Der dänische „Karikaturenstreit” (3) – Der Fluch der moderaten Muslime

Charles Krauthammer, The Washington Post, 10. Februar 2006

Während ein großer Teil der islamischen Welt in einen wohl überlegten Ausbruch von Zorn über die dänischen Mohammed-Karikaturen ausbricht, sind auf beiden Seiten Stimmen der Vernunft zu hören. Einige islamische Führer und Organisationen sprechen sich, während sie das Gefühl des Grolls der Demonstranten und ihre Wut teilen, gegen den Gebrauch von Gewalt als Mittel ihres Ausdrucks aus. Ihre westlichen Gegenstücke – Intellektuelle, darunter die meisten der großen Zeitungen der Vereinigten Staaten – sind ähnlich ausgewogen: Während natürlich das Prinzip der freien Meinungsäußerung begrüßt wird, kritisieren sie die dänische Zeitung wegen des Missbrauchs dieses Rechts durch die Veröffentlichung der beleidigenden Karikaturen und erklären im Namen der religiösen Sensibilität gegen die Veröffentlichung, dass sie das nicht tun werden.

Gott bewahre uns vor den Stimmen der Vernunft.

Was in der islamischen Gemeinschaft als Moderatheit durchgeht – „Ich teile eure Wut, aber zündet nicht diese Botschaft an“ – ist einfach nichts dergleichen. Das ist einfach ein zynischer Weg die Ziele des Mobs gut zu heißen ohne die Mittel zu begrüßen. Das ist arglistig, denn während man vorgibt das Prinzip der religiösen Rücksichtnahme hoch zu halten, liegt nur das Interesse an diesem Fall von religiöser Gefühllosigkeit vor.

Hat irgendeiner dieser „Moderaten“ jemals gegen die grotesken Karikaturen von Christen und insbesondere von Juden protestiert, die im gesamten Mittleren Osten tagtäglich ausgestrahlt werden? Die Predigten im palästinensischen Fernsehen, in denen Juden als Söhne von Schweinen und Affen bezeichnet werden? Die syrische Fernsehserie zur Hauptsendezeit, die zeigt, wie Rabbis einen nicht jüdischen Jungen schlachten, um sein Blut rituell zu sich zu nehmen? Die 41-teilige (!) Serie im ägyptischen Fernsehen, die auf der antisemitischen, zaristischen Fälschung (und Inspiration der Nazis) basiert, den „Protokollen der Weisen von Zion“, die zeigt, wie die Juden sich mit einer Jahrhunderte alten Verschwörung zur Beherrschung der Welt beschäftigen?

Ein wahrhaft moderater Muslim ist einer, der gegen die Schändung jeden Glaubens protestiert. Die das nicht tun, sind keine Moderaten, sondern Heuchler, Opportunisten und Vertreter der Randalierer, die lediglich andere Mittel zur Erreichung desselben Ziels nutzen: dem Westen mit seinen Traditionen der Redefreiheit einen Satz von Tabus aufzudrücken, die exklusiv für den islamischen Glauben gelten. Solche Leute sind keine Verteidiger der Religion, sondern solche, die an die muslimische Überlegenheit glauben und versuchen ihr Diktat dem liberalen Westen aufzuzwingen.

Und diesen „Moderaten“ wird von westlichen „Moderaten“ geholfen, von ihnen unterstützt, die Bilder einer mit Elefantenkot bedeckten Jungfrau Maria veröffentlichen und „Piss Christ“ (ein Kruzifix, das in einem mit Urin gefüllten Glasgefäß steckt) als Kunst feiern, das öffentliche Subventionierung verdient, aber von einer plötzlichen religiösen Sensibilität ergriffen sind, wenn Mohammed das Objekt ist.

Wären sie nicht so heuchlerisch gewesen, könnte man ihre Ablehnung der Wiederveröffentlichung dieser Karikaturen verteidigen, weil guter Geschmack und Feingefühl manchmal über dem Nachrichtenwert stehen können. Schließlich veröffentlichen amerikanische Zeitungen allgemein – und zu Recht – aus grundsätzlichem Anstand keine Bilder von Leichen, welchen Nachrichtenwert auch immer sie haben.

Es gibt ein „Sensibilitäts“-Argument dafür die Karikaturen gar nicht erst zu veröffentlichen – damals im September, als sie das erste Mal in dieser dänischen Zeitung erschienen. Es ist aber nicht [mehr] September. Es ist Februar. Die Karikaturen wurden veröffentlicht und die Zeitung, die Herausgeber und Dänemark selbst werden wütend angegriffen. Nach vielfachen Brandstiftungen, verheerenden Boykotten und Drohungen Hände und Köpfe anzuschlagen hat das Thema nicht länger Nachrichtenwert, d.h. ob eine Zeitung sie veröffentlichen soll um die Leserschaft darüber informieren muss, was im Gang ist. Thema jetzt ist die Solidarität.

Der Mob versucht den westlichen Zeitungen, tatsächlich aber auch den westlichen Regierungen, zu diktieren, was ein legitimes Thema für Diskussion und Karikatur ist. Die Karikaturen haben nicht ansatzweise das künstlerische Niveau von Salman Rushdies Prosa, aber das ist nicht das Problem. Das Problem ist, wer entscheidet, was innerhalb der Grenzen dessen, was wir altmodisch als freie Welt bezeichnen, gesagt werden kann und was gezeichnet werden kann.

Der Mob hat das in einen Testfall für Redefreiheit im Westen gedreht. Die deutschen, französischen und italienischen Zeitungen, die diese Karikaturen abdruckten, machten das nicht, um zu informieren, sondern um sich zu widersetzen – um zu erklären, dass sie sich nicht vom Mob einschüchtern lassen.

Was im Raum steht, ist Angst. Der unausgesprochene Grund, dass viele Zeitungen [die Karikaturen] nicht abdrucken, ist nicht Sensibilität, sondern einfach Angst. Sie wissen, was Theo van Gogh passiert ist, der einen Film über die islamische Behandlung von Frauen machte und ein Messer in die Brust bekam, an dem ein islamistisches Manifest befestigt war.

Die weltweiten Krawalle und Verbrennungen sind Instrumente der Einschüchterung, Erinnerungen an van Goghs Schicksal. Die islamischen „Moderaten“ sind die Agenten und Interpreten des Mobs, die uns warnen, das nicht wieder zu tun. Und die westlichen „Moderaten“ sind ihre verängstigten Kollaborateure, die sagen: „Keine Sorge, machen wir nicht. Es sind diese Dänen. Wir sind sauber. Verschont uns. Bitte.“