Antisemitisches

Es gibt immer wieder Äußerungen angesehener Personen, die sich gegen die Juden richten. Ein paar dieser Äußerungen möchte ich hier auflisten – um sie ins richtige Licht zu rücken und um ihren Stellenwert in unserer Gesellschaft und ihr Ansehen zu relativieren.

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WSJ „Best of the Web“, 27. Januar 2004: Wer ist wie Hitler?
Während einige Bekloppte es spannend und amüsant finden, Präsident Bush mit Hitler zu vergleichen, kann man echte – wenn auch eher unauffällige – Echos der Nazis finden, wenn man an den richtigen Stellen nachsieht. Der Indipendent aus London berichtet über eine neue Umfrage der italienischen Zeitung Corriere della Sera, die Einwohner von neun europäischen Ländern befragte – aus Österreich, Belgien, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien, Luxemburg, den Niederlanden und Spanien – über ihre Haltung zu den Juden. Zu den Ergebnissen gehört:

– 35% sagten, Juden „sollten aufhören, die Opfer von Holocaust und Verfolgung vor 50 Jahren zu spielen“.
– 16,1% sagten, es „wäre besser, wenn der Staat Israel nicht existierte und die Palästinenser ihr Land zurück bekämen“.
– 40% denken, Juden hätten eine „besondere Beziehung zu Geld“.

„In allen Ländern“, merkt die Jerusalem Post an, „wurden antisemitische Gefühle positiv mit antiisraelischen Gefühlen in Beziehung gebracht.“ Und der Independent beschreibt die Europäer als Ignorant und bigott: „Den befragten Leuten wurden vier Fragen zum Nahostkonflikt gestellt. Fast ein Drittel erwies sich als ahnungslos. Nur 6,2 Prozent gaben die richtigen Antworten.“ Und in Europa sonnen sie sich alle in dem „Wissen“, dass die Amerikaner unwissend und ignorant sind!

Und damit keiner sagen kann, bei den Amis gäbe es keine Spinner: In der Zwischenzeit berichtet OC Weekly in Orange County, Kalifornien, dass Bill Baker, ein früherer Anführer der neonazistischen Volkspartei, „als Gastsprecher auf muslimischen Veranstaltungen in ganz Nordamerika wieder auftaucht“.

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TheMediaLine berichtet in ihrer Nachrichten-Email vom 04.05.2003:

Tony Blair von Vorwürfen ‚jüdischer Kontrolle‘ betroffen

Wie sein amerikanisches Gegenstück ist der britische Premierminister Tony Blair beschuldigt worden, sich von „einer Clique jüdischer Berater“ leiten zu lassen. Die Anschuldigung wurde von Parlaments-Abgeordneten Tam Dalyell von der Labour Party gemacht; heute berichtet der Londoner „Telegraph“ darüber. Nach dem Bericht bezog sich Dalyell besonders auf „Lord Levy, Tony Blairs persönlichen Nahost-Gesandten, Peter Mandelson, dessen Vater jüdisch war, und Jack Straw, den Außenminister, der jüdische Vorfahren hat, als die drei führenden personen, die Mr. Blairs Nahostpolitik beeinflussten.“ Der Abgeordnete beschuldigte Blair auch, er sei von der jüdischen Clique des amerikanischen Präsidenten George Bush beeinflusst, in die er Richard Perle, Paul Wolfowitz und den Präsidentensprecher Ari Fleischer einschloss. Die Bemerkungen von Dalyell kommen in der Folge eines berichteten Anstiegs antisemitischer Akte in Großbritannien.

Fragt sich nur, wann die Regierung ihrer Majestät – wie der französische Präsident – behauptet, es gäbe in Großbritannien keinen Antisemitismus. Allerdings halte ich Blair diesbezüglich für ehrlicher, auch wenn ich seine Politik gegenüber Israel zum Kotzen finde.

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Der große portugiesische Romancier Jose Saramago beschrieb Israels Invasion von Ramallah als „ein Verbrechen, das Auschwitz vergleichbar ist“. [heplev: Es kann auch sein, dass er sich damit Jenin meinte.]

In einem seiner langen, verschachtelten Sätze schrieb Saramago in der Madrider Zeitung „El Pais“ (in Englische übersetzt von Paul Berman in „The Forward“, 24.05.02):

„Geistig vergiftet von dem messianischen Traum eines Groß-Israel, das am Ende die expansionistischen Träume des radikalsten Zionismus erreichen wird; von der monströsen und tief verwurzelten ‚Überzeugung‘ kontaminiert, dass in dieser katastrophalen und absurden Welt ein Volker existiert, das von Gott auserwählt ist und dass, konsequenterweise, alles Handeln eines besessenen, psychologisch und pathologisch exklusivistischem Rassismus gerechtfertigt sind; ausgebildet und trainiert in der Vorstellung, dass jedes Leiden, das jemandem zugefügt worden ist oder zugefügt wird, immer hinter dem zurück bleiben wird, was sie selbst im Holocaust erlitten hatten, kratzen die Juden ohne Ende ihre Wunde auf, um sie weiter bluten zu lassen, sie unheilbar zu machen; und sie zeigen sie der Welt wie eine Standarte.“

Bitte genau hinschauen: Das delikat hinten eingestellte Subjekt dieses Satzes ist – „die Juden“. Nicht die rechtsextremen Juden, die militaristischen Israelis, die Zionisten, sondern „die Juden“. Auf einmal werden die Juden auf eine einzige karikierte (sollten wir sagen: hakennasige) Figur reduziert und wir werden in die hirnlose, ruinöse, abgrundtiefe, Bildersprache geworfen, die jeden noch so gering vernünftigen Menschen vor Schreck erschauern lassen sollte.

Anmerkung heplev: Mit anderen Worten: Saramago „outet“ sich mit solchen Bemerkungen als Antisemit! Und weil er Nobelpreis-Träger ist, wird ihm zugehört und wird er zitiert und seine Meinung verbreitet – und für richtig und bemerkenswert dargestellt.

Auszug aus Todd Gitlin: The Rough Beast Returns (Das rauhe Biest kehrt zurück), http://www.motherjones.com/web_exclusives/commentary/opinion/gitlin_june.html
Todd Gitlin ist Professor für Journalistik, Kultur und Soziologie an der New York University und Autor vieler Bücher über Medien und Soziologie.