Der dänische „Karikaturenstreit” (2) – Der Streit ist ein Kulturkampf, geht nicht um Karikaturen

Jonah Goldberg, townhall.com, 8. Februar 20o6

Hört auf von den Karikaturen. Es geht nicht um die Karikaturen.

Die Krawalle und Demonstrationen im gesamten Nahen/Mittleren Osten und Westeuropa (auch wenn sie hier in den USA noch nicht stattfinden) wegen einiger Karikaturen des muslimischen Propheten Mohammed haben parallel dazu im Westen einen intellektuellen Aufstand um die Natur der Rede- und Ausdrucksfreiheit ausgelöst. Viele Experten und Redakteure haben fieberhaft daran gearbeitet, dies als eine Debatte über die Richtigkeit des Abdrucks von Karikaturen zu halten. Einige Nachrichtenmedien ändern ihr Vorgehen so, dass sie „religiöse“ Empfindlichkeiten in der Zukunft nicht mehr kränken.

Die Anführungszeichen um das Wort „religiöse“ sollte alles sagen. Wir reden nicht über „Religion“. Wir reden von einer ganz bestimmten Religion – dem Islam. Glaubt wirklich irgendjemand, dass das Abbrennen dänischer Botschaften und Forderungen nach der „Abschlachtung“ der Verantwortlichen durch muslimische Protestierende tatsächlich die BBC oder der New York Times gelehrt haben evangelikalen Christen oder orthodoxen Juden gegenüber höflicher zu sein? Glaubt irgendjemand wirklich, dass arabische Zeitungen – oft in Staatseigentum – aufhören werden Bilder von Juden als Babykillern und hakennasigen Verschwörern aus der Nazizeit zu recyceln, weil sie zu der aufgeklärten Meinung gekommen sind, dass Worte verletzen können? Wenn man bedenkt, dass eine iranische Zeitung gerade einen Wettbewerb für die beste Holocaust-Karikatur ausgeschrieben hat, erscheinen die Chancen gering. Abgesehen davon: Warum sollte der Holocaust wegen etwas heruntergespielt werden, was eine dänische Zeitung gemacht hat? (Zu einem gewissen Teil bekommt diese Antwort die Ehre: „Es ist immer nützlich auf den Juden herumzuhacken.“)

Ich persönlich finde nicht, dass die Karikaturen sonderlich gut waren. Sie scheinen auch aus dem Wunsch heraus veröffentlicht worden zu sein Muslime zu beleidigen. Die Redakteure und viele, die sonst noch die Zeitung Jyllands-Posten verteidigen, sagen, sie hätten beweisen müssen, dass in Dänemark durch Muslime ein Klima der Angst erzeugt wurde. Sie bewiesen, dass es Muslime gab, die bereit waren ein Klima der Angst erzeugen, indem sie diese Muslime beleidigten. Sie waren erfolgreich.

Aber die Frage der „Beleidigung“ ist ebenfalls eine Ablenkung. Nehmen wir an, dass die Veröffentlichung der Karikaturen nur von dem Wunsch motiviert war die Muslime zu beleidigen – oder wenigstens einige Muslime. Was ändert das daran, wie wir die Ereignisse betrachten sollten? Wenn ich meinen Nachbarn unnötig beleidige, sollte ich mich schämen. Wenn er als Antwort mein Haus niederbrennt und droht meine gesamte Familie umzubringen, wen interessiert dann noch, was ich vorher gesagt habe? Es gibt die Forderung eines weltweiten islamischen Boykotts dänischer Produkte wegen etwas, das eine unabhängige Zeitung in einer freien Gesellschaft machte. (Der Boykott sollte den Verkauf dänischen Schinkens nicht treffen, Gott sei Dank.)

Überreaktionen gibt es gewöhnlich wegen etwas Größerem. Die Pointe an der Metapher des „Strohhalms“ ist die, dass kleine Dinge unverhältnismäßige Reaktionen auslösen können. Ein muslimischer Demonstrant in Großbritannien hielt ein Schild hoch, auf dem stand: „Zur Hölle mit der Freiheit!“ Glauben wir wirklich, dass eine Hand voll Karikaturen in Dänemark ihn von einem Jefferson-Demokraten in einen Jihadisten verwandelten? War der Träger des Schildes „Köpft die, die den Islam beleidigen“ bis vor Kurzem ein Pazifist?

Vielleicht, aber nur vielleicht, hatten diese Typen etwas auf dem Tisch, lange bevor sie von diesen Karikaturen auch nur gehört hatten.

Es scheint offensichtlich, mir zumindest, dass dies die Geräusche sind, die mit dem Zusammenprall von Zivilisationen daher kommen. Letztes Jahr verursachte die (falsche) Story der Newsweek, dass amerikanische Vernehmungsbeamte Korane die Toilette hinunter spülten tödliche Krawalle in Afghanistan. In Paris randalieren Muslime – oder drohen damit – gegen alles Mögliche von Schülerinnen ohne Kopftuch bis zu nicht genügend halal (erlaubtem) Brie. In der ganzen Welt leiden Muslime unter einer Mixtur aus legitimen Klagen und einem enormen Minderwertigkeitskomplex. Muslimische – und besonders arabische – Regierungen haben ein starkes Interesse daran derartige Dinge zu schüren, denn sie lenken von den eigenen, korrupten Regimen ab. Und die muslimische „Straße“ scheint jedes Mal darauf hereinzufallen.

Genauso auch große Teile der westlichen Presse. Sicher, es geht um die Meinungsfreiheit, aber es geht ebenso um viel mehr. Journalisten lieben es von der Pressefreiheit zu reden. Aber sie mögen nicht über die enorme Last auf den Schultern der muslimischen Welt zu reden und sie hassen es wirklich den „unterdrückten“ Völkern irgendetwas Beleidigendes zu sagen.

Das Außenministerium anzuprangern, weil es diese Karikaturen kritisiert, macht nur dann Sinn, wenn man diese Situation durch ein sehr enges Prisma betrachtet. Die US-Regierung kämpft einen konventionellen Krieg in zwei muslimischen Staaten und einen geheimen und diplomatischen „globalen Krieg gegen den Terror“, der die ganze weltweite muslimische Welt einbezieht. Mir gefällt auch nicht, wie die USA auf Dänemark herumhacken, aber wir sollten wenigstens erkennen, dass die Regierung Bush ein größeres Bild im Hinterkopf hat als die, die finden, dass es nur um ein paar Karikaturen geht.

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