Der Islam ist, was seine Anhänger daraus machen

Daniel Pipes, The New York Sun, 28. September 2004

Was glauben Muslime in Bezug auf freie Wahl der Religion? Ein Koranvers (Sure 2,256) antwortet: „Es soll kein Zwang sein im Glauben“ (auf Arabisch: la ikrah fi’d-din). Das klingt eindeutig und das Islamic Center of Southern California besteht darauf, dass es so ist und sagt, das das zeigt, wie der Islam die Prinzipien der US-Verfassung voraus sah. Das Zentrum betrachtet den ersten Verfassungszusatz („Der Kongress soll kein Gesetz erlassen bezüglich der Etablierung der Religion oder der Behinderung der freien Ausübung derselben“) als auf den Konzepten des kein Zwang-Verses aus dem Koran gegründet.

In ähnlichem Geist argumentiert ein ehemaliger oberster Richter aus Pakistan, S.A. Rahman, dass die koranische Formulierung „eine Charta der Freiheit des Geistes beinhaltet, der in der menschlichen Religionsgeschichte ohne Gleichen ist“.

Für westliche Gefühle macht diese Interpretation intuitiv Sinn. Also schreibt Alan Reynolds, ein Ökonom des CATO Institute, in der Washington Times, dass der Vers zeigt, dass der Koran „religiöse Toleranz empfiehlt“.

Wenn es nur so einfach wäre.

In der Tat hat dieser täuschend einfache Satz historisch eine Unmenge von Bedeutungen gehabt. Hier sind einige davon, die meisten aus der Vormoderne; sie entstammen zwei herausragenden Büchern, die vor Kurzem erschienen sind: Patricia Crones „God’s Rule: Government and Islam“ (Gottes Herrschaft: Regierung und Islam. Columbia University Press) und Yohanan Friedmans „Tolerance and Coercion in Islam“ (Toleranz und Zwang im Islam. Cambridge University Press), ergänzt durch meine eigene Forschung. Von der am wenigsten liberalen zur liberalsten Version ist der „kein Zwang“-Satz wie folgt betrachtet worden:

  • als aufgehoben: Die Passage wurde durch nachfolgende Koranverse außer Kraft gesetzt (wie z.B. Sure 9,73: „O Prophet, streite gegen die Ungläubigen und die Heuchler. Und sei streng mit ihnen“).
  • als rein symbolisch: Der Satz ist eine Beschreibung, keine Verpflichtung. Die Wahrheit des Islam ist so offenbar, dass jemanden zu zwingen Muslim zu werden nicht zu „Zwang“ wird; oder anders gesagt: dazu gebracht zu werden den Islam nach einer Niederlage im Krieg anzunehmen, wird nicht als „Zwang“ betrachtet.
  • als Sprituell, nicht praktsich: Regierungen können tatsächlich externen Gehorsam erzwingen, obwohl sie natürlich nicht das Denken der Muslime erzwingen können.
  • als begrenzt bezüglich Zeit und Ort: Er war einzig nur für Juden in Medina im siebenten Jahrhundert anzuwenden.
  • als begrenzt auf Nicht-Muslime, die unter muslimischer Herrschaft leben und diese akzeptieren: Manche Juristen sagen er gelte nur für „Völker des Buchs“ (Christen, Juden und Zarathustra-Anhänger); andere sagen, er gelte für alle Ungläubigen.
  • als Nicht-Muslime ausschließend: Abtrünnige, Frauen, Kinder, Kriegsgefangene und andere können tatsächlich gezwungen werden. (Dies ist die Standard-Interpretation, die zu den meisten Zeiten und an den meisten Orten angewandt wurde.)
  • als begrenzt auf alle Nicht-Muslime: Muslime müssen den Lehren des Islam folgen und dürfen nicht abtrünnig werden.
  • als begrenzt auf Muslime: Muslime können von einer Interpretation ihres Glaubens zu einer anderen wechseln (z.B. als Sunniten Schiiten werden), dürfen den Islam aber nicht verlassen.
  • als gültig für alle Menschen: Den wahren Glauben zu erlangen muss durch Versuch und Irrtum erreicht werden; Zwang untergräbt diesen Prozess.

Massive Meinungsunterschiede zu einem kurzen Satz sind typisch, denn Gläubige streiten über den Inhalt aller heiligen Bücher, nicht nur über den Koran. Die Debatte um den „Kein Zwang“-Vers hat mehrere wichtige Folgen.

Erstens zeigt es, dass der Islam – wie alle Religionen – das ist, was immer seine Anhänger daraus machen. Die Auswahl der Muslime reicht von Unterdrücken wie durch die Taliban zur Liberalität wie im Balkan. Es gibt wenige Grenzen; und es gibt keine „richtige“ oder „falsche“ Interpretation. Muslime haben die freie Auswahl, was „kein Zwang“ im 21. Jahrhundert heißen soll.

Im Gegensatz dazu sollten Nicht-Experten sehr vorsichtig sein zu sagen, was die Bedeutung des Korans ist; diese ist fließend und subjektiv. Als Alan Reynolds schrieb, dass der „Kein Zwang“-Vers bedeute, der Koran „rate zu religiöser Toleranz“, meinte er es gut, führte aber de facto seine Leser in die Irre.

Weiterhin haben viele Bereiche des Islam Parallelen zu dieser Diskussion. Muslime können neu entscheiden, was „Jihad“ bedeutet, welche Rechte Frauen haben, welche Rolle die Regierung spielen sollte, welche Zinsarten für Geld verboten werden sollten und vieles mehr. Wie sie diese großen Fragen lösen betrifft die gesamte Welt.

Zum Schluss: Obwohl die Muslime allein diese Entscheidungen treffen werden, können Westler die Richtung beeinflussen, in die diese gehen. Repressive Elemente (wie das saudische Regime) können durch eine verringerte Abhängigkeit vom Öl zurückgeworfen werden. Liberalere Muslime (wie die Kemalisten Atatürks) können dadurch an den Rand gedrängt werden, dass man eine islamistisch geführte Türkei der Europäischen Union beitreten lässt.

Was Nicht-Muslime tun, hat möglicherweise auch großen Einfluss darauf, ob „kein Zwang im Glauben“ in religiöse Toleranz übersetzt werden kann oder (wie im Fall von Salman Rushdie) eine Lizenz zum Töten gibt.