Moderate Muslime erkennen

Daniel Pipes, The New York Times, 23. November 2004

Es gibt gute Nachrichten zu vermelden: Die Vorstellung, dass der „militante Islam das Problem und der moderate Islam die Lösung“ ist, gewinnt mit der Zeit immer mehr an Akzeptanz. Aber es gibt auch schlechte Nachrichten, nämlich die wachsende Konfusion darüber, wer wirklich ein moderater Muslim ist. Das bedeutet, dass die ideologische Seite des Krieges gegen den Terror zwar Fortschritte macht, allerdings nur geringe.

Die gute Nachricht: Anti-islamistische Muslime äußern sich seit dem 11. September. Zu ihnen gehören anerkannte Akademiker wie Azar Nafisi (Johns Hopkins University), Ahmed al-Rahim (früher in Harvard), Kemal Silay (Indiana) und Bassam Tibi (Göttingen). Wichtige islamische Persönlichkeiten wie Ahmed Subhy Mansour und Muhammad Hisham Kabbani äußern sich sehr deutlich.

Organisationen entstehen. Das American Islamic Forum for Democracy, angeführt von Zuhdi Jasser, ist in Phoenix (Arizona) aktiv. Die Free Muslim Coalition Against Terrorism scheint aufrichtig antiislamistisch zu sein, trotz meiner anfänglichen Zweifel bezüglich ihres Gründers Kamal Nawash. International fordert eine vor einem Monat bekannt gemachte wichtige Petition einer Gruppe liberaler Araber einen Vertrag, der religiöse Aufhetzung zu Gewalt bannt. Insbesondere genannt werden „Scheiks des Todes“ (wie Yussuf Al-Qaradawi von Al-Jazira TV) und es wird gefordert, dass sie vor ein internationales Gericht gestellt werden. Mehr als 2.500 muslimische Intellektuelle aus 23 Staaten unterschrieben diese Petition innerhalb kürzester Zeit.

Inzwischen finden einzelne Muslime den Mut, islamistische Verbindungen zum Terrorismus zu verurteilen. Das wahrscheinlich am stärksten herausstechende Beispiel ist ein Artikel von Abdel Rahman al-Rashid, einem saudischen Journalisten in London. „Es ist eine sichere Tatsache, dass nicht alle Muslime Terroristen sind“, schreibt er, „aber es ist genauso sicher und außergewöhnlich schmerzlich, dass fast alle Terroristen Muslime sind. Wir können unseren Namen nicht rein waschen, wenn wir nicht die beschämende Tatsache eingestehen, dass der Terror eine islamische Unternehmung geworden ist, ein fast exklusives Monopol, das muslimische Männer und Frauen umsetzen.“

Weitere Analysten sind al-Raschids Beispiel gefolgt. Osama El-Ghazali Harb schreibt aus Ägypten, dass „muslimische und arabische Intellektuelle und Meinungsführer jedem Versuch entgegen treten müssen, die barbarischen Akte dieser Gruppen damit zu rechtfertigen, dass Muslime Leid erdulden.“ Aus Virginia kommt Anouar Boukhars‚ Meinung, dass „Terrorismus ein muslimisches Problem und die Ablehnung, das zuzugeben wirklich Besorgnis erregend ist.“

Die schlechte Nachricht: Jede Menge falscher Moderater paradieren umher und sie sind schwer zu erkennen, selbst für jemanden wie mich, der diesem Thema so viel Aufmerksamkeit widmet. Das Council of American Islamic Relations erhält immer noch breite Unterstützung und die Islamic Society of North America legt noch immer gelegentlich die amerikanische Regierung auf’s Kreuz. Die brandneue Progressive Muslim Union erhält wegen ihrer angeblichen Moderatheit begeisterte Kritiken von leichtgläubigen Journalisten, obwohl ein Großteil ihrer Führung (Salam Al-Marayati, Sarah Eltantawi, Hussein Ibish, und Ali Abunimah) wohlbekannte Extremisten sind. Zum Glück hielten die Behörden Tariq Ramadan wie auch Yussuf Islam aus Amerika heraus, aber Khalid Abu El Fadl kam durch und, was noch schlimmer war, erhielt einen Termin beim Präsidenten.

Selbst Demonstrationen gegen den Terror sind nicht immer, was sie zu sein scheinen. Am 21. November marschierten mehrere Tausend Demonstranten, einige davon Muslime, in Köln unter Spruchbändern mit der Aufschrift „Gemeinsam für Frieden und gegen Terror“. Man rief „Nein zum Terror“ und Politiker gaben Wohlfühl-Erklärungen ab. Die kurz nach dem Mord vom 2. November an Theo van Gogh erfolgte Demonstration in Köln diente allerdings als clevere Verteidigungs-Maßnahme. Der Organisator der Veranstaltung, die islamistische Diyanet Işleri Türk-Islam Birliği nutzte sie als Nebelwand, um den Druck hin zu wirklichem Wandel abzuwehren. Die Reden auf der Demonstration schlossen kein mea culpa oder Aufrufe zu einem In-sich-Gehen ein, nur Rechtfertigung des Jihad und die Beschwörung fader und leerer Schlagworte wie „Islam heißt Frieden„.

Diese komplexen, verwirrenden Daten deuten auf mehrere Schlussfolgerungen hin:

  • Islamisten sehen das Bedürfnis moderate Muslime sehen zu wollen und lernen diese Moderatheit vorzutäuschen. Im Lauf der Zeit wird sich ihre Tarnung ohne Zweifel weiter verbessern.
  • Herauszufinden, wer wer ist, ist von großer Wichtigkeit. Es mag offensichtlich sein, dass Osama bin Laden islamistisch und Irshad Manji antiislamistisch ist, aber viele Muslime befinden sich im Trüben dazwischen. In der Türkei tobt seit Jahren eine ungelöste Debatte, ob der derzeitige Premierminister, Recep Tayyip Erdoğan, ein Islamist ist oder nicht.
  • Die Aufgabe wahre Moderate zu identifizieren kann nicht durch Raten und Intuition erledigt werden; um das zu überprüfen, sollte man sich die anhaltende Geschichte der Unterstützung von Islamisten durch die amerikanische Regierung ansehen, die diesen Legitimation, Bildung und (sogar vielleicht) Gelder verschuf. Auch ich habe meine Fehler gemacht. Nötig ist ein ernsthaftes, andauerndes Nachforschen.