Der dänische „Karikaturenstreit” (1) – Das ABC bestellter Krawalle

Amir Taheri, The New York Post, 9. Februar 2006

„Ein Segen Gottes“: So haben Führer des Iran, angefangen bei Präsident Mahmud Ahmadinedschad, die Kontroverse über die dänischen Karikaturen des Propheten Mohammed beschrieben.

Wenn man aber genauer hinsieht, dann zeigt sich, dass das ganze Brimborium von sunnitisch-salafidischen Gruppen in Europa und Asien angezettelt wurde, wobei Ahmadinedschad und sein syrischer Vasall, Präsident Baschar al-Assad, verspätet auf den Zug aufsprangen. Gott hatte nichts damit zu tun.

Um zu sehen, wie die ganze Sache aufgezogen wurde, um präzisen politischen Zielen zu dienen, sollte man sich die Chronologie der Ereignisse ansehen:

Die Karikaturen wurden letzten September veröffentlicht und schlugen drei Monate lang keinerlei Wellen außerhalb kleiner Gruppen salafiischer Militanter in Dänemark.

Im Dezember füllte eine Gruppe dänischer militanter Muslime ihre Koffer mit Fotokopien der Karikaturen und machten sich auf eine Tour durch muslimische Hauptstädte.

Sie kamen nicht nach Teheran: Die Iraner als Schiiten betrachteten sie als sunnitische Aktivisten, die Böses im Schilde führten. Aber sie schafften es nach Kairo, Damaskus und Beirut und durften Emissäre nach Saudi Arabien schicken.

Die dänische Muslim-Gruppe tat außerdem etwas Unehrenhaftes – sie fügten der von Jyllands-Posten veröffentlichten eine Reihe weit abfälligere Karikaturen des Propheten hinzu und brachten ihre Gesprächspartner in den muslimischen Hauptstädten dazu zu glauben, dass all das in der dänischen Presse erschienen sei.

In Kairo sagte die Moslembruderschaft der dänischen Gruppe, dass es die falsche Zeit war wegen der Karikaturen Wirbel zu veranstalten. Die Bruderschaft war schwer damit beschäftigt ihre Wahlkampfstrategie zu planen und vorzugeben, dass sie eine „moderate“ Partei sei. Das Letzte, was sie wollten, war als fanatische, antiwestliche Kraft gebrandmarkt zu werden. Die Führer der Bruderschaft schlugen vor die Sache bis Januar auf Eis zu legen.

Die dänischen Militanten erhielten auch von der Hamas, der radikalen Palästinenser-Bewegung, eine abschlägige Antwort. Die Hamas war damit beschäftigt eine allgemeine Wahl zu gewinnen und musste wenigstens einen Teil der palästinensischen Mittelschicht für sich gewinnen. Der Rat der Hamas war: Wartet, bis wir gewonnen haben.

Die Emissäre fanden in Qatar ein mitleidigeres Publikum – dort, wo der Satelliten-Fernsehsender Al Jazira (der dem Emir gehört) sich darauf spezialisiert Muslime gegen den Westen und gegen Demokratie allgemein aufzuhetzen. Der oberste Islamisten-Televangelist des Senders, Yussuf al-Qaradawi (ein ägyptischer Prediger, der auch ein Freund des Londoner Bürgermeisters Ken Livingstone ist) war nur allzu gern bereit eine „Fatwa“ auszugeben um die Lunte zu zünden. Er mobilisierte dann sein Netzwerk militanter Moslembrüder in Europa, um die Karikaturen anzugreifen und fälschlich zu behaupten, die Bilder seien im Islam nicht erlaubt und die dänische Zeitung habe „ein absolutes Prinzip des Einzig Wahren Glaubens“ verletzt.

So erhielt der Aufruf zum Jihad vermutlich sein „theologisches“ grünes Licht. (Ironischerweise wird die von al-Waradawi geführte Sektion der Bruderschaft als Nichtregierungs-Organisation von der Europäischen Union finanziert.)

Als die ersten Mitmob-Mengen auf den globalen Fernsehschirmen erschienen, erkannte Ahmadinedschad, dass es hier eine Kuh gab, die zu melken sich lohnte.

Da Dänemark turnusmäßig den Vorsitz des UNO-Sicherheitsrats übernehmen soll – genau zu der Zeit, zu der erwartet wird, dass die Internationale Atomenergie-Behörde (IAEA) den Iran an den Sicherheitsrat überweisen und Sanktionen verlangen wird. Was gab es da für Teherans Zwecke Besseres als Dänemark als „Feind des Islam“ darzustellen und muslimische Gefühle gegen den Sicherheitsrat zu mobilisieren?

Um den sunnitisch-salafidischen Gruppen die Initiative wieder abzunehmen, befahl Ahmadinedschad rasch die Beendigung aller Wirtschaftsverbindungen mit Dänemark, womit er die Islamische Republik als Weltführer der Muslime in der antidänischen Kampagne darstellte.

Als nächstes sprang Syrien auf den Zug auf, ebenfalls, weil sie etwas gewinnen können. Die UNO will den syrischen Präsident Baschar al-Assad und fünf seiner Verwandten und Helfer, darunter seinen jüngerer Bruder, wegen des Mordes am früheren libanesischen Premierministers Rafiq al-Hariri befragen. (Assad hat versucht für sich und seinen Bruder im Tausch gegen die Auslieferung der andren Immunität auszuhandeln – aber die UNO hat nicht mitgespielt.) Wie beim Atomprogramm des Iran wird die Akte Syrien unter dänischer Präsidentschaft beim Sicherheitsrat eintreffen. Dänemark als „Feind des Propheten“ darzustellen wäre gar nicht so schlecht, wenn der Rat, wie erwartet, mit dem Finger auf Assad und sein Regime als für eine Reihe politischer Morde verantwortlich zeigt, auch den an Hariri.

Die Kuh „Dänische Karikaturen“ wird auch auf eine weitere Art gemolken: Teheran und Damaskus haben einen diplomatischen Feldzug gestartet, um die Frage des „Schutzes von Religionen gegen Blasphemie“ auf die Tagesordnung des Sicherheitsrates zu setzen. Wenn das passieren sollte, müssten Fragen wie die nach Irans Anstreben der Atombombe und Syriens Mordmaschine im Libanon zur Seite gewischt werden, jedenfalls soweit es die öffentliche Meinung der Welt angeht.

Wer Fernseh-Nachrichten sieht könnte glauben, dass die gesamte muslimische Welt vor gerechtfertigter Wut entbrannt ist, die in „spontane Demonstrationen“ umgesetzt wurden. Die Wahrheit ist, dass die überwältigende Mehrheit der Muslime, selbst wenn sie wegen der Karikaturen beleidigt sind, die sie nicht gesehen haben, sich von den Straßenshows fern gehalten haben, die von den Radikalen und den iranischen und syrischen Sicherheitsdiensten inszeniert wurden.

Die Zerstörung dänischer und norwegischer Botschaften und Konsulate geschah nur an zwei Orten: Damaskus und Beirut. Jeder, der Syrien kennt, wüsste, dass es in dieser Diktatur keine spontanen Demonstrationen gibt. (Selbst jetzt gelang es der syrischen Geheimpolizei nicht, mehr als 1.000 Mietmob-Militante aufzutreiben.) Und die syrische Regierung lehnte die Forderung der norwegischen Botschaft nach zusätzlichem Polizeischutz ab. Es war klar, dass die Syrer wollten, dass die Botschaften geplündert wurden.

Die Mitmob-Angriffe in Beirut waren zynischer. Die syrische Baath-Partei – die seit Jahren sunnitisch-salafidische Militante ermordet, ins Gefängnis geworfen oder deportiert hat – wurde auf einmal von einer radikal säkularen und sozialistischen Partei in die „Vorreiterin des Glaubens“ verwandelt. Der Mob, der die Gräuel in Beirut beging, wurde mit Bussen aus Syrien herangekarrt und bestand aus militanten Muslimbrüdern, denen niemals erlaubt wird auf eigene Faust zu demonstrieren.

Die muslimischen Menschenmengen, die wegen der Karikaturen demonstriert haben, machten selten mehr als ein paar Hundert aus; der Anteil der Muslime an der Menschheit wird auf 1,2 Milliarden geschätzt. Und nur drei der Botschaften Dänemarks in 57 muslimischen Ländern sind angegriffen worden.

Die dänisch-muslimische Truppe, die log, indem sie Karikaturen hinzufügte, die nie veröffentlicht wurden, hat dem Propheten und dem Islam mehr Schaden zugefügt als die 12 kontroversen Karikaturisten der Jyllands-Posten.

Der Kampf zwischen Dänemark und seinen Verleumdern ist keiner zwischen dem Westen und dem Islam. Er findet statt zwischen einer Demokratie und einer globalen, faschistischen Bewegung, die sich als Religion maskiert.