Der neue Antisemitismus (3): Graffiti an den Wänden der Geschichte

Mortimer B. Zuckerman, Jewish World Review, 29. Oktober 2003

„All die Ismen“, sagte einmal ein englischer Witzbold, „sind warmals.“[1] Nun, nicht ganz. Im 20. Jahrhundert kam der Faschismus und ging wieder. Der Kommunismus kam und ging. Der Sozialismus kam und ging zurück. Aber heute bewohnen immer noch einige virulente „Ismen“ die Welt. Zu den bösartigsten gehören ein atavistischer Antisemitismus und seine Version für das 20. Jahrhundert, der Antizionismus. Diese „Ismen“ sind wie Graffiti auf der Wand der Geschichte, Embleme eines Gifts, das immer noch mächtig und unbehandelt ist, bewiesen erst jüngst durch die Bemerkungen des malaysischen Premierministers Mahathir Mohammed, der sagte: „Heute beherrschen die Juden die Welt durch Stellvertreter. Sie bringen andere dazu für sie zu kämpfen und zu sterben.“

Mahathirs Worte wurden weit gehend verurteilt. Aber solche Kommentare verdecken eine tiefere Wahrheit über diesen neuen Strang des Antisemitismus, der nicht direkt einzelne Juden oder gar das Judentum selbst zielt. Er ist eher gegen den das jüdische Kollektiv, den modernen Staat Israel gerichtet.

So wie der historische Antisemitismus den einzelnen Juden das Recht verweigerte, als gleichwertige Mitglieder der Gesellschaft zu leben, verweigert der Antizionismus dem kollektiven Ausdruck des jüdischen Volks, dem Staat Israel, das Recht, als gleichwertiges Mitglied der Völkerfamilie zu leben. Israelische Politik ist daher einer Form von Kritik ausgesetzt, durch die es herausgepickt wird, wenn andere in ähnlichen Umständen überhaupt keine Kritik erfahren. Bei jedem anderen Land, das derart durch den Terrorismus blutet, wäre es sicher keine Frage, dass es das Recht hat sich zu verteidigen. Aber Israels Bemühungen, einfach seine Bürger zu schützen, werden regelmäßig als Aggression hingestellt.

Die Beschwerde, dass solche Darstellungen unfair und unlogisch sind, heißt nicht, dass alle Kritik an der israelischen Regierung als antisemitisch abgetan werden kann. Eine Demokratie muss Kritiker begrüßen und Israel hat seine Kritiker zu Hauf – man muss nur mal die lebhafte Presse. „Juden“, so sagte einmal ein Kommentator, „sind Goldmedaillen-Gewinner in der Kunst der Selbstkritik.“ Für viele ist aber die jüngste Kritik an Israel so pervers geworden, so hartnäckig, derart von der Realität getrennt, dass sie nur als emotionaler Antisemitismus bezeichnet werden kann, der sich hinter der hinterhältigen politischen Maske des Antizionismus verstecken.

Der neue Antisemitismus überschreitet Grenzen, Nationalitäten, Politik und Sozialsysteme. Israel ist auf sehr ähnliche Weise das Objekt von Neid und Groll geworden, wie der einzelne Jude einst das Objekt von Neid und Groll war. Israel steigt im Endeffekt zum kollektiven Juden der Nationen auf. Nach mehr als einem halben Jahr Holocaust-Erziehung, hunderten von Kursen in Schulen und Hochschulen und tausenden von Büchern, die der Aufdeckung seiner Bösartigkeit gewidmet waren, ist der traditionelle Antisemitismus als innenpolitische Frage in großen Teilen der Welt so gut wie verschwunden. „Das jüdische Problem“ wurde nicht länger durch das definiert, was mit den Juden Deutschlands, Frankreichs, Polens oder Russlands geschah. Statt dessen ist der traditionelle Antisemitismus in Europa und der muslimischen Welt – sogar in Asien – als Antizionismus neu aufgestiegen, konzentriert sich auf die Juden Israels, die Rolle Israels und , für einige, auf die Juden in den USA, die Israel unterstützen.

Dieses Phänomen hat seine Ursprünge im arabisch-israelischen Krieg von 1967. Seit damals hat sich das Image des Juden verändert. Der Wucherer ist plötzlich durch einen neuen Juden ersetzt worden, karikiert als aggressives, allmächtiges Kollektiv namens Israel. „Der Rambo-Jude“, wie Schriftsteller Daniel Goldhagen es nennt, „hat im Großen und Ganzen den Wucherer in der antisemitischen Vorstellung abgelöst.“ Mit den am Ende des Kriegs übernommenen Gebieten gab es den „schneidigen, kleinen jüdischen Staat“ nicht mehr. In den Jahren seit damals, sowie er wieder und wieder auf arabische Angriffe reagierte, erodierte die Sympathie für Israel weiter, weil die Fernsehsender der Welt nicht Bilder von Terroristen ausstrahlten, sondern von bewaffneten Israelis, die auf den Terror antworteten. Nur, dass irgendwie das Wort „antworteten“ etwas oft in dem Chaos verloren ging. Die Fernsehbilder schienen anzudeuten, dass die Israelis sich der Benutzung unverhältnismäßiger Gewalt schuldig machten, denn wie wurden selten von dem Verständnis begleitet, dass ein Land mit gerade einmal 6 Millionen in einem Meer von über 120 Millionen Araber niemals einen Krieg gleicher Abnutzung führen konnte.

Aber egal. Es ist so als glaube die Welt irgendwie, dass Israel den Pokal „Moral des Jahres“ bei seiner Verteidigung gewinnen müsse – als sei es moralisch falsch, auf die zu reagieren, die seine Vernichtung anstreben. Gibt es wirklich keinen Unterschied zwischen der Gewalt der Mörder, die Unschuldige angreifen und der unveräußerlichen, gesetzestreuen Staatsgewalt? Sind die Brandstifter und die Feuerwehrleute wirklich moralisch gleichwertig? Ist Israels Herangehen, bei dem versucht wird, die Zahl der zivilen Opfer möglichst gering zu halten, das gleiche wie das der Terroristen, die ein möglichst hohe Zahl genau dieser Opfer haben wollen?

Solche Fragen werden durch eine nicht da gewesene Umschreibung der Geschichte verursacht: arabische Terroristen haben es unglaublicherweise geschafft, mehr Sympathie zu erhalten als ihre Opfer. Die Juden, nach der Erfahrung des Völkermords in Europa, sind heute die des Völkermords Angeklagten auf dem harten Boden der Westbank und des Gazastreifens. Das Vokabular der Beschuldigungen stellt die Juden als die Nazis da und ihre arabischen Feinde als die hilflosen Juden. Die schlimmsten Verbrechen der Antisemiten der Vergangenheit – rassistische und ethnische Säuberung, versuchter Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit – werden nun zunehmend den Juden und dem jüdischen Staat zugeschrieben. Es wird argumentiert, wenn du gegen den Nationalsozialismus bist, dann musst du in Opposition zu Israel sein. Auf diese Weise ist israelische Verteidigung in Aggression verwandelt worden. Als tragische Konsequenz davon ist die Zeit der Aussöhnung, die zwischen Israel und der Welt nach dem Holocaust herrschte, vorbei. In großen Teilen der Nachrichtenmedien der Welt und in ihren elitären Gemeinschaften gibt es als Folge ein Muster der Delegitimierung Israels.

Amerikaner, die den skurrilen Antisemitismus als gegeben hinnehmen, der routinemäßig in der arabischen Presse erscheint, könnten erstaunt sein über das, was nun in der kultivierten europäischen Presse auftaucht. In England schrieb der „Guardian“, dass „Israel kein Recht hat zu existieren“. „The New Statesman“ brachte eine Story mit dem Titel „Eine koschere Verschwörung“, illustriert mit einem Deckblatt, das einen goldenen Davidstern zeigt, der den Union Jack durchsticht. Die Geschichte deutet an, dass ein zionistisch-jüdischer Kabbalist versucht, die britische Presse auf die Linie der Sache Israels zu bringen. In Frankreich veröffentlichte die Wochenzeitung „Le Nouvel Observateur“ eine außerordentliche Verleumdung, in der behauptet wurde, israelische Soldaten vergewaltigten palästinensische Frauen, damit ihre Verwandten sie töten, um die Familienehre wieder herzustellen. In Italien sprach der „L’Osservatore Romano“ im Vatikan von Israels „Aggression, die sich in Ausrottung wandelt“, während „La Stampa“ auf Seite 1 eine Karikatur brachte, in der ein mit einem jüdischen Stern verzierter Panzer seine Kanone auf einen Jesus-Säugling richtet, der schreit: „Sie wollen mich doch sicher nicht noch einmal umbringen!“

In ganz Europa war das Ergebnis nicht nur verbale, sondern auch physische Gewalt. Ein Bericht aus dem letzten Jahr, veröffentlicht vom „Lawyers Committee for Human Rights“ (Komitee der Rechtsanwälte für die Menschenrechte) mit dem Titel „Feuer und zerbrochenes Glas“ beschreibt die europaweiten Übergriffe auf Juden und Menschen, die für Juden gehalten wurden. Angreifer, die rassistische Slogans rufen, Steine auf Schulkinder werfen, auf Beter, auf Rabbis. Jüdische Häuser, Schulen und Synagogen, die in Brand gesetzt werden sollten. In nur ein paar Wochen im letzten Frühjahr wurden französische Synagogen und jüdische Schulen, Schüler und Häuser angegriffen und mit Brandsätzen beworfen. Eine Synagoge in Marseilles wurde bis auf die Grundmauern nieder gebrannt. In Paris wurden Juden durch Gruppen von Kapuzenmännern angegriffen. Die Polizei berichtet, dass die Pariser Innenstadt in den ersten Monaten nach Ostern rund ein Dutzend antijüdische Vorfälle pro Tag erlebte.

Und die Gewalt geht weiter. In der Ukraine griffen Skinheads jüdische Arbeiter und den Direktor einer jüdischen Schule. In Holland skandierten Demonstranten mit Hakenkreuzen und Fotos von Israel „Sieg Heil!“ und „Juden ins Meer!“ In Saloniki wurde das Holocaust-Denkmal mit pro-palästinensischen Graffiti entstellt. In der Slowakei wurden Brandsätze auf jüdische Friedhöfe geworfen. In Berlin wurden Juden angegriffen, Hakenkreuze auf jüdische Denkmäler geschmiert und eine Synagoge mit den Worten „6 Millionen sind nicht genug“ besprüht.

In der muslimischen Welt durchdringt eine Kultur des Hasses auf die Juden alle Formen der öffentlichen Kommunikation – Zeitungen, Videos, Predigten, Bücher, das Internet, Fernsehen und Radio. Die Intensität der antijüdischen Schmähungen ist vergleichbar ihrer Blütezeit in Nazideutschland oder übertrifft sie noch. Die öffentliche Rhetorik verbindet die Ritualmord-Vorwürfe des mittelalterlichen, christlichen Europa mit den verrückten Verschwörungstheorien der Nazis, die ein Echo der berühmten Fälschung, den „Protokollen der Weisen von Zion“, sind und der aus der Luft gegriffenen Annahme des jüdischen Strebens nach Weltherrschaft. In der gesamten islamischen Welt findet man verleumderische Zitate über Juden als Söhne von Affen und Eseln. Eine führende saudische Zeitung zeigt Juden, wie sei das Blut von christlichen und muslimischen Kindern benutzen, um ihr hamanteskes Gebäck für Purim und ihre Matzen, das ungesäuerte Brot für Passah, zu backen. In dieser fundamentalistisch-religiösen Kultur werden Amerika und Israel als zwillingshafte satanische Mächte angesehen, „der große Satan“ und „der kleine Satan“, wie Irans religiöser Führer, Ayatollah Khomeini sie zu nennen pflegte.

Die Verbindung der zwei Satane ist seit dem Beginn der palästinensischen Intifada im September 2000 und den Anschlägen vom 11. September noch stärker betont worden. Haben Sie mal die Geschichte von den 4.000 Juden gehört, die im World Trade Center arbeiteten und am Morgen des 11. September nicht zur Arbeit erschienen? Diese Story wurde von der Hisbollah unter der Tarnung einer libanesischen Fernsehstation ins Internet gebracht. Diese städtische Legende hat nun in der muslimischen Welt Wurzeln geschlagen, was die Worte von W.B. Yeats in Erinnerung ruft: „Wir hatten das Herz mit Fantasie gefüttert. Das Herz ist durch diese Kost brutal geworden.“

Islamisten sehen überall die Spuren ihrer Feinde – die Fantasie, dass ein geheime und allmächtige zionistische Lobby den Arabern und Muslimen das Lebensblut entzieht und Washington gegen den Irak aufhetzt, während sie die ganze Zeit über ihre unheimlichen Pläne für die Kontrolle der Welt verwirklichten. In Ägypten wurde eine 41-teilige Fernsehserie ausgestrahlt, die in der gesamten arabischen Welt während des letzten Ramadan ausgestrahlt wurde; sie hieß „Reiter ohne Pferd“. Das Thema der Serie war, dass sei Zionisten die Weltpolitik seit dem Beginn der Geschichte kontrolliert haben und die Kontrolle über den Nahen Osten gewinnen wollen – eine Fantasie, wie Prof. Robert Wistrich von der Hebräischen Universität heraus stellte, die aus dem Deutschland der 1930-er Jahre importiert wurde.

Für Westler, die nicht von den brennenden Erfahrungen der jüdischen Geschichte unbeleckt sind, ist es schwierig zu verstehen, in welchem Ausmaß das Überleben Israel für Juden ein Thema bleibt; Juden können die überhitzte arabische Rhetorik nicht abtun, die Terrorismus gegen unschuldige Zivilisten zu rechtfertigen sucht, indem Israels Existenz als illegitim beschrieben wird. Diese Rhetorik ist das Ergebnis sorgfältiger Kalkulation arabischer Führer, die die populäre Anziehungskraft erkannten, die es hat, wenn sie ihren Völkern Israels als Sündenbock für ihr Versagen präsentieren, während sie darüber ihre eigenen Regime legitimieren.

Erfreulicherweise ergehen sich nicht alle arabischen Politiker in solch zynischen Berechnungen. Im Februar nahm ich an einem bemerkenswerten Treffen teil, das von Präsident Nursultan Nazarayev von Kasachstan einberufen wurde. Zu der Gruppe, die sich in Almaty traf, gehörten die Präsidenten der zentralasiatischen Republiken von Kirgistan und Tadschikistan, die Außenminister von Aserbaidschan und Afghanistan und der stellvertretende Außenminister der Türkei. Das Treffen wurde „Konferenz über Ordnung und Toleranz“ genannt. Während wir unsere Ansichten austauschten, fand ich mich als gespannter Zuhörer von Staatsmännern, die mit Gefühl für ihre Unterstützung des Dialogs zwischen Muslimen und Juden in einer Atmosphäre religiöser Toleranz und Verständnisses sprachen, während sie in klaren Worten Extremismus und Terrorismus verurteilten. Wenn man die Zahl der Muslime in den in Almaty vertretenen Ländern nimmt und die Zahl der Muslime in moderaten Ländern wie Indien hinzu addiert, ist das Ergebnis ein riesiger Teil der muslimischen Welt, der den Extremismus der arabischen Führung unter Israels Nachbarstaaten ablehnt.

Solche Toleranz ist leider nicht bei der Weltkörperschaft zu finden, die geschaffen wurde, um die universellen Werte und menschlichen Ideale zu pflegen – der UNO. Es ist traurig, dass das Wachstum der internationalen Feindseligkeit gegenüber Israel seinen prominentesten Ausdruck in den Handlungen der UNO gefunden hat. Es ist in der Tat lange her, dass die UNO die Legitimierung und Legalisierung der Existenz Israels und des Rechts des jüdischen Volks, einen eigenen Staat auf eigenem Land zu haben, in ihrer Resolution von 1947 mit einer Zweistaaten-Lösung vorschlug und genehmigte.

Seitdem hat die UNO fast reflexartig eine antiisraelische Haltung eingenommen, die sich der antiisraelischen Mehrheit ihrer Mitglieder zuneigt. Die UNO ist heute ein regelmäßiges Forum für heftige antiisraelische Attacken, das unter dem falschen und Hass erfüllten Deckmantel von Vernunft und Legitimität konferiert und daher eine Organisation der Konservierung, nicht der Beendung des Nahost-Konflikts geworden ist.

Einige Taten der UNO sind einfach unglaublich. Auf der in Durban (Südafrika) abgehaltenen Weltkonferenz gegen Rassismus wurde Israel – die einzige Demokratie im Nahen Osten, die sich den Menschenrechten, der Gesetzestreue und arabischer Beteiligung an einer demokratischen Regierung verschrieben hat – von arabischen und Staaten der Dritten Welt angegriffen und ihm wurden Völkermord, ethnische Säuberungen und Apartheid vorgeworfen. Dann gibt es noch die Vierte Genfer Konvention, die ursprünglich als Antwort auf die Gräueltaten des Naziregimes entworfen wurde, um Menschen wie Diplomaten und Besucher zu schützen, die einer Militärbesatzung ausgesetzt waren.

Letztes Jahr trafen sich UN-Konferenzteilnehmer und zum ersten Mal in den 52 Jahren seit ihrer Verabschiedung verurteilten ein einzelnes Land – Israel – wegen angeblicher Verstöße. Nicht Kambodscha und Ruanda mit ihrer gut dokumentierter Geschichte von Völkermord. Nicht Zimbabwe mit seiner rassistischen Politik. Nicht die Balkan-Staaten mit ihren ethnischen Säuberungen. Nicht einmal China mit seiner düsteren Geschichte in Tibet. Nur Israel wurde ausgesucht. Die UN-Kommission für Menschenrechte, der gelegentlich so bemerkenswert aufgeklärte Staaten wie Libyen vorsitzen, ist ebenfalls diesem Muster gefolgt und widmete viel von ihrer Zeit, ihrer Energie und ihren Bemühungen den Angriffen auf Israel. Die Kommission ging sogar so weit, am 15. April diesen Jahres die Legitimität von Selbstmord-Bomben gegen Israelis zu beteuern – oder urteilsfreier UNO-Sprache: „alle verfügbaren Mittle, einschließlich des bewaffneten Kampfes.“

In der arabischen Welt wird der Zionismus nicht als jüdische Antwort auf einen historischen Antisemitismus in einer Welt dargestellt, die im Holocaust ihren Höhepunkt fand, sondern als hyper-aggressive Variante des Kolonialismus. Aber da dieser neue Antisemitismus sich selbst so deutlich als politische Ablehnung des jüdischen Staates manifestiert, ist er es wert, einen Moment lang die Geschichte zu untersuchen. Fakt ist: Die Mehrheit der Juden kam im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert nach Israel, nicht als erobernde Europäer, die von nationalen Armeen und Finanzministerien gestützt wurden, sondern als Jammergestalten der Erde auf der Suche nach einer Pause in der endlosen Verfolgung. Sie waren nicht wohlhabend; sie waren jung, arm und verzweifelt. Die Annahme, dass die traditionelle Stellung von Arabern in Palästina durch jüdische Besiedlung gefährdet ist, wird durch eine weitere Tatsache widerlegt: Als die Juden ankamen, war Palästina ein spärlich bevölkertes, wenig kultiviertes und weit gehend abgelehnter Landstrich sandiger Wüsten und Malaria trächtiger Sümpfe. Mark Twain beschrieb es in „The Innocent Abroad“ (Der Unbedarfte Reisende) als ein „trostloses Land, dessen Boden gut genug aber völlig dem Unkraut überlassen ist – eine stille, traurige Weite… Wir sahen auf dem ganzen Weg nicht eine Menschenseele. Es gab kaum einen Baum oder Strauch. Selbst die Olive und der Kaktus, diese schnellen Freunde wertlosen Bodens, hatten das Land fast komplett verlassen.“

Selbst Leute, die der zionistischen Sache unfreundlich gegenüber standen, glaubten, dass jüdische Immigranten die Lebensumstände der palästinensischen Araber verbessert hatten. So sagte Scharif Hussein, der Wächter über die islamischen heiligen Stätten in Arabien 1918: „Eines der erstaunlichsten Dinge bis in unsere Zeit war, dass die Palästinenser das Land verließen und in alle Richtungen davon zogen. Sein heimischer Boden konnte ihn nicht festhalten, obwohl seine Vorfahren seit 1000 Jahren auf ihm lebten. Gleichzeitig haben wir gesehen, dass die Juden aus fremden Ländern nach Palästina strömten… Sie wussten, dass das Land für ihre ursprünglichen Söhne da war. Die Rückkehr dieser Exilanten in ihre Heimat wird sich materiell und spirituell als Schule für ihre Brüder erweisen.“ Hussein verstand damals, was so viele heute zu sehen ablehnen: dass die Regeneration Palästinas und sein Bevölkerungswachstum erst zustande kamen, nachdem die Juden in bedeutender Anzahl zurück kamen. Der damalige britische Kolonialminister Winston Churchill zeigte auf: „Das Land wurde den Arabern nicht weggenommen. Die Araber verkauften den Juden nur dann Land, wenn sie es auch verkaufen wollten.“

Die Hoffnung war, dass die Araber Israelis als ihre Nachbarn akzeptieren würden und letztendlich sie als solche anerkannten. Diese Hoffnung starb. Sogar der Krieg, dieser grimmige Endvermittler internationaler Beziehungen, hat da keine Änderung gebracht. Die Araber widersetzten sich von Anfang an einer jüdischen Präsenz in der Region. Sie dehnten ihren Krieg gegen Israel in einen Angriff auf den Idee eines Israel aus. Zionismus, der jüdische Anspruch auf ein eigenes Land, wurde für rassistisch erklärt, weil die Araber sagten, er beraube sie ihres Landes. Sie ersetzten den heimatlosen Juden durch den heimatlosen Palästinenser. Die Araber machten die Palästinenser heimatlos, indem sie sich 1948 weigerten die Teilung zu akzeptieren und die vielen Palästinenser, die dem Krieg entflohen, im Libanon, Syrien und Jordanien heimatlos gehalten haben, indem sie sich weigerten, sie in ihrem Land anzusiedeln; diese Araber machen jetzt die Juden für diese Heimatlosigkeit verantwortlich. Sie klagten ständig, dass es die Juden gewesen seien, die die Araber aus Palästina vertrieben hätten. Der angesehene Arabist Bernard Lewis schrieb aber: „Die große Mehrzahl verließ, wie unzählige Millionen Flüchtlinge andernorts, ihre Heimat im Durcheinander und der Panik von Invasion und Krieg – ein weiterer unglücklicher Teil der großen Bevölkerungsbewegung, die nach dem Zweiten Weltkrieg stattfand.“

Sogar die Auslandspresse, die regelmäßig mit allen Seiten während des Konflikts von 1948 in Kontakt stand, schrieb nichts, das andeutete, die Flucht der Palästinenser sei unfreiwillig gewesen. Genauso wenig machten Sprecher der Araber, wie der palästinensische Vertreter bei der UNO, Jamal Husseini, oder der Generalsekretär der Arabischen Liga, die Juden zeitgleich mit dem Krieg von 1948 für die Flucht der Araber und Palästinenser verantwortlich. Tatsache ist, dass die, die flohen, dazu von anderen Arabern gedrängt worden waren. Der damalige Premierminister des Irak, Nuri Said, drückte das so aus: „Die Araber sollten ihre Frauen und Kinder in sichere Gebiete, bis die Kämpfe abgeflaut sind.“ Ein geflüchteter Araber beschrieb dieses Denken in der jordanischen Zeitung Al-Difaa: „Die arabischen Regierungen sagten uns: Geht raus, damit wir rein gehen können. Also gingen wir raus, aber sie gingen nicht rein.“ Und der schlechten Lage wurde unglaublicherweise erlaubt sich weiter zu verschlechtern. Im Krieg von 1948 geflohene Araber und Palästinenser wurden in Lagern angesiedelt, die von der United Nations Relief and Works Agency verwaltet wurde, der einzigen Behörde, die je für eine Flüchtlingsgruppe seit den massiven Vertreibungen des Zweiten Weltkriegs eingerichtet wurde. Die Teilung Indiens geschah zur gleichen Zeit wie der Konflikt in Palästina und Millionen Hindus und Muslime wurden entwurzelt, aber praktisch nichts wurde für sie getan. Nichts wurde getan als Antwort auf die chinesische Besetzung Tibets, wo eine alt hergebrachte religiöse, soziale und politische Struktur praktisch vernichtet wurde.

Und 55 Jahre nach ihrer ersten Einrichtungen gibt es diese Flüchtlingslager immer noch. Mit der Ausnahme Jordaniens haben es die arabischen Regierungen, die diese Lager beherbergen, es abgelehnt, den Flüchtlingen die Staatsbürgerschaft zuzugestehen und sich ihrer Wiederansiedlung widersetzt. Im Libanon ist es 400.000 staatenlosen Palästinensern nicht erlaubt öffentliche Schulen zu besuchen, Land zu besitzen oder auch nur ihren Lebensstandard zu verbessern. Drei Generationen später dienen sie weiter als politische Bauernfiguren der arabischen Staaten und hoffen immer noch auf die Umkehr der Ereignisse von 1948. „Die Rückkehr der Flüchtlinge“, wie Präsident Gamal Abdel Nasser von Ägypten Jahre später sagte, „wird das Ende Israels bedeuten.“

Die UNO hat durch ihre Verwaltung der Lager ein kompliziertes Problem unendlich schwieriger gemacht? Wie? Die UN-Beamten haben die Flüchtlinge im Nahen Osten so definiert, dass es die Nachkommen von Personen einschließen, die 1948 Flüchtlinge wurden. In anderen Teilen der Welt werden die Nachkommen von Flüchtlingen nicht als Flüchtlinge definiert. Das Ergebnis dieser einzigartigen Behandlung ist das Anwachsen der Zahl der arabischen Flüchtlinge von rund 700.000 auf über 4 Millionen, weil Kinder, Enkel, sogar Großenkel darin eingeschlossen sind. Der ehemalige syrische Premierminister Khaled al Azm schrieb in seinen Memoiren: „Wir sind es, die die Rückkehr Flüchtlinge verlangen, während wir es waren, die sie zur Flucht veranlassten. Alles im Dienst politischer Ziele.“ Und so geht es bis zum heutigen Tag weiter. Zur Zeit der Gründung des Staates Israel wurden 900.000 jüdische Flüchtlinge in einer koordinierten Aktion zum Verlassen der benachbarten arabischen Staaten gezwungen. Diese Flüchtlinge wurden vom neuen Israel absorbiert. Und trotzdem war die Welt – und ist es weiter – angesichts der Leiden der Flüchtlinge aus den arabischen Staaten ungerührt.

Israel als einzigen Staat herauszugreifen, der eine Flüchtlingsbevölkerung wieder aufnehmen muss, bedeutet, dass an den jüdischen Staat andere Maßstäbe angelegt werden als an andere. Der genauere Begriff dafür ist wohl zweierlei Maß zu benutzen. Vor diesem Hintergrund, mit einer Geschichte, die von Israels Feinden so zynisch manipuliert wird, den Verdrehungen und blanken Unwahrheiten, die die jüngeren Beziehungen zwischen Israel und den Palästinensern charakterisieren, sollte das nicht als überraschen. Es gibt praktisch unzählige Beispiele zur Auswahl, aber das „Massaker“ durch Israelische Streitkräfte im palästinensischen Flüchtlingslager Jenin im letzten Jahr ist besonders bezeichnend.

Am Vorabend des Passahfestes tötete ein Selbstmord-Bomber in der israelischen Stadt Netanya 29 Menschen und verletzte 140. Es war die sechste Terrorbombe dieser Woche. Die Israelis antworteten, indem sie Truppen in die Westbank schickten, darunter in das Flüchtlingslager in Jenin, die Hauptbasis der Bombenbauer. Eine zehntägige Schlacht entstand. Die Palästinenser behaupteten, unterstützt von UN-Vertretern, dass die Israelis hunderte Unschuldiger massakriert, Sammel-Exekutionen durchgeführt, die Leichen in Kühlwagen eingefroren und abtransportiert hätten. Saeb Erekat, ein Palästinenser-Sprecher, wiederholte die Behauptung von vielen hundert Getöteten. Die Medien akzeptierten diese Version. Aber folgende Berichte und selbst palästinensische Zeugenaussagen und jüngst geordnete Schriften belegten, dass Gruppen wie Fatah, Hamas und der Islamische Jihad Frauen und Kinder während der Kämpfe als Schutzschilde benutzten. Die Berichte zeigten schlüssig auf, dass es kein Massaker an palästinensischen Zivilisten gab und dokumentierten, dass die Israelis während der Schlacht große Zurückhaltung an den Tag gelegt hatten, um zivile Verluste niedrig zu halten, währen sie als Folge dessen selbst ungeheuer große eigen Verluste erlitten.

Es ist nicht überraschend, dass Verdrehungen und Unwahrheiten ebenfalls den politischen Umgang der Palästinenser mit Israel charakterisieren. In dieser Beziehung war die Oslo-Übereinkunft von 1993 ein kritisches Moment. Dort war das Verhandlungsprinzip „Land für Frieden“. Was Israel erhielt, war kein Frieden im Gegenzug zu seinem Angebot des Landes. Das großzügigste israelische Angebot von Land für Frieden kam drei Jahre später in Camp David. Der damalige israelische Premierminister Ehud Barak bot Yassir Arafat 97 Prozent der Westbank und des Gazastreifens an, darunter die arabischen Viertel von Ostjerusalem und den Tempelberg. Das Angebot von Camp David wurde von Arafat nicht nur abgelehnt, sondern als Provokation benutzt, um eine Gewalt- und Terrorkampagne zu beginnen, die heute noch anhält.

Die Vorstellung des Land für Frieden sollte untersucht werden. Wenn man davon ausgeht, dass das bedeutet, Israel müsse mehr Land übergeben, bis Frieden erreicht und die arabische Kampfeslust beendet ist, dann könnte der wenig Neugierige mit der Schlussfolgerung zurück bleiben, dass der fehlende Friede das Ergebnis die Folge von Israels Versagen sein muss, genügend Land zu übergeben. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Es hat tausende Terroranschläge gegeben, seit die zweite Intifada vor drei Jahren begann. Der einzige Weg, mit dem Israel in der Lage gewesen ist, die Zahl der Selbstmordbomber zu reduzieren, ist die Eliminierung ihres Rückzugsraums über die Kontrolle der Westbank durch Besatzung und Abriegelung des Gazastreifens.

Aber die Geschichte ist keine der Besatzung der Westbank durch Israel. Wenn der Begriff „Besatzung“ überhaupt Bedeutung hat, ist diese vor drei Jahren mit Arafats Ablehnung des Barak-Vorschlags für einen palästinensischen Staat verloren gegangen. Das Problem ist die palästinensische Weigerung Israel das Recht auf Existenz als jüdischem Staat zu verweigern. Israels Kampf ist keiner der Juden gegen die Muslime. Es ist ein Kampf gegen den Hass auf Juden und ihre Verbindung zum Land Israel. Wie anders soll man die palästinensische Ablehnung Jerusalems als heiliger Stadt der Juden und der Westmauer als des Zweiten Tempels verstehen, außer als Ablehnung der jüdischen Anwesenheit dort? „In Jerusalem gab es keinen Tempel“, sagte Arafat in Camp David. „Es war nur ein Obelisk.“ Den Kern des jüdischen Glaubens in Frage zu stellen ist kaum ein Hinweis auf die Bereitschaft den Konflikt zu lösen.

Ganz im Gegenteil: die steigende palästinensische Gewalt beweist eine unbeirrbare Entschlossenheit den Konflikt fortzusetzen. Die Einsicht des liberalen israelischen Schriftstellers Amos Oz gilt weiter. Er wird verfolgt, sagte er, von der Beobachtung, dass vor dem Holocaust die europäischen Graffitis hießen: „Juden nach Palästina“, während sich das heute verwandelt hat in „Juden raus aus Palästina“. Die Botschaft an die Juden, sagt Oz, ist einfach: „Seid nicht hier und seid nicht dort. Das heißt: Seid nicht.“

[1] Die deutsche Übersetzung hinkt etwas und gibt die Wortspielerei des Originals nicht gut wieder: „All the isms are wasms.“