Die Tempel von Jerusalem im Islam

Martin Kramer, The Washington Institute, 18. September 2000

Der politische Status des Tempelbergs in Jerusalem ist Gegenstand der Endstatus-Verhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern. Presseberichten zufolge fragte der palästinensische Chefunterhändler Saeb Erekat während der Camp David-Verhandlungen im vergangenen Juli zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt sein israelisches Gegenüber: „Woher wollen Sie wissen, dass Ihr heiliger Tempel dort stand?“ Eine Titelgeschichte des „Jerusalem Report“ (vom 11. September 2000) brachte das in den Zusammenhang damit, dass von palästinensischer Seite die Existenz des Ersten und Zweiten Tempels zunehmend geleugnet wurde. „Es ist offensichtlich, dass der Erste Tempel eine Erfindung ist“, wird ein palästinensischer Archäologe an der Bir Zeit-Universität zitiert. „Auch der Zweite gehört ins Reich der Fantasie.“

Die Archäologen mögen darüber debattieren und der Platz dafür ist im akademischen Bereich. (Dort wird der biblische Bericht über den Ersten Tempel angezweifelt, während die Existenz des Zweiten Tempels und seine grundsätzliche Lage auf dem Tempelberg als gut belegte Fakten gelten.) Aber am Verhandlungstisch stellt die Heiligkeit eines jeden Orts eine konkrete Realität dar, die so, wie sie ist, respektiert werden muss. Das gilt umso mehr für die Existenz und den Standort des Ersten und des Zweiten Tempels: beide werden von genau den islamischen Quellen bezeugt, die die Heiligkeit des Haram al-Scharif (einschließlich der Aqsa-Moschee und des Felsendoms) für den Islam bescheinigen.

(Die folgenden Koranverse werden nach der englischen Fassung von Abdullah Yussuf Ali zitiert, die als die weithin konservativste sunnitische Übersetzung mitsamt Kommentar gilt. Sie wurde im Auftrag von König Fahd von Saudi Arabien von vier Komitees überprüft und korrigiert und durch königlichen Erlass in Medina veröffentlicht.)

Gab es die Tempel?

Der Koran spricht in Sure 17,7 von der Existenz beider Tempel. In diesem Abschnitt behandelt der Koran die Bestrafung der Kinder Israel wegen ihrer Übertretungen durch Allah:

(Wir erlaubten euren Feinden)
eure Gesichter zu entstellen
und euren Tempel zu betreten,
wie sie ihn zuvor schon betreten hatten,
und euch mit Vernichtung heimzusuchen,
alles, was in ihre Macht fiel.

Das von Abdullah Yussuf Ali (und durch den einflussreichen Übersetzer Marmaduke Pickthall vor ihm) mit „Tempel“ übersetzte Wort ist „masjid“. Dieses Wort, das gewöhnlich mit „Moschee“ wiedergegeben wird, hat die Bedeutung eines Heiligtums, wo immer es in einem vor-islamischen Kontext erscheint. Die übliche Auslegung dieses Verses (einschließlich der von Abdullah Yussuf Ali) besagt, dass er sich auf die Zerstörung des Ersten und Zweiten Tempels bezieht.

Die muslimische Tradition beharrt besonders auf der Existenz des Ersten Tempels, von Salomo gebaut, der im Koran als Prophet und Muster an Weisheit erscheint. Sure 34,13 ist ein Bericht, wie Salomo Dschinne (Geister) rief, um den Tempel zu bauen:

Sie arbeiteten für ihn,
wie er es wünschte, (machten) Bögen,
Bilder, Becken,
so groß wie Teiche
und (Koch-)Kessel, (die
fest eingebaut sind)

Die frühen Muslime betrachteten den Bau und die Zerstörung des Tempels Salomons als wichtiges historisches und religiöses Ereignis, und Berichte über den Tempel werden von vielen der frühen muslimischen Historiker und Geographen (einschließlich Ibn Qutayba, Ibn al-Faqih, Mas’udi, Muhallabi und Biruni) angeführt. Fantastische Geschichten, wie Salomo den Tempel baute, erscheinen auch in den „Qisas al-anbiya“, dem mittelalterlichen Kompendium muslimischer Legenden über die vor-islamischen Propheten. Der Historiker Raschid Khalidi schrieb 1998 (wenn auch nur in einer Fußnote), es gebe zwar keinen „wissenschaftlichen Beweis“ dafür, dass Salomos Tempel existierte, doch „müssen alle Anhänger irgendeines abrahamitischen Glaubens notgedrungen akzeptieren, dass es ihn gab“.[i] Das gilt für Muslime nicht weniger als für Christen und Juden.

Der Standort der Tempel

So viel zur Existenz der Tempel. Was ist nun mit ihrem Standort? Das islamische Heiligtum des Haram al-Sharif stützt sich auf Sure 17,1:

Preis Ihm (Allah),
der Seinen Diener des Nachts
auf eine Reise nahm,
von der Heiligen Moschee
zu der Fernsten Moschee

Das ist der Textbeleg für die „isra’“, den irdischen Abschnitt der Nachtreise des Propheten Mohammed: Über Nacht wurde Mohammed auf wundersame Weise von „der Heiligen Moschee“ (al-Masjid al-Haram) – d.h. die Ka’ba (bzw. ihre Umgebung) in Mekka – zu „der Fernsten Moschee“ (al-Masjid al-Aqsa) und zurück befördert. Später begann die muslimische Tradition, „die Fernste Moschee“ mit Jerusalem gleichzusetzen. Zu Mohammeds Lebzeiten gab es jedoch keine Moschee in Jerusalem; die Muslime eroberten die Stadt erst einige Jahre nach seinem Tod. Abdullah Yussuf Alis Kommentar dieses Verses fasst die traditionelle Erklärung zusammen: „Die Fernste Moschee“, schreibt er, „muss sich auf den Ort des Tempels Salomons in Jerusalem auf dem Berg Moriah beziehen.“

Als dann Muslime auf diesem Hügel eine Moschee bauten, so die muslimische Tradition, bauten sie sie bewusst an der Stelle, an der nachgewiesenermaßen frühere Heiligtümer standen. Nach muslimischer Tradition suchte der Kalif Omar, als er Jerusalem nach der Eroberung besuchte, nach dem Heiligtum Davids oder der Gebetsecke („mihrab Dawud“), die im Koran (Sure 38,21) erwähnt wird. (David soll den Ort ausgesucht haben, an dem Salomo baute). Als Omar sicher war, sie gefunden zu haben, befahl er, dass dort ein Gebetsort (musalla) eingerichtet werden solle. Das entwickelte sich zu einem Vorläufer der späteren Al Aksa-Moschee. Damit begann die Islamisierung des Komplexes, der später als Haram al-Scharif bekannt wurde. Es wurde islamische Tradition, dass Muslime die Stätte wieder ihrer früheren Funktion als Ort des Flehens aller Propheten, einschließlich Abrahams, Davids und Salomons, zugeführt hätten.

Sari Nusseibeh, Präsident der al-Quds-Universität, hat diese ursprüngliche Bedeutung des Orts für die Muslime betont: Die Moschee ist das letzte und endgültige einer Reihe dort errichteter Heiligtümer. „Die Moschee war selbst eine Wiederbelebung des alten jüdischen Tempels“, schreibt Nusseibeh, „ein Repräsentativ-Beispiel der Einheit mit der abrahamitischen Botschaft, eine Verkörperung des neuen Tempels, der lange ersehnt und vorhergesagt war. Warum sollte das seltsam erscheinen, wenn Mohammed selbst, dem Koran zufolge, genau der Prophet war, der von der ‚wahren’ jüdischen Literatur erwartet und beschrieben wurde?“[ii] Ob er nun Tempelberg oder al-Haram al-Scharif genannt wird, dieser Teil von Jerusalem ist die physische Überlappung von Judentum und Islam. Die oben zitierte Sure 17 des Koran wird „Bani Isra’il“ genannt – die Kinder Israels. Der heutige Staat Israel hat im Interesse des Friedens die Heiligkeit des Orts für die heutigen Muslime anerkannt. Wenn Muslime unter Missachtung des Korans und der muslimischen Tradition die Existenz der Tempel in Frage stellen oder sogar leugnen, bedeutet das, dass sie genau die Quellen anzweifeln, die ihren eigenen Anspruch untermauern.

[i] Raschid Khalidi: „Transforming the Face of the Holy City: Political Messages in the Built Topography of Jerusalem“ (Veränderung des Gesichts der Heiligen Stadt: Politische Botschaften in der städtebaulichen Topographie Jerusalems). Referat für die Konferenz zu “Landscape Perspectives on Palestine“ (Landschafts-Perspektiven zu Palästina), Bir Zeit Universität, 12. – 15. November 1998, http://www.jqf-jerusalem.org/journal/1999/jqf3/khalidi.html

[ii] Sari Nusseibeh: „Islam’s Jerusalem“ (Das Jerusalem des Islam), http://www.passia.org/jerusalem/publications/religiousaspectstext.htm#Islam’s%20Jerusalem

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