder der Armut oder Verzweiflung.

Andere Forscher bestätigen diese Erkenntnisse für Ägypten. In einer Studie der wirtschaftlichen Probleme des Landes schließt Galal A. Amin, ein Wirtschaftswissenschaftler an der Amerikanischen Universität in Kairo, mit dem Vermerk „wie selten man Beispiele für religiösen Fanatismus unter den höheren oder sehr niedrigen sozialen Schichten der ägyptischen Bevölkerung findet“. Als ihre Assistentin in Kairo Islamist wurde, erzählte die amerikanische Journalistin Geraldine Brooks von ihrer Überraschung: „Ich hatte angenommen, dass die Zuwendung zum Islam eine verzweifelte Wahl der armen Menschen sei, die nach himmlischem Trost suchen. Aber Sahar [ihre Assistentin] war weder verzweifelt noch arm. Sie gehörte irgendwo in die Schicht von Ägyptens peinlich müde Gesellschaft.“ Beachten Sie auch diesen Bericht des begabten Journalisten Hamza Hendawi: In Ägypten

zieht eine neue Art von Predigern in Anzügen und mit Handys eine steigende Anzahl der Reichen und Mächtigen an, weg vom westlichen Lebensstil und in den religiösen Konservatismus. Die modernen Imame halten ihre Seminare bei Festessen in einigen von Kairos luxuriösesten Häusern und Ägyptens Erholungsorten an der Küste ab und wenden sich an den Sinn der Reichen für Stil und Komfort.

Was für Ägypten zutrifft, ist auch anderswo richtig. Wie Faschismus und Marxismus-Leninismus in ihren Hoch-Zeiten, spricht der militante Islam hoch kompetente, motivierte und ambitionierte Personen an. Sie sind bei weitem nicht die trägen Teile der Gesellschaft, sondern ihre Führer. Brooks, ein weit gereister Journalist, stellte fest, dass die Islamisten „die höchst Begabten“ der Jungendlichen waren, die sie traf. Die, „die die islamischen Aufrufe hörten, gehörten zu den Studenten mit den meisten Möglichkeiten, nicht nur die hoffnungslosen Fälle… Sie waren die Elite der nächsten zehn Jahre: die Leute, die die Zukunft ihrer Nation formen würden.“

Sogar Islamisten, die das letzte Opfer bringen und ihr Leben geben, passen in dieses Muster der finanziellen Leichtigkeit und der vorzüglichen Ausbildung. Eine unverhältnismäßig große Anzahl an Terroristen und Selbstmord-Attentätern haben eine höhere Ausbildung, oft im Bereich des Ingenieurwesens und der Wissenschaften. Diese Verallgemeinerung trifft gleichermaßen auf den palästinensischen Selbstmord-Attentäter zu, der Israel angreift, wie auch auf die Gefolgsleute Osama Bin Ladens, die die vier Flugzeuge am 11. September entführten. Im Fall der ersteren fand ein Forscher bei der Betrachtung ihrer Profile heraus, dass „wirtschaftliche Umstände kein entscheidender Faktor zu sein scheinen. Zwar konnte keine der 16 Personen als wohlhabend beschrieben werden, einige hatten sicher weniger wirtschaftliche Probleme als andere.“ Im zweiten Fall würden, wie es der Historiker Sean Wilentz von Princeton zynisch ausdrückte, die Biographien der Killer vom 11. September ergeben, dass die Wurzel des Terrorismus „Geld, Ausbildung und Privilegien“ sind. Etwas allgemeiner kommentierte einst Fathi ash-Shirqaqi, Gründungs-Führer des mörderischen Islamischen Jihad: „Einige der jungen Leute, die sich [in Terror-Operationen] geopfert haben, kamen aus wohlhabenden Familien und hatten erfolgreiche Universitäts-Karrieren.“ Das macht Sinn, denn Selbstmord-Attentäter, die sich gegen fremde Feinde werfen, bieten ihr Leben nicht aus Protest gegen finanzielle Ausblutung, sondern um die Welt zu verändern.

Auch die, die militant-islamischen Organisationen den Rücken stärken, sind von der Tendenz her wohlhabend. Sie stammen öfter aus der reichen Stadt als vom ärmeren Land, eine Tatsache, die – wie Khalid M. Amayreh, ein palästinensischer Journalist, heraushebt – „die weithin gemachte Annahme widerlegt, dass islamistische Popularität in wirtschaftlicher Misere gedeiht“. Und sie kommen nicht nur aus der Stadt, sondern auch aus deren höheren Schichten. Zeitweise sind erstaunliche 25 Prozent der Mitglieder in der führenden militant-islamischen Organisation der Türkei – heute die Saadet-Partei – Ingenieure gewesen. Tatsächlich ist ein typischer Kader in der militant islamischen Partei ein Ingenieur in den 40-ern, geboren in der Stadt, mit Eltern, die vom Land dort hin zogen. Amayreh stellte fest, dass in den jordanischen Parlamentswahlen von 1994 die Moslem-Bruderschaft in den Mittelklasse-Bezirken genauso gut abschnitt wie in den armen Vierteln. Er verallgemeinert daraus, dass „eine beträchtliche Mehrheit der Islamisten und ihrer Unterstützer aus den mittleren und oberen sozio-ökonomischen Schichten stammen.“

Martin Kramer, Herausgeber des Middle East Quarterly, geht weiter und sieht den militanten Islam als

das Gefährt der Gegen-Eliten, Menschen, die von den Tugenden der Ausbildung und/oder des Einkommens potentielle Mitglieder der Elite sind, die aber aus dem einen oder anderen Grund davon ausgeschlossen werden. Ihrer Ausbildung mag ein wichtiges, Prestige verleihendes Element, die Quellen ihres Reichtums mögen nicht ganz makellos sein. Oder sie könnten gerade die falsche Herkunft haben. Während sie als gut ausgebildet und reich sind, haben sie einen Grund zur Klage: Ihr Streben wird abgeblockt, sie können ihre sozio-ökonomischen Werte nicht in politischen Einfluss umsetzen. Islamismus ist für diese Menschen, teilweise wegen seiner sorgfältigen Manipulation, besonders nützlich; es ist möglich unter den Armen eine Gefolgschaft zu finden, die wertvolles Fußvolk bilden.

Kramer zitiert als Beispiel für seine Gegen-Elite in ihrer reinsten Form die sogenannten Anatolischen Tiger, Geschäftsleute, die eine wichtige Rolle für den Rückhalt der türkischen militant-islamischen Partei gespielt hatten.

Kein Produkt der Armut

Das gleiche Muster, das für individuelle Islamisten gilt, existiert genauso auf der Ebene von Gesellschaften. Dieses soziale Muster kann mit vier Thesen ausgedrückt werden.

Erstens: Reichtum macht nicht immun gegen den militanten Islam. Kuwaitis erfreuen sich eines Einkommens westlichen Stils (und verdanken sogar die Existenz ihres Staates dem Westen), aber Islamisten gewinnen im Allgemeinen den größten Anteil an Sitzen im Parlament (zurzeit zwanzig von fünfzig). Dem Westjordanland geht es besser als dem Gazastreifen, trotzdem erfreuen sich die militant-islamischen Gruppen im ersten größerer Beliebtheit als im zweiten. Der militante Islam gedeiht in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union und in Nordamerika, wo Muslime als Gruppe einen höheren Lebensstandard als der jeweilige nationale Durchschnitt genießen. Und unter diesen Muslimen haben die Islamisten, wie Khalid Durán heraus stellt, gewöhnlich ein höheres Einkommen: „In den USA ist der Unterschied zwischen Islamisten und einfachen Muslimen größtenteils einer zwischen Besitzenden und Habenichtsen. Muslime haben die Anzahl, Islamisten haben die Dollars.“

Zweitens: Eine blühende Wirtschaft macht nicht immun gegen radikalen Islam. Die heutigen militant-islamischen Bewegungen starteten in den 70-er Jahren, genau zu der Zeit, als die Öl exportierenden Staaten sich ungewöhnlicher Wachstumsraten erfreuten. Muhammar Gaddhafi entwickelte damals seine exzentrische Version des prototypischen militanten Islam; fanatische Gruppierungen in Saudi Arabien eroberten gewalttätig die Große Moschee in Mekka; und Ayatollah Khomeini übernahm die Macht im Iran (obwohl zugegebenermaßen das Wachstum einige Jahre vor dem Sturz des Schahs nachgelassen hatte); In den 80-er Jahren erfuhren einige Länder, die wirtschaftlich exzellente Daten aufwiesen, einen Aufschwung des militanten Islam. Jordanien, Tunesien und Marokko ging es wirtschaftlich in den 90-er Jahren gut – wie auch ihren militant-islamischen Bewegungen. Türken unter Turgut Özal erlebten beinahe ein Jahrzehnt besonders eindrucksvollen wirtschaftlichen Wachstums, während sie gleichzeitig militant-islamischen Parteien in immer größerer Zahl beitraten.

Drittens: Armut erzeugt keinen militanten Islam. Es gibt viele arme muslimische Staaten, aber wenige von diesen sind Zentren des militanten Islam geworden – nicht Bangladesch, nicht der Jemen, auch nicht der Niger. Wie ein amerikanischer Kenner richtigerweise anmerkt, „ist wirtschaftliche Hoffnungslosigkeit, die oft genannte Quelle der Macht des politischen Islam, dem Nahen Osten bekannt“; wenn der militante Islam mit Armut verbunden ist, warum war er in den vergangenen Jahren und Jahrhunderten nicht stärker, als die Region ärmer war als heute?

Viertens: Eine schwächelnde Wirtschaft erzeugt keinen militanten Islam. Der Crash in Indonesien und Malaysia verursachte keine große Hinwendung zum militanten Islam. Die Einkommen im Iran haben sich mindestens halbiert, seit die Islamische Republik 1979 an die Macht kam; im Gegenteil, weit entfernt von zunehmender Unterstützung für die militant-islamische Ideologie des Regimes, hat die Verarmung eine massive Entfremdung vom Islam verursacht. Die Iraker haben einen noch steileren Abfall des Lebensstandards erlebt: Abbas Alnasrawi schätzt, dass das Pro-Kopf-Einkommen seit 1980 um mindestens 90 Prozent abgestürzt ist, auf ein Niveau, auf dem es sich in den 40-er Jahren befand. Das Land hat eine Zunahme der persönlichen Frömmigkeit erfahren, weder ist aber der militante Islam aufgebrandet noch ist er führender Ausdruck von Gefühlen gegen die Regierung.

Wenigstens ein paar Beobachter haben aus diesen beobachteten Mustern die richtigen Schlüsse gezogen. Der offen bekennende algerische Säkularist Saïd Sadi lehnt die These glatt ab, dass Armut den militanten Islam anstachelt: „Ich hänge nicht der Ansicht an, dass es weit verbreitete Arbeitslosigkeit und Armut sind, die Terrorismus produzieren.“ Ähnlich befindet Amayreh, dass der militante Islam „kein Produkt oder Nebenprodukt von Armut ist“.

Für ein annehmbares Leben sorgen

Wenn Armut den militanten Islam verursacht, dann wäre breit gefächertes wirtschaftliches Wachstum die Lösung. Und tatsächlich argumentieren Beamte in so verschiedenen Ländern wie Ägypten und Deutschland für die Konzentration auf den Aufbau von Wohlstand und die Förderung der Schaffung von Arbeitsplätzen zur Bekämpfung des militanten Islam. Auf der Höhe der Krise in Algerien in den 90-er Jahren drohte die Regierung, als sie um westliche Wirtschaftshilfe flehte, implizit damit, dass ohne diese die Islamisten die Oberhand gewinnen würden. Diese Interpretation hat praktische Folgen: Die Regierung Tunesiens beispielsweise hat einige Schritte in Richtung der freien Marktwirtschaft unternommen, aber keine Privatisierung durchgeführt, weil sie fürchtet, dass die anschwellende Anzahl von Arbeitslosen Futter für die militant-islamischen Gruppierungen sorgen würde. Dasselbe gilt für den Iran, wo Europa und Japan ihre Politik auf der Idee gründen, dass ihre wirtschaftlichen Verbindungen zur Islamischen Republik diese zähmen und militärisches Abenteurertum verhindern würden.

Diese Betonung von Arbeit und der Schaffung von Reichtum veränderte auch die Bemühungen in der Oslo-Ära, den arabisch-israelischen Konflikt zu beenden. Vor 1993 hatten die Israelis darauf bestanden, dass eine Resolution die Araber zu der Anerkennung verpflichten sollte, dass der jüdische Staat eine permanenter Lebens-Tatsache ist. Man dachte dies durch zu erreichen sei durch Gewinnung der Anerkennung des jüdischen Staates und der Einigung auf allseits akzeptable Grenzen. Dann, nach 1993, ereignete sich ein wichtiger Wechsel: den arabischen Wohlstand zu mehren wurde zum Ziel, in der Hoffnung, dass dies den Reiz des militanten Islam und andere radikaler Ideologien verringern würde. Ein Startsprung der Wirtschaft sollte den Palästinensern einen Einsatz im Friedensprozess geben und so den Reiz der Hamas und des Islamischen Jihad reduzieren. In diesem Zusammenhang schrieb Serge Schmemann von der New York Times (ohne Belege zu bringen), dass Arafat „weiß, dass die Ausrottung der Militanz sich letztendlich mehr auf der Sorge für ein anständiges Leben als auf dem Anwendung von Gewalt verlassen muss“.

Der israelische Analyst Meron Benvenisti stimmte zu: der „militante Charakter des Islam ist darauf zurückzuführen, dass sich in ihm eine tiefe Frustration der Unterprivilegierten ausdrückt… Der Aufstieg der Hamas war direkt verbunden mit der Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation und der angesammelten Frustration und Verschlimmerung der fortgeführten Besatzung.“ Auch Shimon Peres machte sich stark: „Islamischer Terror kann nicht militärisch bekämpft werden, sondern durch die Ausrottung des Hungers, der ihn ausbrütet.“ Von dieser Theorie geleitet gaben die westlichen Staaten und Israel Milliarden von Dollars als Beihilfe an die palästinensische Autonomiebehörde. Noch bemerkenswerter: die israelische Regierung bekämpfte Versuche von pro-Israel-Aktivisten in den Vereinigten Staaten, die US-Hilfe an die PLO abhängig davon zu machen, dass Arafat seine formalen, schriftlich festgehaltenen Versprechungen an Israel erfüllt.

Zu diesem späten Zeitpunkt muss man kaum auf die Falschheit der Annahmen Oslos hinzuweisen. Wohlstand löst Hass nicht auf; ein reicher Feind mag einfach einer sein, der besser in der Lage ist Krieg zu führen. Der Westen und die Israelis nahmen an, dass die Palästinenser ein breites wirtschaftliches Wachstum zu ihrem Hauptziel machen würden, während dies ein geringes Anliegen war. Was statt dessen zählte, waren Fragen der Identität und Macht, aber die Theorie, dass der militante Islam aus Armut entstehe, ist so stark, dass das Fehlschlagen Oslos es nicht geschafft hat, den Glauben an die politischen Vorteile des Wohlstands unglaubwürdig zu machen. So unterstützte im August 2001 ein hochrangiger israelischer Offizier den Bau eines Elektrizitätswerks im nördlichen Gazastreifen, weil es Arbeitsplätze schaffen würde „und jeder [Palästinenser], der arbeitet, ein Paar Hände weniger für die Hamas ist“.

Eine andere Schlussfolgerung

Wenn Armut nicht die Triebkraft hinter dem militanten Islam ist, müssen für die Politik verschiedene Konsequenzen gezogen werden. Erstens kann Wohlstand nicht als Lösung gegen den militanten Islam angesehen werden und Auslandshilfen können nicht als Hauptmittel der Welt für ihren Kampf dagegen dienen. Zweitens bietet die Verwestlichung auch keine Lösung. Im Gegenteil, viele heraus ragende militant-islamische Führer sind nicht nur mit westlichen Lebensstilen vertraut, sondern regelrechte Experten darin. Besonders ist, dass eine unverhältnismäßig große Anzahl von ihnen qualifizierte Abschlüsse in Technik und Wissenschaften hat. Es erscheint manchmal so, dass Verwestlichung ein Weg in den Hass gegen den Westen ist. Drittens führt wirtschaftliches Wachstum nicht automatisch zu besseren Beziehungen mit muslimischen Staaten. In einigen Fällen (z.B. Algerien) könnte es helfen; in andere (wie Saudi Arabien) schaden sie.

Könnte es im Gegenteil so sein, dass der militante Islam aus Reichtum statt aus Armut resultiert? Es ist möglich. Schließlich gibt es das universelle Phänomen, dass Menschen sich nur ideologisch stärker engagieren und politisch aktiv werden, wenn sie einen recht hohen Lebensstandard erreicht haben. Revolutionen finden nur statt, so wurde oft bemerkt, wenn eine große Mittelklasse existiert. Birthe Hansen, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität von Kopenhagen, deutet dies an, wenn sie schreibt, dass „die Verbreitung des marktwirtschaftlichen Kapitalismus und der liberalen Demokratie … wahrscheinlich ein bedeutender Faktor hinter dem Aufstieg des militanten Islam ist“.

Überdies gibt es ein besonderes islamisches Glaubens-Phänomen, das mit weltlichem Erfolg verbunden ist. Durch die Geschichte hindurch, von der Zeit des Propheten Mohammed bis ins Ottomanische Reich ein Jahrtausend später, waren Muslime gewöhnlich reicher und mächtiger als andere Völker; sie waren alphabetisiert und gesund. Mit der Zeit wurde der islamische Glaube mit einem weltlichen Wohlstand verbunden – im Endeffekt einer Art muslimischem Calvinismus. Diese Verbindung scheint sich immer noch zu behaupten. Wie z.B. in der als Issawis Gesetz bekannten Formulierung („Wo Muslime sind, gibt es Öl; die Umkehrung ist nicht richtig“) angeführt wird, profitierten hauptsächlich Muslime vom Öl-Boom der 70-er Jahre; es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass die jetzige Welle des militanten Islam damals ihren Anfang nahm. Islamisten, die sich als „Pioniere einer Alternativ-Bewegung zur westlichen Zivilisation“ sehen, brauchen eine starke wirtschaftliche Basis. Wie Galal Amin schreibt: „Es dürfte eine starke Verbindung geben zwischen dem Anwachsen der Einkommen, was eine Art wirtschaftlicher Miete darstellt, und dem Wachsen des religiösen Fanatismus.“

Im Gegensatz dazu haben arme Muslime dazu geneigt, von alternativen Zugehörigkeiten mehr beeindruckt zu sein. Über die Jahrhunderte hinweg ist z.B. die Abwendung von der Religion immer dann am häufigsten aufgetreten, als es ihnen schlecht ging. So war das, als die Tataren unter die russische Herrschaft fielen oder der sunnitische Libanon seine Macht an die Maroniten verlor. So war es auch 1995 im irakischen Kurdistan, einer Gegend, die doppelt unter dem Embaro und dem Bürgerkrieg litt.

Während sie ihr Leben mitten in Feuer und Schießpulver zu leben versuchen, haben die kurdischen Dorfbewohner den Punkt erreicht, wo sie dazu bereit sind, wirklich alles aufzugeben, um sich vor Hunger und Tod zu retten. Aus ihrer Sicht ist es eine zunehmend wichtige Maßnahme, die Religion zu wechseln, um ein Visum in den Westen zu bekommen.

Es gibt also, kurz gesagt, genügend Gründe für die Ansicht, dass der militante Islam eher aus Erfolg wächst als aus Niederlagen.

Der Fahrstuhl zur Macht

Da dies wahrscheinlich ist, ist es vermutlich fruchtbarer, weniger auf die Wirtschaft zu schauen und statt dessen auf andere Faktoren zu achten, wenn man die Quellen des militanten Islam sucht. Materielle Gründe sprechen das Empfindungsvermögen des westlichen Menschen stark an, bieten aber in diesem Fall wenig Anleitung. Generell, stellt David Wurmser vom American Enterprise Institute fest, schreibt der Westen zu viele der Probleme der arabischen Welt „besonderen materiellen Fragen“ zu, wie Landbesitz und Vermögen. Das bedeutet gewöhnlich die Tendenz, „unverfälschten Glauben und strikte Befolgung von Prinzipien zu verharmlosen und als zynische Ausnutzung der Massen durch Politiker abzutun. So betrachtet der Westen die materiellen Dinge und Führer, nicht den spirituellen Zustand der arabischen Welt als das zentrale Problem.“ Oder in Osama bin Ladens übler Ausdrucksweise: „Weil Amerika das Geld verehrt, glaubt es, dass [andere] Völker genauso denken.“

Wenn man sich von den Kommentatoren des militanten Islam abwendet und statt dessen tatsächlich einmal den Islamisten selbst zuhört, wird schnell deutlich, dass sie selten über Wohlstand reden. Ayatollah Khomeini drückte das denkwürdig so aus: „Wir haben keine Revolution gemacht um den Preis von Melonen zu senken.“ Wenn überhaupt, dann schauen sie mit Abscheu auf die Konsumgesellschaft des Westens. Wajdi Ghunayim, ein ägyptischer Islamist, sieht es als „die Herrschaft von Dekolletee und Mode“, deren gemeinsamer Nenner die Ansprache der tierischen Instinkte der menschlichen Natur ist. Wirtschaftliche Werte stellen für den Islamisten nicht das gute Leben dar, sondern zusätzliche Kraft für die Schlacht gegen den Westen. Geld dient zum Training der Kadetten und zum Waffenkauf, nicht zum Kauf eines größeren Hauses oder des neuesten Autos. Reichtum ist ein Weg, kein Ziel.

Ein Weg wohin? Zur Macht. Islamisten kümmern sich weniger um materielle Stärke als darum, wo sie in der Welt stehen. Sie sprechen ständig davon. In einer typischen Stellungnahme sagte Ali Akbar Mohtashemi, der führende iranische Hardliner, voraus, dass „letztlich der Islam die Vormacht werden wird“. Ähnlich erklärt Mustafa Mashhur, ein ägyptischer Islamist, dass der Wahlspruch „Allah ist groß“ widerhallen wird, „bis der Islam sich über die ganze Welt ausbreitet“. Abdessalam Yassine, marokkanischer Islamist, behauptet: „Wir verlangen die Macht“ – und der Mann, der ihm im Weg stand, der verstorbene König Hassan, schloss daraus, dass für Islamisten der Islam „der Fahrstuhl zur Machtübernahme“ ist. Er hatte Recht. Wenn wir die wirtschaftliche Dimension auf die ihr zustehende Größe reduzieren und die religiöse, die kulturelle und die politische Dimension (entsprechend) würdigen, werden wir vielleicht wirklich anfangen zu verstehen, was den militanten Islam verursacht.

Kurze Ergänzung von IMRA vom 21. August 2002:

Nach der „Wasserklosett-Theorie“ von Shimon Peres würde der arabische Terror enden, wenn nur die Araber gut verdienend beschäftigt wären und gute Unterkünfte hätten.
Israel Television Kanal 2 zeigte einige der Villen von gut verdienend beschäftigten Einwohnern des gut entwickelten Silwan-Viertels in Jerusalem, die zur gefährlichsten und blutigsten Terrorzelle in der Geschichte Israels gehörten.
Die Gruppe, deren Mitglieder alle in Israel beschäftigt waren und in schönen Häusern wohnten, folgten den Befehlen der Hamas aus Ramallah, die einem in Damaskus entwickelten Plan folgten und für die Anschläge im Café Moment, der Hebräischen Universität und Rishon Letzion verantwortlich waren, wie auch für einen Anschlag auf ein Benzinlager, das tausende von Israelis bei Tel Aviv verbrannt haben würde.