Zur Bekämpfung der Ideologie des militanten Islam

Daniel Pipes/Graham Fuller, Policy Watch No. 746, 10. April 2003

Bericht des Special Policy Forum:
Analyse der Nahost-Politik durch Forscher und Honorarkräfte am Washington Institute

Am 3. April 2003 sprachen Daniel Pipes und Graham Fuller vor dem Special Policy Forum des Washington Institute. Mr. Pipes ist Direktor des Middle East Forum und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts. Sein jüngstes Buch ist „Militant Islam Reaches America“ (Der militante Islam erreicht Amerika). Mr. Fuller ist ehemaliger Vize-Vorsitzender des National Intelligence Council bei der Central Intelligence Agency und hochrangiger Politik-Wissenschaftler bei RAND. Sein jüngstes Buch ist „The Future of Political Islam“ (Die Zukunft des politischen Islam). Der nachfolgende Text ist eine Zusammenfassung der Aussagen der Referenten.

Daniel Pipes

Heutzutage werden Amerikaner wahrscheinlich drei Antworten auf die Frage „Wer ist der Feind?“ zu hören bekommen. Die erste Antwort – „Terroristen“ – ist die der Bush-Administration, die darauf besteht, dass es keine Verbindung zwischen Islam und Terrorismus gibt. Nach dieser Sichtweise ist der Islam eine Religion des Friedens und Gewalt in seinem Namen eine Perversion der wirklichen Religion.

Die zweite Antwort – „Mulime“ – besagt, dass der Feind der Islam selbst ist. Diese Ansicht, früher kaum in Worte gefasst, hat seit dem 11. September an Boden gewonnen, mit prominenten Fürsprechern und Argumenten in Buchlänge. Sie ist besonders stark unter evangelikalen Christen vertreten.

Eine dritte und bessere Antwort ist, dass der Feind der Islamismus ist, eine terroristische Version des Islam. Islamismus ist die totalitäre Wurzel des Problems; Terrorismus ist nur ein Symptom, ein Kriegsinstrument, das von Islamisten benutzt wird um ihre Ziele zu erreichen. Sind diese Fakten einmal verstanden, dann wird klar, dass der Kampf letztlich einer der Ideen und Armeen ist, nicht ein kriminaltechnischer oder religiöser. Wie im Zweiten Weltkrieg oder im Kalten Krieg muss der ideologische Feind besiegt werden; dem muss ein Wiederaufbau der Gesellschaften folgen, in denen die Ideologie Fuß fasste.

Wenn der militante Islam das Problem ist, dann ist der moderate Islam die Lösung. Die Welt steht nicht einem Zusammenprall der Zivilisationen gegenüber, sondern eher einem Kampf zwischen muslimischen Moderaten und Militanten. Die Muslime müssen so Grund legende Dinge wie das Konzept des Jihad, die Stellung der Frauen und den Platz der nicht muslimischen Minoritäten neu interpretieren. Die Vereinigten Staaten können eine moderne, moderate und gut nachbarliche Version des Islam unterstützen, aber die können nicht von sich aus das Aufkommen einer solchen Version sicher stellen. Nur die Muslime können das.

So etwas wie einen moderaten Islamisten gibt es nicht, denn alle Islamisten haben die gleichen langfristigen Zeile; sie unterscheiden sich lediglich in den Mitteln. Die Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei in der Türkei z.B. unterscheidet sich von den Taliban in den Mitteln, aber nicht bezüglich des Endziels. Wenn diese Partei die volle Kontrolle über die Türkei erhalten sollte, dann könnte sie genauso gefährlich sein, wie es die Taliban in Afghanistan waren.

Der größte Fehler der US-Regierung im Nahen Osten war, dass die Herrschaft von Tyrannen akzeptiert wurde, weil man fürchtete, dass die Alternative schlimmer wäre: Islamisten, Baathisten oder andere feindliche Kräfte. Die Zeit ist für Washington gekommen, zu einer demokratischen Entwicklung zu ermutigen, aber in kleinen, allmählichen Schritten. Das bedeutet, dass zivile Gesellschaften aufgebaut werden, in denen Gesetzestreue, Meinungs- und Versammlungsfreiheit sich entwickeln können, lokale Wahlen statt finden usw. Nationale Wahlen würden der Abschlussstein in diesen Veränderungen sein. Diese Reihenfolge umzudrehen – also abrupt von rigidem Autoritarismus zu nationalen Wahlen überzugehen, ohne zuerst eine zivile Gesellschaft aufzubauen – trägt das Risiko, dass die Wahlen von islamistischen Kräften „gestohlen“ werden, wie es in Algerien geschah.

Graham Fuller

Islamismus ist eine Ideologie mit einer viel größeren Reichweite, als radikale Terroristen sie haben. Ein Islamist ist jeder, der die Annahme glaubt und sie umzusetzen versucht, dass der Koran und die Tradition der Hadithe als Hilfsmittel und Leitfaden der Art und Weise genutzt werden sollen, wie Gesellschaften und Regierungen zu führend sind. Diese Definition wird von einem weiten Spektrum der Muslime getragen, von Unterstützern der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) bis zu Osama bin Laden. Die islamistische Bewegung wächst und diversifiziert schnell; sie schließt immer mehr Menschen mit stark unterschiedlichen Ansichten darüber, was Islam sein sollt, ein.

Islamismus ist keine Analogie zu Faschismus oder Kommunismus. Er ist eher ein religiöses, politisches und kulturelles Rahmenwerk, das die Anliegen der Muslime betrifft und dient als attraktivere Alternative zu arabisch-ideologischen Bewegungen der Vergangenheit, die nicht das brachten, was gewöhnliche Muslime brauchen. Der Islamismus hat keinen zentralen Führer oder ein zentrales Programm. Er nimmt keine festgelegte Haltung bezüglich der Rolle einer Regierung ein oder wie der Islam ausgebreitet werden soll oder wie ein islamischer Staat aussehen sollte. Obwohl die Idee der Einführung der Sharia (dem islamischen Gesetz) sehr populär ist, gibt es viele unterschiedliche Ansichten darüber, wie das gemacht werden sollte, einige davon sehr eng und gefährlich, andere viel weiter gefasst und toleranter. Schließlich diskutiert die Sharia nur eine sehr kleine Bandbreite der menschlichen Aktivitäten und beschäftigt sich mit den meisten Funktionen eines Staates nicht.

Das islamistische Phänomen ist nicht Ergebnis eines globalen Trends zur Modernisierung, keine Antwort auf die Probleme und Ansprüche der modernen Welt. Islamismus ist Teil des universellen Kampfes, eine Welt voller Sorgen zu ordnen, in diesem Fall durch eine Religion. Er ist auch Teil der Bestrebung, die Identität und Würde der muslimischen Welt wieder herzustellen. Die Spannungen zwischen dem Westen und der muslimischen Welt sind nicht das Ergebnis eines Zusammenpralls der Religionen; sie sind eher das Symptom eines tief verwurzelten Aufeinanderstoßens von Interessen.

Die USA müssen aufpassen, dass sie in ihrem Versuch, bin Laden selbst aufzustöbern, keine weiteren bin Ladens schaffen. Das ist das wahrscheinlichste Szenario, wenn Washington die Politik weiter führt Staaten unterstützen, die Islamisten zerschlagen. Eine solche Politik geht vermutlich nach hinten los. Die Lösung ist die Unterstützung moderater Islamisten, selbst wenn sie auf Gewalt als politisches Mittel nicht ausdrücklich verzichten.

Demokratie ist die beste Option für die muslimische Welt; ein Ende der Herrschaft unpopulärer Führer würde im größten Interesse der Vereinigten Staaten sein. Diese Führer lenken ständig Feindseligkeit auf die USA, statt gegen solche Ansichten vorzugehen. Als Ergebnis dessen sind sie leichte Ziele für Islamisten, die dem Unvermögen solcher Führer ihre eigenen Handlungen entgegen setzen und sich als die einzigen darstellen, die in der Lage zu sein scheinen, etwas gegen den westlichen Imperialismus zu unternehmen. Demokratisierung wird ein langer Prozess sein, weshalb Washington daran bereits jetzt zu arbeiten beginnen sollte, statt irgendwann später. Muslimische Bevölkerungen sind Jahre lang eingesperrt worden; wenn die Tore sich öffnen, wird es stürmisch. Islamisten werden die ersten Wahlen gewinnen, aber auch die nächsten? Wenn Islamisten die Erwartungen nicht erfüllen können, werden sie scheitern; man muss nur einen Blick auf den Iran werfen, um den Beweis dieser Tatsache zu sehen.

Dieser Bericht des Special Policy Forum wurde von Shoshana Haberman verfasst.

Persönliche Anmerkung: Ich neige stark der Ansicht von Daniel Pipes zu. Mr. Fullers Ansicht, dass man mit moderaten Islamisten zusammenarbeiten sollte, stellt nur eine Form dessen dar, was immer wieder kritisiert wurde: Der Unterstützung von Fanatikern, um andere Fanatiker im Zaum zu halten. Das hat nichts mit Realpolitik zu tun, sondern baut die zukünftigen Monster auf, die dann erneut bekämpft werden müssen oder – ganz in europäischer Tradition der letzten Jahre – nach Gutdünken schalten und walten dürfen und auch noch den Hintern geküsst bekommen.

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