Über die Verantwortung des Islam (3): Nicht der Islam ist bösartig

Daniel Pipes, The New York Post, 30. Juli 2002

„Der Islam ist bösartig.“ Das war die Nachricht, die ein Agent des US Secret Service gesetzwidrig am 18. Juli auf einem islamischen Gebetskalender hinterließ, als ein Al Qaida-Verdächtiger in Dearborn, Michigan ausgehoben wurde.

Sein derbes Graffiti fasst eine Ansicht zusammen, die seit dem 11.9. in den USA vermehrt zu hören ist. Sie ist Besorgnis erregend und falsch.

Hier liegt das Problem: Es ist ein Fehler, den Islam (eine Religion, die immerhin 1400 Jahr alt ist) für das Böse verantwortlich zu machen, das dem militanten Islam (einer weniger als 100 Jahre alten totalitären Ideologie) zugeschrieben werden sollte. Der Terrorismus der Al Qaida, Hamas, der iranischen Regierung und anderer Islamisten ergibt sich aus den Ideen solch zeitgenössischer Radikaler wie Osama bin Laden und Ayatollah Khomeini, nicht aus dem Koran.

Dem könnte man antworten: Aber bin Laden und Khomeini haben ihre Vorstellungen aus dem Koran. Und sie sind das einzig dauerhafte Muster Jahrhunderte alter muslimischer Aggression.

Nicht ganz. Schauen wir uns beide Punkte näher an.

* Aggressiver Islam: Der Koran und andere maßgebliche islamische Schriften beinhalten Aufhetzung gegen Nichtmuslime. Der berühmte Historiker Paul Johnson zitiert z.B. zwei koranische Verse: „Die am meisten Feindschaft gegen die Gläubigen hegen, wirst du unter den Juden und Heiden finden“ (Sure 5,85) und „dann tötet die Götzendiener, wo ihr sie trefft, und ergreift sie, und belagert sie, und lauert ihnen auf in jedem Hinterhalt“ (Sure 9,5).

* Aggressive Muslime: Vierzehn Jahrhunderte Islam haben eine lange Geschichte von mit Jihad (Heiligen Krieg) beschäftigten Muslimen gesehen, die das Gebiet unter islamischer Herrschaft vergrößerten, von den frühen Eroberungen der Kalifen zu dem, was Samuel Huntington die „blutigen Grenzen“ des heutigen Islam nennt.

Ja, diese beiden Punkte stimmen. Sie sind aber nur die eine Seite der Geschichte.

* Milder Islam: Wie andere heilige Schriften kann der Koran auf Zitate durchsucht werden, die gegensätzliche Meinungen unterstützen. In diesem Fall zitiert Karen Armstrong, eine Verteidigerin des Islam mit Bestseller-Quoten, zwei freundlichere Passagen aus dem Koran: „Es soll kein Zwang sein im Glauben.“ (Sure 2, 256) und „O ihr Menschen, Wir haben euch von Mann und Weib erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, dass ihr einander kennen möchtet“ (Sure 49,13).

* Milde Muslime: Es hat Gelegenheiten von muslimischer Mäßigung und Toleranz gegeben, so im alten Sizilien und Spanien. Und Mark R. Cohen bemerkt in einem viel sagendes Beispiel, dass „die Juden des Islam besonders während der Gründungsjahre und der klassischen Jahrhunderte (bis zum 13. Jahrhundert) weitaus weniger Verfolgung erfuhren als die Juden des Christentums.“

Mit anderen Worten: Die Schriften des Islam und seine Geschichte zeigen Variationen.

Zugegebenermaßen ist es derzeit schwer, sich dieser positiven Seite zu erinnern, zu einer Zeit, in der Rückständigkeit, Ablehnung, Extremismus und Gewalt in so großen Teilen der muslimischen Welt vorherrschen. Aber die Gegenwart ist nicht typisch für die lange Geschichte des Islam; sie könnte in der Tat die schlimmste Ära seiner Geschichte sein.

Die Dinge können besser werden. Aber das wird nicht einfach sein. Dazu müssen die Muslime die große Herausforderung angehen ihren Glauben an die Realitäten des modernen Lebens anzupassen.

Was bedeutet das praktisch? Hier einige Beispiele:

Vor 500 Jahren stimmten Juden, Christen und Muslime darin überein, dass der Besitz von Sklaven akzeptabel war, aber das Zahlen von Zinsen nicht. Nach bitteren, langwierigen Debatten änderten Juden und Christen ihre Meinung. Heute billigt keine jüdische oder christliche Gruppe Sklaverei oder hat religiöse Bedenken gegen die Zahlung vernünftiger Zinssätze.

Muslime denken dagegen noch in den alten Bahnen. Sklaverei gibt es in einer großen Zahl mehrheitlich muslimischer Länder (besonders im Sudan und Mauretanien, aber auch in Saudi Arabien und Pakistan) und unterliegt einem Tabu. Um es frommen Muslimen zu ermöglichen keine Zinsen zahlen zu müssen, hat sich eine islamische Finanzindustrie entwickelt, die geschätzte 150 Milliarden US-Dollar stark ist.

Die Herausforderung ist klar: Muslime müssen es ihren Mit-Monotheisten in der Modernisierung ihrer Religion in Bezug auf Sklaverei, Zinsen und vieles andere gleich tun. Keinen Jihad mehr führen um anderen die muslimische Herrschaft aufzudrücken. Keine Unterstützung von Selbstmord-Terrorismus. Keine zweitklassige Bürgerschaft für Nicht-Muslime. Keine Todesstrafe mehr für Ehebrecher und keine „Ehrenmorde“ an Frauen mehr. Keine Todesstrafe mehr für Blasphemie oder Abfall vom Glauben.

Statt über das behauptete „Böse“ des Islam zu schimpfen, wäre es unsere Pflicht – der Muslime wie der Nichtmuslime – bei der Modernisierung dieser Zivilisation zu helfen.

Das ist die ultimative Botschaft des 11.9. Sie geht viel tiefer und ist viel ambitionierter als westliche Regierungen das derzeit zu begreifen scheinen.